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Die Stimme · 1928-06-21 · Heft 25 (21.6.1928) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 25 (21.6.1928)
Date
1928-06-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 25 sehen Behörden, welche peinlichst darauf bedacht sind, daß die Autonomie der Hochschule nicht angetastet werde, aber ihre Pflicht, alle Gesetz- und Disziplinarwidrigkeiten, die sich auf der Universität ereignen, zu ahnden, durch jahrelange Duldung derartiger Uebergriffe zu erfüllen nicht gewillt sind, müssen die Behörden, die den Schutz der Bürger dieses Staates zu gewährleisten haben, angerufen werden. Gegen die Verprügelung wehrloser Studenten und Studentinnen mußte im Vorjahre die Polizei in die Aula beordert werden. Gegen die offenbaren Gesetzesverletzungen, die durch die Affichierung gegen die Juden gerichteter Plakate begangen werden, hat die Staatsanwaltschaft die Pflicht, einzuschreiten. Es ist nirgends gesagt, daß die Macht des Staatsanwaltes an den Toren der Universität zu Ende ist. Der Staatsanwalt hat die Pflicht, jede Gesetzesverletzung, die ihm zur Kenntnis gelangt, zu verfolgen, auch wenn keine förmliche Anzeige vorliegt. Da er das nicht tut, so muß die offizielle Vertretung der Wiener Judenschaft, die Kultusgemeinde, sich endlich entschließen, energisch gegen derartige Uebergriffe vorzugehen und selbst die Anzeige zu erstatten. Auch die offizielle Vertretung der jüdischen Studentenschaft, der Gesamtverband ,,Judäa“, wäre befugt, endlich einmal gegen die fortgesetzten Beschimpfungen und Verhetzungen einzu- Bücherfreunde I Besichtigt unsere MT Verlanget Preislisten! Bucherschwemmö „VIENNA“, Wien I, Bognergasse Nr. 4 schreiten. Unser Strafgesetz gibt zu einer Verfolgung dieser Bübereien die nötige Handhabe. Man statuiere endlich einmal ein Exempel. Wir zitieren den § 302 in seinem Wortlaut. Jedem rechtlich denkenden Menschen muß es auf den ersten Blick klar werden, daß der Tatbestand einwandfrei gegeben ist: „Wer andere zu Feindseligkeiten wider die verschiedenen Nationalitäten (Volksstämme), R e 1 i g i o n s- oder andere Gesellschaften, einzelne Klassen oder Stände der bürgerlichen Gesellschaft oder wider g esetzlich anerkannte Körperschaften, oder überhaupt die Einwohner des Staates zu feindseligen Parteiungen gegeneinander auffordert, a n e i f e r t oder zu verleiten sucht, ist, insoferne sich diese Tätigkeit nicht als eine schwerer verpönte strafbare Handlung darstellt, eines Vergehens schuldig, und soll zu strengem Arreste von drei bis zu sechs Monaten verurteilt werden.“ Wir wollen doch sehen, ob die Staatsanwaltschaft die Anzeige ad acta legt oder ob sie den feigen Sudlern von der Universität endlich das Handwerk legt._ Zuschriften und Manuskripte, die für unser Blatt bestimmt sind, mögen nicht an einzelne Personen sondern ausschließlich an die Redaktion (1., Rauhensteingasse 1) gesendet werden, da nur so rechtzeitige Erledigung bezw. Veröffentlichung gewährleistet ist. Ringwalds Paketexprass Täglich nach den Nord- und Weststaaten. Bedeutend schneller als Post, kein Frankaturzwang, keine Gewichtsgrenzen, freie Abholung I, Parlsargassa 4 Tel. 64-3-72, 62-4*99 Wir dürfen nicht wartenl Auf dem Landsitz des Lord Alfred Mond, in der englischen Grafschaft Hampshire, wird ein Aufbauplan für das neue jüdische Palästina beraten, der so geartet sein soll, daß es nichtzionistischen Kreisen in Amerika, England und Deutschland möglich werde, mitverantwortlich an diesem Werke teilzunehmen. Das ungefähr ist, auf eine knappe Formel gebracht, der Zweck der geheimen Sitzungen, welche der englisch-jüdische Politiker Lord Alfred Mond, der deutsch-jüdische Bankier Wassermann, der Präsident eines amerikanischen Versicherungskonzerns Lee K. Frankel und der Vorsitzende der jüdischen Wohlfahrtsorganisation American Joint Distribution Comittee Bankier Felix M. Warburg mit dem Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation abhalten und an denen der Vorsitzende des American Jewish Comittee Louis Marshall teilnimmt. Diese Beratung wird ,,Jewish-Agency-Konferenz“ genannt, führt also einen Namen von höchster politischer Bedeutung. Als der juristische Rahmen für das Palästina-Mandat geschaffen wurde, welches Großbritannien erhielt, mit der gleichzeitigen Verpflichtung, alles zu fördern, was der Errichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina dienlich ist, wurde für den politischen Träger dieses besonderen Werkes, dessen Förderung England übernahm, die Bezeichnung „Jewish» Agency“ (rjüdische Vertretung) geschaffen. Das Mandatsstatut identifiziert ausdrücklich die Jewish- Agency mit der Zionistischen Organisation; denn die Faktoren, welche die Ausarbeitung des Mandatsstatutes besorgten, waren sich vollständig darüber im klaren, daß die Idee eines nationalen Heimes in Palästina in der Judenheit nur einen organisierten politischen Träger, eben die Zionistische Organisation, habe. Das war aus den vorangegangenen Aktionen, an denen Vertreter verschiedener jüdischer Organisationen, wie der Alliance Universelle Israelite, der Jewish Colonisation Association u. a. teilnahmen, auch für nichtjüdische Politiker deutlich zu erkennen. Das Mandatsstatut sieht auch die Möglichkeit einer Aenderung dieser jüdischen Vertretung nur für den Fall vor, als andere jüdische Körperschaften^mit dem gleichen politischen Ziele entstünden. Es gibt im Sinne des Mandates für den Aufbau des jüdischen Palästina nur einen politischen Partner, der für die Mandatsmacht Großbritannien in Betracht kommt, den Zionismus. Seit fast fünf Jahren wird nun die Frage erörtert, wie die Jewish Agency zu „erweitern“ wäre. Die Antwort ist aber schon längst gegeben: Die Jewish Agency ist die Vertretung eines bestimmten politischen jüdischen Zieles für den Palästina-Aufbau und die Zionistische Organisation, die jetzt Jewish -Agency ist, kann nur durch eine jüdische Vertretung mit gleichen Zielen, Schaffung einer nationalen Heimstätte mit den dazugehörigen nationalen Lebensformen, ersetzt werden. Bei den Beratungen, die jetzt in der Nähe von Southampton gepflogen werden, ist außer dem Präsidenten der Zionistischen Organisation kein Vertreter einer ähnlichen, ja überhaupt einer politischen Organisation anwesend, wenn man von dem als „Beobachter“ anwesenden Mr. Marshall absieht, der eine Art von politischer, besser gesagt außenpolitischer Organisation amerikanischer Juden vertritt. Nun ist aber die Frage der aktiven oder finanziellen Mitarbeit der bei den Beratungen vertretenen Personen oder Korporationen am Palästina-Aufbau mit der Frage der Jewish Agency gekoppelt; wir erörtern nicht, ob dies zweckmäßig oder nützlich ist, darüber sind schon Ströme von Energie und Druckfarbe vergossen worden. Aber auf eines muß mit dem größten Nachdruck hingewiesen werden: die Jewish Agency ist nicht nur der juristischen Konstruktion, sondern der mit dem Zweck verbundenen politischen Idee nach die Zionistische Organisation und nur sie kann dar* über entscheiden, wie die Struktur der Jewish Agency sein soll und ob die Methoden des Palästina- Aufbaues den Zielen entsprechen, für die die Zionistische Organisation eintritt, den Zielen, im Hinblick auf welche sie, n u r sie als Jewish Agency anerkannt ist. Höchste Instanz der Zionistischen Organisation ist ihr Weltparlament, der Zionistische Kongreß und darum fordern wir schon heute, noch während die Beratungen in England gepflogen werden, gleichgültig, welches Ergebnis sie haben werden, die sofortige Einberufung eines außerordentlichen Zionistenkongres ses; denn er allein hat das entscheidende Wort in Sachen der Jewish Agency zu sprechen. Es ist in der letzten Zeit Modesache geworden, die Autorität des Kongresses herabzusetzen und die Respektlosigkeit vor der politischen Kraft der Organisation ist so groß, daß man heute sagt: „Wenn die sogenannten Nichtzionisten die entsprechenden finanziellen Zuschüsse zum Palästina-Aufbau leisten, dann können sie das ganze Kolonisationswerk übernehmen.“ Das würde bedeuten, dem politischen Willen der Zionistischen Organisation, der sie zur Jewish Agency gemacht hat, das Grab zu graben. Es gibt keine Kolonisation, die tendenziös wäre, sei es in wirtschaftlicher, kultureller oder in politischer Hinsicht. Glaubt man im Ernst, daß eine „tendenziöse“ Kolonisation Palästinas, selbst wenn sie mit Mitteln unternommen wurde, die sie über ein begrenztes Wohlfahrtswerk hinausheben, das Endziel, Schaffung einer nationalen Heimstätte, je erreichen kann, je erreichen will? Um dieses Endziel zu erreichen, ist die Jewish Agency geschaffen worden und als Jewish Agency hat die Zionistische Organisation die Pflicht, die Methoden der Kolonisation mit dem feststehenden Endziel in Einklang zu bringen und zu prüfen, ob Methoden, die neu vorgeschlagen werden, zu dem Vorgesetzten Ziele führen. Daher muß ein Zionistenkongreß so rasch als möglich einberufen werden, der das Gutachtenmaterial prüft, welches auf der jetzt stattfindenden Londoner Konferenz vorliegt, und der alle Vorschläge, die für die Weiterführung des Aufbauwerkes jetzt gemacht werden, Drei Unselige Von Prof. Dr. Theodor Lessing (Hannover). Einleitung. 1. Unselig ist die Pflanze, welche den Boden verdammt, daraus sie gewachsen ist. Unselig der Baum, der aus seinen Wurzeln Gift an Stelle der Nahrung empfängt und der doch keine Möglichkeit besitzt, in neuem Boden neue Wurzeln zu schlagen. Sich selber zu bejahen, sich mit Freude beugen zu lernen unter das Lebensschicksal, Erbmängel aber und Erbschuld, arbeitend, zu entlasten und sogar noch aus Wunden und Narben Licht zu gewinnen, das ist die große Aufgabe für die menschliche Kreatur. — Wo nun aber eine unsichere Minderheit abgefallen' ist von ihrer Ueberlieferung und locker verwurzelt sich fortfristet, immer in dem Bestreben, sich an andere Umwelt anzugleichen, und immer noch zurückgewiesen als nicht voll mitdazugehörig, da kommt gerade in den Bestbegabten leicht eine Seelenerkrankung zum Ausbruch: entweder als das selbstquälerische Gefühl einer „Minderwertigkeit“ oder aber als Flucht vor dieser Erkrankung in eine andere: in Dünkel auf das, was man durchaus sein möchte und als was durchaus man „gelten“ will. Alles gesunde Leben ist! Schweigend lebt es das, was es ist. Aber der unsicher gewordene und eben darum eitle Mensch pflegt gespannt darauf zu achten, daß man ihn anerkenne als das, was er sein und gelten will. 2. In bürgerlichen Familien, welche dem Judentume entstammen, ohne doch noch jüdische Familie zu sein, wachsen bedauernswerte Kinder heran, denen die Erkrankung des Selbstgefühls und seine Entartung zu Dünkel oder Selbstquälerei nicht erspart bleibt. „Wo gehören wir hin?" fragen diese Kinder. Der Sprache, der Sitte, der Gewöhnung nach, ja in allen Inhalten ihrer Seelen fühlen sie sich als Glieder eines Volkes, das dennoch nur ihr „Wirtsvolk“ ist. Aus ihm beziehen sie ihre Vorbilder und Helden. Ihm dienen sie, leben für dies Volk .und werden vielleicht auch für es sterben. Dennoch aber sagt die Welt zu den in der Luft Schwebenden in das eine Ohr: „Ihr müßt Ehrfurcht bewahren für eure Vorfahren; ihr sollt eure alte Vorgeschichte fortsetzen“; und in das andere Ohr tönt es: „Merkt euch, unser Blut ist anders als das eure.“ Was also sollen sie tun? Freundschaft, Liebschaft, Schülerschaft vergiftet ein heimliches Mißtrauen, bald mit Angst, bald mit Dünkel, bald mit Mißmut, bald mit Feigheit. Kommt nun aber hinzu, daß das Kind aus jüdischer Vergangenheit die Welt, in welcher es aufwächst, seine Eltern, seine Verwandtschaft ablehnen muß — (und ach! in wie vielen Fällen wird der hochgesinnte junge Mensch diese vernüchterte, diese entseelte Umgebung mit vollem Rechte hassen lernen!) — ja! dann ist der Boden geschaffen für jene Tragödie, die immer enden muß in Verzweiflung oder in Tod. *. 3. . Drei vorbildliche Fälle dieser Tragödie sollen im folgenden knapp betrachtet werden. Eine krankheitserregende Störung, die auf frühe Jugend zurückgeht, ist ihnen gemeinsam, und auch das Ende: der freiwillige Tod. Ungleich und persönlich ist der Verlauf der Seelenerkrankung. Im Falle Paul R 6 e führte sie zu einer schamhaften Verschüchterung, ähnlich jener Verstarrung, die man bei Menschen findet, welche ein heimliches Laster oder Gebrechen vor den Augen der Welt zu verbergen trachten. Im zweiten Falle, dem Otto W e i n i n ge r s, dem einzigen, der in weiten Kreisen bekannt geworden ist, erzeugte die Störung ein Ikaros- oder Euphorion-Schicksal: eine unnatürliche und krampfhafte Ablösung vom Irdischen überhaupt. Endlich im dritten Falle, dem weitaus ergreifendsten, im Falle Arthur T r e b i t s c h, zerbrach eine Seele in zwei Hälften. Das Ichbewußtsein bildete sich eine scheinlogische philosophische Begriffswelt. Diese Begriffswelt schob sich dann als ein Keil zwischen Seelenurgrund und logisch-ideologischen Oberbau. So wurde Seele und Geist auseinandergetrieben. Die klare Oberwelt fixer Ideen und die unklare Unterwelt krankhaften Gefühls blieben unversöhnt nebeneinander liegen. 1. Paul Ree. Paul Ree, ein junger Liebhaber der Wissenschaften und Künste, Sohn aus reichem Hause, persönlich unabhängig, trat im Jahre 1874 in Basel in Beziehung zu dem damals dreißigjährigen Friedrich Nietzsche. Zwei Jahre lang blieb er mit Nietzsche ehrfürchtig verbunden, begleitete ihn zu den Wagner-Festspielen nach Bayreuth, verbrachte mit ihm einen Winter in Sorrent. Er hatte großen Einfluß auf den damals in der Krise seiner Entwicklung stehenden Philo'sophen. Er pflanzte ihm eine Betrachtungsweise ein, welche man heute gern als „Psychologismus“ zu bezeichnen pflegt. Damit meint man jene auf englischem Boden gewachsene, von Baco bis Mill mächtig gewordene Philosophie, welche jedes Problem auf eine Frage der Seelenkunde oder, besser gesagt, auf Gesetze und Verhaltungsweisen des welterfassenden Bewußtseins zurückzuführen versucht. Für diese Richtung

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