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Die Stimme · 1928-06-07 · Heft 23 (7.6.1928) · page 9

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 23 (7.6.1928)
Date
1928-06-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Nr. 23 DIE STIMME Seite 9 Palästina Frauenarbeit in Palästina: Links: Bauarbeiterir nen beim Dachdecken. Rechts: Geflügelzucht. **$&&&*% /> . ü»i % ‘ -• Ein neuer Oberkommissär in Palästina? Verschiedene arabische Zeitungen Palästinas verzeichnen das Gerücht, daß der High-Commissioner Lord Plumer eine Verlängerung seiner Amtsdauer abgelehnt habe und daß die britische Regierung noch vor der Ernennung von Luke zum Zivilsekretär bereits einen neuen High-Commissioner für Palästina designiert habe, dessen Name allerdings noch geheimgehalten werde. Manche arabische Zeitungen raten auf Sir Gilbert C 1 a y t o n. Sir Clayton, der gegenwärtig auf der Reise nach London zu kurzem Aufenthalt in Palästina eingetroffen ist, wo er den Waad Leumi besuchte, hat übrigens die auf seine Person bezüglichen Kombinationen entschieden in Abrede gestellt und darauf hingewiesen, daß, soweit ihm bekannt, ein Wechsel im Oberkommissariat in absehbarer Zeit nicht beabsichtigt sei. Die in der letzten Zeit von der palästinensischen Presse kolportierten Gerüchte über den Rücktritt des Leiters des Einwanderungsdepartments der Palästina-Regierung, Mr, H y a m s o n, dessen Tätigkeit im ganzen Lande Unzufriedenheit erweckt, haben sich als unrichtig erwiesen. (Man muß auch die arabischen Meldungen über den bevorstehenden Rücktritt Plumers mit größter Reserve aufnehmen. — Die Red.) Ein Besuch beim Haifaer Schulwerk Von Prof. Arthur Freud. Haifa ist in den letzten Jahren sehr gewachsen. Schmucke jüdische Viertel haben das Areal der alten Stadt beträchtlich erweitert, den ganzen breiten, stadtwärts gerichteten Karmelabhang deckt das jüdische Viertel Hadar Hakarmel mit einer Unzahl neuer, moderner Bauten und Villen, und das Cottage von Haifa, die Villenkolonie von Har Hakarmel, die sich, wie der Name besagt, auf dem obersten Bergesplateau hindehnt, kann man per Autobus jeden Augenblick in bequemer, rascher und billigster Fahrt erreichen. Hier gibt es nicht nur Ruhe und Behagen und herrlich-frische Höhenluft; unvergeßlich bleibt der einzig-schöne Blick auf die farbige Stadt unten und das tiefblaue Meer. Haifa ist eine ausgedehnte Stadt geworden, die heute ungefähr fiinfunddreißigtausend Einwohner, darunter sechzehntausend Juden, zählt. Stark fällt bereits der „europäische" Einschlag ins Auge, der Hafen harrt weitgedehnt seiner neuen Entwicklung entgegen, man merkt und spürt es allenthalben: Hier ist städtische Zukunft und mehr als das; hier will etwas werden. Einen der schönsten Flecke in dieser Stadt bildet das hebräische T echnikum und die in rechtem Winkel dazu gestellte hebräische Realschule, zu der wieder ein kleineres Nebengebäude dazugekommen ist, das der Realschule angegliederte Internat. Man kennt diese gelben, stattlichen Steinbauten, charakteristische Schöpfungen des Berliner Architekten Prof. Baerwald, aus zahllosen photographischen Aufnahmen, hat in Bild und Film das frohe Treiben der Schüler in dem großen, von ihnen selbst betreuten Garten mit dem freien Blick aufs nahe Meer so oft gesehen, daß sich eine Schilderung der entzückenden Szenerie erübrigt. Als ich die Anstalten und ihre Einrichtungen besichtigte, war der Unterricht noch nicht eröffnet — in Palästina beginnt das Schuljahr erst nach den Sukkoth, die dort in warmen Nachsommer fallen —, aber eine Besichtigung der Institute und ausführliche Unterhaltungen mit Lehrern und Leiter ergaben trotzdem einen lohnenden Einblick in wichtige Probleme unseres jüdischen Aufbauwerkes. Eine Ausstellung von Schülerentwürfen aus der Architekturabteilung Baerwalds am Technikum zeigt, auf welch hohem Niveau hier schon der Unterricht steht, und so manche Arbeit überrascht durch den Geschmack und die Reife des Entwurfes. In seiner unnachahmlich berlinerischen Art erzählt mir Prof. Baerwald von der schönen Entwicklung des Technikums; der Refrain ist freilich wieder der in Palästina typische: die Schwierigkeit, das Budget der Anstalt zu decken. Baerwald erzählt das alles mit einem ironisch gefärbten Humor, seine Darlegung ständig mit Witzworten illuminierend, und er beschließt sie mit einem kalauernden Vers, der eigentlich die Dinge in Palästina charakterisiert: „Und wenn auch noch so groß der Dalles — Die Liebe überwindet alles." Von sachlichem Ernst getragen ist die Darstellung, die Dr. B i r a m, der Leiter der Realschule, mir von seinem Institute gibt. Ein Mann, der sichtlich in seinem Werk völlig aufgeht, vereint er preußisch-sachliche Zielbewußtheit mit einem starken jüdischen Wollen. Doktor B i r a m erzählt mir die Geschichte seines Institutes, das, vom „Hilfsverein der deutschen Juden" kurz vor dem Kriege gegründet, wohl ein deutsches Gegengewicht bilden sollte gegen die französisch gefärbten pädagogischen Methoden der „Alliance" — als der bekannte „Schulsturm" in Palästina, diese einmütige Rebellion des damals noch schwachen Jischub, gegen eine Volks- und landfremde Erziehungsmethode eines Notabeinsystems, aus der neuen Anstalt einen der wichtigsten Träger wirklicher neujüdischer Erziehung schuf. Die Realschule ist achtklassig, mit Englisch und Arabisch als Fremdsprachen, sie hat ungefähr 350 Schüler, aber nur zwei Drittel des Budgets sind gesichert und es fehlt dem staatlichen schmucken Institut noch manches, wie z. B. eine Turnhalle für Zeiten, in denen man nicht im Freien turnen kann. So kommen zu den verschiedenen pädagogischen Nöten einer höheren Schule in Palästina, von denen mir Dr. B i r a m erzählt, auch solche finanzieller Natur hinzu. Daß es hier eine Fülle besonderer Probleme gibt, mit denen sich der Erzieher auseinanderzusetzen hat, ist einleuchtend, denn in Neuland ist auch Schule und Erziehung Neuland. Die vielleicht vorherrschendste Devise ist hier: Arbeitsunterricht. Tischlerei, Schlosserei, Buchbinderei werden bereits betrieben, für Mädchen ist Hausfrauenausbildung obligatorisch — man sucht neue, praktische Bildungswege. Was angestrebt wird, ist Werkunterricht bis zur beruflichen Vorbereitung — eine harmonische Verknüpfung von geistigem und manuellem Können. „Universitätshörer kommen ins Land und werden Arbeiter und unsere Kinder studieren; wir müssen also unsere Kinder zu einem intelligenten Pioniertum erziehen" — sagt treffend Direktor Dr. B i r a m. Mit verbissenem Eifer wird hier der Kampf gegen alles geführt, was irgendwie an Ghetto erinnert. Besonders wichtig ist Turnen, das nebst Sport zum täglichen Arbeitspensum gehört. Nicht nur der körperlichen Ausbildung gilt es, es geht auch um ein Training für Ordnung und Exaktheit. Diese Schule kennt keine Strafen; sie braucht sie nicht, denn an Stelle der äußeren ist hier die innere Disziplin getreten. Mit diesem Gesinnungsunterricht harmoniert es völlig, wenn in den Werkstätten zur Schonung des Materials systematisch erzogen wird. „Arbeitsgesin- Das Neueste i und Schönste i Charmante Schöpfungen der Haute couture für den Sommer, | wie duftige Kleider, herrliche Mäntel, vornehme =ü Toiletten für Kurort, Strand u. Gesellschaft in §=s vorbildlicher Eleganz. |j Jede Dame findet in unseren Salons, was ihrem Geschmack entspricht und sie vorsteilhaft kleidet, in der gewünschten Preislage =5 Mipalais JUS mm I NUR VII. KAISERSTR. 115 | Wir haben nirgends Filialenl j|| nung" ist Dr. Birams Parole, die er nicht genug unter« streichen kann. „Der Mensch ist der wichtigste Pro« duktionsfaktor für ein Land", sagte er. „Diese Arbeitsgesinnung ist nicht nur eine Frage der Moral, die hier turmhoch steht, sondern auch des Könnens." Gearbeitet wird nicht nur im theoretischen Unterricht, der so oft als möglich zum Quellen Studium zurückgreift, sondern auch in Garten und Werkstätte. Und mit Staunen höre ich, daß alle die solid gearbeiteten Einrichtungsgegenstände der Anstalt in den Schulwerkstätten von den Schülern selbst erzeugt worden sind, daß das naturkundliche Kabinett mit seinen Präparaten, ebenso wie das physikalische mit seinen Modellen, ausschließliches Werk der Schüler ist. So wird aus einem starken Wollen, wie aus der Not, höchste pädagogische Tugend: daß nicht gelehrt und gelernt, sondern geschaffen und erarbeitet wird; aus Material, aus lebendiger Anschauung, wie aus den Quellen. „Wir haben großen Mangel an Lehrbüchern; so schafft sich der Schüler selbst das Lehrbuch aus dem Unterricht", sagt Dr. Biram. Diese Schule versucht zum erstenmal, fern von allen politischen Richtungen, eine tüchtige Erziehung für das Land zu schaffen. „Die nationale Periode unserer Schule ist bereits selbstverständlich geworden; wir gehen schon an die kolonisatorische heran." Es ist selbstverständlich, daß das Hebräische auch als Unterrichtsgegenstand einen breiten Raum einnimmt. Hier wird Altes mit Neuem zu verknüpfen gesucht: Bibel und Neuhebräisch wird ebenso betrieben, wie traditionelle Literatur, in der Mischnah und Hagadah im Vordergründe steht. Dazu kommt Grammatik auf sprachvergleichender Grundlage, wobei das Aramäische wie das Arabische herangezogen wird. Vieles — Dr. Biram unterstreicht es — ist noch Experiment, die Methode des Unterrichtes ist bisher nur in den Naturwissenschaften ausgebildet, was jedermann leicht begreifen wird, der für die Problematik der neuen palästinensischen Erziehung nur ein Fünkchen von Verständnis hat. Daneben gibt es verschiedene, sehr interessante Pläne, die noch der Verwirklichung harren, so z. B. der Ausbau zur Landwirtschafts-, zur Handwerksschule mit Beibehaltung ihres theoretischen Unterbaues. werksfätte für Sessel und Tische Salongarnituren und Einzelmöbelstacke ADLER, VII, Apollog. 18 Haisoratr. 12 Die Anstalten, von denen hier flüchtig die Rede war, haben allen Anspruch auf materielle Förderung. Es müßte eine Ehrenpflicht begüterter Palästina-Freunde sein, diesen Schulen den Daseinskampf zu erleichtern und ihr Budget sicherzustellen. Wenn sich verständnisvolle Freunde neujüdischer Werkerziehung fänden, die ein paar Schulstipendien stifteten — es wäre eine segensvolle Tat, Ein Besuch des höheren jüdischen Schulwerkes in Haifa ist wirkliche Herzensstärkung und man nimmt Eindrücke mit sich, die man nicht so leicht vergißt. Wer die Erziehungsnot und das Schulelend in den reichdotierten Instituten Europas kennt, wird ermessen können, was diese jungen palästinensischen Anstalten im Rahmen unseres Aufbauwerkes bedeuten. Feiern im Emek Von David Schor (Tel-Aviv.) Der Speisesaal, der eine Stunde vorher dazu gedient hat, Menschen durch ein bescheidenes Nachtessen den Hunger zu stillen, ist nicht mehr zu erkennen. Das kleine Podium sauber geputzt, mit grünem Laub geschmückt. Tiefe, erwartungsvolle Stille erfüllt den Raum. Man glaubt sich in einem Tempel. Ein überfülltes Auditorium,' das ernst und aufmerksam zuhört. Einer spricht mit leiser, ruhiger Stimme über Trumpeldor. Nach ihm sage ich kurz Worte über Joel Engel, um dann gemeinsam mit dem Geiger G a r t e r den langsamen Satz aus der zweiten Beethoven-Sonate zu spielen, der, voll ernster Trauer, sehr geeignet ist, das Andenken der dahingegangeneri Heroen zu ehren. Eine Sonate von Schubert und der erste Satz der Kreutzer-Sonate von Beethoven beschlossen den ersten Teil der Feier. Der unbeugsame Wille, der alle Hindernisse überwindend, einem bestimmten Ziele zustrebt, so charakteristisch für Beethovens Wesen überhaupt und in diesem Satze der Kreutzer- Sonate so intensiv offenbart, war gewissermaßen der überzeugendste Ausdruck des Wesens der Verstorbenen. Trumpeldor als Mensch und Held ist allgemein bekannt. Hingegen wissen nur wenige, welche innere Energie Joel Engel erfüllte und ihn, trotz unglaublicher Hindernisse, ja Entbehrungen auf den Weg unermüdlichen Schaffens und Wirkens führte. Der zweite Teil des Programmes war Werken unserer jüdischen Komponisten gewidmet. Das Programm war zu Ende. Aber niemand rührte sich vom Platz. Die Jugend und die Erwachsenen, alle verlangten eine Fortsetzung. „Noch, noch!" — hörte man von allen Seiten — „wir sind ausgehungert nach Musik, wir haben doch schon ein halbes Jahr nichts gehört".Gewissensbisse packten mich. Wie konnten wir den Emek so lange vergessen! Millionen Menschen fühlen und verstehen die Notwendigkeit, Hungernden, Armen, vpn Katastrophen Heimgesuchten, zu helfen. Selten. jedoch erkennt man, daß geistiger Hunger vielleicht noch mehr Anspruch auf Teilnahme und Unterstützung hat. Von Zeit zu Zeit müssen die Menschen dem sie umgebenden Alltag entrissen, in eine andere Sphäre gehoben werden. Und die Musik besitzt diese überwältigende Macht, uns die Wirklich- 5353535323532323534848232323532323235353532348485323234823235323484890 000002010201000202010102020201010100534853232323484853485353232353482323484823485323534823232348482348

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