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Die Stimme · 1928-06-14 · Heft 24 (14.6.1928) · page 12

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 24 (14.6.1928)
Date
1928-06-14
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
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Seite 12 DIE STIMME Nr. 24 TANZ-ABEND m atrfrutf« Kraut u. BniauiMa yflnoo pfnapemia MitwIrKiid: das Wiener SympHonleorcMr Hellod rruJiallllB 1. Juli Uhr abends » Burggarten (im Falle ungünstiger Witterung im Festsaale der Neuen Hofburg). Karten im Zionistischen Landeskomitee, 1., Kärntnerstr. 28 und bei allen Mitgliedern des Blau-Weiß (Heim: IX., WBhringerstraße 15). Der Reinertrag fließt jüdisch-kulturellen Zwecken zu. mimen schreiben wollte. Der verstorbene Jules Lemaitre, der ausgezeichnete Kritiker und die „göttliche Sarah" selbst setzten sich für sie ein und klatschten ihr Beifall. Dann war der Erfolg einmütig. Ihre Tanzkunst und ihr Tanz in der Pantomime wurden bekannt als die „Rubinstein-Kunst . Wie man heute sagt, „die Wigmann-Schule". Man fand sie unvergleichlich und gestand ihr einen eigenen Maßstab zu. Sie hatte eine neue Kunst geschaffen, die andere nachahmten, aber niemand erreichte. Nach seinem Erlebnis mit der unvergleichlichen Düse, er hatte ihr auch gehuldigt, für sie Stücke geschrieben, und, es sei zugegeben, sie auch geliebt, kam d'Annunzio nach Paris und schrieb einige Pantomimen für Ida. Und der „Rubinstein-Triumph" wurde noch größer. Sarah Bernhardt fühlte sich zu ihr hingezogen. Sie machte ihr den Vorschlag, Ida Rubinstein, die Tänzerin und Pantomimenspielerin, zur Schauspielerin auszubilden, zur Tragödin! Die göttliche Sarah arbeitet an der Ausbildung von Ida Rubinsteins Stimme mit der gleichen Hingabe, wie sie einst Diaghileff an die Ausbildung ihres Körpers gewandt hatte. Der Versuch begeisterte sie. Sarah wollte hier erreichen, was ihr selbst nicht gegeben war: für die schönste Stimme der Theaterwelt gleichwertige körperliche Schönheit! Ida Rubinstein würde die Bernhardt-Tradition nach ihrem Tode fortsetzen. Aber gerade, als Sarah Bernhardt so weit war, Ida Rubinstein in ibrem eigenen Theater, dem Theater Sarah Bernhardts, dem Publikum vorzustellen, entschloß sich Ida Rubinstein zum Verzicht. Sie wollte sich ganz von der Oeffentlichkeit zurückziehen, sie war bühnenmüde. Ida Rubinstein schuf sich ein wundervolles Heim in nächster Nähe von Paris und lebte ein Einsiedlerleben. Nur ein paar allerbesten Freunden stand ihr Haus offen. In der Einsamkeit ihres Heims entsagte Ida Rubinstein endgültig dem Tanz und widmete sich völlig ihrer künstlerischen Auferstehung im Drama. Als Sarah Bernhardt starb, hat es Ida Rubinstein zunächst als eine heilige Pflicht angesehen, die Bitte Sarah Bernhardts zu erfüllen, die, wie sie ihr in einem ihrer letzten Briefe schrieb, ihren Ehrenmantel (eine Reliquie wie der Ifflandring) an sie weitergegeben hatte. Aber Ida zögerte, zögerte bis vor einigen Jahren, als sie d'Annunzio wiedersah und er sie überredete, doch wieder zur Bühne zurückzukehren. So übernahm sie schließlich das Theater Sarah Bernhardt und erregte den Enthusiasmus von ganz Frankreich durch ihre Neuschöpfung von „Camille", der großen Bernhardt-Novelle. Es war eine Offenbarung. Es schien, als hätte sie auch die Vitalität von Sarah Bernhardt. Ihr Gesicht und ihr Körper waren kaum gealtert. In einem Zeitpunkt, wo andere Schauspielerinnen sich im Abstieg befinden, erreichte sie neue Höhen. Ihre Stimme, tiefer getönt als die Stimme Sarah Bernhardts, hat den gleichen Klangreichtum. Sie verkörpert die große, klassische Tragödie. Dieses polnisch-jüdische Mädchen wurde die Hauptstütze des französischen Dramas, Ida Rubinstein, die Tänzerin ist vergessen. Es lebt nur noch Ida Rubindition fortsetzt. Eine Jüdin, ist in Frankreich zum stein, die große Tragödin, die die Bernhardt - Trazweitenmal das Genie der Schauspielkunst. Eine Jtigendgespielm von Brahms gestorben Im Alter von 92 Jahren starb in Danzig Frau Nanette Falk-Auerbach, eine der ältesten Einwohnerinnen dieser Stadt. Ihr Name und ihr Leben waren mit einem großen, bedeutungsvollen Abschnitt der Musikgeschichte verknüpft und es hatte einen eigenen Reiz, die rüstige Greisin, deren Ruhm als Pianistin einst die Konzertsäle Europas erfüllte, von ihren großen Erinnerungen plaudern zu hören. In Hamburg als Kind jüdischer Eltern geboren und aufgewachsen, gehörte sie zu den Spielgefährten Johannes Brahms, des um einige Jahre Aelteren. Jenny Lind, die „schwedische Nachtigall", erwählte sie zu ihrer Konzertgefährtin und förderte die junge Künstlerin musikalisch in jeder Weise. In Düsseldorf kam Nanette Falk dann in das Haus Robert und Klara Schumanns, deren Kinder sie einige Zeit unterrichtete. Dort, in dem Kreise um Schumann, trat sie auch einer großen Anzahl anderer führender Musikerpersönlichkeiten näher, mit denen sie für ihr späteres Leben in Beziehungen verblieb, darunter mit Felix Mendelssohn-Bartholdy. Sie unternahm dann große Kunstreisen und wurde überall, besonders auch an den Höfen Europas, gefeiert. In Paris verkehrte sie im Hause Rossinis und wurde auch mit Richard Wagner bekannt. Eine langjährige Tätigkeit am Poabody-Institut in Baltimore gab der Künstlerin Gelegenheit, zahlreiche junge Talente zu entdecken und verständnisvoll zu fördern. Dort heiratete sie auch ihren längst verstorbenen Gatten, den aus Danzig stammenden Bibliophilen Auerbach. Seit ihrer Uebersiedlung nach Danzig ist Nanette Falk-Auerbach öffentlich kaum noch hervorgetreten. Wunschgemäß wurde sie unter den Klängen Rossinischer Musik zur letzten Ruhe gebettet. Mordechai Sandberg Von Joachim Stntschewsky. Ein merkwürdiger Zufall fügte es, daß gerade an dem Tage, da wir ein Faksimile, den Beginn seines 51. Psalms, veröffentlichten, der in Jerusalem lebende Komponist dieses Werkes, M. Sandlberg, besuchsweise nach Wien kam. In unserem Artikel „Musikleben in Palästina", wurde bereits kurz auf Sandberg und seine Werke hingewiesen. Wir freuen uns heute, anläßlich seines hiesigen Aufenthaltes, über seine Persönlichkeit und sein Schaffen ausführlicher berichten zu können. Wir hoffen auch, daß die begonnenen und noch auszubauenden Beziehungen zu den jüdischen Musikern und der jüdischen Musikkultur in Palästina durch die persönliche Bekanntschaft mit dem bedeutenden Repräsentanten der dortigen Komponisten noch enger geknüpft werden. Der Name Sandberg ist außerhalb Palästinas nur wenig bekannt. Und doch gehört er sicherlich zu den markantesten Erscheinungen der extremen Richtung im zeitgenössischen musikalischen Schaffen. In Sandberg lernten wir eine Persönlichkeit kennen, die von starken inneren Kräften getrieben, von unerschütterlichem Glauben an ihre Mission beherrscht und von Hoffnungen und Ideen erfüllt ist. Er ist ganz Jude, ganz Orientale, Von den europäischen Komponisten der Gegenwart steht er vielleicht Schönberg und seinem Kreise, teilweise auch dem Prager Viertelton-Komponisten Alois Haba — wohl mehr in bezug auf das Tonsystem — am nächsten. Bei näherer Analyse seiner Werke wird auch diese Beziehung gelockert und man erkennt in ihm einen absolut selbständigen Künstler, der seine eigenen, noch wenig begangenen Wege wandert. Er befindet sich heute auf einer einsamen Höhe, die er langsam, jedoch zielbewußt erklommen hat. Sandbergs Kunst ist die problematischeste und die vielleicht unerkannteste der jetzigen Zeit. Seiner Kompositionsweise liegt das feindifferenzierte orientalische Melos zugrunde, welches von einer strengenPolyp h o n i e durchgebildet wird und eine besondere A r - chitektur aufweist, die, wenn man Vergleiche ziehen will, mit den Passionen von Bach und den instrumentalen Symphonien von Mahler eine gewisse Verwandtschaft aufweist. Das Urbild seiner Schöpfungen ist mehr im Metaphysischen zu suchen, das sich in seiner Phantasie zum realen Klangbild formt. Der ganze Organismus des Werkes — Gestalt, Melos, Rhythmus, Farbe — ist schon im Moment der Konzeption intuitiv bestimmt. Der Prozeß des Schaffens ist ihm zunächst ein Ringen um die ethische Höherentwicklung der eigenen Seele. Zugleich erkennt er jedoch die Bedeutung der Musik für die Allgemeinheit, ja für die Menschheit an. Er erträumt eine Musik, die die ganze Welt umfaßt und in der Orient und Okzident ihr Wesen in gleicher Weise zum Ausdrucke bringen. Daß eine Musik von derart exorbitanter Ausschließlichkeit, wie alles Neue, auf Widerstände von Seiten der Fachkollegen und des Publikums stößt, muß leider als eine Selbstverständlichkeit bezeichnet werden. Es war zu allen Zeiten und auf den verschiedensten Gebieten der Kunst und der Wissenschaft nicht anders. Es liegt allerdings auch in der Art dieser „neuen Musik“, daß sie zunächst Befremdung und Unverständnis auslöst. In bezug auf sein neues Tonsystem gibt Sandberg selbst einen sehr treffenden Vergleich: „Wenn man zum ersten Male in ein Mikroskop schaut, sieht das Auge zunächst gar nichts. Das Ganze ist im Gesichtsfeld wie mit einer Wolke überzogen. Nach wiederholtem Hinsehen unterscheidet jedoch das Auge bereits die feinsten Strukturen und erkennt ein ungeahntes, mannigfaches Leben. So ist es auch mit dem menschlichen Gehör.“ Die Werke von Sandberg eilen der Zeit um ein gewaltiges Stück voraus. Ob sie in Zukunft Höhepunkte wie die der heutigen „Klassiker“ bedeuten werden, vermag man jetzt nicht zu entscheiden. Das weiß man heute von keinem Komponisten. Man kann sich zur neuen Musik stellen, wie man will oder es für richtig hält. Die Unbedingtheit der Ueberzeugung, die äußerste Hingabe und Intensivität. die unerbittliche Folgerichtigkeit von Sandbergs Schaffen muß auch bei den Zeitgenossen zumindest Achtung und Unterstützung finden. Das Große an ihm ist noch seine feurige Musikernatur! Neben der Komposition widmete sich Sandberg — besonders in den früheren Jahren — organisatorischen, pädagogischen und propagandistischen Aufgaben. Er gründete die „Palestine Musicians Association" zur Wahrung beruflicher Interessen und zur gegenseitigen musikalischen Förderung. Dieser Vereinigung gehören alle ausübenden Musiker des Landes an. Sandberg selbst ist vor zwei Jahren aus dem Vorstand ausgetreten. In den letzten Jahren widmet er seine ganze freie Zeit dem von ihm ins Leben gerufenen „Jerusalemer Institut für neue Musik“ und der daran angegliederten „Gesellschaft für neue Musik“, die in diesem Winter vierzehn Konzerte veranstaltet hat. Die Aufgabe und das Ziel des Institutes ist, wertvolle Musik zu pflegen, insofern sie neu ist, das Verständnis für die neuen Stilprobleme in der Musik und der neuen Kompositionstechnik zu wecken und weitere Kreise zur modernen Musik heranzubilden. Sandberg glaubt, daß auf dieser Grundlage eine „jüdische Schule“ in der Musik im entstehen ist, die bald eine Weltgeltung haben wird. * Die Kompositionen von Sandberg werden im Verlage des „Jerusalemer Institutes für neue Musik“ erscheinen. Vor einigen Monaten erschien bereits die Partitur des 51. Psalms. Es folgen denlhächst: „K o h e 1 e t h", 5 Rezitative für Bariton und Klavier und die erste Cello-Suite. Infolge der gegenwärtigen Schwierigkeiten des Notendruckes in Palästina wird die Drucklegung der weiteren Werke längere Zeit in Anspruch nehmen müssen, weshalb beschlossen wurde, den Interessenten die Anschaffung von handschriftlichen Exemplaren zu ermöglichen. Sandberg hat nahezu 4 0 W e r k e komponiert, darunter zwei Streichquartette, zwei Symphonien (eine für Chor und Orchester), eine Ouvertüre zu Demosthenes „Kachauer bejat Hajozer“ für Violine, Gesang und Harmonium, ein Oratorium „Tefilath Raw für zwei Chöre und Orchester, „Nigunim“ für Chor- Unisom, A-cappella-Chöre, Lieder nach eigenen und Tagore-Texten, Sonaten für Violine, Bratsche und Cello- Solo usw. Jossele Rosenblatt kommt nach Wien Am 27. Juni gibt der berühmte New Yorker Oberkantor Josef R o s e n b 1 a 11, der gegenwärtig eine Konzerttournee durch 25 europäische Städte, nach Kairo und Palästina absolviert, ein Konzert im Großen Konzerthaussaal in Wien. Kantor Rosenblatt, unter dem Namen »Jossele Rosenblatt« in der ganzen jüdischen Welt populär, stammt aus dem polnischen Ghetto; dort erlangte er mit seiner silberhellen Tenorstimme und seinem von echtem jüdischen Empfinden beseelten Vortrag der jüdischen Gebete bald allgemeine Popularität, Nach kurzer Wirksamkeit in Zürich ging er vor mehreren Jahren nach New York. Jossele Rosenblatt ist dort ebenso populär wie in der alten Welt und daher löst sein bevorstehendes Auftreten in Wien größte Spannung aus. Musik zu Perez-Einaktern Durch das „Hebräische Studio * in K o w n o (Leitung Michael Gor) gelangten vier dramatische Stücke von J. L. P er e z zur Aufführung, zu denen der in Berlin lebende Komponist J. Gladstein die Begleitmusik geschrieben hat. Jehuda Halevy- und Bialik-Straßen Aus Mukacevo wird uns geschrieben: In einer seiner letzten Sitzungen beschloß der Stadtrat von Mukacevo über Antrag des jüdisch-nationalen Stadtrates Isidor Deutsch, die große Judengasse nach dem unsterblichen Dichter Jehuda Halevy und eine andere neuangelegte Gasse nach dem großen hebräischen Dichter B i a 1 i k zu benennen. Die neuen Straßentafeln wurden bereits angebracht und es mag kein Zufall sein, daß die weithin sichtbare Straßenbezeichnung der Jchuda-Halevy-Gasse gerade, an die Mauer des großen Tempels angebracht wurde, in welchem der berüchtigte Zionistenbanner und Feind hebräischer Dichtkunst Oberrabbiner S p i r a, AJleinherrscher ist. Die Musikabfeüung der Jüdischen Nationalbibliothek In der National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem ist seit langem der Mangel an Büchern über Musikgeschichte, speziell über jüdische Musik, fühlbar. Es fehlen besonders Bücher über Geschichte der Musik in biblischer Zeit, Geschichte des synagoigalen Gesangs, Sammlungen von Melodien berühmter Vorbeter, Sammlungen jüdischer Volkslieder und Bücher über dias jüdische Volkslied, sowie die Musik anderer orientalischer Völker. — Vor kurzem hat Frair Leonie Guinzberg in New York der Bibliothek die Summe von 1000 Dollar zu dem Zwecke übermittelt, die Musikabteilung der Bibliothek in dieser Richtung auszubauen. „Habimah“ bleibt in Palästina Aus Jerusalem wird gemeldet: Das hebräische Theater „Habimah", das in T e 1 - A v i v aus Anlaß der 600. Vorstellung von An-skis „Dyibuk" seit der Aufnahme des Stückes ins Repertoire stürmisch gefeiert wurde, hat den endgültigen Beschluß gefaßt, in Palästina dauernd zu verbleiben, Gastspiel der Wilnaer Truppe in Wien Wie wir erfahren, verhandelt die „Wilnaer Truppe“; welche gegenwärtig, wie bereits berichtet, in Warschau Schalom A s c h s „Glaubensmartyrium" mit großem Erfolge spielt, mit einer Wiener Bühne wegen eines Gastspiels in Wien, bei dem sie das Drama von Asch und die anderen Stücke ihres Repertoires zur Aufführung bringen will. Die Verhandlungen, über deren Ergebnis wir berichten werden, führt der dem Wiener Publikum noch von seiner Wirksamkeit an der „Freien jüdischen Volksbühne" her bekannte Darsteller Simon Nathan, der zur Zeit in Wien weilt. Nathan wird in Kürze in einer Komödie von Scholem Alechem, in der neben anderen bekannten jüdischen Schauspielern auch Jehuda Ehrenkranz mitwirkt, wieder vor das Wiener Publikum treten. Jüdische Künstlerspiele, »Palaschka«, eine Operette von Schorr und Rumschinsky, gab dem neuen Star der »Jüdischen Künstlerspiele«, Vera Kanjewska, Gelegenheit, ihren vielgerühmten verfeinerten Operettenstil zu zeigen; um es kurz zu sagen: er gefiel gerade wegen seiner Unaufdringlichkeit, seiner Natürlichkeit und seiner Einfachheit. Paul Breitjyaiüdb

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