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Die Stimme · 1928-06-21 · Heft 25 (21.6.1928) · page 8

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 25 (21.6.1928)
Date
1928-06-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 DIE STIMME Nr. 25 hat sie nicht gewirkt, denn er setzt sein verbrecherisches Hetzhandwerk ruhmsüchtig fort. So lange diese irregeführte Jugend nicht von dem Wahn befreit wird, daß Antisemitismus mit Patriotismus identisch, daß Juden-Mißhandeln ein Gebot der Vaterlandsliebe sei, werden alle Versuche einer Befriedung der Völker vergebliche Mühe bleiben. Sie beginnen schon an den Volksschulen Die Antisemiten wissen, was sie tun, wenn sie durch Vergiftung der Bevölkerung mit Judenhaß schon in ihren ersten Lebensjahren für einen fanatischen antisemitischen Nachwuchs sorgen. Erwachsene Menschen, soweit sie nicht systematisch verdummt und ihrer klaren Vernunft nicht beraubt sind, sind — normale wirtschaftliche Verhältnisse vorausgesetzt — für Judenpogrome und Judenverfolgungen schwer oder gar nicht zu haben. Man muß daher schon in der untersten Erziehungsstufe damit beginnen. Und die rumänischen Antisemitenführer machen von diesem Grundsatz den ausgiebigsten, aber auch niederträchtigsten Gebrauch. Die jüdischen Blätter weisen unter anderem auf folgende unerhörte Tatsache hin: An sehr vielen Volksschulen des Landes wird ein von M. Sadoveanu verfaßtes Lesebuch für die siebente Volksschulklasse gebraucht, in welchem sich eine biographische Skizze über den moldauischen Herrscher Mihail Sturdza (1834—1849) befindet. In dieser Skizze wird erzählt, daß dieser Herrscher große Verdienste um das Vaterland erworben habe, indem er die Hafenstädte Galatz und Braila ausgebaut, eine Akademie errichtet, die Zigeuner von der Leibeigenschaft befreit und die Stadt Jassy verschönert hat. Aber der Autor hat auch Mut vor Königsthronen, besonders wenn der Herrscher schon tot ist. Und so verschweigt eTT auch die große Sünde nicht, die sich Sturdza habe zuschulden kommen lassen; er sagt: ,,Es unterliegt ihm jedoch ein bedeutender Mißgriff, indem er es zuließ, daß die Juden wie Heuschrecken in die Moldau einbrachen, als sie erfuhren, daß es eine reiche Gegend sei, und daß man dort Handel treiben könne, wobei sie die Gastfreundschaft und die Güte der Moldauer mißbrauchten. Die Juden verließen in großen Scharen Galizien, und ließen sich in den Städten der Nordmoldau nieder, sie ließen auch ihre hungrigen armen Verwandten nachkommen und legten ihre Hand auf den gesamten Handel. Als der Norden sie nicht mehr fassen konnte, breiteten sie sich auch im Süden aus. Sie führen auch in unserer Zeit ein luxuriöses Schlemmerleben und erfreuen sich aller Recht e." Da haben wir den ganzen lügnerischen Katechismus des internationalen Antisemitismus in Form eines für Volksschüler der siebenten Klasse bestimmten Lesestücks zusammengepreßt. Was Wunder, wenn diese Volksschüler später an den höheren Lehranstalten bereits jeden Sinn für Recht und Menschlichkeit verloren haben und die Knüppelgarde des judenprügelnden Antisemitismus bilden. Das Charakteristische an dieser kurzgefaßten Fälschung der Geschichte sind die letzten Worte: ,,Und sie führen auch in unserer Zeit Wien L, Hetentuvm* sfmaße 2Vp. 22 "Die beste und billigste Einkaufs~ quelle tZinheiis-> ipveise S 7- S 9' S 12* ein luxuriöses Schlemmerleben... und genießen alle Rechte. Gegen diesen „Genuß" der Rechte der Juden, und sei es auch nur auf dem Papier, wird die Jugend durch solche Geschichtsfälschung erzogen. Palästina Gegen die Einwanderungssperre in Erez-Israel „Hechaliiz“ fordert 3000 Einreisezertifikate, Die Entwicklung der Verhältnisse in Palästina hat gezeigt, daß die Zuwanderung neuer jüdischer landwirtschaftlicher Elemente nicht nur zweckmäßig, sondern auch notwendig ist. Die am 17. Juli in Berlin zusammentretende Tagung des Zionistischen Aktionskomitees wird daher unbedingt über die Maßnahmen zu beraten haben, durch welche die verstärkte Einwanderung von landwirtschaftlichen Arbeitselementen möglich gemacht wird. Wie wir erfahren, hat die Leitung des Weltverbandes „Hechaluz“, der Zionistischen Exekutive in einem Memorandum die Notwendigkeit neuer Einwanderungsmöglichkeiten für Chaluzim dargelegt und fordert noch für dieses Jahr 3000 Einreise Zertifikate. Entscheidend für die Behandlung dieser Frage ist letzten Endes Palästina selbst und dort wird, wie uns aus Jerusalem berichtet wird, die Notwendigkeit neuen jüdischen Menschenzuflusses in die Landwirtschaft immer stärker fühlbar. Aber auch auf den anderen Wirtschaftsgebieten kann das Land heute neue produktive Kräfte aufnehmen. Auch der Waad Leumi, der jüdische Nationalrat in Palästina, hat an den Oberkommissär Lord Plumer das Ersuchen gestellt, Vorkehrungen für die Erleichterung der jüdischen Einwanderung zu treffen. Lord Plumer äußerte sich zustimmend zu diesem Ersuchen. Der Waad Leumi hat beim Oberkommissär auch um Erhöhung der Zahl der jüdischen Polizisten in den Straßen Jerusalems angesucht und dabei auf die in letzter Zeit sich häufenden Attacken von Arabern auf jüdische Mädchen (über die wir an anderer Stelje berichten. — Die Red.) verwiesen. Der Oberkommissär versprach auch diesem Ersuchen Rechnung zu tragen. Zurücknahme von Ausweisungsorders. Auf Intervention der Zionistischen Exekutive hat die Palästina-Regierung vier Ausweisungsorders gegen jüdische Familien, die als Touristen ins Land kamen und späten dauernd verblieben, zurückgezogen, sodaß diese Familien nunmehr ständiges Aufenthaltsrecht in Palästina besitzen. Gegen vier andere Familien wurden die Ausweisungsorders bestätigt; sie werden nun das Land verlassen müssen. Filmreise zu den Jordanischem Von J. Glaeser (Jerusalem). Um 1/26 Uhr morgens finden wir uns beim Landungssteg der Boote in Tiberias ein. 30 Grad Hitze bereits in dieser frühen Morgenstunde und noch ärgere Temperatur ist zu erwarten, wenn die Sonne erst höher steigt. Bedenklich weisen die Fischer auf den graugrünen See hinaus, dessen starker Wellengang die verankerten Boote wie Nußschalen hin- und herwirft. Nur zögernd entschließt sich der Filmoperateur, seine Apparate dem großen Boot anzuvertrauen. Zeit ist aber nicht zu verlieren, denn bei diesem Wellengang wird die Ueberfahrt mindestens drei Stunden dauern und schwere Ruderarbeit erfordern. In solcher Situation gibt es nur ein Allheilmittel: „Bakschisch." Und das* brauchen die Fischerleute sehr, nachdem sie vor wenigen Tagen in Tiberias bei Rabbi Meir ihre letzten Schillinge ausgegeben haben. Ermunternd ertönt ihr Gesang und rasch fährt das Boot dahin und entfernt sich von der alten Stadt Tiberias, die im Morgensonnenlicht erglänzt. Bereits eine Stunde fahren wir dahin und kaum haben wir das erste Drittel der Fahrt zurückgelegt. Der Wellengang ist schwächer geworden. Für Minuten kühlt ein leichtes Lüftchen die schweißbedeckten Stirnen. Bald wird der See ruhig und glatt wie ein Spiegel. Nasse Tücher legen wir auf den Kopf, denn die Hitze wird immer unerträglicher. Die Fischer haben versuchsweise das Segel aufgestellt. Abwechselnd springen sie in den See, schwimmen ein Stück hinaus und wieder zurück, ln einer Entfernung von etwa einem Kilometer leuchten bereits die Säulen der Tempelruinen von Kfar Nachura (Capernaum) herüber. Ein Segelboot nähert sich. Die Araber sagen: „Moskob.“ Sie meinen die jüdischen Fischer und „Moskob" — das heißt Russen aus Moskau — nennen sie alle jüdischen Kollegen, auch wenn diese aus Galizien und Litauen stammen. Bald ist das Boot in Rufweite und wir erfahren, daß die jüdischen Fischer einen kranken Kameraden ins Hospital der Hadassah nach Tiberias führen. Wieder wird das Segel herabgelassen und mit anspornendem Gesang legen sich die Araber in die Ruder. Wirklich geht das Boot jetzt rascher vorwärts und bald sehen wir die Bäume der Ptejcha (so heißt die Jordanmündung in den Tiberiassee) aus der Ferne. Immer näher kommt das Boot. Der Jordan fließt uns entgegen und es wird fühlbar, daß die arabischen Fischer bereits gegen die Strömung des Jordans rudern. Baracken, weiße und schwarze Zelte kommen immer näher, Boote aller Art liegen am Ufer und wir landen in der Ptejcha. Arabische Fischer, Beduinen und Chaluzim-Fischer kommen uns entgegen und begrüßen uns aufs freundlichste. Ptejcha ist ein an Fischen gesegneter Winkel. Der Pächter der Fischereien am Tiberiassee hat hierher eine erprobte arabische Fischergruppe aus Tiberias entsendet und zwei jüdische Gruppen, bestehend aus Chaluzim aus Polen und Litauen, verpflanzt. Die Beduinen haben hier schon seit langen Jahren ihre Zelte aufgeschlagen. Die Beduinen in der Ptejcha sind vor wenigen Jahren dadurch bekannt geworden, daß sie Juden werden wollten. Die Beweggründe für diesen etwas sonderbaren Wunsch können nur vermutet werden. Man sagt, daß sie durch Uebertritt zum Judentum das Land in der Ptejcha als Eigentum zu erhalten hofften. — Die beiden Chaluzimgruppen hatten sich vor zirka zwei Jahren zuerst in der Nähe von Daganja selbständig niedergelassen. Aber nur kurze Zeit konnten sie dort existieren und schließlich mußten sie, wenn sie nicht das Land verlassen wollten, sich mit dem Pächter der Fischereien in Tiberias einigen, der sie in der Ptejcha ansiedelte. Hier arbeiten sie mit Erfolg und verdienen reichlich ihr Auskommen. Freilich leiden sie vom Fieber, aber jedenfalls nicht mehr, als die eingeborenen Beduinen und arabischen Fischer. Gern ist der Führer der jüdischen Fischergruppe bereit, sich und seine Kameraden im Rahmen der täglichen Arbeit für die Filmaufnahmen zur Verfügung zu stellen, besonders nach unserem ausdrücklichen Versprechen, daß der Film in Polen und Litauen gezeigt werden wird. — Allen Fischergruppen ist die Freiheit der Ausübung ihrer eigenen Fangmethoden belassen. Unsere jüdischen Fischer sind eben dabei, die aus starkem Draht hergestellten Netzfallen aus dem Jordan herauszuheben. Es ist ein guter Fangtag und das ist nötig: Donnerstag; heute sollen noch die Fische für Jerusalem für den Sabbat-Bedarf verschickt werden. Riesige „Babuse" (Hechte) zappeln in den Maschen des Drahtnetzes, „Abu Kischr" (Karpfen), die beliebteste und beste Fischsorte; dann aber auch fette Welse, die von Juden nicht gegessen werden und die man für billiges Geld den Arabern abgibt; auch große Flußschildkröten bemühen sich, aus dem Drahtnetz zu entkommen. Weiter fahren die jüdischen Fischer. Eine Netzfälle nach der anderen wird ausgehoben. Silbern tanzt und glänzt es im grellen Sonnenlicht und fröhlich singen unsere jüdischen Jungens ihr Lied, das von den arabischen Fischern durch arabischen Gesang erwidert wird. — Bis 2 bis 3 Kilometer jordanaufwärts in größeren Abständen haben unsere jüdischen Fischer kleine und große Netzfallen ausgelegt und rasch fahren nun die Boote herum, um den Fang einzuholen. Viele hundert Meter weit ist der Jordan hier vielfach verzweigt und bildet zahlreiche Inseln mit hohem Flußgras und auch an manchen Stellen mit Papyrusstauden bewachsen. An zahllosen Stellen ist der Boden versumpft. Hohe Eukalyptusbäume verschönern allenthalben das Bild der Flußlandschaft. Ueberall wälzen sich die dunklen Massen des Sumpfviehs und sein Gebrüll stört die mittägliche Stille. Die jüdischen Fischer nehmen uns und unsere Apparate in ihr größtes Boot und führen uns jordanaufwärts an die Stelle, wo am Flußufer sich-eine größere Zahl von Zelten der Beduinenfischer befindet, denen wir einen Besuch abstatten wollen, vor allem ihrem Scheich. Die Lage der Beduinen hier ist ziemlich gut. Da sie sich vom Jordan her eine wenn auch primitive Bewässerung eingerichtet haben, ist der W'eizen hier in diesem Jahre so gut geraten, wie an wenigen Stellen des Landes. Sie haben genug Hühner und eine große Zahl von Sumpfkühen, deren Milch freilich nur für sie selbst genießbar ist. Ein wich- « Fischfang am Einfluß des Jordan in den Tiberiassee. Links; Jüdische Fischer am Drahtnetz. Oben: Eine Beduinen-Fischerfamilie.

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