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Die Stimme · 1928-06-14 · Heft 24 (14.6.1928) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 24 (14.6.1928)
Date
1928-06-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 24 DIE STIMME ite 3 führen, der Name für die Organe der Gemeinden und Wohlfahrtsanstalten. Es sind ihrer übrigens nicht Tausende, sondern Zehntausende. Das ist eine neue Erscheinung, die sich besonders stark nach dem Krieg entwickelt hat. Und auch da hört man Klage über denselben Mangel wie beim Palästina-Aufbau: diplomierte Juristen und Volkswirtschaftler haben wir in Hülle und Fülle, doch keine ausgebildeten Spezialisten für den jüdischen „civil Service". Jedes Kind weiß, daß das soziale Leben der jüdischen Massen ein eigenes Profil, eigenartige charakteristische Probleme besitzt, charakteristische eigene Leiden, eigene Krankheiten, soziale sowohl wie rein medizinische, eigene Aufgaben und Bewegungen. Daraus ist zu ersehen, daß jeder, der auf diesem Gebiet richtig wirken will, vorher eine ganz spezielle Ausbildung durchmachen muß — eine spezielle Fakultät der „jüdischen Wissenschaft", doch nicht im gewöhnlichen Sinn von Geschichte, Philologie und Literatur, sondern im Sinne von Demographie, Statistik, Politik, Antisemitismus, Wirtschaftslage, eigenen Institutionen, Zionismus, Minoritätenrecht, Emigration, Kolonisation in verschiedenen Ländern ... Das ist die zweite Fakultät, die in erster Linie gegründet werden müßte, die FakultätfürjüdischeSozialwissensc haften. Man wäre berechtigt, sie Fakultät für „jüdische Staatswissenschaften" zu nennen, denn in dieser Hinsicht sind wir viel origineller als ein richtiger Staat. Für eine solche Fakultät läßt sich der Lehrplan nicht mehr so bequem aus Europa beziehen — er muß originell sein, denn das ganze Stoffgebiet ist eigenartig. Der Lehrstoff muß alles enthalten, was für eine Person jüdischen öffentlichen Wirkens in Ausübung ihres Dienstes in Betracht kommt: von der rumänischen Verfassung bis zur amerikanischen Einwanderungs q u o t e, von den hebräischen Gymnasien in Polen bis zu den französischen Alliance- Schulen in Marokko, Zionismus ebenso wie Philanthropie, Genossenschaftswesen und das Wesen der Raiffeisenkassen, Versicherungskunde, Kenntnis der Gemeindeeinrichtungen. IV. „Woher die Professoren dafür nehmen?" — diese Frage ist bekanntlich das zähe Argument, mit dem versucht wurde, die Forderung nach einer Reform der Universität zu bekämpfen. Eines freilich wurde bei dieser Argumentation immer übersehen: wenn wir nicht einmal Lehrer für unsere Hochschule finden können, so werden wir für sie erst recht keine Forscher finden; denn selbständige wissenschaftliche Forschung ist eine weit höhere und darum weit wahrere Stufe der Gelehrsamkeit, als die bloße Fähigkeit, Studierenden das zu vermitteln, was die Wissenschaft bereits erforscht hat... Es hat sich letzten Endes auch herausgestellt, daß man „Zelebritäten" weder unter den Forschern, noch unter den Lehrern haben kann, weil sie nicht nach Jerusalem gehen; das Forschen oder das Lehren — es ist immer dasselbe — muß man eben bescheiden beginnen; wir müssen die „großen Namen" wie Bergson, Einstein und Freud aus dem Spiel lassen und begreifen, daß wir, mögen wir in der Weltkultur auch alt und stark sein, im Schaffen unserer eigenen Kultur genau so Anfänger sind wie die Ukrainer, Litauer oder Letten. Haben wir uns einmal mit diesem Gedanken abgefunden, für den der Engländer das Sprichwort: „Hinunter vom hohen Roß" hat, dann wird alles viel leichter gehen, darunter auch die Frage der „Professoren" sowohl für die zwei Fakultäten, die ich hier geschildert habe, wie auch für andere. Ich wohne in Paris, einer Stadt, die bedeutende Hochschulen hat, und in jedem Sommer höre ich von dem oder jenem jungen Juden, dem vorgeschlagen wird, an der Sorbonne oder einer anderen hohen Lehranstalt zu bleiben und sich dafür vorzubereiten, daß er nach einigen Jahren Vorlesungen halte. In L o n d o n, wo ich früher wohnte, fand ich dieselbe Erscheinung. Ich erhebe keinen Anspruch auf statistische Genauigkeit, aber ich halte jede Wette, daß es alljährlich an allen Universitäten der Welt zusammen etwa fünfzig junger Juden gibt, denen vorgeschlagen wird, die akademische Karriere einzuschlagen. Nicht alle akzeptieren natürlich den Vorschlag; die, welche ihn akzeptieren, nehmen selbstverständlich an den Hochschulen etwa von Paris und London, wo bekannte Professoren von Ruf die Katheder innehaben, zunächst nur zweiten oder dritten Rang als Hilfsdozenten ein. Und ich nehme mir die Freiheit zu behaupten: Wer Hilfsdozent an der Sorbonne sein kann, kann ganz gut Hauptdozent an einer neuen, jungen Universitätsein. Ein christlicher Professor, der unserer Sache sehr gewogen ist, hat das folgendermaßen ausgedrückt: „Es ist gar nicht schwer, gute Dozenten für Ihre Universität zu finden. Warum wendet man sich nicht an uns — an mich und meine Kollegen an den Universitäten von West- und Mitteleuropa? Durch meine Hände sind etliche Dutzend sehr fähiger jüdischer Studenten gegangen, von denen jeder ein sehr brauchbarer Lehrer für eine Hochschule sein könnte; mit vielen von ihnen stehe ich noch heute in Verbindung. Man frage mich und meine Kollegen: ,Wen von Ihren jüdischen Diplomierten können Sie als brauchbar für eine Universität empfehlen?' Ich werde mehrere nennen können, meine Kollegen sicher ebenfalls — und Sie werden eine Menge von Kandidaten zur Auswahl haben. Ich bin sogar überzeugt, daß viele von ihnen hebräisch können. Können sie nicht — sie sind jung und können es erlernen. Aus diesen Kandidaten könnten Sie eine Auswahl treffen, ihnen zwei bis drei Jahre Vorbereitungsfrist geben — und dann haben^ Sie einen Stock junger Dozenten, die Ihnen eine lebendige junge Universität schaffen werden. Selbstverständlich werden darunter keine Berühmtheiten und keine Entdecker neuer Horizonte sein, doch auch das wird mit der Zeit kommen, und zwar aus eben diesem Kreise bescheidener junger Dozenten; denn die Jugend wächst an ihrem Werk." der qute Rinds uppen- Würfel \ Ein Rekrutenpogrom in Polen Ein Jude getötet, zahlreiche Schwerverwundete. Aus Waise hau wird uns berichtet: In dem Städtchen M a c i e j ow bei Kowel kam es am 7. Juni zu schweren Exzessen von Rekruten gegen die jüdische Bevölkerung. Als die Juden um die Mittagszeit die Bethäuser verließen, wurden sie von einer Gruppe betrunkener Rekruten tätlich angegriffen. Da die Polizei nicht einschritt, setzten sich die angegriffenen Juden zur Wehre und es kam zu Schlägereien. Die Rekruten erhielten — offenbar vorbereiteten — Sukkurs von ihren Kameraden und begannen auf alle Juden, die ihnen in den Weg kamen, loszuschlagen und gegen sie mit Bajonetten und Messern vorzugehen, Dabei erhielt der Jude David M e 1 a m e d so schwere Verletzungen durch Messerstiche, daß er ihnen noch im Laufe des Tages erlag. Die Juden Baruch H e 11 m a n n und Baruch N e u m a r k wurden lebensgefährlich verletzt. Eine große Zahl von Juden erlitten schwere Stich- und Hiebwunden. Die Juden, nach wie vor dem Willen der Soldaten ohne Hilfe ausgesetzt, alarmierten die gesamte männliche jüdische Bevölkerung des Ortes, die zum Schutze von Leben und Eigentum der Angegriffenen herbeieilte. Dann erst griff die Polizei ein und machte den Exzessen ein Ende. * Der jüdische Parlamentsklub hat wegen dieser Vorgänge in Maciejow eine dringende Interpellation eingebracht. „Palästina“ Monatsschrift flir die Erschließung Palästinas Das einzige Organ, das alle den Ausbau des jüdischen Palästina betreffenden Fragen behandelt und das ganze sonst weithin zerstreute darauf bezügl. Material konzentriert. Redaktion: Adolf Böhm / Zu beziehen durch die Administration: Wien I, Kärntnerstraße 28 Bezugspreise für Österreich S 10’—, für Ausland S 12*— Englische Herr enu. Damer TUCHHAUS RUDOLF TEWELES BäPlwi ■ Wien VI, Marialviiferslr. 12.5 „Beobachtungen über die Juden in Polen" (Apergus sur les Juifs en Pologne) die Gefahr einer eventuellen Verjudung Polens geschildert und eine Reihe von Maßnahmen repressiver Natur vorgeschlagen, die seiner Ansicht nach geeignet waren, eine entsprechende Judenreform in die Wege zu leiten. Wenn er auch eine Begünstigung der jüdischen Großkapitalisten und die Heranziehung der jüdischen Massen zum Handwerk und Ackerbau vorschlägt und selbst einzelnen Individuen die Erlangung der Bürgerrechte ira Falle ihrer etwaigen Verdienste um den Staat in Aussicht stellt, so hat er doch auf der anderen Seite gar keine Mittel zur Verbesserung ihrer rechtlichen Lage vorgeschlagen. Einen überaus judenfreundlichen Standpunkt teilte der bekannte Vorkämpfer der polnischen Demokratie, der radikal gesinnte Offizier Walerjan Lukasinski, der Schöpfer der polnischen Freimaurer- Bewegung, in seiner Broschüre „Bemerkungen eines Offiziers über die anerkannte Notwendigkeit der Judenreform". In dieser führt er aus, daß die Juden gerade durch die Verfolgungen und Vorenthaltung der Rechte demoralisiert werden. Der Adel habe sie zu einem Werkzeug zur Unterdrückung der Bauern gemacht und sie korrumpiert. Würde man ihnen Rechte erteilen und sie als gleichwertige Staatsbürger behandeln, so könnten sie dem Staate sicherlich nur Vorteile und Nutzen bringen. An dieser Polemik nahmen auch Juden teil, die in ihren Schriften den Versuch unternommen hatten, die Juden zu verteidigen. So hat ein Rabbiner, Moses ben Abraham, in seiner Schrift „Die Stimme des jüdischen Volkes" (Glos ludu izraelskiego) die Ansichten der orthodoxen jüdischen Kreise vertreten und die Polen ersucht, sich in die inneren Angelegenheiten der Juden nicht zu mengen und in ihnen, wenn nicht ihre Brüder, so doch die Vorfahren ihres Religionsstifters zu erblicken. Den Juden solle man keinesfalls die polnische Kultur aufdrängen, da sie eher eine Vertreibung vorziehen, als aui ihren Glauben und auf ihre Tradition zu verzichten. Der Sprecher der damaligen aufgeklärten Juden, der Lehrer Jakob Tugendhold, führt in seiner Schrift „Jerobaal oder ein Wort über die Juden" (Jerobaal czyli mowa o Zydach) aus, daß man die Assimilationstendenzen innerhalb der Judenschaft unterstützen möge, da sie bereits beginne, sich die polnische Kultur anzueignen, und es nur von den Maßnahmen der Regierung abhängig sei, ob diese inneren Reformen von Erfolg begleitet seinwerden. Während die einzelnen Publizisten verschiedene Vorschläge zu einer Judenreform vorlegten und hiebei immer von der grundlegenden Tatsache ausgingen, daß die Juden in Polen zu verbleiben haben, veröffentlichte im selben Jahre (1818) ein Anonymus eine Broschüre, in der er vor allem Krasinskis Vorschlag bekämpfte und ein eigenes Projekt zur Lösung der polnischen Judenfrage unterbreitete, ein Projekt, das nichts anderes als die Konzentrierung der Juden auf einem bestimmten Territorium innerhalb des russischen Imperiums bezweckte. Kurz gesagt: ein „Krim-Projekt" im Jahre 1818. Der Verfasser der Broschüre „Ein Mittel gegen die Juden oder Maßnahmen, aus ihnen anständige Menschen und gute Bürger zu machen",6) dessen Persönlichkeit unbekannt ist, führt eingangs seiner Schrift eine recht scharfe Polemik gegen General Krasinski, der, seiner Ansicht nach, obzwar er die Juden als eine Gottesplage ansieht, keineswegs ein richtiges Heilmittel vorschlug, das den polnischen Staat vor dieser Krankheit beschützen könnte. Er will daher versuchen, ein Mittel ausfindig zu machen, mit dessen Hilfe man die Juden in ihrem eigenen sowie im Interesse des Staates zu nützlichen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft machen könnte. Er betrachtet die Juden als ein einheitliches Volk, das seinen Geist und seine Stammeseigenschaften trotz der Zerstreuung bewahrt hat. Die Juden bilden eine geschlossene Körperschaft, die seiner Ansicht nach, vermittels der Befehle ihrer Führer, die „von einer unsichtbaren Macht geführt werden", einheitlich geleitet wird. Mangels eines eigenen Vaterlandes ist ihnen jedwedes Gefühl vaterländischer Liebe abhanden gekommen. Aus diesem Grunde ist auch ihre wirtschaftliche Struktur anders geartet. Sie stellen jedem Staate, der sie reformieren möchte, Schwierigkeiten entgegen, wobei nach seiner Ansicht sowohl die aufgeklärten als auch die unaufgeklärten Juden übereinstimmend handeln, wodurch eben jede vom Staate eingeleitete Reform, die Juden zu nützlichen Staatsbürgern zu machen, zwecklos wird. Es sei •) Sposöb na Zydöw czyli ärodki niezawodne zrobienia z nicb ludzi uczciwych i Dobrych obywateli. Dzielko dedykowane Poslom i Deputowanym na Seym, 1818 r. daher nur ein Weg möglich: die Absonderung der Juden von den Christen, wodurch dann Polen in ein blühendes Land und die Juden in nützliche und ehrliche Bürger umgewandelt werden würden. Wenn auch die Verfassung den Einwohnern Polens die Wohnfreiheit gewährt, so müsse man angesichts der Sicherheit der polnischen Nation die Frage erörtern, ob denn die Christen, die die erbeingesessenen Einwohner dieses Staates sind, zugunsten der Juden Opfer zu bringen gezwungen werden können. Im Interesse der polnischen Bevölkerung, die drei Millionen Seelen zählt, liegt es, gerade von den Juden, die nur 300.000 Seelen zählen, ein Opfer zu verlangen, das sie in nichts anderem als in deren freiwilliger Absonderung und Aufgabe jedweder innerer Beziehung zu Polen bestehen soll. Nur eine Emigration könnte das große Problem lösen. Die Juden müßten daher Polen verlassen und in andere Gebiete auswandern, wo sie als geschlossene Nation leben könnten. Da Polens Staatsoberhaupt der russische Imperator ist, dessen Reich über unzählige Landstriche verfügt, wäre nichts leichter, als daß er über Ersuchen der polnischen Nation den Juden im Gebiete der Tartarei oder in einer anderen Gegend Südrußlands ein Territorium zuweise, in dem sich die Juden dann frei entwickeln und ein behagliches Dasein führen könnten. Nicht minder wichtig wäre auch die Frage, wer die Kosten der Emigration und der Einrichtung der jüdischen Nation tragen solle. Die Zahl der Juden in Polen ist nicht viel größer als die mancher Armee, die sich jederzeit mit ihrem Munitions-, Sanitäts- und Verpflegungspark fortbewegen und auch mehrere Monate unterwegs verweilen kann. Umso leichter wäre es, die jüdischen Massen Polens, die über gar keine Munition und keinen Wagenpark verfügen, im Verlaufe von 8 Monaten nach ihrem neuen Wohngebiete zu bringen. Man müßte sie, um ihre Fortbewegung zu erleichtern, in dreihundert Staffeln zu je 1000 Mann auf teilen und sie auf den Hauptrouten fortbringen, wobei jeder Staffel in je 24 Stunden nur zwei Meilen zu bewältigen hätte. Vorher müßte man aber spezielle Etappenmagazine für ihre Verpflegung anlegen, und zwar in der Weise, daß man bereits im Frühling 1819 mit dem Abmarsch der Juden beginnen könnte. Zur Erhaltung der Ordnung schlägt der Anonymus die Gründung einer jüdischen

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