Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1928)
- Date
- 1928-06-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 24 Die Jewish-Agency-Konferenz Sämtliche auswärtigen Mitglieder in London eingetrotfen — Der frühere Vizekönig von Indien Lord Reading nimmt an der Konferenz teil — Der Beginn der Beratungen (Von unserem Londoner H. S. - Berichterstatter.) Die durch das Abkommen zwischen dem Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation und den nichtzionistischen Führern der amerikanischen Juden geschaffene Jewish-Agency-Kommission ist am 9. Juni in dem bei Southampton gelegenen Landhause von Lord Alfred Mond zu ihrer ersten Gesamtberatung zusammengetreten, der in den letzten Tagen zwanglose Besprechungen der einzelnen Mitglieder vorangegangen waren. — Die Jewish-Agency-Kommission besteht aus Lord Alfred Mond (London), Direktor Oskar Wassermann (Berlin), Felix M. Warburg (New York) urid Dr. Lee K. Frankel (New York); an den Beratungen nimmt Präsident W e i z m a n n teil, ferner der Präsident des American-Jewish-Committee Louis Marshall, der knapp vor dem offiziellen Beginn der Konferenz eingetroffen ist, der frühere Leiter des zionistischen Kolonisationswerks Dr. Arthur Rupp i n und das Mitglied der zionistischen Palästina- Exekutive Harry Sacher, der jedoch erst in den nächsten Tagen zu den Beratungen ein treffen wird, da er kurz vor seiner Abreise aus Palästina leicht erkrankt ist. Sämtliche anderen auswärtigen Teilnehmer sind bereits eingetroffen. Lord Alfred Mond hat im Einvernehmen mit. den übrigen Konferenzteilnehmern den früheren Vizekönig von Indien Lord Reading (Sir Rufus Isaacs) eingeladen, an der Konferenz teilzunehmen. Lord Reading, der in den letzten Wochen in Berlin weilte, hat die Einladung angenommen und ist bereits in London eingetroffen. Vor seiner Abreise aus Berlin gewährte er dem dortigen Korrespondenten des Warschauer Tagblattes „Der Moment" ein Interview über seine Auffassung bezüglich des Palästina-Aufbaues, in der er u. a. erklärte: „Mir scheint, daß alles in gutem Fortschreiten befindlich ist. Die Lage bessert sich. Es ist nicht leicht, ein Land aufzubauen; die Schwierigkeiten in Palästina sind jedoch nicht größer als in jedem anderen Kolonisationsgebiet. Ich knüpfe sehr viel Erwartungen an das Werk der Elektrifizierung durch Ruthenberg. Ich nehme ja lebhaften Anteil an diesem Unternehmen, an dessen Spitze ich stehe und an dem auch Sir Alfred Mond beteiligt ist. Alfred Mond, der soeben Palästina besucht hat, äußerte sich mir gegenüber begeistert über das Aufbauwerk. Ich hoffe jedoch, im nächsten Jahre mit meiner Frau Palästina besuchen zu können und mit eigenen Augen mich über die Bedingungen, unter denen der Zionismus sein Werk schafft, zu informieren." Auf die Frage, ob England seine im Palästina-Mandat übernommenen Verpflichtungen erfüllt, sagte Reading: „Die Beantwortung dieser Frage ist sehr schwer. Die Lage ist sehr kompliziert. Uebrigens bin ich nicht mit allen Einzelheiten der englischen Politik in Palästina vertraut. Eines weiß ich aber sicher: England wird stets seine im Palästina-Mandat übernommenen Verpflichtungen erfüllen, einerlei welche Richtung — konservativ, liberal oder Arbeiterpartei — an der Macht sein wird. Bezüglich Palästinas haben alle den gleichen Standpunkt und wir können ruhig und ungestört unsere Arbeit in Palästina fortsetzen." Im weiteren Verlauf dieses Gesprächs sagte Lord Reading noch: „Ich halte Weizmanns Politik für richtig. Ich kenne Weizmann sehr gut und weiß, daß er gerade auf politischem Gebiete große Verdienste hat. Ich will ausdrücklich feststellen, daß die englischen Regierungskreise Weizmann hochschätzen.“ Grundlage der Beratungen der Jewish-Agency- Kommission bilden die Berichte der Sachverständigen, die im letzten Jahr das Aufbauwerk in Palästina einer genauen Prüfung unterzogen haben, auf Grund deren sie die Vorschläge für die weitere Arbeit erstatten. Der Bericht der Sachverständigen ist noch nicht bekannt und daher ist alles, was darüber in der zionistischen und nichtzionistischen Oeffentlichkeit kolportiert wird,,•» bloße Vermutung; so heißt es, daß die Sachverständigen sich gegen eine imbeschränkte Einwanderung für die nächsten Jahre ausgesprochen hätten, da sie der Ansicht seien, daß zunächst die Konsolidierungsarbeit fortzusetzen sei. Dies« Vermutung ist ebensowenig begrün« det wie alle anderen Vermutungen über die Vorschläge, welche die einseinen Konferenzteilnehmer angeblich machen werden« So ist zum Beispiel die von der Jüdischen Telegraphen-Agentur kolportierte Mitteilung, Direktor Wassermann habe der Jewish - Agency - Konferenz den Vorschlag unterbreitet, daß die Jewish- Agency-Kommission die Führung des Palästina- Kolonisationswerkes von der Zionistischen Organisation übernehmen und hiefür einen Betrag von etwa 20 Millionen Dollar aufbringen soll, laut den offiziellen Informationen vollständig aus der Luit gegriffen« Es ist wahrscheinlich, daß die jetzt stattfindenden Beratungen nur grundsätzlich die Methoden der weiteren Arbeit in Palästina festsetzen und daß die genauen Bestimmungen über die Aufnahme der Arbeit eine zweite Konferenz treffen soll. Dem Beginn der Konferenz ging eine Beratung der Zionistischen Exekutive voraus, in der die Richtlinien für die zionistischen Teilnehmer an der Konferenz beraten wurden. Diese Richtlinien sind in mehreren Resolutionen des 15. Zionistenkongresses formuliert, welche fordern, daß die Arbeit der Jewish - Agency auf der folgenden Grundlage vor sich zu gehen habe: Verstärkung der jüdischen Einwanderung nach Palästina, fortdauernde Erwerbung von Boden in Palästina als Eigentum des jüdischen Volkes, Basierung der Kolonisation auf der jüdischen Arbeit und der hebräischen Sprache und Kultur. Die Warburg-Flexner-Gruppe erwirbt 25.000 Dunam Boden der Haifa Bay Company. Aus Jerusalem wird gemeldet: Zwischen dem palästinensischen Vertreter der von Felix M. Warburg und Bernhard Flexner geführten amerikanischen Palästina-Gruppe und 3er Haifa Bay Development Company wurde ein Vertrag abgeschlossen, laut welchem die amerikanische Gruppe von der Haifa Bay Company ein Areal von 25.000 Dunam Boden im Gebiete der Haifa-Bucht zu Zwecken der Entwicklung käuflich an sich bringt. Die Zionistenverfolgungen in Rußland Aus W ashington wird telegraphiert: Senator B o r a h empfing den palästinensischen Arbeiterführer Dr. Chaim Arlosoroff und den Vorsitzenden des amerikanischen zionistischen Studentenverbandes Max Rhoade, die, ihm über die Verfolgungen der Zionisten Rußlands berichteten. Import original englischer und schottischer Damen- und Herrenstoffe Detailverkauf zu Engrospreisen Tuchhaus Münz u,'en, I. Ertlgasse 4 und Kramergasse 11 Zugangs Rotenturmstrafte 11—13 Marschpolizei vor. An der Spitze jeder Marschstaffel steht ein christlicher Kommissär, der auch den Verkehr mit den Landesbehörden in den Durchzugsprovinzen zu regeln hätte. Sollte sich nach der Auswanderung der Juden in Polen noch ein Jude zeigen, so wäre er zur „Deportation auf ewige Zeiten" zu verurteilen. Um den Juden in ihrem neuen Gebiete die Möglichkeit zu geben, eine eigene Wirtschaft zu schaffen, sind an den Ufern des Dnjepr große Getreidemagazine anzulegen, um die neugeschaffenen jüdischen Kolonien mit Nahrung und Saat zu versorgen. Die für die Kolonisation nötigen Kosten hätten die Juden selbst aufzubringen. Bei ihrer Auswanderung treten sie ihren immobilen Besitz sowie die hypothekarischen Forderungen an den Staat ab, der sie hiefür entschädigen wird, indem er sie während des Marsches ernährt und sie in der ersten Zeit nach ihrer Ansiedlung versorgt. In dem neuen Territorium bekommen nur jene Juden Grund und Boden, die ihre Immobilien an den polnischen Staat abgetreten haben. Die anderen müßten bei den Wohlhabenden in Leibeigenschaft dienen. Sie können Grund und Boden nur gegen bares Kapital, das sie mit sich mitbringen, erwerben. Diese Auswanderung wird — so führt der Verfasser weiter aus — die Juden innerlich stärken und ihnen den bürgerlichen Geist beibringen. Sie werden sich selbst mit Landwirtschaft beschäftigen und so einen eigenen Bauernstand schaffen. Da sie keine Gelegenheit mehr haben werden, polnische Bauern auszubeuten und den Gewinn aus ihren Branntweinschenken mit der „Szlachta“ zu teilen, werden sie sich die Eigenschaften des Ausbeuters abgewöhnen. So wird diese Auswanderung dazu beitragen, die Juden in „ehrliche Menschen umzuwandeln“. Der russische Staat dagegen wird durch die Schaffung eines besonderen jüdischen Gouvernements bedeutende Vorteile erzielen, da die Juden die Grundsteuer entrichten und ähnlich wie die Kosaken oder Tataren als eine geschlossene nationale Gemeinschaft im Kriegsfälle zu Verteidigungszwecken ein bestimmtes Kontingent nicht durch Vertreter, sondern durch persönliche Kriegsdienstleistung stellen müßten. Die Juden würden somit ein Gemeinwesen bilden, das von eigener und nicht, wie Drohnen, von fremder Hände Arbeit leben wird. Polen wird nach dieser Auswanderung wohl geschwächt werden, die kleineren Städte, die durchwegs von Juden bewohnt werden, würden vielleicht verschwinden und der Kleinhandel sicherlich ganz verfallen, der Staat wird auch vielleicht einen kleinen Teil seiner Einnahmen einbüßen, aber umso besser wird es dann, einige Jahre später, ergehen, wenn die Bevölkerung durch die Abwanderung der Juden gestärkt und durch den Handel dem polnischen Bürgerstand heue große Verdienstmöglichkeiten erwachsen werden. Der polnische Bauer wird sich ebenfalls geistig erholen, da ihn die Juden nicht mehr werden „demoralisieren" können. Der Verfasser ist sogar der Meinung, daß sich die polnische Bevölkerung vermehren und größere Arbeitsmöglichkeiten erlangen, die judenreinen, kleinen Städtchen dagegen sich in kleine Industriezentren verwandeln werden. Der Bauer, den der Jude nicht mehr zum Saufen wird anhalten können, wird auch größere Verdienstmöglichkeiten haben und dem Staat somit allmählich die ihm anfangs entgangenen Einnahmen ersetzen. Die Auswanderung der Juden und deren territoriale Konzentrierung hält der Verfasser für das einzige Mittel zur Rettung Polens. Widrigenfalls werden die Juden den polnischen Charakter des Staates ganz verwischen, da „der zivilisierte und glattrasierte Jude für die polnische Gemeinschaft ebenso gefährlich ist, wie der gewöhnliche Jude“.7) Ja, selbst die Neophyten haben zur Genüge bewiesen, wie schädlich sie auf die christliche Umgebung einwirken. Schon die Politik Peter des Großen, der den Juden unter Androhung der Deportation verbot, die russischen Gouvernements zu betreten, beweist, daß man die Juden von den anderen Gemeinschaften absondern müsse. Im Sinne dieser Politik sollten nun die Polen den Zaren ersuchen, die Juden aus Polen zu entfernen und ihnen durch Zuweisung eines eigenen Gouvernements in der Tatarei oder in Südrußlind die Möglichkeit zu einer Auswanderung zu geben. Der Anonymus, der, wie wir sehen, aus rein judenfeindlichen Motiven heraus die Lqsung der Judenfrage auf territorialistischer Grundlage verlangt, fand in der damaligen politischen Literatur so gut wie gar keine Zustimmung. Im Gegenteil, Lukasinski nahm in seiner bereits früher genannten Broschüre gegen den Anonymus, dessen Vorschläge er als barbarische bezeichnete, schärfste Stellung. Auch Moses ben Abraham und Tugendhold erhoben in ihren Schriften gegen eine derartige Lösung der Judenfrage Protest. Moses ben Abraham erklärte in seiner Broschüre das Projekt des Anonymus für gefährlich, weil es geeignet sei* das seiner- 7) Seine Broschüre, S. 21. zeitige tragische Regime Nebukadnezars zu erneuern. Tugendhold dagegen bekämpfte aufs schärfste den von ihm gepredigten Territorialismus mit dem Argument, daß dieser keineswegs die Judenfrage zu lösen imstande sei. Die Assimilation der Juden an die Polen, die von allen Faktoren der polnischen Gesellschaft unterstützt werden müßte, vermag allein die Judenfrage zur Gänze zu lösen. Der im Jahre 1818 tagende polnische Reichstag, dem der anonyme Verfasser seine Broschüre widmete, hatte, obwohl die Mehrheit der Abgeordneten judenfeindlich orientiert war, zu seinem Vorschläge keine Stellung genommen und sich lediglich damit begnügt, an Alexander I. den Appell zu richten,8) dem nächsten Reichstag ein Projekt zur Judenreform vorzulegen, das geeignet wäre, Polen vor einer allzustarken Vermehrung der Juden zu beschützen. Einen Widerhall fand die Forderung des Anonymus erst in einem Beschluß des Reichstages vom Jahre 1822, wonach der Zar zu ersuchen wäre, den Juden ein unbewohntes Gebiet zuzuweisen, in dem sie angesiedelt werden könnten, um so Polen von „diesem großen Uebel" zu befreien, da die Juden dessen Einwohnern nur Schaden zufügen.0) Die Regierung, die sich bereits mit der Judenreform ernstlich beschäftigte, trug diesem Wunsche des Sejm keine Rechnung und begnügte sich wohl damit, im Wege von Reformen auf dem Gebiete des Erziehungswesens und der Verbreitung der allgemeinen Bildung zur Lösung der Judenfrage beizutragen, um „so die Juden den christlichen Einwohnern näherzubringen". Die von dem anonymen Verfasser angeschnittene Lösung der Judenfrage auf territorialistischer Grundlage, wenn auch von antisemitischen Motiven ausgehend, sollte späterhin noch einmal die polnische Gesellschaft beschäftigen. Im Jahre 1841 wurde der russischen Regierung ein ähnliches Projekt von polnischer Seite unterbreitet, das auch dann als Broschüre^ unter dem Titel: „lieber die Reform der Juden, ein Projekt, überreicht im Jahre 1841"10) erschienen ist und nichts anderes enthielt, als eine fast wortgetreue Wiedergabe der Ansichten des Anonymus aus dem Jahre 1818. 8) Dyarjusz Seymu r. 1818, Bd. I. “) Dyarjusz Seymu r. 1822, Bd. III. 10) Sie erschien unter dem Pseudonym Klemens Przezora. Genaueres hierüber in meiner „Vorgeschichte des Zionismus", Bd. I. Judenstaatsprojekte 1695—1845, Kapitel 12, S. 213—220.