Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1928)
- Date
- 1928-06-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 25 DIE STIMME J die gute Suppenwürze Stephen Wise und Mr. L i b o w i t z, die im 7. Wahldistrikt auf Grund einer Vereinbarung beider Lager gewählt wurden, bisher fast alle Führer der Opposition unterlegen. U. a. haben Samuel Rosenson, einer der aus der zionistischen Leitung ausgetretenen Oppositionsführer, und Abraham T u 1 i n keine Delegiertenmandate erhalten. Irma L i n d h e i m, die Präsidentin der zionistischen Frauenorganisation „Hadassah“, welche sich der Opposition angeschlossen hat, wird der Konvention der amerikanischen Zionisten nicht beiwohnen und dürfte auch nicht mehr das Präsidium der ,,Hadassah“ übernehmen. Frau Lindheim hat eine Reise nach Europa angetreten, wo sie aus Gesundheitsrücksichten bis zum Herbst dieses Jahres verbleiben dürfte. Die Bemühungen, zwischen der zionistischen Leitung in Amerika und der Opposition den Frieden wiederherzustellen, werden fortgesetzt; unter der Führung des Gesundheitskommissärs der Stadt New York, Mordechai Kaplan, sowie der Herren Israel Matz und Emanuel Newman wurde in New York ein Komitee gebildet, das unter dem Losungswort: „Friede und Wiederaufbau“ es unternimmt, eine Einigung im amerikanischen Zionismus herbeizuführen. von Nordamerika bereist und dort überall das sephardische Element organisiert. X .-- Der nächste Kongreß der Union der Völkerbundligen findet vom 3 0. Jutfi bis zum 7. Juli im Haag statt. Auf der Tagesordnung steht u. a. die Beschlußfassung über das von der letzten Sitzung der Minderheitenkommission begutachtete S t a t u t, welches das Verfahren bei Beschwerden der Minoritäten regelt, ferner die Erörterung der Lage der jüdischen Minorität in Rumänien. Auf dem Kongreß im Haag werden die jüdischen Völkerbundligen Oesterreichs, der Tschechoslowakei, Bulgariens und Palästinas vertreten sein. Als Vertreter der jüdischen Völkerbundliga in Oesterreich wurden auf deren letzter Präsidialsitzung die Herren Dr. Leo Goldhammer, Dr. Oskar K a r b a c h, Dr. Isfidor Margulies und Dr. David Ro th blum delegiert. Das Palästina-Mandat vor dem Völkerbund Am 12. Juni trat in Genf die Mandatkommission des Völkerbundes zu ihrer 13. Session zusammen; sie hat in ihrer Eröffnungssitzung den griechischen Delegierten Marquis Theodoli zum Präsidenten und den niederländischen Vertreter Van Rees zum Vizepräsidenten wiedergewählt. Zum ersten Male sitzt auch ein Vertreter Deutschlands, das Vorstandsmitglied des Reichsverbandes der Deutschen Industrie, Geheimrat K a s 11, in der Mandatkommission. Auf der Tagesordnung der diesjährigen Frühjahrssession der Mandatkommission steht die Prüfung der Verwaltungsberichte der Mandatländer pro 1927, ferner die Prüfung eingelaufener Petitionen. Der Bericht der britischen Mandatverwaltung von Palästina wird von dem früheren Chefredakteur der Palästina-Regierung Colonel S y m e s erstattet werden; die ZionistischeOrganisation hat, wie im Vorjahre, durch die Palästina-Regierung ihren eigenen Bericht unterbreitet. Unter den Petitionen befindet sich diesmal keine arabische, dagegen eine der Agudas Jisroel, die sich mit dem jüdischen Gemeindegesetz in Palästina befaßt und vom Generalsekretariat des Völkerbundes der Mandatkommission zur Behandlung überwiesen wurde. Die Mandatkommission wird das Ergebnis ihrer Prüfung der Verwaltungsberichte der Septemberversammlung des Völkerbundes zur Beschlußfassung vorlegen. Der Präsident der Zionistischen Organisation Italiens tödlich verunglückt Aus Rom wird gemeldet: Der Präsident der italienischen zionistischen Föderation, Dr. Ciro Glass, ist bei einem Autounfall in Palermo ums Leben gekommen. Seit Jahrzehnten widmete sich Dr. Glass der Arbeit für die zionistische Bewegung. Die Zionisierung der italienischen Judenheit ist nicht zum geringen Teile Dr. Glass zu verdanken, der insbesondere auf dem Gebiete jüdischer Kulturarbeit Ausgezeichnetes leistete. So gehörte Dr. Glass zu den Gründern des vorbildlichen Verlages „Israel" in Rom. Die Organisierung der Sephardim Der bekannte Führer der internationalen sephardischen Bewegung, Uberrabbiner Sabetai D ja.e n aus Bitolj (Monastir), ist von seiner Propaganda-Reise in Süd-, Mittel- und Nordamerika zurückgekehrt und hat in Belgrad in Anwesenheit des spanischen Gesandten interessante Mitteilungen über den sephardischen Teil des jüdischen Volkes gemacht. Die sephardische Bewegung, sagte er, ist nur ein Bestandteil der allgemeinen zionistischen Bewegung und verfolgt den besonderen Zweck, die rückständigen Splitter der Sephardim, welche das spaniolische Idiom sprechen, kulturell zu heben. Als Delegierter und Bevollmächtigter des im Jahre 1925 begründeten Weltverbandes der Sephardim und mit Zustimmung des jugoslawischen Innenministeriums hat Djaen Brasilien, Argentinien, Chile, Peru, Panama, Kuba und die Vereinigten Staaten j Vereinigung der jüdischen politischen Organisationen Rumäniens In einer in Bukarest stattgefundenen Beratung von Vertretern jüdischer politischer Organisationen ganz Rumäniens wurde ein Zusammenschluß dieser Organisationen erörtert. Seitens der Union rumänischer Juden erschienen Abg. Dr. Fildermann, Senator Horia C a r p, Senator Landesrabbiner Dr. Niemirower, Dr. Steinhardt und Seretianu, seitens der Bukowinaer Einheitspartei Dr,. Meyer Ebner, seitens der Siebenbürgischen nationairjüdischen Union Dr. Joseph Fischer, Doktor M a r t o n und N ö b e 1. Es wurde im Prinzip beschlossen, eiije einheitlich geführte Organisation aller politischen jüdischen ^l|ganfg£|tiionen‘ Rumäniens zy schaffen; >'Sjtz des Zentralkomitees ist Bukarest. Vorläufig., sollen die bestehenden Organisationen als individuelle Einheiten weiter existieren. Für die bessarabischen Juden wurde ein Platz im Zentralkomitee reserviert. Prinzipielle Fragen können nur mit Einstimmigkeit geregelt werden. Detaillierte Richtlinien werden ausgearbeitet. Antisemitismus griechischer Haienbehörden Der amerikanisch-jüdische Kongreß hat bei dem Departement für auswärtige Angelegenheiten der amerikanischen Regierung Klage gegen die griechischen Behörden im Hafen von Piräus erhoben, die eine ganze Gesellschaft in Amerika wohnender Juden, die sich auf der Rückreise von Palästina nach Amerika befanden, interniert haben. Die Verhafteten stammen zwar aus Osteuropa und haben ausländische Pässe, wohnen aber seit langer Zeit in den Vereinigten Staaten. Es wurde ihnen ausdrücklich gesagt, daß sie nur deshalb interniert werden, weil sie Juden sind. Uhter den Internierten befanden sich zwei hervorragende Gelehrte, der Professor am Jüdisch-Theologischen Seminar in New York Leo H o n o r und der Professor an der Hebräischen Universität in Jerusalem K1 i g 1 e r. Erst nach mehrtägiger Haft wurde der Gesellschaft die Weiterreise gestattet. Zwangssotmtagsruhe — Zwangssabbatgeschält Eine der schärfsten Waffen des Wirtschaftsantisemitismus gegen die Juden im Osten ist die Zwangssonntagsruhe, die den Juden, welche am Sabbat ihre Geschäfte geschlossen halten, einen zweiten Tag die Geschäftstätigkeit unterbindet und sie daher gegen den nichtjüdischen Kaufmann und Gewerbetreibenden ins Hintertreffen rückt. Diese Methode wirtschaftlicher Unterdrückung droht auch auf die Slowakei und Karpathorußland tiberzugreifen. Die Gewerkschaft der slowakischen Handelsangestellten hat sich an den tschechoslowakischen Handelsminister mit der Forderung nach Einführung der obligatorischen Sonntagsruhe gewandt. Der Minister erklärte, daß diesem Ansuchen entsprochen werden würde. Sollte die Zwangssonntagsruhe eingeführt werden, so würde dies ein schwerer Schlag für die Judenschaft der Slowakei und Karpathorußlands sein. Die jüdischen Kaufleute und Handwerker, die an den Sabbattagen strengste Arbeitsruhe bewahren, würden dann gezwungen sein, zwei Tage in der Woche zu ruhen. Auch das in Vorbereitung befindliche Gesetz wegen Konzessionierung des Verkaufes von Spirituosen in Flaschen würde, wenn es in Geltung treten sollte, die Jkidenheit in den beiden genannten Provinzen schwer schädigen. — Zu dieser wirtschaftlichen Unterdrückungsmaßnahme tritt in Rumänien noch seit einiger Zeit ein Eingriff in die bürgerlichen Rechte: Das Bezirksgericht in K i 1 i a verurteilte mehrere jüdische Kaufleute, die am Sabbat ihre iLäden geschlossen halten, zu hohen Geldstrafen und drohte ihnen im Wiederholungsfälle die Entziehung der Gewerbescheine an. Das Gericht begründete das Urteil damit, daß eine Geschäftssperre gleichbedeutend mit Störung der öffentlichen Ordnung sei. Das Appellationsgericht inlsmael bestätigte das erste richterliche Urteil. Offizielle Numerus-clausus-Propaganda in Litauen Aus K o w n o wird gemeldet: Das offiziöse litauische Organ „Ritas" gab das Signal zu einer Propaganda für Einführung des Numerus clausus für Juden und andere nationale Minderheiten an der litauischen Staatsuniversität; andere litauische Zeitungen schlossen sich dieser Propaganda an. Unter der jüdischen Bevölkerung hat diese Propaganda, an der sich sowohl Anhänger als auch Gegner der Regierung Woldemaräs beteiligten, große Empörung hervorgerufen. Der Referent für religiöse Angelegenheiten beim litauischen Unterrichtsministerium, Dekan Mironas, hat im Aufträge der Regierung Instruktionen über eine sogenannte Rabbiner-Verwaltung ausgearbeitet. Diese soll durch die Rabbiner-Versammlung für eine Zeitdauer von fünf Jahren gewählt werden und von der Regierung als offizielle Institution anerkannt sein. In den Instruktionen werden die Rabbiner-Qualifikationen festgelegt. Die heute bereits amtierenden Rabbiner werden amtlich anerkannt, in Zukunlt aber wird nur derjenige Rabbiner bestätigt werden, der von der Bevölkerung gewählt, von der Rabbiner-Verwaltüng bestätigt und weniger als 25 Jahre alt ist. Die Rabbiner- Verwaltung wird die rabbinischen und auch gewisse religiöse Angelegenheiten zu verwalten haben. Geistes, insofern Menschengeist, wollend oder denkend, wertend oder urteilend, ein linear und intentional gerichtetes Leben ist, Dieses zielgerichtete Denken kann eben auf die Frage nach dem Warum? immer nur antworten an Hand der Kategorie „Kausalität“, deren psychisches Korrelat nichts anderes ist als der Widerspruch, die Stauung, die Not und der Notstand. „Erklärt“ ist für uns ein Phänomen dann, wenn wir seine Notwendigkeit begriffen haben. Diejenige Schicht nun, die wissenschaftlich arbeitet, ohne doch erkenntniskritisch klar zu sein, gibt sich gar keine Rechenschaft darüber, daß das Zurückführen der Phänomene auf Notstandsreihen eben zur Natur alles praktisch und faktisch eingestellten Erklärens gehört. Und so glaubt man naiv immer wieder etwas Wesentliches zu lehren und gefunden zu haben, wenn man Phänomene, wie Religion, Liebe, Kunst, Traum, Phantasie und schließlich das Leben überhaupt, zurückführt auf irgend eine Sorte von Notstand und Entwirkung von Stauungen oder Störungen. Der Baum blüht . . ., aus Angst vor dem Verdursten und zum Zwecke der Nahrungsaufnahme. Die Blume duftet . . ., um Insekten heranzulocken und zum Zwecke der Pollenbestäubung. Der Vogel singt . . ., um einen Brunstzustand abzureagieren und ein Weibchen zu locken. Die Menschenseele betet, liebt, phantasiert, träumt aus irgend einer banal verständlichen Sorte von „Verdrängung“. .Kompensation“, „Sublimierung“, „Ausgleichsbedürfnis“ oder „Notstandsreaktion“. Wo immer die eigentliche Erfahrung des Lebens dünn ward oder mangelt (unter Erfahrung des Lebens verstehe ich wahrhaftig nicht das, was ein vielbeschäftigter Nervenarzt oder Rechtsanwalt seine „Lebenserfahrungen“ nennt), da wird die Notstandsmethodik zu verräterischer Symptomatik der Vernüchterung. Daher der Krieg Nietzsches gegen Darwin und Darwinismus! Wenn ich nun immer wieder behaupte, im ganzen Gebiet der Seelenforschung keine Denker zu kennen, die so wenig von Seele ahnen wie die Psychoanalytiker von heute, so darf dies beileibe nicht aufgefaßt werden als Zweifel an der Nützlichkeit oder Verwendbarkeit einer gewissen, übrigens erlernbaren wissenschaftlichen Methode. Es ist aber selbst ein psychologisches, „psychoanalytisches“ Phänomen, daß dort, wo die biotische Kraft einer Rasse erschöpft ist, Religion durch Moralitäten, mythisches Schöpfertum durch Theologie, kosmischer Eros durch libido ersetzt wird und diese große Verödung und Ausnüchterung sich kundtut in Theorien und Modeüberzeugungen, welche Mythos, Eros, Traum, Phantasie, Illusionskraft, kurz alle Kräfte des außerintellektuellen, außerwachen Lebendigseins durchaus zurückführen auf jenes Moment der Not und der Notwendigkeit, welches für das Wachen allerdings ausschließlich aufschlußleich ist. Eine Seelenkunde also, deren geistiger Kernpunkt ist: jede positive Leistung oder Bewährung aus einem „wunden Fleck“ begreiflich zu machen oder umgekehrt in jedem „wunden Fleck“ den Ausgangs- und Quellpunkt für Ausgleiche oder für Ueberbauungen zu studieren, eine solche Psychologie deutet hin auf ein selber verwundetes oder leicht verwundbares Menschentum, eben auf jene Pathognomik der biotisch geschwächten, an sich selbst irre gewordenen Volkheit, für welche die unaufhörliche Begleitvorstellung „Ich bin Jude“ zum treibenden und oft qualvollen Stachel geworden ist und in abnormen Fällen zur monomanisch überwerteten Zwangsvorstellung werden kann. . . . Wir wissen nun freilich wenig über den Verlauf der Psychose Rees. Auch in seinem Nachlaß fanden sich keine Aufzeichnungen über sein Leiden. Er wähnte, die Tatsache seiner Abkunft so überwinden zu können, wie der Organismus einen Krankheitsherd überwindet, indem er ihn isoliert, abkapselt, verhärtet und dann als tote Insel liegen läßt inmitten des gesund weiterwachsenden Gewebes. — Nach der örtlichen Trennung von Nietzsche begann Ree Medizin zu studieren. Er machte die nötigen Prüfungen und lebte sodann in einsamen Bergdörfern des Engadin als Arzt, hilfreich beratend und sich selbst verschenkend, aber immer ganz einsam. Unter den deutschen wie unter den italienischen Bergbauern fühlte er sich als ein „Fremdling aus einer anderen Welt". Er erlebte den erstaunlichen und unerwarteten Aufstieg des größeren Denkers, in dessen Werk sein Mitphilosophieren völlig aufgegangen war. Er selbst hat zu Lebzeiten nichts veröffentlicht. Bei einer seiner waghalsigen Bergbesteigungen verunglückte er. Die ihn kannten, behaupten, daß er freiwillig den Tod gesucht habe. Gemäß seinen Bestimmungen wurde nach dem Tode der Nachlaß herausgegeben, ein knapper Band philosophischer Bruchstücke. An der Spitze bringt er ein Vorwort voll herber Bitterkeit. Ree spricht zurückhaltend und ohne alle Teilnahme von Nietzsche. Sein gequälter Stolz möchte von dem „Modephilosophen" abrücken, und er wählt dazu jene Pose, die jeder beliebige Professor dem Genius gegenüber gern einzuhalten pflegt; er schiebt das, was er selber nicht kann oder nicht einmal begreift, stolz ab auf „allgemeine Kultur“, „Literarisches“, „Schriftstellerbegabung"; er selber aber steht dem allen gegenüber als „echter Wissenschaftler", „exakter Forscher" und hüllt sich in die würdegebende Toga der „strengen Wissenschaft“. So auch macht es Ree! Sein Stil ist klar und phrasenlos, aber auch dürftig und langweilig. Seine Weissagung, die Nachwelt werde an seine psychologischen Forschungen anknüpfen, nicht aber an die vergängliche Modeerscheinung Nietzsches, hat sich in nichts erfüllt. Rees Schriften sind vollständig vergessen; keiner liest, sie mehr. Was an ihnen wertvoll und lebensfähig war, ist im reicheren Lebenswerke des glücklicheren Einbegleichers aufgegangen, im Lebenswerke Friedrich Nietzsches. Und so bestätigte sich, daß die Nachwelt keine Männer zu lieben vermag, die sich selber nicht zu lieben vermochten.