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Die Stimme · 1928-06-14 · Heft 24 (14.6.1928) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 24 (14.6.1928)
Date
1928-06-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 24 sucht, die Frage der Beziehungen zwischen der Universität und gewissen anderen Unterrichtsinstitutionen in Palästina zu prüfen und hierüber Bericht zu erstatten. Zur Reform der Universität in Jerusalem Von Vladimir Jabotinsky (Paris). I. Wie die Dinge liegen, scheint nun doch begründete Hoffnung zu bestehen, daß die absurden Zustände auf dem Scopusberg ein Ende haben werden und daß die eigentliche Arbeit für den Aufbau einer hebräischen Hochschule beginnen wird. Wenn dem so ist, ist es möglich, über die realen, reellen Dinge zu sprechen, die wir von der hebräischen Universität erwarten, und dazu möchte ich auch meine bescheidene Meinung sagen: Zu den ersten Fakultäten, die auf dem Scopusberg geschaffen werden sollen, gehören meiner Ansicht nach: eine Fakultät für den Orienthandel und eine Fakultät für jüdische Sozialwissenschaften. Von allem anderem abgesehen, würden diese zwei Anstalten nicht gleich zu Beginn soviel Mittel erfordern wi,e gewisse andere; überdies würden sie auch nicht so schwierige Fragen aufrollen, wie z. B. die Frage: „Wo nimmt man eine Bücherfreunde i Besichtigt unsere Schaufenster! MT Verlanget Preislisten! Bücherschwemmö «VIENNA*, Wien I, Bognergasse Nr. 4 Leiche her?“, die ein Kardinalproblem für die Errichtung einer medizinischen Hochschule bildet. Doch nicht deswegen halte ich meinen Vorschlag für wichtig; auch wenn wir imstande wären, sofort sämtliche fünf oder sechs Fakultäten zu gründen, die eine Lehruniversität haben soll, wäre es von Vorteil, vor allem mit den zwei Fakultäten zu beginnen, die ich oben genannt habe. n. Wenn jemand zehn Juden in Tel-Aviv und zehn Zionisten in New York oder Warschau fragt, was uns in erster Linie in Erez Israel fehlt — neun von den zehn Gefragten geben die gleiche Antwort: „Richtige Kaufleute“. Das ist leider eine traurige Wahrheit. So merkwürdig und überraschend die Tatsache bei Juden sein mag, sie ist unleugbar: weit schwächer als in jeder anderen Hinsicht ist es bei uns gerade im Handel bestellt. Unsere landwirtschaftliche Arbeit ist nicht schlecht, zum mindesten ist sie die beste im Lande; unsere Industrie produziert in manchen Fällen sogar sehr gute Waren; als Kaufmann aber spielt der Jude in Erez Israel eine wenig bedeutende Rolle. Ich kenne Leute, die erst aus Anlaß des bösen Konfliktes in den Orangerien von Petach-Tikwah die „Entdeckung“ machten, daß der gesamte Orangenexport sich in arabischen Händen befindet; doch in Erez Israel selbst weiß man, daß dies fast auf allen Gebieten der Fall ist. Unsere unproduktiven Spintisierer mögen das als ein erfreuliches Symptom, ja als Glück ansehen — der Jude verläßt seinen „Galutherwerb“, den Handel. Ich halte freilich diesen Galutherwerb des Handels für einen der wichtigsten Kulturfaktoren in der Geschichte der Menschheit, für die Wurzel aller Zivilisation. Diese Ansicht kann vielleicht bestritten werden; aber daß die Zukunft unserer Kolonisation in Erez Israel mit dem Schicksal des jüdischen Handels verknüpft ist, daran ist ein Zweifel schwer möglich. Eine Bevölkerung muß ihre Produktion verkaufen können; kann sie dies nicht — so gibt es keine Produktion und keine stabile Bevölkerung. Kolonisation ist eigentlich eine Frage des Absatzmarktes. Die Heranziehung von Kapital, über die heute so viel debattiert wird, ist auch eine Frage des Absatzmarktes: Geld fließt solchen Unternehmungen zu, die Abnehmer für ihre Produkte haben oder haben können. Würden wir Zionisten die Lage richtig verstehen, wir hätten schon längst mehr Handelsreisende als Keren-Hajessod-Reisenae. Den richtigen, den gesunden Zusammenhang zwischen Palästina und dem Galuth schafft nicht der Keren Hajessod, nicht einmal eine Anleihe, sondern der Prodüktionskreislauf: daß Palästina produziert und der Galuth konsumiert und zahlt — so wird es in Zukunft auch sein, soll der Zionismus überhaupt zu einem Enderfolg kommen. Bei uns aber hat man Vorliebe für milde Arzneien: wenn man z. B. „Geschäftsleute“ braucht, so begnügt man sich, zur Palästina-Arbeit Männer wie Mond, Warburg und Wassermann heranzuziehen. und meint, nun werde das Geschäft sich einstellen. Das ist kindisch. Es liegt mir fern, den Ruf der genannten Herren antasten zu wollen, aber — man wird kein Fachmann in der Astronomie dadurch, daß man von Geologie nichts versteht. Spezialisten für Erez Israel kann man nur in Erez Israel schaffen: das müssen Leute sein, die das Land kennen, seine Beziehungen zu den Nachbarländern, den besonderen Tvpus (oder die Typen) des Juden, der in Erez Israel als Landwirt oder Fabrikant vorkommt, die guten und die schlechten Gepflogenheiten des Handels und des Imports und Exports im Orient, den Bedarf jedes einzelnen Nachbarlandes. Ich weiß, daß man sich diese Kenntnisse vollständig nur im praktischen Leben aneignen kann, nicht in einer Schule — die beste Schule kann nur einen Teil des Wissens vermitteln, das sie vermitteln soll. Doch dieser Teil wird um vieles größer sein, wenn die Schule in Erez Israel ist. Eine Handelsfakultät wird nicht nur dazu dienen, Kaufleute im engeren Sinne heranzubilden. Jede Fabrik, jede Bank, jedes Geschäftsunternehmen leidet bei uns in Erez Israel an dem Mangel an fachmännisch ausgebildeten Direktoren, Aufsehern, Beamten. Ich gehe noch weiter — wenn man mich fragt, welches die beste „allgemeine“ Bildung für einen Kolonisator ist, ich würde antworten: die kommerzielle Bildung. Ein Kolonisator muß zu allererst wissen,' was die Welt produziert, was ihre Märkte brauchen und welche, und mit welchen Methoden der Bedarf über die einzelnen Märkte verteilt wird. Weiß er das, so wird er sich sofort darüber klar sein, welche Funktion sein Land in diesem großen Stoffwechsel der Erde einnehmen kann. Der Lehrstoff einer solchen Fakultät müßte hauptsächlich jene Disziplinen umfassen, welche in den großen europäischen Handelsakademien gelehrt werden. Das passendste Vorbild wäre wohl die Hochschule für Welthandel in Wien. Ich weiß nicht, wie sie heute aussieht. Vor dem Kriege war es eine bedeutende, erstklassige Anstalt, mit besonderem Interesse am nahen und mittleren Osten. III. Im Verlauf der letzten Jahrzehnte hat sich in unserem Volk eine neue Schicht gebildet, die jedoch noch keinen Namen trägt. Die Begriffe „Personen öffentlichen Wirkens“, „Beamte“ usw., passen alle nicht. Wäre der englische Ausdruck „civil Service“ übersetzbar („ziviler Dienst“ ist eine wörtliche, aber keine richtige Uebersetzung), so wäre das der passende Name für die vieltausendköpfige Menge von Männern und Frauen, welche die Tagesarbeit für den Zionismus, den Keren Hajessod, den Keren Kajemeth, die Hadassah, Ica, Alliance, Hias, für den Joint, für „Ort“, „Ose“ aus- Die Juden-Kolonisation in Rußland, die jetzt durch Mißernte und Hunger schwer zu leiden hat. Links: Der Vizepräsident des American Joint DistributionComittee, James N. Rosenberg, der diese Kolonisation eifrig propagiert. Oben: Typus eines Wohngebäudes in einer Kolonie in der Krim. Ein „Krim-Projekt“ aus dem Jahre 1818 Von Dr. N. M. Gelber. In dem auf dem Wiener Kongreß 1814/1815 aus dem ehemaligen Herzogtum Warschau gebildeten und dem russischen Reiche einverleibten Königreich Polen wurde in den Jahren 1815—1818 die Judenfrage sowohl von staatlichen Organen als auch in der Presse und in der Oeffentlichkeit lebhaft erörtert. Noch vor Entstehung des Königreiches Polen hatte eine aus Michael Ettinger, Wolf Kohn und Schachna Neuding bestehende Deputation der Warschauer Judenschaft beim Zaren Alexander I. während seines Aufenthaltes in Paris in Angelegenheit der Verbesserung der Lage der Juden und Aufhebung der sie stark einschränkenden Verordnungen vorgesprochen. Nach Bildung des Königreiches Polen verblieb die Judenfrage lange Zeit auf der Tagesordnung aktueller Staatsprobleme. Sie wurde in einem unter Leitung des Fürsten Adam Czartoryski eingesetzten Komitee behandelt, einzelne Detailfragen wurden auch speziellen Ausschüssen, die sich mit der Regelung der Bauern- und Städtefrage beschäftigten, zugewiesen. Verschiedene Projekte tauchten auf, die die Judenfrage in Polen zu lösen versuchten. Während die einen ihre Vorschläge zumeist in liberalem Geiste hielten und die teilweise Emanzipation der Juden befürworteten, schlugen andere eine noch größere Einschränkung, ja selbst eine Entfernung der Juden aus verschiedenen Wirtschaftszweigen vor. Im Jahre 1816 hatte der damalige Statthalter von Polen, General ZajonQzek, der Regierungskommission ein Projekt vorgelegt, in dem er eine bedingte Reform vorschlug, mit dem Zweck, die Interessen der christlichen Bevölkerung vor einer eventuellen Ueberflutung durch die Juden zu schützen, die sich nach der Meinung des Generals viel zu stark vermehren, jeder schweren Arbeit aus dem Wege gehen und nur auf Kosten der arbeitenden christlichen Klassen, deren Zersetzung sie nur hervorrufen, leben und sich im Staate als ein fremdes Volk absondern. Demgegenüber verlangte der russische Reichskommissär bei der polnischen Regierung, Senator Now o s i 1 z e w, Gewährung der bürgerlichen Rechte an die Juden, die hiefür eine Reform in ihrem Leben im Sinne europäischer Kultur durchzuführen hätten. Während der polnische Reichsrat (Rada stanu) in lebhaften Debatten zu den einzelnen Projekten Stellung nahm, wurde in der polnischen politischen Literatur, ähnlich wie zur Zeit des vierjährigen Sejm1], die Judenfrage überaus lebhaft erörtert. Die polnische Presse widmete bereitwillig ihre Spalten dieser seit Jahrzehnten in Polen bereits aktuellen Frage. Diese Pressepoleraik leitete der Geistliche Szaniawski mit einem Artikel „über die Juden" (O Zydach)2), den er im Jahre 1815 publizierte, ein. Er verlangte, daß man die Juden als gleichwertige Menschen behandeln und sie dazu bringen möge, ihre blinde Anhänglichkeit an ihre Sitten aufzugeben. Um die Juden zu nützlichen Bürgern des Staates zu machen, müsse man sie vor allem hinsichtlich der Besteuerung den übrigen Einwohnern gleichstellen, damit fsie gezwungen sind, Verdienste zu suchen, die es ihnen ermöglichen, den Steuerlasten nachzukommen. Wird man ihnen auch die Rechtsgleichheit zusprechen, so kann man auch von ihnen verlangen, daß sie alte Pflichten wie die übrigen Einwohner erfüllen. Nur eine milde Behandlung der Juden wird ihre Annäherung zur europäischen Kultur ermöglichen und sie somit in nützliche Bürger des Staates umwandeln. Sollten aber die Juden den Wunsch haben, ihren eigenen Staat mit einer eigenen Regierung zu besitzen,9) dann sollte man sich bemühen, die Monarchen, die den allgemeinen Frieden herstellen, zu veranlassen, den Juden einebestimmteProvinz für den jüdischen Staat festzusetzen. Jene Juden aber, die in ihren Wohnländern verbleiben wollen, müßten sich der Landesbevölkerung anpassen und ihre Sitten an- *) Ueber die Judenreform auf dem vierjährigen Sejm handelt meine demnächst in Berlin erscheinende Schrift: „Die Juden in Polen am Ausgang des 18. Jahrhunderts". *) Pami$tnik Warszawski, 1815, Bd. I. 3) Es ist interessant, zu erwähnen, daß bereits im Jahre 1777 die Kronschatz-Kommission ein Projekt zu einer Verordnung betreffend die Auswanderung der Juden nach Jerusalem vorbereitet hat, dessen Verfasser unbekannt ist. Die Verordnung ist nicht erschienen. nehmen, widrigenfalls sie nach dem Judenstaat auszuwandern gezwungen würden. Im Gegensätze zum Geistlichen Szaniawski, der für eine liberale Lösung der Judenfrage eintrat und sogar den Gedanken eines Judenstaates ventilierte, hatte der bekannte polnische Publizist Staüislaw S t a s z i c einen Aufsatz über die „Ursachen der Schädlichkeit der Juden"4) kurz nach dem Erscheinen des Szaniawskischen veröffentlicht, in dem er die bereits zur Zeit des vierjährigen Sejm (1788—1792) gegen die Juden geschleuderten Angriffe wieder aufnimmt und den Standpunkt vertritt, daß an dem Verfall des polnischen Staates niemand anderer als die Juden schuld seien. Sie vermehren sich allzustark und drohen im Falle ihrer weiteren Zunahme, das Königreich Polen in ein jüdisches Land zu verwandeln, das von ganz Europa verhöhnt werden würde. Da man sie aus Polen nicht vertreiben kann, sei es notwendig, sie in separaten Bezirken abzusondern und in den Städten spezielle Judenviertel zu schaffen, um sie auf diese Weise kontrollieren zu können. Nur jene Juden, die sich als Kaufleute oder Handwerker verdient machen sollten, könnten das Recht erlangen, außerhalb der Grenzen der Judenviertel zu wohnen. Juden, die Mischehen eingehen, könnte sogar das Recht des Bodenerwerbes zugesprochen werden. Diese von Szaniawski und Staszic eingeleitete Preßkampagne5) rief eine überaus lebhafte Judendebatte hervor, die ihren Höhepunkt anläßlich des ersten Reichstages im neugeschaffenen Königreiche Polen im Jahre 1818 erreichte»- Aehnlich wie zur Zeit des vierjährigen Sejm traten auch jetzt in der Behandlung der Judenfrage drei Richtungen an den Tag. Die einen verlangten eine gemäßigte Judenreform, wogegen die anderen den Stand* punkt vertraten, daß man den Juden vor allem die bürgerlichen Rechte erteilen müsse, wenn man sie zu guten Staatsbürgern zu erziehen gedenke. Die judenfeindliche Richtung dagegen teilte eine Staszic ähnliche Ansicht, indem sie die Juden als eine „verseuchte Volksklasse* behandelt wissen wollte. So hatte der Abgeordnete General Wincenty K o r w i n Krasiüski in seiner Schrift *) Pamiftnik Warszawski, 1816, Bd. IV. *) In den Jahren 1815—1820 erschienen in polnischer Sprache 26 Broschüren und Aufsätze, die sich mit der Judenfrage beschäftigen.

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