Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1928)
- Date
- 1928-06-21
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 DIE STIMME Nr. 25 Jüdische Musik Ein neuer Achron „Kindersaite“ für Sextett op. 57. Das soeben in der Universal Edition erschienene Werk für zwei Violinen, Bratsche, Cello, Klarinette und Klavier von Joseph Achron charakterisiert deutlich den Wandel in der jüdischen Musik der neuesten Periode. Die Thematik des Werkes knüpft unmittelbar an die alte synagogale Kantilation beim Lesen der Thora („T r o p") an und wächst zu einem selbständigen TongefciMe heran, ohne in sklavische Nachahmung zu verfallen. Achron, dessen Musik geistig bedingt und stets von starker Innerlichkeit durchpulst ist, könnte niemals sich mit nur äußerlicher Nachahmung begnügen. Das jüdische Motiv, die „bestimmte Wendung" ist ihm bloß Anlaß und Anregung. Er ist so tief im Judentum verwurzelt, daß er überall seine eigene Persönlichkeit wahrt, ohne das jüdische „Kolorit" seiner Musik auch nur in einem einzigen Texte zu verleugnen. Mit außerordentlicher Feinfühligkeit hat sich Achron in den Seelenzustand des Kindes, in seine Beziehung zu Spiel und Spielzeug vertieft und in zwanzig Miniaturen die verschiedenen Eigenheiten zu erfassen und zu gestalten vermocht. Alles Unwesentliche ist weggelassen. Jede Note, jeder Akkord, jede Figur ist wesentlich aus dem gegebenen Bild („Schloß aus Bausteinen", „Auf dem Steckenpferd", „Mutti, erzähl mir ein Märchen", „Kreisel" usw.) entstanden. Schon die Wahl dieser Bilder zeigt das tiefe Verständnis für die Erlebnisse des Kindes. Die Subtilität des Stoffes und die Kürze der Form bedingten eine einfache, durchsichtige Satzweise ohne harmonische und kontrapunktische Ueberlastungen. Jedes einzelne Stückchen ist von feinster Eigenart, wohlgeformt und gibt musikalisch die Stimmung verschieden wichtiger Episoden im Denken und Fühlen des Kindes wieder, dessen Innenleben gerade in den Spielen sich am deutlichsten kundgibt. Das Groteske und Ernste, das Lyrische'“und Tänzerische ist gleich trefflich charakterisiert. Ich kenne die ursprüngliche Fassung für Klavier allein. Durch die Umarbeitung für Sextett — in dieser Form zum ersten Male in New York am 6. November 1925 vom Stringwood-Ensemble aufgeführt -rhat das Werk entschieden gewonnen. Sowohl harmonisch, als auch durch die Instrumentierung gelangt Achron zu einem subtilen Klangergebnis von klarer, unverschleierter Wirkung und eigenartigem Reiz. Die Suite ist für kein Instrument zu schwer und eignet sich ganz besonders zur Aufführung bei jüdischen Veranstaltungen. J. St. * Jüdische Kammermusik in Tel-Aviv Wie uns aus Tel-Aviv berichtet wird, fand dort ein Kammermusikabend statt, welcher ausschließlich den Werken des jüdischen Musikers Kompanejetz, dem musikalischen Leiter des hebräischen Theaters „Habimah", gewidmet war. Von Büchern Chaim Bloch: Das jüdische Amerika. (Wahrnehmungen und Betrachtungen. Verlag „Das Leben", Wien.) Als Ergebnis eines fünfmonatigen Aufenthaltes in New York ließ Chaim Bloch, eine der besten und — was als Vorzug und Nachteil zugleich vermerkt sei — anspruchslosesten schriftstellerischen * Begabungen in der mit so viel Schriftstellerei gesegneten jüdischen Generation von heute, eine Art von Notizbuch über das jüdische Element Amerikas erscheinen. Einer kurzen Schilderung seiner Reise läßt Bloch einen kleinen historischen Abriß folgen und verzeichnet dann gewissermaßen chronistisch die Lebenserscheinungen des gegenwärtigen amerikanischen' Judentums, seine wirtschaftliche Struktur, sein religiöses, soziales, geistiges Profil, seine Wohlfahrt und Fürsorge, seine politischen Strömungen, seine Sprache, Literatur, Presse, kurz alles, was dem Beobachter sich eingeprägt hat, der nichts sein will als Beobachter, der Wahrnehmungen wiedergibt, ohne übereilt Wertungen vornehmen zu wollen. Und doch enthält das schmale Büchlein weit mehr als bloße Notizen: es stellt das jüdische Amerika in den gesamten Prozeß der jüdischen organischen Entwicklung ein, die sich jetzt vollzieht. Mag auch Blochs Optimismus in bezug auf die künftige Entwicklung und Bedeutung des amerikanischen Judentums nicht überall geteilt werden — jedenfalls hat er in vielem klar gesehen und sein Buch läßt den Leser deutlich sehen. Es steckt mehr Leben in den zehn Dutzend Seiten als in dickbändigen Darstellungen. Wo die Knappheit des Raumes dem Worte Grenzen setzt, läßt Bloch das Bild sprechen; Personen aus Vergangenheit und Gegenwart des amerikanischen Judentums, eine große Galerie von Menschen spricht von lebendigem Wirken. —tz. Soncino-Blätter. (Beiträge zur Kunde des jüdischen Buches, herausgegeben von der Soncino-Gesellschaft der Freunde des jüdischen Buches, Berlin. 2. Jahrgang.) Auch der zweite Jahresband der Soncino-Blätter bringt vielfältige interessante Materialien zur jüdischen Buchgeschichte und Bibliographie, wenn auch manches nur sehr mittelbar zum Zwecke dieser sehr wertvollen Publikationen gehört, wie z. B, die Abhandlung über das Thema „Zur Geschichte der Fleischgebühren in der Berliner jüdischen Gemeinde", die für die ihr beigegebene Reproduktion eines Unikums zu lang geraten ist. Ausgezeichnete Notizen von Josef M e i s 1 über jüdische Kalender und interessante Oppenheim-Materialien, eine Abhandlung von Samuel K r a u s s über Siddur-Literatur, Aufsätze von Hugo Bergmann und Heinrich L o e w e über die Nationalbibliothek in Jerusalem, Proben moderner jüdischer Schriftzeichnungen und die im ersten Jahresband begonnene und jetzt stärker ausgestaltete Bibliographie geben dem Bande abwechslungsreichen, anziehenden Inhalt. — ie — Ilse Herlinger: Jüdische Kindermärchen. (Verlag Doktor Färber, Mährisch-Ostrau, Preis geb. S 6.50.) Die nicht sehr reichhaltige jüdische Kinderliteratur in deutscher Sprache wurde durch ein Märchenbüchlein bereichert, das gut erzählt; wenn auch nicht alles dem kindlichen Denken vollständig an* gepaßt ist, so gibt es unter den 20 Märchen doch einige gut empfundene Geschichten. Die Ausstattung ist ansprechend, der Druck klar; bei einer späteren Auflage wäre auf genügend Illustrationen Wert zu legen. —ed. Aus der Jüdischen Nationalbibliothek Der berühmte dänische Philosoph, Professor Harald H o e f f d i n g, übersandte der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek, nachdem er ihr schon vor einigen Wochen seine eigenen Werke geschickt hatte, nunmehr eine Kiste mit neuerer philosophischer Literatur. Professor David S i m o n se n, Kopenhagen, überwies eine Sammlung von Büchern und Broschüren, welche im Zusammenhänge mit der Dreyfus-Affäre erschienen waren. Die Verbindung Phi Sigma Sigma, New York, überwies der Bibliothek die Summe von 310 Dollar zur Anschaffung von Büchern aus dem Gebiete der Kinderpsychologie. Die Bibliothek erbte nach Herrn Israel L. Wolf (New York) dessen private Büchersammlung, bestehend aus hebräischen und jiddischen Büchern. Unter den jiddischen Büchern befinden sich insbesondere wertvolle Serien von Zeitschriften. Herr Julius G r i n b e r g (Kischineff) übersandte Werke und Zeitschriften von historischem Werte für die Geschichte der Juden in Bessarabien. Durch Vermittlung von Dozenten Dr, T. Gordonoff erhielt die Bibliothek die Werke des kürzlich verstorbenen Professors der Nationalökonomie an der Berner Universität, N. Reichenberg, darunter das von ihm revidierte Handwörterbuch der Schweizer Volkswirtschaft. Die Familie des verstorbenen Herrn Jakob Lef Kroch, Leipzig, übersandte das von ihr herausgegebene nachgelassene - . „Ich lasse bitten." Der Direktor saß am Schreibtisch und winkte Ludo, seinem Liebling und Pflegesohn, den späten Besucher hereinzuführen. Ludo öffnete und lächelte über dem Kopf des Eintretenden seinem Pflegevater zu. Er bot dem Manne mit einer Geste einen Stuhl an und lehnte sich sodann schweigend mit gekreuzten Armen ans Kamingitter. Dr. Linden wandte sich seinem Besucher zu, Es war ein Mann in mittleren Jahren, eher klein als groß und unmodisch gekleidet. Sein Kopf war charaktervoll, seine Züge lebhaft, die Hände in steter Unruhe. »Sie wünschen?« »Ich heiße Feldstein, Moritz Feldstein. Ich wünsche an ihrem Theater anzukommen — als Schauspieler.« »Sie sind Schauspieler?« »Nein, ich bin Kaufmann, war es. Ich wohne in Uverglien. Ich habe Weib und Kind dort — und doch. Ich muß. Es ist das Einzige. Ich habe gedacht, daß man an einem großen Theater wie dem Ihrigen immer noch einen Schauspieler mehr gebrauchen kann.« »Wenn er Talent hat. ^as führte Sie zu diesem plötzlichen Entschluß, wenn ich fragen darf?« »Es ist kein plötzlicher Einfall. Vor zwei Jahren war es. Da sah ich hier den Don Carlos von Schiller. Das war es. Ich konnte es nicht vergessen. Ich wußte plötzlich, daß der Beruf des Schauspielers mein Beruf sein müßte. Ich kaufte mir Bücher, studierte sie, arbeitete nebenbei, Nächte hindurch. Zwei Jahre lang. Ich habe meiner Frau und dem Kinde eine schöne Summe hinterlassen — sie können ein Jahr davon leben, gut leben. Nach der Zeit — hilft Gott.« Unruhig faßten die Hände die Krücke des Stockes. Er sprach, als wolle er diese Epoche seines Lebens von sich abschütteln, gewaltsam. »Zwei Jahre: allerhand. Wie immer, muß ich die Zähigkeit Ihrer Rasse bewundern, Herr Feldstein. Und nun wünschen Sie, mir etwas vorzuspielen?« »Ich bitte darum.« »Gut. Also Schiller hat es Ihnen angetan.« »Ich möchte gern — Don Corlas spielen.« »Den Carlos selbst? Lieber Herr Feldstein — ein Mann in Ihren Jahren — nun, wir werden sehen. Ludo, den gelben Band, bitte.« Ludo holte ihn aus dem Glasschrank und übergab Feldstein das Buch. Dieser sah ihn an mit der schüchternen Bewunderung eines Kindes. Plötzlich übermannte ihn das. Gefühl, daß er nicht den Carlos spielen könne — nicht vor d e m da, dem allein diese Rolle gebührte, diesem Jüngling, dessen edle Erscheinung einzig einem Infanten ziemte. »Spielen Sie,« sagte Ludo gebieterisch. Feldstein hatte unschlüssig das Buch in den Händen gehalten und sah jetzt auf. Gleichsam bezwungen von dem Blick, blätterte er gehorsam um, fand die Stelle, die er suchte, und fing an. Direktor Linden ging auf und ab; auf dem tiefen Teppich hörte man es kaum. Ludo hatte sich an den Kamin gestellt, in seiner Lieblingsstellung; den schönen Kopf zurückgeworfen, die Hände in den Taschen seiner Sammetjoppe, starrte er zur Decke hinauf. Einmal sah Feldstein auf, glaubte einen wohlwollenden Ausdruck in Ludos Augen zu sehen und fuhr fort, begeisterter, flammender denn je, mit dem Ausdruck seiner lebhaften Hände den Vortrag begleitend. Er liebkoste die Worte, ließ sie hervorsprudeln und sie seine Freude über ihren Wohlklang verkünden. Er hielt inne und sah plötzlich alt und erschöpft aus. Die linke Hand preßte er an die Brust, um das wilde Klopfen da drinnen zu beschwichtigen. Der Direktor ging noch eine Runde durch das Zimmer und blieb dann vor dem nach Luft Ringenden stehen. »Lieber Herr Feldstein, folgen Sie dem Rate eines Mannes, der Ihr Wohl will. Bleiben Sie von der Werk „Chasaka Rabba" in einem von der Firma Vogel & Rausch hergegellten Prachteinband. Herr Dr. N. M. Gelber übersandte drei für die Vor* geschichte des Zionismus sehr interessante Aufrufe zur Wiederherstellung des jüdischen Reiches von K. F. G. S e y f e r t aus dem Anfänge des 19. Jahrhunderts. David Bergelsohn auf der deutschen Bühne Der bekannte Theaterdirektor Erwin Piscator hat knapp vor seinem Zusammenbruch das Drama des in Berlin lebenden bekannten jiddischen Dichters David Bergelsohn; „Die Mühle" zur Aufführung angenommen und für die Darstellung der Hauptrolle den in Amerika wirkenden berühmten Schauspieler Rudolph Schildkraut verpflichtet. Bergeisohns Drama schildert das Leben der Juden im heutigen Rußland. Das Drama wird in jiddischer Sprache auch vom Minsker jiddischen Theater aufgeführt. „Jüdische Künstlerspiele.“ Nach dem großen Erfolge der Operette „Palaschka" wurde Vera Kanjewska mit ihrem aus den Herren Paul Breitmann, Max Bryn und Ilja Trilling bestehenden Gastensemble für eine weitere Reihe von Abenden verpflichtet. Die zweite Bombenrolle der ausgezeichneten Warschauer Soubrette heißt Siddy, in der gleichnamigen Operette, die seit der Erstaufführung ein volles Haus den ganzen Abend hindurch ausgezeichnet unterhält. — Für Freitag, den 22. Juni, wird ein neuer jiddisch-amerikanischer Operettenschlager mit Frau Kanjewska in der Hauptrolle vorbereitet. Schauspielerei. Wenn ein junger Mann mir das geboten hätte, was Sie eben, hätte ich gesagt: kann vielleicht noch etwas werden. Um in Ihren Jahren plötzlich umzusatteln, dazu gehört ein großes Talent. Sie haben Begeisterung — das ist viel, aber nicht genug. Außerdem haben Sie — ich werde ganz ehrlich zu Ihnen sprechen — zu den Rollen, die Sie wählen, auch nicht das Aeußere.« Schweigend legte Feldstein das Buch auf den Schreibtisch und wandte sich zur Tür. »Auf Wiedersehen, Herr Feldstein.« »Auf Wiedersehen.« »Warten Sie.« Ludo war aufgesprungen und zwang ihn mit einer Gebärde, zurückzukommen. Er nahm den Carlos, stellte ihn mit einem fast liebkosenden Blick zurück in den Glasschrank und holte ein anderes Buch hervor. „Kennen Sie den dänischen Direktor Holger Drachman? Wir werden demnächst »Gurre« von ihm zur Aufführung bringen. Lesen Sie die Rolle des Narren durch und dann uns vor.« »Des — Narren?« »Sie ist die einzige, die Ihnen liegt. Lesen Sie.« Wieder ward Feldstein ’ von dem zwingenden Ausdruck in Ludos Augen überwunden. Er las. Das qualvoll Sarkastische, das bitter Leidenschaftliche., das unecht Dramatische benahm ihn. Er fing an vorzulesen. »Langsamer, schärfer betonen,« befahl Ludo. Der Direktor saß im Lehnstuhl und sah nachsichtig und liebevoll lächelnd seinem Liebling zu, der mit jugendlichem Eifer, mit heißem Kopf und eifrigen Gesten sich der Sache hingab, vordeklamierte, zurechtwies, leichthin zu Linden sagte: »Wir nehmen ihn, ja?« Der gefürchtete Direktor nickte lächelnd — wie immer, wenn sein Pflegesohn einen Wunsch äußerte. »Was machen wir nur mit dem Bart, Ludo, der muß wohl weg?« »Der bleibt. Er wirkt neu und grotesk.« Ludos schlanke, nervöse Finger umspannten Feldbergs Gesicht, verdeckten den Bart, ließen ihn frei, veränderten ihn zu einer grotesken Maske. Endlich trat er zurück und betrachtete sein Werk. »Wir werden den Namen verändern müssen. Moritz Feldstein ausgeschlossen!« sagte er. Der Angeredete zuckte zusammen. Dann beruhigte er sich. Was war es denn auch: Moritz Feldstein. Ein achtbarer Name allerdings noch vor kurzem, der einen guten Klang in dem Städtchen Uverglien hatte; jetzt ein Nichts, von der wegwerfenden Gebärde eines Jünglings ausgelöscht. Dieser Leidenschaft zum Theater, die ihn festhielt und bannte, der er Weib, Kind und Stellung als freudiges Opfer gebracht hatte — nun, er würde ihr auch seinen Namen noch opfern können. Warum auch nicht? »Meno Felden,« schlug Linden lächelnd vor. Meno Felden. So. Meno Felden. Und dieser Meno Felden würde die Menschen berauschen und entzücken mit seinem Wilhelm Teil, Don Carlos — nein. Ein Narr, ein Clown war er ja nur. Warum denn auch nicht? Theater war es doch nur alles, und Theater, wonach alles ihm hinzog — Theater, was alle Glut der Jugend in ihm entfachte. Er fühlte, daß Ludo ihn betrachtete und fragte — fast schüchtern, weil er irgendwie eine Beklemmung in sich fühlte diesem Menschen gegenüber — »Welche Rolle spielen Sie?« »Mein Sohn spielt nie mit. Er inszeniert und schreibt Kostüme vor. Ich möchte Sie bitten, morgen um zwölf bei mir zu sein.« Feldstein verabschiedete sich. Er wollte Ludo danken, wurde aber von seinem nunmehr gelassenen Wesen und Lächeln eingeschüchtert. So ging er nur stumm hinaus, aber mit festerem Schritt als er gekommen. (Fortsetzung folgt.) THEATER Von Axel Henriques.