Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1928)
- Date
- 1928-06-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE STIMME 24 Mir gehn drauf, aber der Jud’ muß weg! Die „Richtlinien“ der Wiener Handelskammer über die Befürwortung von Einbürgerungsgesuchen Die österreichische Wirtschaft ist krank. Die chronische Arbeitslosigkeit, die hohen Insolvenzziffern, die täglichen Selbstmorde aus Gründen wirtschaftlicher Not beweisen es. Sache einer vernünftigen Wirtschaftspolitik wäre es, sich nicht bloß, wie es jetzt geschieht, auf die Lebensunfähigkeit des durch die Friedensverträge geschaffenen Oesterreich zu berufen, sondern neuen Lebensmöglichkeiten dieses Landes nachzugehen, alle produktiven Kräfte zu fördern, welche neue Wirtschaftsbedingungen und Wirtschaftsformen schaffen können. Statt aber, um nur ein Beispiel zu geben, die natürliche Eignung Wiens für einen Transithandelsplatz auszunützen, wird in Oesterreich eine wienfeindliche, protektionistische Handelspolitik getrieben; dagegen wird die durchaus unrentable österreichische Landwirtschaft begünstigt, die rückständige österreichische Industrie durch wahnsinnige Zölle geschützt, die Zünftlerei in Gewerbe und Handel gefördert und so eine auf der einen Seite arbeiterfeindliche, auf der anderen Seite handelsgegnerische Wirtschaftspolitik getrieben. Daß sie ausschließlich der Unfähigkeit entspringt, dafür ist, gäbe es auch keinen anderen Beweis, ein unfehlbares Kriterium vorhanden: Die österreichische Wirtschaftspolitik ist antisemitisch, Wirtschaftsantisemitismus ist immer ein Zeichen von Unfähigkeit. Die handelsfeindlichen Allüren sind antisemitisch, die Zünftlerei tobt sich am ärgsten gegen Juden aus. Nun sollte man meinen, daß in den Kreisen, wo die verfehlte und verbohrte österreichische Wirtschaftspolitik den schlimmsten Schaden anstiftet, im Handel, Einsicht und Vernunft daran arbeiten, um die gerade diesem Wirtschaftszweige drohende Gefahr völligen Ruins abzuwehren, man sollte auch meinen, daß die Handelsorganisationen und Handelskammern dazu berufen wären, die Interessen dieses so wichtigen und so gefährdeten ökonomischen Faktors mit aller Kraft zu wahren. Aber siehe da, in Oesterreich hat z. B. die Kammer für Handel, Gewerbe und Industrie eine viel wichtigere Aufgabe: in Antisemitismus zu machen. Vor uns liegt eine Mitteilung der Kammer an ihre Mitglieder; sie gibt Richtlinien für die Begutachtung von Einbürgerungsgesuchen, die vom Verwaltungsrechtsausschuß der Handelskammer in seiner Sitzung vom 14. Mai d. J. auf Grund eines Referates des Kammerrates Eugen Fulda beschlossen wurden. Bei diesen Gutachten haben sich die Kammern lediglich auf die Beurteilung der Gesuche vom wirtschaftlichen Standpunkt aus zu beschränken. Dies wird auch in der Mitteilung angeführt, jedoch nur, um Rücksichten auf persönliche oder Familienverhältnisse des Gesuchwerbers auszuschalten, die etwa — für •?' >c B f> f ii r w o r t u n g der Gesuche sprechen würden. Denn sonst hält es der Ausschuß für „gerechtfertigt”, wenn „die Kammer bezüglich der ihr zur Begutachtung unterbreiteten Einbürgerungsgesuche im allgemeinen einen ablehnenden Standpunkt einnimmt“. Um dies zu erreichen, gehen die „Richtlinien” weit über das, was eigentlich von diesen Gutachten gefordert wird, nämlich die Beurteilung vom wirtschaftlichen Standpunkt, hinaus und beschäftigen sich mit Dingen, welche die Handelskammer nichts angehen. Zunächst einmal sind nach diesen Grundsätzen der SIEöM. KORMEHL, üroßfieischkauerei Zentrale IX, Berggasse 19, Tel. A-17-3-99 u. A-16-9-34 Lieferant ffflr Heilanstalten, Abteilungen für ^^-Flelsch unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Israelitischen Kultusgemeinde Wien IX, Berggasse 15 XVIII, Währingerstraße 97 Seriös „ HANSA h Diskret om WIEN I., FRANZ JOSEFS-KAI 13 TELEPHON 75-409 Hauser, Büros, Wohnungen, Hypotheken, Vertualtungen Unter wenigen Tagen beste Resultate Eigene Kreditabteilung nur für groQe Transaktionen Handelskammer Einbürgernngsgesuchc in Anwendung des Prinzips der Reziprozität abzulehnen. Was hat eigentlich dieser staatsrechtliche Grundsatz mit der Beurteilung der Gesuche vom wirtschaftlichen Standpunkt zu tun? Nichts, aber man erreicht etwas anderes damit: die Anwendung des Grundsatzes der Reziprozität, die bei Angehörigen des Staatsvolkes gerechtfertigt erscheint, ist ein schweres Unrecht, wenn es sich um Staatsangehörige handelt, welche einer Minderheit angehören. Und darum geht es den Herren von der Handelskammer: Juden dürfen nicht herein! Damit aber, Gott bewahre, nicht etwa auch Nichtjuden von dem Reziprozitätsprinzip betroffen werden, wird in den famosen „Richtlinien” rasch eine befürwortende Ausnahme für Bewerber statuiert, die nach ihrer Abstammung (das Wort „Rasse” ist vermieden, dafür kommt — nur Geduld! — das Wort „bodenständig” selbstverständlich vor] „zweifellos zu Oesterreich gehören” und lediglich dadurch zu Staatsbürgern der Nachfolgestaaten geworden sind, daß sie oder ihr Vater „in dem betreffenden Lande eine öffentliche Funktion ausgeübt haben”. Da schlüpft wohl schwerlich ein Jude mit herein, denn Juden in öffentlichen Funktionen gab es, weiß Gott, wenig. Aber die Handelskammer, welche die Gesuche lediglich vom wirtschaftlichen Standpunkt beurteilen soll, hat noch andere Sorgen: sie kümmert sich auch darum, ob die Gesuchswerber oder deren Nachkommen — ihrer Militärpflicht genügen oder sich am Ende davon drücken wollen, ob die Personen, welche die österreichische Staatsbürgerschaft anstreben, dies nicht am Ende nur tun, weil ihnen die Pässe und Visu ihrer bisherigen Staaten zu teuer sind, ob die „Beweggründe” der Bewerber „in einer besonderen und begründeten (sic! Die Red.) Vorliebe oder Anhänglichkeit zum (für dieses bodenständige Deutsch sind wir nicht verantwortlich. — Die Red.) österreichischen Staat zu suchen sind" u. dgl. Dieser MELLINGERS Wieoer Heilteemischungen bei Zuckerkrankheit, Gallen-, Nieren-, Blasenstelnen und Magenlelden sind Vorzüglich. Preis per Paket S 6*50. Postversand. Wien, XVII, Lackwergasse für, 37/3. schlechtstilisierten Ueberheblichkeit, die sich mit Dingen befaßt, über die ihr gesetzlich gar kein Urteil zusteht, gesellt sich aber eine im übelsten antisemitischen Hetzjargon abgefaßte Unverschämtheit, die im vollen Wortlaut wiedergegeben sei; auf Seite 5 der erwähnten „Richtlinien” heißt es wörtlich: „Ferner wird man hiebei, von rein wirtschaftlichen Erwägungen ausgehend, sich dessen bewußt sein müssen, daß es keineswegs im Interesse der einheimischen Wirtschaftskreise gelegen ist, wenn man es den Ausländern gar zu leicht macht, die österreichische Bundesbezw. Landeszugehörigkeit zu erlangen, weil durch den starken Zuzug landes- und volksfremder Elemente, die sich in ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit oft von einer Geschäftsmoral leiten lassen, die von den Sitten unseres Landes stark abweicht, eine derartige Ueberlremdung herbeigeiührt werden kann, daß die bodenständigen Handels- und Gewerbetreibenden nur mehr mit Mühe die ihnen von Rechts wegen zukommende Stellung zu erhalten vermögen und um die Erhaltung ihrer Existenz unter Bedingungen, welche sich stetig verschlechtern, zu ringen haben.” Da haben wir‘s also: die „Zuagrasten” ruinieren durch ihre Moral, ihre Volksfremdheit den bodenständigen Handel — noch kürzer gefaßt: der Bergländerbund soll eine iudenreine Wirtschaft haben! Nun — selbst wenn wir so höflich sind, nichts davon zu erzählen, wie man in der Welt über die bodenständige österreichische Geschäftsmoral urteilt, so müssen wir doch eines sagen: Oesterreichs Handel ist durch die Nichtbodenständigen, Juden wie Nichtjuden, geschaffen worden. Die Bodenständigkeit hat ihn durch ihre bodenlose Unfähigkeit, gepaart mit dümmster Unredlichkeit, diskreditiert1 und ruiniert; Wochen-Kalender Juni 1928 Gedenktage non - jno rre-tn 14 Donnerstag 1804 - Isak E-.ichel. Mitbegründer der Berliner hebräischen Zeitschrift „Hameaßet* und Biograph vtoses Mendelssohn«, in Berlin gestorben. Siwan—J^D 26 — 13 15 Freitag 1105 — Manuel Texclra, der bekannte Finanzberater der Königin Christine von Schweden, in Atnstetdam gestorben. 1831 — der Mfdraschlorscher MeYr Friedmann, der bi« zu seinem Ableben <1908) in Wien wirkte, in Kraszna (Ungarn) geboren. 27 - 13 16 Samstag 1851 — der bekannte Staatsrechtler Georg Jellinek, ein Sohn des berühmten Predigers Adolf Jellinek. Professor In Heidelberg, geboren. 1881 - Charles Netter, Begründer der Ackerbauschule Mikweh- Israel, gestorben. 28 - ns Haftarah: wajischlach Jehoschua 17 Sonntag 1780 — der bekannte Medailleur Jacob Abraham in Berlin gestorben. 1854 —Lola Klrsclmer, die unter dem Pseudonym Ossip Schubin bekannte Romanschrlltstellcrin, In Prag geboren. 29 - B3 18 Montag 30 — 19 Dienstag 1874 — der Romanschriftsteller und Feuilletonist Jules Janiu, Verfasser der bekannten sechsbändigen „Geschichte derdramatischen Literatur*, in Paris gestorben. Tamraus-non 1 - K Rosch-chodesch 20 Mittwoch 1915 — Einll Rathenau, der Gründer der Allgemeinen Elektrizitütsgesellschatt, Vater Walter Rathenaus, In Berlin gestorben. 2 - 3 sie sucht die Juden zu verdrängen, um den fähigen Konkurrenten loszuwerden. Deshalb die verkehrte Wirtschaftspolitik, die das ganze Land an den Rand des Abgrundes bringt. Nun aber, nachdem wir das schmierige antisemitenzünftierische Elaborat der Handelskammer niedriger gehängt haben, fragen wir: Wieso kommt cs, daß die vielen jüdischen Kammermitglieder diese „Richtlinien” dulden, die dem Wesen des Handels ins Gesicht schlagen? Wissen sie nichts von dem, was ein paar Antisemiten in irgend einem Ausschuß auskochen? Oder sind sie schon vom bodenständigen Ungeist infiziert? Aufklärung tut not! Aus den zionistischen Ortsgruppen Delegiertentagung des Distriktes Niederösterreich I. Am 9. und 10. Juni fand in Krems a. d. Donau die Konstituierung des Distriktes Niederösterreich I., der die zionistischen Ortsgruppen Niederösterreichs mit Ausnahme der an der Südbahnstrecke gelegenen Orte umfaßt. Die Tagung, welche einen weiteren erfolgreichen Schritt in der organisatorischen Zusammenfassung der Provinzgruppen bedeutet, wurde mit einem Meeting eingeleitet, das von der gesamten jüdischen Bevölkerung der Stadt Krems und der umliegenden Orte besucht war. Redner waren Präsident Dr. Goldhammer und Dr. E. M. Zweig; ihre Darlegungen über die gegenwärtige Situation im Zionismus bezw. in Palästina wurden beifällig aufgenommen. Die Tagung selbst, an der Vertreter sämtlicher dem neugeschaffenen Distrikt angehörenden Ortsgruppen teilnahmen, wurde vom Obmann der Ortsgruppe Krems Dr. Paul Brüll eröffnet; zu Vorsitzenden wurden Ing. Holzer (St, Pölten) und Egon W e i s s (Krems) gewählt. Die Referate erstatteten Paul Stein (Organisation), Dr. E. M. Zweig (Keren Kajemeth), Dr. N. M. Gelber (Keren Hajessod). Dr.* Ch. Tartakower (Kulturarbeit), Karl S a c h s-Krems (Kultusgemeinde). Nach eingehender Debatte, an der sich die Herren Schächter (St. Pölten), Dr. Stern schuß und Dr. Glücke r (Gr.-Enzersdorf), Rephan (Krems), Hahn (St. Pölten) u. a. beteiligten, wurde eine Reihe von Resolutionen angenommen, welche Richtlinien fiir die künftige Arbeit des Distriktes, dessen Vorort Krems ist, festsetzen. Es wurde auf Antrag Sachs (Krems) dem Zionistischen Landeskomitee, besonders dessen Präsidenten Dr. Goldhammer für die Führung der Organisation das Vertrauen ausgesprochen; die Herausgabe der »Stimme« wurde besonders begrüßt und die weitere Verbreitung dieses offiziellen Organs im Distrikt den Ortsgruppen und Mitgliedern zur Pflicht gemacht. Die Distriktstagung richtete in einer Entschließung an das Landeskomitee das Ersuchen, innerhalb der Wiener Organisation eine Einigung herbeizuführen. Die Tagung machte es den zionistischen Mandataren in den im Distrikt gelegenen Kultusgemeinden zur Pflicht, in den Budgets ihrer Kultusgemeinden Jahressubventionen für den Keren Hajessod zu erwirken. Ferner wurde u. a. beschlossen, durch eine aus den Ortsgruppen des Distriktes zu bildende Kommission ein Programm für die Kultusgemeindearbeit ausarbeiter\ zu lassen. Die weiteren Beschlüsse der Tagung richteten sich insbesonders auf energische Inangriffnahme der Kulturarbeit ttnd der Jugendarbeit. Wien Generalversammlung des Misrachi. Am 27. Mai fand die alljährliche Generalversammlung der Wiener Misrachi-Organisation statt. Bei zahlreicher Beteiligung der Mitglieder und der Vertreter der Jugendgruppe eröffnete der Obmann Herr Markus Spiegel die Generalversammlung. Herr M. D. ir «►■■■»—-«i>~ -» ...