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Die Stimme · 1928-06-07 · Heft 23 (7.6.1928) · page 11

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 23 (7.6.1928)
Date
1928-06-07
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
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Nr. 23 DIE STIMME Seite 11 weniger als vordringliche Mann auch während seiner fast fünfzehnjährigen Wiener Tätigkeit als Gemeinderabbiner des Tempels, II., Pazmanitengasse, und Mitglied des Rabbinatskollegiums. Die Vorfahren Ferdinand Lassalies Von Gustav Mayer. Der Autor, durch seine biographischen Forschungen über Lassalle bekannt, die er auf Grund des lange verschollenen Nachlasses anstcllte und in einem vierbändigen Werke niederlegte, gibt im nachfolgenden eine anziehende Darstellung der Ahnen Lassalles. Die in diesem Aufsatz benutzten Briefe werden im Original im ersten Band der historischen Schriften des Jüdischen wissenschaftlichen Instituts in Wilna erscheinen. In Lassalies Nachlaß, der nach seinem unerwarteten Tode für mehr als ein halbes Jahrhundert in Verschollenheit geriet und erst 1919 wieder auftauchte, befand sich eine abgenutzte Brieftasche, der man inr Alter ansah. Diese bewahrte eine Reihe jiddisch und hebräisch geschriebener Briefe, die über die Lebensgeschichte seines Großvaters und die Jugendzeit seines Vaters, soviel ich sehe zum erstenmal, einiges Licht verbreiten. Vor zehn Jahren machte Professor M. Brann über Lassalies Abstammung und die Entstehungsgeschichte seines Namens in der von ihm herausgegebenen Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums Mitteilungen, die auf Einsicht in die Akten beruhten. Er hat festgestellt, daß Lassalies Großvater, R. Feitel Braun, im Jahre 1373 in Berun im Kreise Pless (Regierungsbezirk Oppeln) ansässig war, und daß auf Berun, im Volksmunde „Braun" ausgesprochen, sein Name zurückzuführen sei. Er wußte auch bereits, daß Lassalies Großmutter Esther die Tochter eines gewissen Menachem Mendel gewesen ist, eines Sohnes von Samuel Oppenheim in Tost, ebenfalls einem kleinen Städtchen des Regierungsbezirkes Oppeln. Jetzt fand sich im Nachlaß des Enkels ihr Ehekontrakt; dieser wurde am 26. Mai 1789 geschlossen und setzte die Hochzeit auf den 9. August des gleichen Jahres an. Der Bräutigam, der offenbar Witwer war, übernahm in dieser Abmachung die Verpflichtung, der Braut den Schmuck seiner ersten Frau zu überlassen. Diese in einem so stürmischen Jahre der Weltgeschichte geschlossene Ehe nahm, wie sich jetzt herausstellt, einen, zum mindesten-- zeitweise, recht stürmischen Verlauf. Bald nach seiner zweiten Verheiratung siedelte Feitel Braun nach Loslau im Kreise Rybnik über und dort wurde 1791 der älteste Sohn Heymann, der Vater Ferdinand Lassalies, geboren. Acht Jahre später, am 20. Oktober 1799, bescheinigt der Vorsteher der Loslauer jüdischen Gemeinde, daß Feitel für einen Platz in der dortigen Synagoge 47 Rt. bezahlt habe; diese würden ihm aber zurückerstattet werden im Fall, daß er in den nächsten drei Monaten seinen Wohort wechsele. Eine solche Bemerkung könnte darauf hindeuten, daß er schon damals mit dem Plan umging, Loslau wieder den Rücken zu kehren. Doch wie es damit auch gestanden haben mag, erst vier Jahre später verwirklichte sich, wie wir nunmehr erfahren, diese Absicht. Im Sommer 1803 berichtete Feitel seinem Heymann, der, wie wir noch sehen werden, damals bereits nicht mehr im Elternhause weilte, daß er Haus und Wirtschaft verkauft habe und fortzuziehen gedenke. Es läßt sich nicht mit Gewißheit sagen, ob die wenig glückliche Ehe, in der er damals lebte, ihm den Aufenthalt verleidet hatte. Ende April 1802 hatte er seinem Aeltesten den Tod seines kleinen Schwesterchens Rachel melden und hinzufügen müssen, daß die andere Schwester Resl (Rosalie) sich bei der Großmutter in Tost befände. Ende Juni desselben Jahres erfährt der Sohn von ihm, daß die Mutter dem Vater „wieder ein Spektakel gemacht", sich nach ihrer Heimat begeben habe und von dort nach Breslau gehen wolle. In dem Brief, in dem er vierzehn Tage später dem Sohn seinen Entschluß, Loslau zu verlassen, mitteilt, heißt es von der Mutter, er wisse von ihr nichts zu berichten, als daß sie Heymann vielleicht besuchen werde. Am 4. August meldet er wieder, die Mutter „bleibe in allem Ernst fort" und lasse ihn mit den kleinen Kindern allein. Immerhin hoffe er, daß seine Lage sich bessern werde. Das Geld, das ihm der Verkauf eingetragen habe, reiche hin, um eine kleine Pacht zu übernehmen, und Gott könne alles zum Guten lenken. Doch schon nach wenigen Tagen vermochte Feitel seinem Aeltesten mitzuteilen, daß er sich mit der Mutter versöhnt habe und daß diese in ihren Pflichtenkreis zurückgekehrt wäre. Ruft man sich die ehelichen Szenen ins Gedächtnis, die das Tagebuch des fünfzehnjährigen Ferdinand Lassalies aus seinem Elternhaus in Breslau festgehalten hat, so drängt sich die Vermutung auf, daß Esther von unbeherrschter Gemütsart gewesen sein wird und daß sich von ihr diese Eigenschaft auf Sohn und Enkel fortgeerbt haben mag. Ihr Gatte macht, wenigstens in diesen seinen Briefen, die sich auffanden, entschieden einen gehaltenen Eindruck. Nun starb jedoch Feitel Braun bereits wenige Monate nach diesem Ereignis, im November 1803, bevor er noch den Wegzug von Loslau verwirklicht hatte, und hinterließ die Witwe und die unmündigen Kinder ziemlich unversorgt. Seinen ältesten Sohn, dessen Begabung sich früh gezeigt haben muß, hatte Feitel Braun, wie schon angedeutet wurde, bereits als dieser zehn oder elf Jahre alt war, aus dem Hause gegeben. Er hatte ihn offenbar zum Rabbiner bestimmt. Schon im Februar 1802 finden wir Heymann in Zülz, einer kleinen Stadt des Regierungsbezirkes Oppeln, in Lehre und Kost bei dem Rabbi Salman Schlochoff. Damals übersandte ^der Vater ihm den Talmudtraktat Kidduschim und versprach ihm, zum Pessachfest behufs Deckung der Kosten bei der Feier des Schlusses des Talmudstudiums etwas Geld zu schicken. In Israelitischer Jugendgottesdienst. Samstag, den 9. Juni d. J. findet um 3 Uhr nachmittags der Jugendgottesdienst für die israelitische Schuljugend in den Gemeinde- und Bezirks- Synagogen statt. einigen weiteren Briefen aus den folgenden Monaten wird der Sohn ermahnt, fleißig zu lernen, doch seine Gesundheit zu schonen; er möge oft an den Vater, aber auch an die Mutter schreiben und hübsch munter, gesetzt und sittsam sein. Schon im Herbst brachte Feitel Braun den Elfjährigen zu einem neuen Lehrer nach Brieg, zu Rabbi Joseph, bei dem er sich bald darauf nach den Fortschritten, die sein Aeltester gemacht habe, erkundigte. Diesem selbst gibt er in einem ausführlichen Brief vom 7. Dezember väterliche Ratschläge, aus denen man erkennt, daß bereits Lassalies Großvater ein Mann von seelischer Kultur und von echter Hochschätzung für die Werte der geistigen Welt gewesen sein muß: „Mein Sohn,“ schrieb er, „wie schwer war mir das Abschiednehmen won Dir, Du weißt doch, daß es mein allergrößter Wunsch wäre, von Deiner Gesundheit und Deinem Wohlsein täglich etwas zu sehen oder zu hören, besonders da Dir Gott ein vernünftiges und kluges Herz verliehen hat. um in seine Thora Einsicht zu gewinnen. Darum, mein Sohn, gürte Dir wie ein Krieger Deine Lenden zu allererst zur Gottesfurcht, da sie der Weisheit vorangeht, dann aber zum Fleiß in Deinem Studium. Nicht daß Du den ganzen Tag hindurch ohne jegliche Pause mühsam arbeitest, sondern richte Dich so ein, daß beim Lesen oder Wiederholen des Pensums Deine Aufmerksamkeit nur auf das Studium gerichtet ist und nicht zu fremden Gedanken abirrt. Denke nicht, daß Du gelehrt bist und keines Studiums bedarfst, denn der Rabbi HamoreJ) sagt mal: ,Wenn Du glaubst, daß Du wissend bist, so bist Du noch unwissend usw.' So, mein Sohn! Du bist noch jung an Jahren und begreifst wohl noch nicht, daß das Lernen bei einem anständigen Rabbi der Hauptzweck des Studiums ist und daß für einen Schüler das Beherrschen der Gemara und ihrer Kommentare von großem Nutzen ist. Was das Studium der Psalmen und der Grammatik vom Munde des gelehrten Herrn Moses Böhm betrifft, so ist es von großem Wort, gib es nicht auf, da zu diesen Zeiten das eine Notwendigkeit ist. Im Schreiben lasse nicht nach, sowohl in der Sprache und Schrift unseres Volkes wie auch in der der anderen. Achte mit Ausdauer auf die Form der Buchstaben und ihre Zusammensetzung. Außerdem regle Deiit Auftreten und Benehmen und gib acht auf die Sauberkeit Deiner Kleidung wie auch Deines Körpers, kämme auch täglich Deine Haare und Du wirst Gefallen in den Augen der Menschen finden." Anscheinend ähnlich frühreif wie sein Sohn, faßte Heymann bereits im Sommer 1803 den Entschluß, nach Nachod in Böhmen überzusiedeln und dort in die Jeschibah (Rabbinerschule) einzutreten. Der Vater erhebt dagegen keinen grundsätzlichen Einwand, doch äußert er den Wunsch, der Sohn möge erst noch in Brieg seine Barmizwah abwarten. Wiederum ermahnt er seinen Ael- *) Gemeint ist hier Maimonides, der Verfasser des More Nebuchim. Wien 1. slraße SVjp. 22 *Die besie und billigste Binhuufs quelle fainheiis preise testen, auf den er offensichtlich stolz ist, zum Fleiß, lobt seine Fortschritte im jiddisch Schreiben und bittet ihn, sich auch für das Deutsche hübsch Zeit zu nehmen. „Ich hoffe zu Gott," schließt er, „daß Du ein Muschlem wirst und dann lachst Du die Welt aus." Unter Muschlem verstanden die Juden damals einen in jüdischen und weltlichen Dingen gebildeten Glaubensgenossen. Als nun aber Feitel Braun wenige Monate darauf starb, entschied sein früher Tod, wie man annehmen muß, über die Zukunft seines noch nicht einmal dreizehnjährigen Sohnes anders, als der Vater sich erträumt hatte. Aus einem Brief seines jüngeren Bruders Wolf an Heymann vom 22. November 1803 erfahren wir, daß ein Herr Chaim in Breslau testamentarisch zum Vormund bestellt war. Und man möchte vermuten, wenn es sich auch nicht aktenmäßig belegen läßt, daß er es' gewesen ist, der den Aeltesten aus der ihm anvertrauten Kinderschar nach Breslau zog und nun zum Kaufmann bestimmte. Der Wert dieser neuen Dokumente, die der letzte und größte Sproß der Familie pietätvoll aufbewahrt hat, besteht darin, daß sie zeigen, in wie hohem Maße schon Lassalies Großvater der Welt des Geistes Ehre erwies und wie nur sein früher Tod verhindert hat, daß Lassalies Vater sich einer geistigen Laufbahn widmete. Von Büchern Jüdische Schwänke. (Herausgegeben von Max Präger und Siegfried Schmitz. R. Löwit-Verlag, Wien-Leipzig.) An dem schönen Büchlein „Jüdische Schwänke" von Dr. Max Präger und Dr. Siegfried Schmitz ist vielleicht das Wertvollste das Nachwort von Dr, Schmitz, welches eine feinsinnige und bei aller Knappheit und Kürze tiefschürfende soziologisch-psychologische Analyse des jüdischen Witzes bietet. In dem kleinen Buch haben sich die Verfasser bemüht, „das Echte und Ursprüngliche des jüdischen Witzes wiederzugeben, dessen Verzerrung so oft seinen Namen borgt“. Man muß nämlich genau unterscheiden zwischen den Witzen, die über Juden gemacht werden, und den Witzen, die von Juden gemacht werden. Freilich werden die über Juden gemachten Witze nur zu oft von Juden erzählt, aber „das ist eines der Zeichen soziologischer Destruktion, die sich in der mittel- und westeuropäischen jüdischen Existenz zeigt". Alle diese bekannten Spässe, die die Spalten der Witzblätter schmücken, von denen über die Frau von Pollak bis zu den sshlüpfrigen Histörchen „aus der Unterleibssphäre”, sie alle sind nicht unter den Juden entstanden, sie beruhen, wie Doktor Schmitz treffend ausführt, auf der Fremdheit des Juden mitten in seiner Umgebung. Der Angehörige einer fremden Sippe ist stets für die Menge ein Gegenstand der Furcht und der Feindschaft, dem gegenüber man zunächst eine, wenn auch manchmal verhüllte Kampfesstellung einnimmt. Dafür hält man sich schadlos, indem man seine wirklich oder vermeintlich lächerlichen Seiten betont und verhöhnt. „Durch solche Art der Verkleinerung des Fremden wird die Furcht vor ihm gewissermaßen abreagiert und die verächtlich verkleinernde Zeichnung des fremden Sippenmenschen gilt als Bestätigung' der eigenen Existenzberechtigung." Das ist eine ungewöhnlich feine und treffende Psychologie der von Nichtjuden über die Juden gemachten Witze. Dementsprechend gibt es bei den Juden Go jim-Witze, die auf dieselbe Entstehungsgrundlage zurückzuführen sind. Die besondere Eigenart des jüdischen Witzes ist zunächst seine fast schrankenlose Assoziationsfähigkeit; diese ermöglicht viel häufiger und schlagkräftiger die überraschende Pointierung, die dem Witz zu einem Erfolg verhilft. Ein ferneres Charakteristikum des jüdischen Witzes ist, daß er vielfach die breite, episch ausgeschmückte Darstellung liebt. Darum ist eine ganze Reihe jüdischer Witze eigentlich Schwänke, und das vorliegende Büchlein führt daher auch den Titel „Jüdische Schwänke“. Die Verfasser haben den Stoff in 13 Kapiteln geordnet; die markantesten sind: Liebe und Ehe; Jüdische Geschäfte; Jüdische Reiche, Schnorrer und Kosttagesser; Die Instrumente der Heiligkeit (Klej hakodesch); Unheiliges; Die große Welt; Antiantisemitisches; Lügner, Schelme, Weise, Narren. Das erschöpft aber noch bei weitem nicht die Liste der Objekte des jüdischen Witzes. Vielleicht das wichtigste Objekt dieses Witzes ist der Jude selbst: ein charakteristisches Merkmal der Juden ist ja die Selbstironie. Die hieher gehörigen Witze sind in den einzelnen Kapiteln zerstreut. Aber auch der Witz über die Lebensnöte und Lebensbeschränkungen, denen der Jude ausgesetzt ist, gehört zur Selbstironie; mit diesen Witzen sucht sich der Jude über die triste Wirklichkeit hinwegzuhelfen und sich Lebensmut zu machen; so wie die Juden, hierin allen Völkern gleich, sich im Märchen und in der Legende eine schönere, idealere, gerechtere Welt aufzubauen lieben. Darum steht der jüdische Witz in einem tiefen Zusammenhang mit dem jüdischen Volksmärchen und der V o 1 k s 1-e g e n d e, andererseits aber auch mit dem weiten Bereich des jüdischen Sprichwortes, ja einzelne Sprichwörter sind eben die Pointe jüdischer Witze und ohne sie ganz unverständlich. Es hat einmal eine Zeit gegeben und sie ist nicht einmal sehr weit zurück, da die Juden — merkwürdigerweise auch in ihren eigenen Augen — als düsteres, freudloses Volk galten, dem das Lachen fern ist. Aus diesem Büchlein wird sich 4er Leser vom Gegenteil überzeugen, denn er wird aus dem Lachen gar nicht herauskommen. Aber auch der ernste VolksforscKer, der an den Sitten und Gebräuchen, an der Psyche des jüdischen Volkes und ihren Aeußerungsformen Interesse hat, wird reichlich auf seine Kosten kommen. B. S. Berthold Rosenthal; Heimatgeschichte der badischen Juden seit ihrem geschichtlichen Auftreten bis zur Gegenwart. (Mit einer Urkundennachbildung, 10 Lichtbildern und einer Geschichtskarte von Baden. Verlag Konkordia, Bühl, Baden.) Schon äußerlich ist das vorliegende Buch eine ungewöhnliche Erscheinung. Ein gut ausgestatteter Band von über 500 Seiten, der Geschichte der Juden gewidmet, ist wahrlich eine Seltenheit, Und das Buch hält innerlich, was sein Aeußeres verspricht. Es gibt die Geschichte der badischen Juden von ihrem ersten Auftauchen in der Rheingegend um das Jahr 300 bis auf unsere Tage, nicht etwa, wie es leider zur Gewohnheit geworden ist, die ältesten Zeiten nur mit einigen Zeilen ab tuend, um dann die Blätter mit den alltäglichsten Kleinigkeiten der neuesten Zeit zu füllen. Die 50 Seiten, die Hauptlehrer Rosenthal der Geschichte der badischen Juden bis 1500 widmet, stellen eine musterhafte Leistung dar; er verarbeitet alles in Monographien und entlegenen Wissenschaft, Literatur, Kunst

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