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Die Stimme · 1928-06-14 · Heft 24 (14.6.1928) · page 8

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 24 (14.6.1928)
Date
1928-06-14
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seit'» « DIE STIMME Nr. 24 Antisemitenspiegel [ Antisemitische Innenkolonisation Die Versuche der Antisemiten, die Juden aus jenen Erwerbsgebieten, in denen sie seit vielen Jahrzehnten führend sind, zu verdrängen, hat zu keinem nenenswerten Erfolg führen können. Die bisher angewendeten Methoden, die gewaltsame Züchtung eines nichtjüdischen Kaufmannstandes, wie zum Beispiel in Ungarn und Polen, mußten schon deshalb versagen, weil die Auswahl der neuen nicht jüdischen Handelsklasse nicht nach der Tauglichkeit der Auserwählten durchgeführt wurde; es genügte der Taufschein und der feste Wille, den erbgesessenen jüdischen Kaufmann in rücksichtslosem Konkurrenzkampf zu ruinieren. Im Handel können solche Mittel sich nicht dauernd halten. Das Wirtschaftsleben im allgemeinen nimmt auf solche politische Kämpfe nicht viel Rücksicht. Rassenschützlerische Wirtschaftspolitik vermag wohl eine Anzahl Existenzen meuchlings wirtschaftlich zu morden, aiber auch der wirtschaftliche Meuchelmörder muß schließlich zugrunde gehen, wenn er in einem schmutzigen Kampf gegen die Juden im Wirtschaftsleben nichts anderes mitbringt als den Haß des Konkurrenten. Diese Erfahrung wurde mit den christlichen Konsumgenossenschaften gemacht, die mit großen Geldaufwand in den Dörfern und kleinen Städten unter Führung der Geistlichkeit ins Leben gerufen wurden, oft bloß um einen einzigen Dorfjuden zur Strecke zu bringen. Der Jude wurde ruiniert, aber die christliche Konsumgenossenschaft ging zugrunde, und in vielen Fällen wurde dann der Jude von der arg geschädigten christlichen Bevölkerung selbst zur Sanierung der Verhältnisse zurückgerufen. In letzter Zeit werden nun neue Methoden zur Verdrängung der Juden aus dem Wirtschaftsleben angewendet. Da die moralischen Kräfte sioh zu schwach erwiesen und in der Tüchligkeitskonkurrenz die Juden nicht unterzukriegen waren, soll das Ziel durch die Schaffung eines numerischen Ueber ig e wichtes erreicht werden. An der Spitze dieser neuen antisemitischen Ausrottungsmethode schreitet die berüchtigte antisemitische „Rozwoj"-Organisation in Polen. Es gibt selbst unter den niedrigsten antisemitischen Verbänden keinen, der an inneren Skandalaffären und Korruptionssensationen dem polnischen ,,Rozwoj‘‘ gleichkäme. In seiner vor kurzem in Warschau abgehaltenen 15. Jahresversammlung brüsteten sich die Redner damit, durch ihre Presse, durch Verbreitung von Broschüren und Pogromplakaten, durch Abhaltung von Versammlungen und Organisierung von judenfeindlichen Demonstrationen unzählige Existenzen zugrunde gerichtet haben. Aber nunmehr müßten neue Wege des Antisemitismus gefunden werden, und das sei die antisemitische Innenkolonisation. In Polen werde dieser neue unerbittliche Kampf gegen die Juden hauptsächlich in den Grenzgebieten, die ehemals zu Rußland gehörten, geführt werden. Hier werde die „Rozwoj" - Bewegung vom Rassenstandpunkt verläßliche christliche Polen aus dem Posenschen kolonisieren, denen die Aufgabe zufallen werde, die Juden zu vertreiben, und dann ihre Positionen einzunehmen. Diese ganze, gegen das Judentum gerichtete Vernichtungskampagne wird mit der Lüge begründet, daß die Polen auf dem Gebiete des ^Handels von den Juden verdrängt würden. Die Wahrheit jedoch ist das gerade Gegenteil: Durch die antisemitische Hetze sollen die Juden, die Schöpfer des polnischen Handels, sowohl des Innenals auch des Außenhandels, aus ihren erbgesessenen und mit vielen Opfern errungenen Stellungen im Wirtschaftsleben buchstäblich vertrieben werden. Wie sie ihr Volk „entjuden“ wollen Wie sieht es aber in Wirklichkeit im Innern dieser Gesellschaft aus, die sich anmaßt, ihr Land und ihr Volk zu verbessern, indem sie sie von den Juden befreien? Das konnte verdrängen. Im August 192? luden riesige Plakate in Lemberg zur Teilnahme an einer Konkurrenz für Filmstars und einige hundert Statisten ein. Die Aufnahmsbedingungen waren: Polnische Nationalität, christliche Religion, entsprechende physische Körperverfassung und Bildung. Hunderte von Starkandidaten und -Kandidatinnen aus ganz Galizien hatten sich gemeldet und ihre Photographien eingeschickt. Dann kam der große Tag: Die Konkurrenten wurden eimgeladen und die jetzt angeklagten „Direktoren“ Tarnowski und Hunka führten eine echte Filmkomödie auf, hängten sich ein schwarzes Tuch vors Gesicht, hinter welchem, wie sämtliche Opfer einmütig versicherten, eine — (Kaffeemühle gedreht wurde. Worin bestand aber das Geschäft? Man kann sich auf die „Rozwojhelden" verlassen. Sie verkauften an die Düpierten Filmdiplome, das grüne Diplom zu fünf Zloty und das goldene Diplom zu zehn Zloty, Das machte ein glänzendes Geschäft aus. Diese Filmunternehmung war wenigstens wirklich judenrein. Kein Jude war den Schwindlern hineingefallen und kein Jude erhielt auch nur einen Heller von dem erschwindelten Geld. In der Gerichtsverhandlung kam es wiederholt zu Heiterkeitsausbrüchen, deren sich selbst die Richter nicht erwehren konnten, und mancher Filmregisseur wäre überglücklich, wenn sein Lustspiel so stürmischen Erfolg hätte wie die Tragikomödie der Entjudung des galizischen Handels durch die Helden des „Rozwoj". Die Richter mußten sich schließlich doch des Ernstes der ganzen Angelegenheit besinnen und auch die geschädigten Zeugen empörten sich darüber, daß man sich noch hinterher über sie belustige, so mußte, da inzwischen noch eine große Anzahl neuerer Anzeigen gegen die famose antisemitische Filmgesellschaft eingelaufen waren, die Verhandlung vertagt werden. Der Herr Professor für patriotische Wissenschaft Auch dieses Geschäft schoß aus dem Sumpf des antisemitischen „Rozwoj" empor. Wer erinnert sich nicht an den Der schönste Sport Tennis für jung und alt 8 Stunden samt Trainer pro Person S 15- Die Plätze liegen nicht an staubiger Straße, sondern in prachtvollem Garten mitten im Grünen 36er und 37er Linie in nächster Nähe Kahlenbergerstraße 46. Tel. A»12-6-35. Namen Jaksa Chamiez? Vor nicht langer Zeit war er in Polen der gefürchtetste und gefährlichste Judenfresser. Für die Antisemiten recht nur Polens war er der Abgott, der erfolgreichste und unermüdlichste Pogromhetzer. Jaksa Chamiez wurde zum Inbegriff alles Bösen für die Juden und die Freiheitlichen, des Befreiers vom jüdischen Joch, des Unterdrückers der Arbeiter für die nationalistischen Hetzer. Jaksa Chamiez war die Seele des „Rozwoj". Unermüdlich bereiste er die von Juden bewohnten Städte und Städtchen, reizte die Bevölkerung gegen ihre jüdischen Mitbürger auf, verleitete sie zum wirtschaftlichen Boykott gegen die Juden und ist der Urheber mancher Ausschreitungen und auch manchen Versuches, durch Erdichtung von Ritualmordmärohen Pogromstimmung gegen die Juden zu erzeugen. Jaksa Chamiez, dessen Lebensgeschichte geradezu darnach schreit, in den Rahmen de» Antisemitenspiegels gepreßt zu werden, begnügt« sich ebensowenig wie seine Gesinnungsgenossen anderer Nationalitäten mit dem Ruhm und der Autorität als Antisemitenführer, er wollte an dem Judenhaß verdienen, viel verdienen und ein luxuriöses Leben führen. Da hatte er aber die anderen ,rRozwoj“-Führer, die ja selbst dasselbe wollten, gegen sich. Er hatte es auch gar zu plump angestellt und überdies noch sich einen ungeeigneten Platz für seine „Arbeit" ausgesucht. So wurde denn Jaksa Chamiez, der geistige Führer der polnischen Antisemiten, von seinen eigenen Führern und Adepten in den Gerichtssaal gezerrt. Jaksa Chamiez hatte, als sein Stern in Warschau 2U verblassen begann, seine Tätigkeit nach Pommern verlegt. Er gab zwei Schmutzblättchen heraus, die beide nur von kurzer Lebensdauer waren. Auf seinen Visitenkarten und Geschäftspapieren nannte er sich „Professor der patriotischen Wissenschaften". Diese Schwindeleien hätten ihm in der Schwindelzentrale von Warschau nicht weiter geschadet; aber Jaksa Chamiez batte, da seine journalistische Tätigkeit nichts einirug, nicht nur Titel, sondern auch Q u i t tu n g e n des „Rozwoj" gefälscht, und auf solche Weise bedeutende Summen in die eigene Tasche gleiten lassen. Dieses Geschäft blühte solange, bis es in Warschau aufkam, und man den eigenen Abgott yor das irdische Gericht zitierte. Aber der Abgott wich vorsichtig dem Richter aus, und mußte erst lange Zeit steckbrieflich verfolgt werden, bis er stellig gemacht wurde. Auch in der Gerichtsverhandlung versuchte der einstige antisemitische Generalissimus noch durch volltönende Phrasen zu imponieren, stellte sich als Dozent der slawischen Geschichte und verwandten Wissenschaften vor, und’schilderte sich als den selbstlosesten Judenfresser, der auf das Geschäft noch draufgezahlt halbe. Der Gerichtshof mußte ihn schließlich doch wegen mehrfacher Dokumentenfälschungen zu einem Monat Gefängnis verurteilen, erwies sich jedoch als äußerst milde, indem er die Strafe nur bedingt mit einer zweijährigen Bewährungsfrist verhängte. Jaksa Chamiez wird sich also zwei Jahre lang solcher Handlungen enthalten müssen, die ihm eine Gerichtsstrafe eintragen könnten. Antisemitisch hetzerisch kann er sich auch jetzt schon weiter betätigen, denn dafür ist er bisher niemals bestraft worden. Internationale Antisemitentagung Man hört und liest jetzt sehr viel vom internationalen Zusammenschluß der antisemitischen Organisationen. Die Propaganda hiefür geht von den zwei korruptesten antisemitischen Zentren, von der Cuzistengruppe in Rumänien und dem „R o z w o j" in Polen aus. Die letztgenannte antisemitische Gesellschaft, mit welcher wir uns heute mehrfach beschäftigen müssen, hat auf ihrer letzten Tagung nicht nur den Juden in den polnischen Grenzgebieten den Vernichtungskrieg anigekündigt, ihre Führer haben auch melden können, daß Verhandlungen wegen Vorbereitung eines internationalen Antisemitenkongresses in vollem Gange seien. In Rumänien haben die große Cuzistenpartei und ihre vor längerer Zeit abgesplitterten oppositionellen Fraktionen wieder zueinander gefunden, und ihre nunmehr gemeinsame antisemitische Tätigkeit mit intensiverer Kraft aufgenommen. Auch diese Wiedervereinigung erfolgte, wie der cuzistischen Presse zu entnehmen ist, unter dem Gesichtswinkel der bevorstehenden Konze nt rierung des internationalen antisemitischen Angriffs gegen das Judentum. Aus den verschiedenen Berichten antisemitischer Verbände geht auch hervor, daß auch jetzt schon ein reger Verkehr zwischen den antisemitischen Bünden der einzelnen Länder bestehe. Vorläufig wird dieser Verkehr durch den Austausch propagandistischer Flugzettel und Broschüren, mit anderen Worten, durch den Austausch der schmutzigsten Lügenquellen über Juden und Judentum, ferner durch den Austausch von Propagandarednern aufrechterhalten. Mit den Propagandarednern haperts vorläufig noch, da sind noch nationale Rücksichten hinderlich. Wir werden diese Bewegung mit Aufmerksamkeit verfolgen. man vor einigen Tagen in einer Lemberger Gerichtsverhandlung sehen, in welcher eine der Methoden des „Rozwoj“, den Polen die Schädlichkeit der Juden zu demonstrieren, Gegenstand der Gerichtsverhandlung bildete. Der Fall trug sich in jener Zeit zu, als der „Rozwoj" seine Netze über das ganze befreite Polen auswarf, ein ganzes Regiment von antisemitischen Hetzrednern das Land bereiste, einer ihrer Führer, der Abgeordnete Dr. D y m o w s k i, seine großen Pläne zur Entjudung des polnischen Hafidels entwickelte, bis es ihm gelang, gläubigen Narren die Beträge zur Gründung der Volksbank, „Bank Narodowy" zu entlocken, die aber zu nichts anderem diente, als die Taschen des Gründers und seiner Mithelfer zu füllen. Der große Judenhasser trieb das Geschäft so kraß, daß er schließlich ins Gefängnis wandern mußte. In jener Zeit hatten auch die Lemberger „Rozwojisten" die Zeit nicht unnütz verstreichen lassen. Auch sie waren sich klar darüber, daß man aus dem Antisemitismus ein fettes Geschäft für sich herausschlagen kann, und so kamen sie auf die Idee, in Lemberg ein großes Filmunternehmen zu gründen und gleichzeitig die Juden aus der Filmindustrie und der Filraspielkunst zu Ein kleines Wunder! Die billige FR0LI0-Schreibmaschine für jedermann Preis S 95"— Teilzahlungen Gewicht 2*5 kg I Garantie! Telephon 71>3-55 Typenräder in allen Sprachen lagernd! Auch hebräisch Gen.-Vertr.: Rudolf Waclttv Wien I, Akademiestr. 3 Einwanderungserleichterungen in Palästina Für Bemittelte und Familienangehörige. Feldmarschall Lord Plumer, der Oberkommissär von Palästina, hat der Zionistischen Exekutive mitgeteilt, daß die Regierung eine neue Verordnung betreffend die Erleichterung der Einwanderung bemittelter Personen und Angehöriger palästinensischer Einwohner vorbereitet. Die Ausweisungen dauern fort. Wie aus Jerusalem gemeldet wird, wurde der Jude Moses K a f a i 1 o w unter der Beschuldigung, er sei ohne behördliche Erlaubnis nach Palästina gekommen, verhaftet und soll des Landes verwiesen werden. Die Ausweisungen von Kommunisten, über die wir bereits berichtet haben, dauern fort. Die zur Ausweisung bestimmten Kommunisten wurden ins Gefängnis nach Jerusalem gebracht, wo sie bis zum Abtransport verbleiben. Drei von ihnen erhielten im Gefängnis je 12 Rutenstreiche. Daraufhin sind die Verhafteten in den Hungerstreik getreten; sieben andere Häftlinge haben sich dem Hungerstreik angeschlossen. Die palästinensische Arbeiterföderation hat an die britische Labour-Party das telegraphische Ersuchen um Intervention gegen die Behandlung der Häftlinge gerichtet. In Jerusalem, Te 1-A v i v und Haifa fanden Kundgebungen von Kommunisten gegen diese Verhaftungen und Ausweisungen sowie gegen die Behandlung der Verhafteten im Gefängnis statt. Bei der Demonstration in Jerusalem kam es zu Z usammenstößen mit der Polizei. Mehrere Demonstranten wurden verhaftet. Ein Alijah-Komitee. Aus Jerusalem wird gemeldet: Am 29. Mai hatten Vertreter der jüdischen Arbeiterschaft Palästinas eine Besprechung mit der Zionistischen Palästina - Exekutive über Fragen der Einwanderung und Arbeit. Die Vertreter der Arbeiterschaft wiesen auf die große Bedeutung der Alijah und erklärten an Hand von Zahlen, daß es jetzt mit bezug auf verschiedene Arbeiten möglich sei, Tausende von Arbeitern neu ins Land zu bringen. Namens der Exekutive erklärte Harry Sacher, daß auch diese die Bedeutung einer neuen Alijah voll anerkenne und ein Komitee ernannt habe, das sich aus den Leitern der Departments für Einwanderung, Arbeit und Kolonisation zusammensetzt, um die Möglichkeiten einer neuen Alijah zu prüfen.

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