Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1928)
- Date
- 1928-06-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Würdige Klänge zu den Festwochen — Was ein Anwalt ungestraft schreiben darf — Wiens wertvollste Kulturstätte Festwochen, Hebung des Fremdenverkehrs, Fähnchen in den Farben aller Herren Länder. Wien zeigt (wie das Lohnschreiberklischee lautet) „seine Reize“ und preist seine unvergleichlichen Kulturgüter an. Wir wollen dem Sehens- und Hörenswerten, dessen sich diese Stadt in offiziellen Werbeplakaten und Festprogrammen rühmt, einiges Interessante hinzufügen, das für die Kenntnis Wiens nicht weniger wichtig ist. Die Fremdenwerden aus unserer Auslese der Wiener Merkwürdigkeiten viel zur Beurteilung der Kulturhöhe Wiens lernen. In Wien darf ein Anwalt, wenn er eine Partei gegen einen Juden zu vertreten hat, in einem Schriftsatz Vorbringen, daß „unsere jüdischen Mitbürger“ ihren soldatischen Mut weniger in den Schützengräben zu beweisen suchten als im Hinterlande und dort „die Katastrophe herbeizu-führen suchten“. Der jüdische Prozeßgegner, heißt es in dem document humain weiter — habe die Klientin des Anwalts veranlaßt, „für ihn und seine Mischpoche Lebensmittel bei den Bauern zu sammeln und damit den Abschaum der Menschheit zu füttern“. Diese unflätigen Beschimpfungen des Judentums passieren ungehindert das Gericht, an welches die Eingabe gerichtet ist und der jüdische Prozeßteilnehmer muß erst die Klage gegen den Rechtsanwalt Karl Hübel erheben, damit dieser famose Schriftsatz der Rechtsanwaltskammer zugeht. Zur Zeit der Festwochen darf in Wien ungehindert. die Aufforderung an die Fremden erscheinen, nur in christlichen Geschäften zu kaufen. Wir haben diese sinnige und kulturell hochstehende Art der Auslandspropaganda schon gebührend gewürdigt. Sie wird von keinem Staatsanwalt gehindert und geht ungestört vor sich. Jetzt wollen wir aber die Fremden auf Wiens wertvollste Kulturstätte hinweisen und sie zum Besuch dieser herrlichsten Sehenswürdigkeit einladen, schon deshalb, weil die Fremden nicht wenig dazu beigetragen haben, dieses Kulturzentrum in der Zeit der ärgsten Mot der Stadt Wien und damit auch der ganzen Welt zu erhalten. Die Wiener Sehenswürdigkeit, zu deren Besuch wir die Fremden von Distinktion einladen, ist keine geringere, als die altehrwürdige Wiener Universität, die weithin berühmte Alma mater Rudolfina. Der prächtige Renaissancebau, an sich eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges mit seiner Rampe und Aula, erhält sein Gepräge erst durch den Arkadenhof, geschmückt mit den Hermen der Geistesheroen,, die an dieser Stätte gewirkt. Billroth, Hyrtl, Nothnagel und viele andere Namen, das ist gute Münze, die im Ausland hoch im Kurs steht. Wenn aber die Fremden schon allen Statuen ihre Reverenz erwiesen, wenn sie die weltberühmte Universitätsbibliothek in Augenschein genommen haben, dann haben wir noch die eine kleine, Bitte an sie, nicht mit dem stereotypen Ausruf „wunderbar“ weiter zu eilen, etwa gegen das Burgtheater und das Rathaus zu, sondern noch wenige Minuten in den geheiligten Hallen der Wissenschaft zu verweilen: es gibt dort noch vieles zu sehen, das Aufmerksamkeit verdient. Scheuen Sie, bitte, nicht die Mühe, steigen Sie die beiden großen Freitreppen hinan und machen Sie einen kleinen Rundgang durch die Gänge der juristischen und philosophischen Fakultät. Gehen Sie aber ja mit offenen Augen, damit Ihnen Nichts entgeht und bilden Sie sich dann selbst ein Urteil. Sie werden an den Wänden dicht nebeneinander Anschlagskästen finden, für die wir Ihre geneigte Aufmerksamkeit erbitten. Sie werden sicher darüber staunen, daß jeder zweite dieser Kästen mit dem Hakenkreuz geschmückt ist und werden zu Ihrer Verwunderung finden, daß die Ankündigungen an diesen Anschlagstafeln nichts als Beschimpfungen und Verdächtigungen gegen die Juden, einen angeblich gleichberechtigten Teil der österreichischen Bevölkerung, enthalten. Sie werden dort Namen von Vereinen finden, wie „Institut zur Pflege deutschen Wissens“, ein „Kulturamt der deutschen Studentenschaft“, einen „Alldeutschen Verband, Sektion Universität“, eine „Völkische Arbeitsgemeinschaft“, eine „Nationalsozialistische Studentenschaft“, einen „Frontkämpferverband“, einen „Deutschen Schulverein Südmark“ und viele andere, deren kulturelle Tätigkeit einzig und allein in der Ausrottung des Judentums zu liegen scheint. Auf diesen Anschlagstafeln erfahren die Fremden, was alles an Ungesetzlichkeiten im Kulturstaat Oesterreich öffentlich unter der Patronanz der Behörden gestattet ist, vorausgesetzt, daß es sich gegen die Juden richtet. Beachten Sie in dieser Nummer u. a. folgende Aufsätze und Berichte: Wir dürfen nicht warten! Von Spectator Drei Unselige. Von Prof. Dr. Theodor L e s s i n g (Hannover) Hinter verschlossenen Türen Bestrafter Idealismus. Von R. S. Filmreise zu den Jordanfischern. Von J. G1 a e s e r (Jerusalem) Antisemitenspiegel Fordert die jüdische Schule. Von Df. Binem Aszkenazy Jüdische Kultur und Literatur in Rußland. Ein Gespräch mit Schalom Asch Rundgang durch das Wiener jüdische Museum. Von —or. Theater (Novelle). Von Axel Henriques Sport, Schach, Rätsel, zahlreiche Illustrationen Vielleicht wird ein freisinniger Engländer oder Amerikaner etwas länger vor dem Anschlagskasten der „Deutschen Gesellschaft für Rassenpflege" verweilen und dort lesen, daß „die Juden die gesamte Unkultur des Ostens und die Unzucht des Orients in das deutsche Land brachten“. Oder vielleicht wird es einen der Fremden interessieren, die Annahme des D a w e s-P 1 a n e s als Verrat der 314 am deutschen Volke entlarvt zu sehen. In einem anderen Anschlagskasten wird das Palästina- Aufbauwerk als Schwindel und Bluff bezeichnet und das Mitteilungsblatt des Jüdischen Nationalfonds persifliert. Dann wieder werden die deutschen Geistesheroen, unter denen neben Goethe, Schiller und Schubert, Hindenburg und — Schlageter figurieren, den jüdischen Geistern Marx, Lassalle, Liebknecht und Adler gegenübergestellt. Ausgesuchte Bilder sollen die Minderwertigkeit der semitischen Rasse und Paradigmen die Ueberfüllung der „unproduktiven Berufe“ durch Juden und deren Beherrschung der Presse beweisen. In einem Anschlagskasten auf der philosophischen Fakultät, natürlich geziert mit dem Hakenkreuz, kündigt der Führer der Radaustudenten, Professor Othmar Spann, seine sogenannten wissenschaftlichen Werke an. Das nur Beispiel, Aufzählung der krassesten Fälle, die keineswegs Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Vor nicht allzu langer Zeit tobte um die Anschlagskästen in der Universität ein erbitterter Kampf. Unter dem Druck der öffentlichen Meinung, sah sich das hochlöbliche Rektorat veranlaßt, zu dekretieren, daß nur solche Anschläge, die mit dem Siegel der Universität versehen sind, affichiert werden dürfen. Politische Ankündigungen sollten in Hinkunft überhaupt verboten sein. Eine Zeitlang wurde diese Verfügung auch respektiert. Es wurden eben dieselben gesetzwidrigen Aufreizungen gegen die jüdische Bevölkerung gleichsam unter amtlichem Siegel publiziert. Jetzt ist man wieder von dieser umständlichen Methode abgekommen, jetzt kann wieder jeder Hakenkreuzjunge statt der für diese Zwecke so beliebten Abortwände, die Anschlagskästen der höchsten geistigen Bildungsstätte unserer Republik mit seinen politischen Offenbarungen beschmutzen. Der Ruf der Wiener Universität hat in der letzten Zeit durch die Schiebungen mit den Professuren innerhalb des antisemitischen Alten-Herrenklüngels sehr stark gelitten, die ständigen Hochschulkrawalle, bei denen selbst Studentinnen straflos in der rüdesten Weise mißhandelt wurden, haben das ihrige dazu beigetragen. Man mache uns nicht den Vorwurf des Defaitismus oder des Landesverrates, wenn wir die Fremden zu einem Besuch der Wiener Universität einladen. Das Ausland hat ja geholfen, dieses Institut, das den Ruf einer Kulturstätte hatte, in den Zeiten der ärgsten Bedrängnis zu retten; auch viel jüdisches Geld ist in die Kassen der Wiener Universität geflossen. Die Fremden haben ein Recht darauf, sich davon zu überzeugen, wie dieses mit ihrem Gelde wieder aufgerichtete Institut verwaltet wird. Aber die Juden Wiens, besonders die jüdische » Studentenschaft Oesterreichs, dürfen diese täglichen Beschimpfungen nicht weiter dulden. Dazu steht ihnen der Weg des Gesetzes offen. Da die akademi-