Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1928)
- Date
- 1928-06-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24 DIE STIMMF Seite 9 „Men benkt noch Erez Israel“ Eindrücke und Beobachtungen aus den argentinischen ., Judenkolonien. Von Agronom J. A. Ettinger. r. Der bekannte Agronom Ettinger, der; jetzt in Südamerika ■weilt, gibt nachstehend seine 'Beobachtungen in den jüdischen Kolonien Argentiniens wieder, die für das Problem der Verwurzelung mit demi Boden auch bei der Palästina - Kolonisation vom größtem 'Wert sind und daher hier wiedengegeben werden. Die Red. Vor sechzehn Jahren habe ich zum ersten Male die jüdischen Kolonien in Argentinien besucht. Schon damals war es mir klar, daß im allgemeinen, trotz der vielen ersten Schwierigkeiten und trotz der unzähligen Fehler seitens der Kolonisatoren und der Kolonisierten, die argentinischen Kolonien einen wirtschaftlichen Erfolg bedeuteten. Bei meinem jetzigen Besuche sehe ich nun einen nicht anders als glänzend zu bezeichnenden wirtschaftlichen Erfolg einer sehr bedeutenden Zahl der Kolonisten. Von den Kolonisten selber höre ich nichts, als Ausdrücke der Zufriedenheit über ihre materielle Lage. Sie sprechen zumeist bei allen möglichen Gelegenheiten ihre Dankbarkeit dem Baron Hirsch gegenüber aus, der sie von armen Teufeln zu „Pomeschtschik’lech“ — zu kleinen Großgrundbesitzern — gemacht hat. Und wie könnten sie unzufrieden sein, da sie tatsächlich zu einem sehr bedeutenden Vermögen und zu sehr hohen Erträgen von den ihnen überwiesenen Ländereien gelangt sind. Wird doch der Wert des Bodenanteiles eines Kolonisten in der Provinz Entre-Rios, die ich soeben bereist habe, mit durchschnittlich 200 argentinischen Pesos pro Hektar und mit 30.000 Pesos pro Bodenanteil von 150 Hektar per Familie oder mit zirka 2650 englischen Pfund eingeschätzt. Und haben doch heuer — allerdings ist heuer in der Provinz Entre-Rios eine ausnahmsweise günstige Weizenernte ausgefallen — sehr viele Kolonisten Reineinnahmen von 6000 bis 8000 Pesos (etwa 500 bis 700 englische Pfund) erzielt. Aber auch in gewöhnlichen Jahren haben die Kolonisten sehr schöne Einnahmen von ihrer Milchwirtschaft und auch von der Geflügelzucht, die in letzter Zeit bei ihnen sich recht hübsch entwickelt haben. Aeußerlich sieht man den Wohlstand — auf den Feldstraßen, wo man häufig Kolonisten in Autos, die sie selbst lenken und die ihnen gehören, begegnet. Und im Gespräch erfährt man, daß der Uebergang von den ersten bescheidenen Fords zu den eleganten Chersolets und Rugbys sich schnell vollzieht. Ein anderes, noch bedeutenderes äußeres Zeichen des wirtschaftlichen Wohlhabens sind die großen Kuhherden von dreißig bis fünfzig und manchmal bis hundert Stück, die in den Drahtumzäunungen der Kolonistenfelder auf üppigen Weiden, auch im stets regnerischen Sommer, sich sichtlich wohl fühlen. Im Durchschnitt besitzt der hiesige Kolonist heute, außer dem Boden, an Gebäuden, die meist bescheiden, allzu bescheiden sind, an Vieh, Maschinen usw. etwa 12.000 bis 15.000 Pesos, sodaß sein gesamter Besitz ungefähr 4000 englische Pfund ausmacht. Darauf hatte er — gleichfalls durchschnittlich — einst von der ICA eine Schuld von 6000 Pesos für den Boden und 3000 Pesos für die Installierung, insgesamt also von ungefähr 800 Pfund übernommen. Etwa ein Drittel aller jüdischen Kolonisten haben schon ihre Schulden ausbezahlt und sind unabhängige Bodenbesitzer oder „emanzipierte" Kolonisten geworden. Ein zweites Drittel wird dem ersten in den nächsten paar Jahren folgen und bald darauf aiich das letzte Drittel. Mit'diesem Ergebnis sind nun Kolonisatoren und Kolonisierte, und zwar mit Recht, äußerst zufrieden. Und doch schweben über dem sonnenklaren argentinischen Landschaftsbilde sehr oft — auch im Sommer — schwere Wolken von grauenhaftem Aussehen. Damit soll nicht insinuiert werden, daß dem wirtschaftlichen schönen Bilde grauenhafte Wolken drohen — etwa in Gestalt von starker Verschuldung oder von einer den Einnahmen nicht entsprechenden breiten Lebensweise, oder von allzu spekulativen Richtungen in der Betriebsweise und dergleichen mehr. Nein, die Kolonisten sind zumeist sehr wenig verschuldet. Auch ihre Lebensweise, die oft die gesamten Einnahmen des Jahres verschlingt, bedeutet keine Drohung, da der Gesamtwert der Wirtschaften von Jahr zu Jahr steigt — durch das Steigen der Bodenpreise und durch die fortwährende Vermehrung des Viehvermögens. Auch die einstige Gefahr der Monokultur — des Anbaues von fast ausschließlich Weizen — ist längst verschwunden. Die gemischte Wirtschaftsführung hat sehr große Erfolge zu verzeichnen. Man baut auf den Feldern in Entre-Rios viel Lein und Mais an zum Verkaufe und viel Sudangras als Futterpflanze fürs eigene Vieh. Milch, Eier, Kälber und Geflügel sind bedeutende Zugaben zu den Einnahmen aus dem Ackerbau, Und im allgemeinen wird gut, recht gut in den jüdischen Kolonien der Provinz Entre-Rios, die ich mir soeben angesehen habe, gewirtschaftet. Also, nein: keine starke Verschuldung, keine zu breite Lebensweise, keine Einseitigkeit des Betriebstypus, kein allzu spekulativer Charakter der Wirtschaftsführung. Die grauenhaften, drohenden Wolken sind anderer Natur. Die Drohung besteht darin, daß der Boden selbst unter den Füßen der kommenden Generationen zu verschwinden droht. Das Grauenhafte drückt sich aus in der Erscheinung, daß bereits jetzt — in Entre-Rios weniger und mehr in anderen Provinzen — die jüdische Landwirtschaft sich an Gesamtfläche verkleinert, einschrumpft, anstatt sich auszubreiten. Kolonisten verkaufen zum Teile ihre Böden — auch an Nichtjuden —, nachdem sie ihre Schulden an die ICA ausgezahlt haben. Dies sollte der ICA selbst schwere Sorgen bereiten, wie dies den besten Elementen unter den Kolonisten schwere Sorgen macht. Die ICA aber ist hier um Einnahmen mehr besorgt, als um die Festigkeit ihres hiesigen sonst großartigen Werkes. Sie treibt die Kolonisten an, möglichst schnell ihre „Titulos" auf den Boden zu erlangen, sich möglichst bald zu emanzipieren. „Emanzipation" der Kolonisten ist der gebräuchliche Aus¬ 7^77 Der jüdische Bauernnachwuchs in Erez Israel: Schüler der Landwirtschaftsschule in Mikweh-Israel bei der Arbeit im Schulgarten. Die Schule« eine Gründung des am 16. Juni 1882 verstorbenen Charles Netter, kann als Wiener jüdisches Werk angesehen werden. druck der ICA-Administration in bezug auf ihre Siedlungs- und Bodenpolitik. Nach sehr kurzer Zeit — vielleicht schon nach zehn Jahren — wird diese Politik verhängnisvolle Resultate ergeben. . Grauenhaft für die Zukunft der jetzt noch blühenden Kolonien ist ferner die Erscheinung, daß die Kinder der dritten Generation die Kolonien fast durchwegs verlassen. Die zweite Generation — die Kinder, die mit den Eltern hierher gekommen sind — übernimmt oder hat bereits zumeist die Wirtschaften ihrer Eltern übernommen. Die Kinder aber von den Eltern dieser zweiten Generation gehen zum größten Teile in die Stadt, zu städtischen Berufen, zu denen sie mit all der Versuchung des städtischen Lebens und der städtischen Kultur herangelockt werden. Die Schule, von der schon seit vielen Jahren die ICA sich fast gänzlich emanzipiert hat, indem sie sie der Regierung übergeben hat und bloß armselige „Cursos religiosos" beibehalten hat, wirkt ihrerseits mächtig auf die Jugend im Sinne der Entfremdung vom Elternhause mit seiner jiddischen Sprache und mit seinen aus dem kleinen „Städtchen" mitgenommenen Lebensgewohnheiten. Liebe zum Boden wird nicht eingewurzelt, kann bei der dritten Generation nicht eingewurzelt werden. Keine „terre d’amour" hier und keine „Amour de la terre". Die Kolonisten von der ersten und zweiten Generation lamentieren und seufzen darüber — und mit Recht. Manche hoffen, daß der jetzt von der „Föderation der jüdischen landwirtschaftlichen Kooperativen" projektierte Kolonisationsfonds Heilung -bringen wird. Die meisten aber glauben daran nicht — und ohne ihr eigenes Geschick in irgend einer Weise in Gedanken mit Erez Israel zu verbinden, klammern sie sich an Zionismus. Tatsächlich sind in den meisten Kolonien alle hundert Prozent und in den übrigen — wenigstens schätzungsweise — 90 Prozent zionistisch gestimmt. „Mir netigen sich on Erez Israel mehr, wie Erez Israel on uns" — habe ich oft während meiner letzten Bereisung in Entre-Rios gehört. Gemeint wird damit, daß die Aufbauarbeit dort einen Lebensinhalt hier gibt. Die armen Eltern und Großeltern denken dabei mehr an ihre Söhne und Enkel, als an sich selbst. Jedesmal, wenn ich in meinen Ansprachen dieses Thema berührte, sah ich die Tränen in den Augen dieser armen Leute. „Men benkt noch Erez Israel", höre ich oft hier sagen. Und andere sagten mir: „Erez Israel hat uns stark gemacht. Wir sind „bei sich gewachsen diese letzten Jahre, wenn wir hören, wie man baut dort „die jiddische Medine". Und ein sephardischer Jude, Herr Dr. Ventura aus Concordia, einer Stadt in der Provinz Entre-Rios, hat in schönen spanischen Worten mir gesagt: „Ohne Erez Israel sind wir hier verloren. Mit Erez Israel ist unsere Ehre, unser Prestige („Prestigio") gestiegen — unter uns selbst und unter unseren Nachbarn, den Christen." Nach einigen meiner „Konferenzen", wie man hier Vorträge und Reden, Versammlungen und Meetings bezeichnet, provozierte ich Fragen über Zionismus und Erez Israel. Ein gewisser Grinberg (gleichfalls in Concordia) fragte: „Wie läßt es die Zionistische Organisation zu, daß die Lehrer viele Monate lang kein Geld bekommen?" Die Frage wurde durch den Zwischenruf eines Zuhörers beantwortet: „Wie lasset ihr das zu?" Es war mir danach sehr leicht, die Frage eingehender zu behandeln. Eine andere Frage war: „Wie verhalte ich mich zur Kolonisation in Sibirien?" Meine Erklärung, daß jede landwirtschaftliche Kolonisation die jüdische Neschomo für Erez Israel vorbereitet, wie dies die Entre-Rioser Kolonisten, wie dies die Entre-Rioser Kolonisation dartut, hat dem Fragesteller und dem Publikum volle Befriedigung verschafft. Die Schilderung der Lebensweise in unseren Kolonien — in den individuellen und kollektivistischen — packt die hiesigen Kolonisten und Kolonistinnen. „Men benkt noch Erez Israel." Man sehnt sich nach Idealismus, engere Verknüpftheit mit dem Boden, Schaffung einer neuen Lebensweise, einer neuen „Jiddischkeit", da die alte so gut wie nicht mehr existiert und jedenfalls vor dem Untergänge, vor dem Zerfließen im großen spanischen Assimilationsozean nicht zu retten vermag. Die einzige Rettung — ist der Gedanke an den Aufbau des neuen Heimes im alten Lande und die Mitarbeit daran in der einen oder anderen Weise. Die Verwaltung von Jerusalem Der Rat der jüdischen Gemeinde von Jerusalem hat soeben ein Projekt ausgearbeitet, nach welchem der Teil Jerusalems, der nur von Juden bewohnt ist, einen eigenen, j ü - di sch geleiteten Magistrat erhalten soll. Das Projekt wird in diesen Tagen der Regierung mit der dringenden Aufforderung zu dessen Durchführung unterbreitet werden. Bei den im April 1927 stattgefundenen Jerusalemer Stadtratwahlen war das jüdische Votum von ausschlaggebender Bedeutung. Die jüdischen Wähler hatten einen Wahlblock gebildet, der alle jüdischen Richtungen umfaßte. Dadurch wurde es ermöglicht, vier Juden in den Stadtrat zu wählen. Es sind dies Isaac Ben Z w i, Isaac E1 i a s h a r, Haitn Solomon und Eiiah S h a m a h. Hahn Solomon wurde dann zum Vizebürgermeister von Jerusalem gewählt. Die Anregung zur Bildung einer eigenen Stadtverwaltung im jüdischen Teil Jerusalems ging von der Londoner Wochenschrift „Jewish Chronicle" aus, die darlegte, daß der jüdische Teil Jerusalems die Spitze des jüdischen Nationalheims zu bilden habe. Die Arbeiterbibliothek in Erez Israel Aus der im Jahre 1912 von den Arbeitern in Judäa begründeten landwirtschaftlichen Wanderbibliothek hat sich allmählich bis heute eine umfangreiche zentrale Arbeiterbibliothek entwickelt, die heute zirka 65.000 B ä n de umfaßt und etwa 80 Abteilungen hat. Sie befriedigt als einzige das Lesebedürfnis des flachen Landes. Die Güicherverteilung wird durch zwei Bezirksbibliotheken (eine für den Distrikt Judäa, die andere für die übrigen Distrikte) reguliert. In der Bibliothek nehmen den ersten Platz die hebräische Literatur, alles, was in irgend einem Zusammenhänge mit dem Leben des jüdischen Volkes, seiner Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft steht, und die jüdische Literatur ein. Ein großer Teil der Leser liest auch Li- Kennen Sie schon das vielbändige Jüdische Hexihon? Dieses Standardwerte des Judentums ist Das erste jüdische Konversulions« lexihoiiin deutscher Sprache über alle wichtigen Gegenstände, Personen und Probleme der jüdischen Vergangenheit und Gegenwart. Sin enzyklopädisches ftfachschla« gewerh mit über 15.000 sorgfältig ausgewählten Stichwörtern aus sämtlichen Gebieten des jüdischen Lebens. Sine Fundgrube jüdischen Wissens für alle Gebildeten, Akademiker, Kaufleute, Beamten und Lehrer. Sine jüdische ftiblielheh in sich, ist es der tägliche Bedarfsgegenstand jeder öffentlichen und privaten, wissenschaftlichen und Volksbibliothek, jedes Gemeinde- und Vereinsbüros. Unentbehrlich aut dem Schreiblisch des Historikers, des Theologen, des Philologen, des Politikers, des Redakteurs, des Verwaltungs- und des Sozialbeamten. Sinzigarliger ‘f&ilder* und ‘Beilu* genreichlutn s An 1000 Porträts und Autogramme, 35 farbige und Kupfertiefdrucktafeln, über 150 Doppeltondrucktafeln, historische Briefe in Faksimile, über 1000 Textbilder, 30 mehrfarbige Karten, 30 Notenbeilagen neben vielen Notenbeispielen usw. Herausgegeben von Dr. HERLITZ u. Dr. KIRSCHNER unter Mitarbeit von über 230 jüd. Gelehrten und Schriftstellern. ilmfang ca. 1SC "Sogen ßexihontormat. Druck: Fodoni-Antiqua auf bestem holzfreiem Naturkunstdruck- und Kunstdruckpapier Subskriptions-Preis per Band in Ganzleinen . . M 35’— „ „ „ Halbleder . . . M 44’— „ „ „ Ganzleder . . M 58*— Subskriptionsschluß bevorstehend 1 Nach Subskriptionsschluß tritt der erhöhte Ladenpreis in Kraft! Teilzahlungen möglich 1 Verlangen Sie Prospekt oder unverbindlichen Besuch meines Vertreters (auch außerhalbWiens u.Sukzessionsstaaten) - Hier abschneiden. -- Bestellzettel. An die Verlagsvertretung des „Jüdischen Verlag“ 6. m. b. H. (Buchhandlung Josef Brenner) Wien II, Praterstraße 23. Ich bestelle hiemit unwiderruflich .Exemplare von vlerbdg•. jüd. Lexikon, herausgegeben Von Dr. Herlitz und Dr. Kirschner in Ganzleinen zum Subskriptionspreise je M 35'— pro Bd. „ Halbleder w „ „ M 44'— „ „ „ Ganzleder „ „ „ M 58‘— n „ und verpflichte mich alle 4 Bände fallweise sofort nach Erscheinen zu dem festgesetzten Subskriptionspreis zu übernehmen und bandweise — gegen Teilzahlung von . monatlich zu bezahlen. Unterschrift.— Datum. Adresse.