Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1928)
- Date
- 1928-06-07
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 12 DIS STIMME Nf. 23 Zeitschriften darüber Enthaltene und wird auch der kulturhistorischen Forderung, das innere Leben der Juden dieser Zeit zu schildern, gerecht. Von 1500 an bis auf die neueste Zeit ist die Darstellung ziemlich lückenlos, je näher wir der Gegenwart kommen, desto ergiebiger werden die Quellen, vom 18. Jahrhundert an kann die Geschichte als vollkommen bezeichnet werden. Besonders interessant ist die Darstellung der Organisationsbestrebungen, die von Beginn des 19. Jahrhunderts einsetzen und die inneren Kämpfe der badischen Judenheit im Gefolge der Reformbestrebungen, die der Verfasser, trotzdem er sichtlich auf Seite der Neueren steht, objektiv zu schildern sich bemüht. Um Einzelheiten hervorzuheben, seien die kurzen, aber inhaltsreichen Charakterbilder Reuchlins und R. Joselmanns von Rosheim, die aufschlußreiche Geschichte einer Urfehde (im Anhang) genannt. Die Darstellung ist fesselnd, von guten Abbildungen belebt, für den Fachmann bestimmt sind die reichen Quellenangaben. L. Nach dem Tode preisgekrönt In Patterson (U. S. A.) ist vor kurzem der jüdische Dichter M. K o r m a n gestorben. Eine Woche nach seinem Tode wurde ein Gedicht, das er zum Preisausschreiben des New Yorker Tagblattes „Vorwärts" für die besten humoristischen Gedichte unter dem Pseudonym „Peter der Große" eingesandt hatte, preisgekrönt. Haydn‘s „Schöpfung" in Jerusalem Aus Tel-Aviv wird uns berichtet: Ueber Aufforderung des »Histadruth Naschim« gelangte durch das Tel-Aviver Symphonieorchester und den verstärkten Opernchor »Die Schöpfung« zur Aufführung. Unter der Leitung des unermüdlich schaffenden und energischen Dirigenten Fordhaus gestaltete sich diese Aufführung zu einem großen künstlerischen Ereignis in Palästina. Unter dem zahlreichen Publikum bemerkte man den belgischen Minister Van der Velde, ferner Ussischkin, Bialik und andere Persönlichkeiten der jüdischen Oeffentlichkeit. Eine „Dybuk-Suite“ von Joel Engel Im Juwal-Verlag ist eine Suite „Hadybuk" von dem vor mehr als einem Jahre verstorbenen Komponisten Joel Engel erschienen, die seine Musik zu Anskis „Dybuk" verwendet. „Habimah" in Palästina Aus Jerusalem wird uns geschrieben: Die Habimah feiert in Palästina audauernd Triumphe. Alle ihre Vorstellungen waren bisher ausverkauft. Einer ihrer letzten Vorführungen in Tel-Aviv wohnten im Beth Am gegen 4000 Personen bei. Die Habimah gastiert jetzt in Haifa, von wo sie wieder für einige Abende nach Jerusalem zurückkehrt und dann Tel-Aviv nochmals besuchen dürfte. Auch in den Siedlungen des E m e k fand eine Reihe von Vorstellungen statt. In Daganiah wohnten den Vorstellungen des »Golem« und des »Dybuk« jedesmal über 3000 Zuschauer bei. Ebenso stark besucht war die Vorstellung des »Ewigen Juden« in Ejn Charod. In Palästina sind Bemühungen im Gange, um dort ein dauerndes Verbleiben der »Habimah« zu ermöglichen. Das Moskauer jiddische Theater bei den Pariser Festspielen Der Präsident der Gesellschaft der Theater in Paris, Firmin Gemier, hat das von Granowsky geleitete Moskauer Jüdische Akademische Theater aufgefordert, an den im Mai und Juni stattfindenden Pariser Festspielen teilzunehmen. Am 11. Juni beginnen im Rahmen der Festspiele die Vorstellungen des Moskauer Jüdischen Akademischen Theaters im Theatre de la Porte S. Martin. Vera Kanjewskaja in Wien. Die bekannte jüdische Soubrette Vera Kanjewskaja hat soeben mit dem Heldentenor Paul Breitmann und dem Charakterkomiker Max B r y n eine Welttournee hinter sich, die sie durch Südamerika, Südafrika, London, Paris und Polen führte. Sie ist mit ihren Begleitern in Wien eingetroffen, um ein längeres Gastspiel an den „Jüdischen Künstlerspiele n" im Theater Reklame (II., Praterstraße 34) zu absolvieren. Mit diesem Trifolium gemeinsam wird der Moskauer jugendliche Tanzkoraiker Ilja Trilling auftreten, dessen Erfolge in den »Jüdischen Künstlerspielen« zu einer Verlängerung seines Auftretens geführt haben, Im Repertoire der von den Gästen bestrittenen Sommersaison werden die bekanntesten amerikanischen Operettenschlager der letzten Winterspielzeit erscheinen. Hebrüscber Abend Jehuda Ehrenkranz, Wenn Ehrenkranz liest, kommt zunächst die Jugend, Die Erwachsenen glänzen durch Abwesenheit. Auch bei dem letzten Vorlesungsabend von Ehrenkranz waren im Saal des Oestecreichischen Gewerbemuseums insbesondere junge Menschen anwesend und in erster Linie bejubelten Jugendliche seine Kunst, die sich in Modulation und Methodik unstreitig an »Habimah« und die »Wilnaer« anlehnt. Sowohl in Tschernichowskis »Baruch mi'-Magenza«, als auch im prachtvollen Kapitel aus Brenners »Sch'chol wekischalon« klangen diese Erinnerungen an »Habimah« durch und ließen sogar an einigen Stellen die Befürchtung aufkommen, daß diese einseitige Vortragsart, die in musikalischer Steigerung die persönliche Charakterisierung erschöpft, dem jungen, unzweifelhaft talentvollen Rezitator zur Manier und somit zum Verhängnis werden könnte. Besonders stark und eindringlich trägt Ehrenkranz Pogromszenen und soziale Schilderungen vor und in seinem Programm überwiegen daher Stücke dieser Art. Das spricht sehr für ihn, denn es zeugt von einem klaren künstlerischen Willen und vom Bewußtsein der Grenzen des eigenen Talents. 1, th. Biblische Tänze in den »Jüdischen Künstlerspielen«. Der zweite Jüdische Volksliederabend Isak Deutsch findet heute Donnerstag den 7. Juni statt. An diesem Abend führt Gertrud Kraus mit ihrer Tanzgruppe zum erstenmal eine Reihe von ihr geschaffener Biblischer Tän»e, wie »Sodom und Gomorrha«, »Judith«, »Hagar«, »Rebekka am Brunnen«, »Siegeslied Mirjams« vor. Die in der Bibel vorhandenen Motive gelangen zu einer rhythmisch-musikalischen Gestaltung, ohne daß die Künstlerin zur Pose des »Lebenden Bildes« greift. Die Österreichische Gesellschaft »Freunde des Jüdischen Wissenschaftlichen Instituts« wendet sich in einem Aufruf an alle Freunde jüdischer Wissenschaft, ihr bei der Sammlung jüdischer Dr u c k e und Zeitungen, die der Anlage eines umfassenden Archivs für das jüdische Druckwesen dienen sollen, behilflich zu sein. Das Jüdische Wissenschaftliche Institut sammelt alte jüdische Zeitungen in allen Sprachen (auch Einzelnummern), Broschüren, Statuten, Aufrufe jeder Art, Vereinsberichte, Kalender, Theaterprogramme, Anzeigen jüdischen Inhalts, Zeitungsausschnitte, sofern sie jüdische Angelegenheiten betreffen u. dgl. Die österreichische Gesellschaft läßt solche Materialien, die ihr zur Verfügung gestellt werden, auch im kleinsten Quantum gern abholen. Zuschriften an Dr. R, Glanz, Wien XVIII,, Weimarerstr. 19, oder an R. Stalek, XIX., Grinzinger" Allee 7/33. Deutsches Volkstheater. Der französische Dichter Lenormend hat ein überraschend handfestes Theaterstück geschrieben, in dem die Feigheit als Schicksal analysiert wird. Die sechs Bilder „Der Feigling" führen in manchmal kolportagemäßiger, manchmal lyrisch angehauchter Handlung in das Schweizer Kriegsmilieu der Drückeberger, Spione und — wirklich Kranken. Die Verknüpfung der Details mit dem Fatum Feigheit erreicht an manchen Stellen dichterische Höhe. Schade, daß Herr M o i s s i gerade für diese Stellen nur Arien zur Verfügung hat. Von den Kräften des Hauses bringen Ed thofer, Klitsch, Lessen, Frau Keller und die schöne Frau A m b a c h prägnante Figuren heraus. Das Publikum ist in Spannung gehalten, die sich nach den Aktschlüssen in starkem Beifall entlädt. —tz. DER GÄNSERICH Von Vojtech Rakous. Uebersetzung aus dem Tschechischen von Rudolf Fuchs. (Schluß.) Vier Wochen, waren seit jener Zeit verflossen, da der Gänserich seine goldene Freiheit eingebüßt hatte und es nahte der Tag, welcher der letzte seines Lebens sein sollte. Als an diesem denkwürdigen Tage — es war ein Donnerstag — Korälek abends sehnsüchtig nach Hause zurückkehrte, freute der Gänserich sich noch der besten Gesundheit. Die Korälek hatte sich's im letzten Moment überlegt. Der Gänserich war Gott sei Dank gesund und rege und verdaute bisher so ausgezeichnet, daß er trotz seiner enormen Dicke ein paar Tage noch aushalten konnte. Und gerade in diesen letzten. Tagen kann er am meisten zunehmen. Es war Donnerstag, bis zum nächsten Dienstag hält er aus, dann wird er geschlachtet, am Mittwoch geschmort und Freitagabend so Gott will kommt das Gänseklein auf den Tisch. Dies erklärte die' Korälek ihrem Gatten. Korälek war aber vernünftigen Argumenten nicht zugänglich. Er war verdrießlich. Im Guten und Bösen redete er seiner Frau zu, welch ein gefährliches Spiel sie treibe, wenn sie den Gänserich über den Samstag anstehen lasse, somit über einen Tag, an welchem nicht geschlachtet werden darf. Wenn dem Gänserich an diesem Tage etwas passiert, was dann? Und nun erzählte Korälek, wie viele Fälle ihm selbst bekannt sind, daß Gänse, die man aus sündhaftem Geiz über den Samstag anstehen ließ, gerade an diesem Tage draufgingen ... Die Korälek war aber wie ein Fels. Der Mann redete in den Wind, Sie warf ihm nur vor, er habe nur deswegen Eile, weil er die guten Speisen nicht erwarten könne. Korälek wurde, wie auch sonst immer, stumm. Es hatte wirklich den Anschein, daß die Korälek recht behielt. Donnerstag verging, Freitag neigte sich seinem Ende zu und der Gänserich blickte immer lustig in die Welt. Freitag abend brach an. Korälek schlief bereits in der Stube den Schlaf der Gerechten und aus der Nebenkammer kamen die ruhigen Atemzüge der schlafenden Kinder. Das über dem Tisch von der Decke herabhängende Samstagslicht brannte zu Ende und blakte. Die Korälek, welche bisher als Hebräische Notenschrift, von rechts nach links geschrieben. Der Erfinder dieser Notenschrift, Mordechai S a n d b e r g, ein ausgezeichneter Musiker und Dirigent, lebt in Tel-Aviv. Die hier wiedergegebene Probe zeigt den Beginn des 51. Psalms. einzige wach war, um heute den Gänserich zum letztenmal zu stopfen, sagte bei dem vergehenden Schein der Kerze ihr Gebet auf. Schließlich ging sie hinaus, tun dem Gänserich die gewohnte Anzahl von Gänsenudeln in den Rachen zu stopfen. Kurz nachher erscholl von draußen ein gedämpfter Schrei — ein Schrei, in dem Angst und Grauen wohnten. Schon stand die Korälek in der Stube, tödlich bleich und mit klappernden Zähnen, über dem Bett des Mannes. Sie riß an seinem Arm. „Korälek!" Korälek brummte etwas Unverständliches und drehte sich nach der anderen Seite um. „Hör doch, Korälek, steh aufJ“ Er öffnete halb die Augen und da er die Frau ganz außer sich beim Bett erblickte, erwachte er vollends. Er erschrak. „Um Gottes willen, was ist geschehen?" „Der Gänserich hat nicht verdaut!" Mehr konnte die entsetzte Korälek nicht aus sich herausbringen, als diese paar Worte; aber welche jüdische Hausfrau wird nicht die volle Tragik dieser fünf am Freitag abend hervorgestoßenen Worte begreifen, da man nicht schlachten darf? Auch Korälek begriff augenblicklich die drohende Situation. Jedermann könnte glauben, daß Korälek jetzt seine Frau mit Vorwürfen überhäufte, warum sie den Gänserich über den Samstag anstehen und ihn nicht seinem weisen Rate gemäß vor Anbruch des Abends schlachten ließ. Von hundert Männern hätten sich sicherlich neunundneunzig so verhalten. Korälek aber hatte ein gutes Herz und tröstete noch seine Frau auf alle Weise. „Hat er nicht verdaut, so hat er nicht verdaut", sagte er mit salomonischer Ueberlegenheit; „was ist da zu tun? Geh schlafen, vielleicht wird er bis morgen verdaut haben." Und als die Korälek wieder Kraft zum Sprechen fand und zu lamentieren begann, fügte er einigermaßen schroff hinzu: „Weißt du, Therese, jetzt hör* mir auf zu heulen, es ist Nacht, ich will schlafen. Hättest du gefolgt. Jetzt hast du‘s." Nachdem er dies gesagt hatte, wandte er Therese den Rücken und schnarchte wieder. Der Korälek lief es eiskalt über den Rücken und die Füße versagten ihr den Dienst. Sie wankte zu ihrem Bett und fiel wie ohnmächtig darauf. Die Kerze brannte zu Ende und in der Stube war es fast finster. Die Korälek lag auf ihrem Bette mit offenen Augen und hatte den Kopf voll quälender Gedanken. Ans Schlafen war nicht zu denken. Fortwährend ging es ihr im Kopf herum: „Der Gänserich hat nicht verdaut!" Und bevor der Adler kommen darf, um ihn zu schlachten, werden lange, unendlich lange 24 Stunden verfließen! Wird der Gänserich bis dahin überhaupt noch am Leben sein? Wer wagte es zu hoffen? Und alle ihre schönen Pläne und Absichten sind zunichte! Vergeblich ihre Mühe und Sorgfalt. Sogar ein Geldstück hat sie in die Stopfnudel eingewalkt, damit der Gänserich besser verdaue — umsonst! Sie wird die ehrgeizige Adler nicht übertreffen, den Pfarrer nicht mit der schönen Leber erfreuen, sich selbst nicht an dem Magen und Bürzel delektieren und ihr Mann nicht an dem Flügel... Alles dahin, für immer dahin! Und Tränen, Tränen der Trauer über so viele zerstörte Hoffnungen rannen der Korälek strömend über die Wangen. Wenn sie wenigstens anzünden dürfte, um zu*