Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1928-06-21 · Heft 25 (21.6.1928) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 25 (21.6.1928)
Date
1928-06-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3053752-3053753-3053777--0404-3055679
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Nr. 25 DIE STIMME Seite 3 Hinter verschlossenen Türen Die Beratungen der Jewish»AgencY~KommiS8ion (Von unserem Londoner H. S.-Korrespondenten.) genau unter die Lupe nimmt, um festzustellen, ob sie mit dem im Mandat festgelegten politischen Endziel dieses Palästina-Aufbaues übereinstimmen. Schon der letzte Kongreß hat in einer Anzahl von Resolutionen diese seine Aufgabe umschrieben, indem er feststellte, daß die Arbeit der Jewsih Agency auf der Grundlage der Verstärkung der jüdischen Einwanderung nach Palästina, der fortdauernden Erwerbung von Boden als Volkseigentum, der Kolonisation auf Basis der jüdischen Arbeit und der hebräischen Sprache und Kultur vor sich gehen müsse. Es ist daher selbstverständlich, daß ein Kongreß feststelle, ob diese Richtlinien bei eventuellen Abmachungen, welche jetzt in London erfolgen, eingehalten sind. Es genügt nicht, daß eine nachträgliche Ratifizierung solcher Abmachungen beim Kongreß eingeholt wird, weil es sich um politische Grundsätze handelt, für deren Durchführung die Zionistische Organisation eben als Jewish Agency die Verantwortung nicht nur rein ideologisch, sondern auch völkerrechtlich trägt. Gesetzt jedoch, daß die Jewish-Agency-Konferenz noch zu keinem Resultat kommt, so ist ebenfalls die sofortige Einberufung eines außerordentlichen Zionistenkongresses erforderlich. Denn es liegen heute Gutachten über die bisherige Arbeit und Vorschläge für neue Arbeitsmethoden im Palästina-Aufbau vor, Es muß sofort zu solchen Gutachten und Vorschlägen Stellung genommen werden, da die Zionistische Organisation verpflichtet ist, alles anzuwenden, um die Stetigkeit des Palästina-Aufbaues aufrechtzuerhalten« Gesetzt, die der Jewish-Agency-Konferenz vorliegenden Elaborate verwerfen die bisherigen zionistischen Kolonisationsmethoden, so darf nicht erst lange Zeit verstreichen, bis die Berechtigung eines solchen Gutachtens geprüft ist und bis, falls es für richtig befunden wird, Entschlüsse über Aenderung der Kolonisationsmethoden gefaßt werden. Bis dahin könnte uneinbringlicher Schaden entstehen. Bringen aber die Sachverständigengutachten positive Vorschläge, so muß sofort zusammen mit der bereits erwähnten Prüfung ihrer Eignung im Hinblick auf das Endziel die Entscheidung über ihre Durchführung fallen. Unter allen Umständen ist daher die sofortige Einberufung eines außerordentlichen Kongresses Gebot der Stunde; es handelt sich um die Erhaltung der völkerrechtlich festgelegten Souveränität unseres politischen Willens! Spectator. Der jüdische Klub im polnischen Sejm hat in seiner letzten Sitzung mit 6 gegen 5 Stimmen den Deputierten I. Grünbaum zu seinem Obmann gewählt. Die Wahl des Obmannstellvertreters wurde auf eine spätere Sitzung verschoben. Der Klub hat auch mit Stimmenmehrheit beschlossen, gegen das Budget der Regierung zu stimmen; diesem Beschluß haben sich die galizischen Abgeordneten mit dem in einer Erklärung niedergelegten Vorbehalt gefügt, daß sie für die Konsequenzen dieser politischen Stellungnahme keine Verantwortung übernehmen. Die Jewish-Agency-Kommission hat bisher zwei offizielle Sitzungen am 10. und 15. Juni, im Landhause von Lord Alfred Mond in Romsey äbgehalten, sonst wurden zwanglose Besprechungen geführt. Am 13. d. M. gab Lord Alfred Mond zu Ehren der Teilnehmer an der Jewish- Agency-Konferenz ein Bankett, dem auch zahlreiche englische Politiker und Führer des Wirtschaftslebens beiwohnten. Sämtliche Personen, die zur Teilnahme an den Beratungen eingeladen waren, haben der Einladung Folge geleistet und nahmen an den Konferenzen teil, es sind außer den Kommissionsmitgliedern Lee K, Frankel, Lord Alfred Mond, Felix W a r b u r g und Direktor Oskar Wassermann, dem Sekretär der Kommission Mr. H e x t e r und dem Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation, Prof, W e i z m a n n, der frühere Leiter des zionistischen Kolonisationswerkes und Präsident der Anleihekommission Dr. Arthur R u p p i n, ferner der Präsident des amerikanischen Jewish-Committee Louis Marshall und der frühere Vizekönig von Indien, Lord R e a d i n g. Sämtliche Kommissionsmitglieder haben sich über den Verlauf der Beratungen zu Stillschweigen verpflichtet. Es wurde nur soviel bekannt, daß gegenwärtig die Berichte der Sachverständigen, die im letzten Jahr in Palästina weilten, zur Diskussion stehen. Diese Berichte weichen nur in Details voneinander ab, in den Grundzügen weisen sie, soweit bekannt, Übereinstimmung auf; wie ihrem Korrespondenten von Personen, die mit dem Inhalt dieser Sachverständigenberichte vertraut sind, versichert wurde, wird in den Gutachten das Hauptgewicht auf die Notwendigkeit weiterer Konsolidierung des bisher in Palästina Geschaffenen Nach der Arbeit: Abendlicher Hora-Tanz auf den Feldern von Mizpeh bei Tiberias. 18» « Y* 'V, - '>'! j gelegt. Die Beratungen über diese Gutachten werden systematisch nach Arbeitsgebieten der bisheri- ' gen und künftigen Aufbautätigkeit in Palästina- Landwirtschaft, Industrie, Einwanderungsmöglichkeiten etc. geführt. Der Freitagsitzung der Konferenz ging eine gemeinschaftliche Sitzung der Mitglieder der Jewish-Agency-Kommission und der Mitglieder der Zionistischen Weltexekutive voraus, der auch Dr. Arthur Ruppin und Dr. Harry Sacher, der soeben aus Palästina eingetroffen ist, beiwohnten. Die Sitzung war hauptsächlich wirtschaftlichen Fragen gewidmet. Man rechnet damit, daß die Kommission am 21. Juni ihre Arbeiten beenden wird. Stephen Wise über die JewislvAgeney- Konferenz Aus New York wird berichtet: Im hiesigen Hotel Pennsylvania fand am 12. Juni eine Beratung von führenden Persönlichkeiten der dem amerikanisch-jüdischen Kongreß angeschlossenen Organisationen statt, auf deren Tagesordnung die weitere Tätigkeit des Kongresses stand. Die Anwesenden schlossen sich der Ansicht des Präsidenten des Kongresses, Dr. Stephen Wise, an, daß der Kongreß, der sich seit seinem jetzt zehnjährigen Bestände der unterdrückten Juden in allen Ländern annimmt, als ständige Institution erhalten bleiben müsse. Es wurde eine 25-gliedrige Kommission gewählt, welche die Aufgabe hat, Programm und Ziele des Kongresses neu zu formulieren und den Kongreß spätestens im Dezember d. J. zu einerVolltagung einzuberufen, In seinen Ausführungen auf der New Yorker Beratung kam der Präsident des Kongresses, Doktor Wise, der bekanntlich erst vor kurzem sein Mandat in der Leitung der Zionistischen Organisation Amerikas zurückgelegt hat, auch auf die Tagung der Jewish-Agency-Kommission zu sprechen, Er sagte dabei u. a.: einige reiche Juden seien bestrebt, eine diktatorische Herrschaft im jüdischen Leben auszuüben, übte an der Zusammensetzung der Jewish-Agency-Kommission heftige Kritik und sagte, die gegenwärtig tagende Konferenz der Jewish-Agency-Kommission sei eine Tagung von „Gedolim“, von Notabein, die nicht das Judentum, sondern drei reiche Juden vertreten. Vor dem amerikanischen Zionistentag Wie aus New York gemeldet wird, sind bei den Delegiertenwahlen für die bevorstehende Konvention der amerikanischen Zionisten bis auf Doktor Englische Herren-«. Damenstoffe TUCHHAUS RUDOLF TEWELES Wien VI, Mariahilferslr. 125 des Denkens sind auch die Kategorien der Logik und die normativen Gesetze des Wertes, nicht minder auch die Zahlengesetze und die Axiome der Mathematik zurückführbar auf eine Wissenschaft von seelischen Untergründen. Somit steht hinter jeder „Wahrheit“ irgend eine Art Lebensnotdurft oder Nötigung, irgend etwas „Menschlich-Allzumenschliches“. Diese psychologistische Einstellung machte auf den jungen Friedrich Nietzsche einen großen Eindruck. Er nannte scherzhaft die Periode seines Zusammenlebens mit Ree die Zeit seines Reealismus. Andererseits wirkte auch auf Ree der Umgang mit Nietzsche befruchtend und befreiend. Ree schrieb in den Jahren 1874 bis 1876 seine wichtigsten Arbeiten über die Herkunft des Gewissens, der Scham, der Reue und der moralischen Vorurteile. Es unterliegt keinem Zweifel, daß Nietzsches nachmals einflußreichste und erfolgreichste Lehre, die Theorie des sogenannten Ressentiment (das heißt die Entdeckung kompensatorischer Notausgleiche und Notausgänge des zu Geist gewordenen Lebens), aus dem Zusammenphilosophieren mit Ree hervorgewachsen ist. Aber während für den ungleich reicheren Nietzsche die psychologische Einstellung nur Durchgangspunkt wurde zu seiner eigenen Schöpfung, blieb R6e lebenslang befangen in jenen naturwissenschaftlich-psychologischen, rein analytischen Fragestellungen. Vielleicht war die Gemeinschaft auf beiden Seiten mit Irrtümern und Illusionen verknüpft. Nietzsche glaubte an Ree den ersten Jünger gefunden zu haben, R6e unterwarf sich mit stolzer Selbstmeisterung dem volleren Geiste, aber trat doch niemals aus einer strengen Zurückhaltung heraus und vermied es, sich persönlich zu erschließen. Entscheidend aber war die Wesensart der beiden Männer, genauer gesagt: die allzugroße Aehnlich- | keit ihrer Wesensart. Beide waren, wenn auch auf ver- I schiedenen Linien, streng und verschlossen. Sie besaßen nicht die Möglichkeit, sich einander aufzuschließen, sondern verkehrten unpersönlich, streng gegen einander und gegen sich selber, in den Panzer der Logik eingeschlossen. Wahrscheinlich war Ree der Scheuere und Schweigsamere, zugleich der Weichere und Sozialere von den beiden und mehr als Nietzsche mit dem Gemüte beteiligt, aber auch er war nicht minder als Nietzsche gewohnt, hart gegen sich selber zu sein. Beide Männer wurden während des gemeinsamen Winters in Sorrent von einer Leidenschaft gequält für dasselbe blutjunge Mädchen, das, als Dritte im Bunde, ihre Einsamkeit teilte, aber eher für den mannmännlicher veranlagten Ree als für den mädchenhaften, sensitiven Nietzsche Gegenliebe empfand. Ree aber trat in dieser Lage freiwillig zurück und machte sich, zweifellos mit großer Selbstüberwindung, zum Vorkämpfer für den Freund, ja zu dessen, wenn auch erfolglosen Freiwerber. Man hätte nun meinen müssen, daß eine lange und nahe Gemeinschaftdie beiden Philosophen hätte verbinden können. Aber es blieb zwischen ihnen ein uniibersteigbarer Damm. Die Schuld lag an Ree. Seine Scheu und Zurückhaltung stieg zweifellos aus dem wunden Fleck seines Selbstbewußtseins. Er war Jude und trug an diesem Bewußtsein wie an einem Unglück, von welchem man nicht spricht. Er gehörte zu jener damals in Deutschland sehr häufigen Gruppe Juden, die sich ebenso schämen, frei als Juden sich zu bekennen, wie sie andererseits sich schämen würden, in lieblose Urteile über das Judentum einzustimmen. Sie schweben somit immer in der Luft. Ohne daß das Bewußtsein sich die Sachlage klarmachte, haftete ein eingeklemmtes, krankmachendes Gefühl im Unterbewußtsein und wa? nicht auflösbar, weder | in Selbsthaß noch in Selbstliebe, weder in Weltverach- I tung noch in Humor. Ree lebte als Mensch, der vor sich selbst sich versteckt. Da er niemals von seiner jüdischen Abkunft sprach, so ist es auch unwahrscheinlich, daß Nietzsche von ihr gewußt hat. Wenn wir nun bedenken, daß die durch Paul Ree angeregte sogenannte psychoanalytische Methode, auf dem Umwege über die Formeln Nietzsches, welche heute zum Bestände der „allgemeinen Bildung" geworden sind, schließlich wieder eingemündet ist in gewisse jüdische Intelligenzen, wenn wir bedenken, daß in den Schulen von Siegmund Freud, von Alfred Adler und anderen Psychoanalytikern diese psychologistische Einstellung zuletzt zu einer Modeplage wurde (wobei die führenden Köpfe vielleicht ihrer Abhängigkeit von Nietzsche gar nicht bewußt geworden sind, wie sie denn auch nicht klar darüber sind, daß zuerst die Schule von Herbart und sodann die von Theodor Lipps nahezu die gesamte Begriffswelt der heutigen Psychoanalyse geschaffen hat), wenn wir endlich durchschauen, daß die psychoanalytischen Formeln sehr wesentlich von Juden ausgebaut, aufgegriffen und weitergetragen werden und in bestimmten Kreisen des urbanen und liberalen westeuropäischen Judentums ihren eigentlichen Nährboden haben, so werdet: wir diese Zusammenhänge nicht zufällig finden. Wir können an dieser Stelle auf die tieferen Gründe nur eben andeutend ein Licht fallen lassen. Der Baum blüht. Die Blume verströmt Düfte. Der Vogel singt. Der Mensch liebt, dichtet, phantasiert, betet. Wollte man nun die Natur fragen: Warum dieses geschehe, so würde ihre Antwort immer nur lauten: Es geschieht aus der Ueberfülle des sich selbst erfüllenden, sich hinschenkenden und fortzeugenden Lebens. Ganz anders aber lautet die Antwort von seiten des menschlichen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.