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Die Stimme · 1928-06-14 · Heft 24 (14.6.1928) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 24 (14.6.1928)
Date
1928-06-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 24 DIE STIMME Seite 5 Gegenwärtig edlen über 700 russische Zionisten in Sibirien, Kirgisien, Ural und Soloveyinseln in der Verbanniing «leben; mehrere hundert befänden sich in Haft und harren ihrer Verurteilung. Borah versprach, sein Möglichstes zu tun, um eine Hilfeleistung herbeizuf Ohren. Für das neue Abkommen Da offiziell erklärt wurde, daß im europäischen Rußland für weitere jüdische Landansiedlung kein freier Boden vorhanden ist, wird jetzt vom weißrussischen Landwirt - schaftskommissariat eine Sachverständigenexpedition entsendet, welche neues Siedlungsland ausfindig machen soll; es wird gleich hinzugefügt, daß im Gebiet von B o b r i n s k und M o s i r eine Million Hektar »erst urbar zu machenden Bodens« vorhanden sei. Das mutet ähnlich wie die bekannten Wünschelrutenexpeditionen an und wird nur verständlich, wenn man erwägt, daß der Direktor des Agro- Joint, Dr. Joseph Rosen, jetzt nach Rußland zurückkehrt, nachdem er während seiner Anwesenheit in Amerika die Besprechungen über die Verlängerung des Abkommens zwischen Agro-Joint und S o w j e t r e g i e r u n g geführt hat, Die Sowjetregierung möchte das Abkommen gern verlängern; sie erklärt, im Verlauf der nächsten zehn Jahre je 1 Millionen Dollar jährlich einem Kolonisationsfonds von 20 Millionen Dollar beizusteuern, welchen der Joint aufbringen soll. Um Geneigtheit für diese neue Geldtransaktion zu erlangen, muß man eben gern- und gutgläubigen Gemütern wieder die Fata Morgana des neuen Siedlungslandes für Juden im europäischen Rußland vorzaubern. Dabei versagt selbst der Zauber des Geschaffenen; das zeigt sich in einer kurzen Meldung, die keines weiteren Kommentares bedarf: »Die jüdischen Delegierten auf der allukrainischen Konferenz der Kollektiv - Wirtschaft hielten eine Sondersitzung ab und beschlossen, von der Regierung den Bau von Häusern in den jüdischen Kolonien und die Gewährung von langfristigen Krediten zur Entwicklung der Wirtschaften sowie die Entfaltung einer größeren Kulturtätigkeit in den Kolonien zu fordern.« Es fehlt eben an allem. Es geht eben nicht! Die Agudas Jisroel hat im Jänner d. J. stolz erklärt, ihr Kongreß werde unbedingt noch im laufenden Jahre stattfinden und unverzüglich vorbereitet werden. Wir haben damals bereits bemerkt, daß dieser Beschluß der Agudah eine Augenauswischerei ist, da die Situation der Agudah, deren politisches Getue überall Schiffbruch gelitten hat, es nicht angängig erscheinen läßt, sich mit einem Kongreß vor die jüdische Oeffentlichkeit zu trauen. Seither hat die Agudah ihren katastrophalen Zusammenbruch bei den Wahlen in Polen, die gerichtliche Brandmarkung ihres Verrates bei den Wahlen in der Tschechoslowakei über sich ergehen lassen müssen. Und nun muß sie auch eingestehen, daß ihre Ankündigung de s,,Weltkongresses“ für dieses Jahr ein Bluff war; ihre Leitung teilt mit, daß »der Stand der Vorbereitungsarbeiten es nicht gestattet, für die Kenessiv Gedauloh einen früheren Termin als Ijar 5689 in Aussicht zu nehmen«. Es geht eben nicht und wir dürften uns nicht als schlechte Propheten erweisen, wenn wir schon heute versichern, daß es auch im Ijar des nächsten Jahres keinen Agudah-Kongreß geben wird. Ein Pro-Palästraa-Komitee in Estland Leo M o t z k i n, Präsident des Zionistischen Aktions- Komitees und Leiter des Komitees zum Schutze der Rechte der jüdischen Minderheiten, weilte in den letzten Tagen in Lettland und in Estland und war in diesen beiden Ländern Gegenstand ehrender Aufmerksamkeit seitens der jüdischen Bevölkerung und der nationalen Minderheiten. Er wurde vom estnischen Staatspräsidenten Tennisohn in längerer Audienz empfangen. Der Staatspräsident gab seiner starken Sympathie für die Idee der Schaffung eines jüdischen Nationalheims in Palästina Ausdruck und erklärte sich mit Freuden bereit, sich an der Schaffung eines Pro - Palästina - Komitees in Estland zu beteiligen, Motzkin traf auch mit dem Außenminister R e b a n e zusammen. S. Ch. Landau gestorben ln Jerusalem ist das Mitglied der Weltzentrale des Misrachi, Herr S. Ch. Landau, im Alter von 36 Jahren gestorben. Landau, einer der eifrigsten Vorkämpfer des zionistischen Gedankens unter den thoratreuen Juden, widmete seine Tätigkeit hauptsächlich der misrachistischen Arbeiterschaft (Hapoel Hamisrachi). Im Jahre 1925 ging er als Mitglied der Weltzentrale nach Misrachi nach Palästina und widmete sich auch dort vorwiegend der Organisierung der Misrachi-Arbeiter. Unter der Arbeiterschaft aller Riohtungen War Landau sehr populär. Er wurde unter allgemeiner Beteiligung der Judenschaft von Jerusalem zu Grabe getragen. Mehr als 2000 Personen bildeten den Leiobenzug; darunter bemerkte man Oberrabbimer Kook, David Yellin, Rabbi Meyer Berlin und viele andere Persönlichkeiten des jüdischen Jischuw. Wozu der Aufwand? In den letzten zwölf Monaten wurden in Amerika 25 neüe Synagogen einigeweiht und zu 12 weiteren Synagogen der Grundstein gelegt. Darunter befinden sich zum Teil sehr kostspielige Bauten, für die bedeutende Spenden gemacht wurden. Die projektierten und im Bau begriffenen 12 Synagogen werden rund 18 Millionen D o 1- 1 a r erfordern. Eine der größten «und modernsten Synagogenbauten ist der Tempel Emanu El in New York, der 2500 Sitzplätze enthalten wird und mit 8 Millionen Dollar veranschlagt wird. — (Louis Marsh all ist Präsident der Gemeinde Emanu El. — Die Red.) Alle diese Synagogen sind fast immer leer. Wozu also der unproduktive Aufwand? Wie in vielen Fällen, handelt es sich um ein Gesellschaftsspiel, durchaus nicht zur Ehre Gottes, sondern zur Ehre der Spender. Das ganze heißt dann „social work". Die jüdischen Bauern in der Bukowina Agronom F e i g i n, der im Aufträge der Bukowinaer Gesellschaft „Ort" 2B Orte der nördlichen Bukowina besucht hat, tun die Lage der jüdischen Kleinbauern zu erforschen, hat in einer gemeinsamen Sitzung des Präsidiums und der Landwirtschaftskommission von „Ort" einen Bericht erstattet, dem u. a. zu entnehmen ist: In der Bukowina leben etwa 700 bis 800 jüdische Bauernfamilien. Die Wirtschaften befinden sich fast durchwegs in einem fortgeschrittenen Zustand. Das Vorhandensein des nötigen toten und lebenden Inventars, die rationelle Bearbeitung des Bodens, die Verwendung von Stall¬ und Kunstdünger, die gute Ernährung der Milchkühe zeugen von der Intensität und Entwicklungsfähigkeit dieser jüdischen Kleinwirtschaften. Um aber seine während des Krieges zugrundegerichtete Wirtschaft wieder aufzulbauen, mußte der jüdische Kleinbauer teure Kredite in Anspruch nehmen und seine Wirtschaft über Gebühr belasten. Die stetig anwachsende Schuldenlast zwingt den jüdischen Kleinbauer, immer wieder Teile seines Bodens zu verkaufen, um sich und seine Familie ernähren zu können. Es besteht die Gefahr, daß hunderte jüdische Familien ihre landwirtschaftliche Betätigung werden aufgeben müssen und die Schar der jüdischen „Luftmenschen" vergrößern. Daher wurde beschlossen, die jüdische Oeffentlichkeit auf die Laige der jüdischen Kleinbauern aufmerksam zu machen und aufzufordern, einen Fonds zur Versorgung der jüdischen Kleinlandwirte mit billigen Krediten, landwirtschaftlichen Maschinen und Geräten und der notwendigen agronomischen Unterrichtung zu schaffen. Ferner soll ein V erb and der jüdischen Kleinlandwirte in der Bukowina gegründet werden. Als erster Schritt zur Durchführung dieser Aufgabe soll am 1. und 2, Juli d. J. eine Tagung jüdischer Bauern der Bukowina nach Czernowitz einberufen werden. Die Irrfahrten eines Staatenlosen Der 42 jährige staatenlose jüdische Handwerker Israel Mendel hatte sich vor dem Gericht in Szatmar (Rumänien) wegen des folgenden Delikts zu verantworten: Israel Mendel hat auf einem nicht ihm gehörenden Ruderboot Schuh cvn VPieat 11, Tahvesteaße 5Vr. 8 a Moderne Schuhe aus bestem Material gediegenst ausgeführi seriöse <3*veise die Fahrt nach Palästina unternommen, wohin er über Donau und Schwarzes Meer zu gelangen hoffte. Der Staatsanwalt und der Besitzer der Barke erklärten, auf die Bestrafung Mendels zu verzichten und erbaten vom Gericht dessen Freispruch, weil der Angeklagte die Tragödie des staatenlosen Juden verkörpere. Mendel selbst sagte zu seiner Verteidigung: »Ich wollte mit dem Fahrzeug die Fahrt nach Palästina machen, weil ich kein Geld besaß, um auf anderem Wege Rumänien zu verlassen, wo mir jede Arbeit und jeder Broterwerb verboten ist, obwohl ich in Rumänien geboren bin. Mein Anspruch auf die Staatszugehörigkeit wurde nicht anerkannt, die Polizei hat mich zweimal über die ungarische Grenze geschoben, aber auch die ungarischen Behörden verweigerten mir Aufenthalt und Gewerbeschein. Jahrelang mußte ich von Dorf zu Dorf wandern, um auf illegale Weise mein Gewerbe auszuüben. Ich mußte mich immer wieder vor der Siguranza (Staatspolizei) verstecken, die mich schon mehrere Male nach Ungarn abgeschoben hat. Jetzt erwischte mich die Gendarmerie, als sich mein Ruderboot an einer Flußmühle verfangen hatte.« Das Gericht verurteilte ihn wegen verbotener Rückkehr nach Rumänien zu vier Tagen Gefängnis und 200 Lei Geldstrafe sowie zur Auslieferung an die Siguranza. Das Blutmärchen einer Geisteskranken Im Herbst vorigen Jahres verbreitete ein als Hysterikerin bekanntes Mädchen das Gerücht, daß das Dienstmädchen des jüdischen Kaufmannes Schlesinger in Szencz von den bei Schlesinger versammelten Verwandten des Juden überfallen wurde, um das christliche Mädchen zu ermorden, damit ihr Blut für rituelle Zwecke verwendet werde. Das Gerücht verbreitete sich damals in der ganzen Gegend, und hatte zur Folge, daß viele Bauern und Bäuerinnen selbst in der Eisenbahn nicht mit Juden in einem Wagen zusammen fahren wollten. Zunächst konnte die Person, welche dieses Gerücht unter der Bevölkerung verbreitet hatte, nicht eruiert werden. Das christliche Mädchen, um das es sich hier eigentlich handelte, Vilma M o I n a r, gab schließlich zu, daß sie dys Urheberin dieses Gerüchtes gewesen sei, erklärte jedoch gleichzeitig, daß sie die feste Ueberzeugung habe, daß allabendlich eine Anzahl Juden mit großen Bärten ihr im Garten ihres Dienstgebers aufgelauert hätten, um sie der jüdischen Religion zum Opfer zu bringen. Auch bei der vor kurzem durchgeführten Gerichtsverhandlung gegen die Molnar, blieb diese bei ihrem Märchen und schmückte es noch mit verschiedenen Zutaten aus, wie: daß sie auch beim Mondschein das Blitzen der Schlachtmesser gesehen habe. Eine Beschreibung dieser TUCHHANDLUNG „ZUR SCHÄFERIN“ ALBERT HARDT WIEN I, FREISINGERGASSE 1 (Eck« Bauernmarkt) Original englische Damenmäntel* und Herrenmodestoffe angeblich ihr auf lauernden Judengestalten vermochte sie, da sie nur in ihrer Phantasie leben, nicht zu geben. Die gerichtsärztliche Untersuchung der Molnar ergab, daß sie eine schwere Hysterikerin ist, die auch sonst unter verschiedenen Halluzinationen leidet. Mit Rücksicht darauf wurde die Molnar zu der mildesten Strafe, zu 14t ä g i g e m A i i e s t bedingt, verurteilt. Kleine Nachrichten Das Pariser „L’Oeuvre" teilt mit: Kein Israelit wird als Offizier oder Soldat in gewisse Truppenteile Algeriens aufgenommen. Es wird behauptet, die muselmanischen Militärs unterhalten sich nicht gerne mit Juden; das ist aber nicht richtig; im gesellschaftlichen Leben kommen Juden und Muselmanen sehr gut miteinander aus. Auch die Soldaten hegen keinerlei Antisemitismus, wohl aber ihre französischen Führer. Die Liga für Menschenrechte hat den Kriegsminister aufgefordert, darauf hinzuwirken, daß innerhalb der algerischen Truppenteile die Prinzipien der Gleichheit geachtet werden. * In Jassy fand der Kongreß der nun wieder unter dem Präsidium des Prof. C u z'a vereinigten antisemitischen Liga statt. Ein ungeheures Aufgebot von Gendarmerie sorgte für Ruhe und Ordnung, Die Straßenzüge der Antisemiten Wurden aufgelöst, zahlreiche Verhaftungen wurden v'orgenommen. An dem Kongreß selbst nahmen etwa 400 Personen teil. Es wurde eine Resolution angenommen, in der der Rücktritt der »von den Juden bezahlten« liberalen Regierung gefordert wird. Der berüchtigte rumänische antisemitische Agitator Z u r c a n, der im Städtchen Skuleni während des Jahrmarktes die Bauern zu Gewalttätigkeiten gegen die Juden aufhetzte und sich dabei gegen die ermahnenden Gendarmen renitent benahm, wurde vom Jassyer Gericht zu drei M onaten Gefängnis verurteilt. >1« Der rumänische Gesandte in den Vereinigten Staaten, George Gretziano, überreichte namens seiner Regierung dem K onteradmiral der amerikanischen Marine Louis Maurice J o s e p h t h a 1, einem Juden, das Ehrenzeichen des Großen Kriegsordens Rumäniens, in Anerkennung seiner Verdienste um Rumänien, * Vom Schöffengericht Hannover wurde der frühere Landesgeschäftsführer der Deutschnationalen Volkspartei. Erich Hensel, wegen Beschimpfung der Republik zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Hensel hatte in unerhörtester Weise den ermordeten Walther Rathenau beschimpft. U. a. hatte er gesagt, daß, wenn Rathenau nicht tot wäre, er selbst ihm das Messer in den Bauch rennen würde. Er hatte auch die Fememorde als berechtigt bezeichnet. * Der Leiter des Europahilfswerk des Joint Dr, Bernhard Kahn weilt gegenwärtig in der Tschechoslowakei. In Karpathorußland, wo :der Joint Hilfstätigkeit entfaltet, wurde Dr. Kahn von der jüdischen Bevölkerung ein herzlicher Empfang bereitet. Dr. Kahn wurde vom Präsidenten Masaryk empfangen. * Die Universität Manchester verlieh dem bekannten Wirtschaftsführer und Politiker Lord Alfred Mond den Ehrendoktor. Bei der Ueberreich/ung des Diploms erklärte Prof. Alexander, die Auszeichnung erfolgte in Anerkennung der öffentlichen Verdienste Monds, besonders auch wegen seiner Förderung der Wohlfahrt und industriellen Entwicklung Palästinas. * Der außerordentliche Professor der Universität Marburg, Dr. Adolf Fraenkel, ist zum ordentlichen Professor der Mathematik an die Universität Kiel berufen worden. (Prof. Fraenkel, der im 36. Lebensjahre steht, ist der erste aktive Zionist in Deutschland, der eine solche Berufung erhielt. Er hat vor zwei Jahren eine Gastvorlesung an der Jerusalemer Universität in hebräischer Sprache gehalten. — Die Red.) * Die englische zionistische Federation hält am 8. Juli ihre 29. Jahreskonferenz ab. Redaktionsschluß und Schluß der Inseratenaunahme Montag um 4 Uhr nachmittags.

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