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Die Stimme · 1928-06-07 · Heft 23 (7.6.1928) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 23 (7.6.1928)
Date
1928-06-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 23 DIE STIMME Seite 5 Arbeit für den Palästinaaufbau liegt. Die Hauptaktionen kommen dem zionistischen, von Louis L i p s k y geführten Zentrum zu, während die Flügel Poale Zion, Zei're Ziop, Misrachi, durch ihre ernste und durchaus schöpferische Kritik die Bewegung in Schwung halten, ohne den Kern der Organisation torpedieren zu wollen. Die sozialistische Weltanschauung im jüdischen New York ist durch die Kommunisten vertreten, die eine lebhafte Agitation entfalten, über eine große Tageszeitung verfügen und immerhin nicht ohne Einfluß auf das jüdische Leben sind, indem sie der jüdischen Gewerkschaftsbewegung und den jiddischesten Bestrebungen das Tempo angeben. An die Wand gedrückt, vom aktiven jüdischen Leben ausgeschaltet, ist die extreme jüdische Assimilation« Viele ihrer Vertreter haben sich gewandelt, nunmehr teilnehmend am jüdischen Leben, müssen sie Kraft dessen Tendenzen positiv wirken. Presse, Literatur, Kunst, Wissenschaft, ringen um die Formung der aktuellen jüdischen Weltprobleme. Die amerikanische Judenheit steht nicht isoliert da, ihre schöpferischen Geister fühlen sich verpflichtet, das Judentum der Zukunft mitzugestalten. Darum hat es Harry Säckler, den jüdischen Dichter aus Amerika, ganz sonderbar berührt, der für amerikanische Begriffe so kuriosen Erscheinung von „Austritten aus dem Judentum" in Wien zu begegnen. Er sieht in ihr einen kulturwidrigen Anachronismus. Neue Lehrstühle an der hebräischen Universität Aus Jerusalem wird uns geschrieben: Am 18. Mai hielt Rektor Dr. M a g n es vor den Professoren und Lehrern der IJniversität ein Referat über die Pläne, die er in London dem Kuratorium der Universität auf der Sitzung vom 3. J u n i zu unterbreiten beabsichtige. Das Budget des nächsten Jahres werde 67.000 Pfund betragen. Es sollen folgende neue Lehrstühle errichtet werden: Allgemeine alte Literatur; allgemeine neue Literatur; klassische Philosophie; neue Philosophie; griechische und römische Geschichte. Ein jüdischer Gelehrter auf der „Italia" Während die ganze Welt um das Schicksal des in der Arktis verschollenen Luftschiffes „Italia“ und dessen Besatzung bangt, ist es zeitgemäß, daran zu erinnern, daß sich unter der 16 Mann starken, von General N o b i 1 e geführten Expedition ein sehr bekannter italienisch-jüdischer Gelehrter befindet, der Ingenieur-Professor Aldo Pontremoli von der Polytechnischen Hochschule in Mailand. Nobile hat Professor Pontremoli für die Teilnahme an der Expedition gewonnen, damit er besondere wissenschaftliche Aufgaben der Expedition durchführt. Pontremoli ist ein führendes Mitglied der Mailänder jüdischen Gemeinde. Oberrabbiner Dr. Brody — 60 Jahre alt Am 26. Mai vollendete der Oberrabbiner von Prag, Dr. Heinrich Brody, sein 60. Lebensjahr. Die Prager Judenheit verehrt in ihm ihr religiöses Oberhaupt, den maßgebenden Theologen, den eindringlichen Redner und den großen Kenner des jüdischen Schrifttums. Dr, Brody ist in der gesamten jüdischen Welt als einer der besten Kenner der hebräischen P o e s i e bekannt. Er ist einer der hervorragendsten Führer der Weltorganisation „M i s r a c h i”. Sechs Jahre vor dem ersten Zionistenkongreß begann Dr. Brody in Wort und Sphrift für die Kolonisation Palästinas einzutreten. Im „Hamagid“ des Jahres 1891 schon führte er eine eindrucksvolle Polemik gegen Adolf Frankl, den führenden Kopf der orthodoxen Landeskanzlei Ungarns, der in der Erstarkung des nationalen Judentums und seiner Werte, insbesondere der hebräischen Sprache und Literatur, eine Gefahr gesehen hatte. Die Lebensarbeit Dr. Brodys, der 1868 in Uzhorod geboren wurde, ist die Erforschung der jüdischen Dichtkunst im Mittelalter, der er mehrere Werke gewidmet hat. Berühmt geworden ist seine hebräische Anthologie, die vor wenigen Jahren im Insel-Verlag zu Leipzig erschienen ist, ferner eine Edierung der Gedichte Jehuda-Ha- Iewis. Gegenwärtig arbeitet er an der Jüdischen Enzyklopädie des Verlages Eschkol in Berlin hervorragend mit. Rechtsbeschränkungen der Juden aus der Zarenzeit So unglaublich es klingt, in Polen stehen noch gesetzliche Rechtsbestimmungen der Juden aus der Zeit des zaristischen Regimes in Kraft. Seit mehreren Jahren bemühen sich schon die jüdischen Deputierten, durch das Parlament die Aufhebung dieser, wenn auch nur papierenen, aber doch entwürdigenden Bestimmungen, zu erlangen. Bisher waren diese Bemühungen ohne Erfolg, die Anträge der Juden wurden stets verschleppt. Nunmehr hat bei der Budgetdebatte der jüdische Deputierte Hartglas wieder einen Dringlichkeitsantrag des jüdischen Sejmklubs auf Aufhebung dieser Rechtsbeschränkungen der Juden im Kongreßpolen und den Randgebieten eingebracht. Der Sejm hat diesem Antrag mit allen gegen die Stimmen der Nationaldemokraten und der Christlichen Demokraten die Dringlichkeit zuerkannt, sodaß nunmehr damit zu rechnen ist, daß dieses schmähliche Ueberbleibsel aus der Zarenzeit in absehbarer Zeit verschwinden dürfte. Die Flüchtlinge Unter dem Vorsitz von Albert Thomas wurde in diesen Tagen in Genf eine Sitzung des „Beratenden Komitees für die Flüchtlinge“ abgehalten. In diesem Komitee, das dem Oberkommissariat des Völkerbundes für Flüchtlingswesen und der Flüchtlingssektion des Internationalen Arbeitsamtes angegliedert ist, sind verschiedene private, auch jüdische Organisationen vertreten. Bei den Beratungen vertrat Dr. Pin es den Verband der russischen Juden in Deutschland, Lucien Wolf die ICA. und das Joint Foreign Comittee, Z. A b e r s o n das Emigrationsdirektorium in Berlin. Die jüdischen Vertreter unterbreiteten eine Reihe von Vorschlägen zur Verbesserung der Rechtslage der russischen Flüchtlinge und zur Versorgung der 700 jüdischen Flüchtlinge in Konstantinopel. Die Vorschläge werden der Ende Juni 1928 zusammentretenden diplomatischen Konferenz vorliegen. Der kalte Pogrom in Ungarn Unter der Regierung der Ordnung, als die sich das Bethlen-Regime durch seine Soldschreiber preisen läßt, hat wohl der blutige Pogrom aufgehört, aber dafür herrscht umso schrankenloser der kalte Pogrom, die Organisierung und Förderung alles dessen, was die Juden Ungarns wirtschaftlich ruinieren kann. So haben erst in der letzten Sitzung des ungarischen Abgeordnetenhauses die Deputierten Dr. Paul S a n d o r und Dr. Bela Fabian darauf hingewiesen, daß die Regierung eine offenkundige Politik des wirtschaftlichen Antisemitismus befolgt. Während jüdische Kaufleute und Industrielle durch Steuerdruck und andere Schikanen an ihrem Fortkommen behindert werden, erhalten die christlichen Handelsgenossenschaften, die direkt antijüdische Tendenzen verfolgen, reichliche Staatss u b s i d i e n und genießen vollkommene Steuerfreiheit. Staatliche Kredithilfe steht diesen Genossenschaften jederzeit zur Verfügung, da sie den öffentlichen Wohlfahrtsinstitutionen gleichgestellt worden sind. Das Ergebnis ist, daß hunderte jüdischer Kaufleute zu Bankrott oder zu Liquidation getrieben worden sind. Die Regierung tut aber auch alles, um den Juden moralische Ohrfeigen zu versetzen. Daß sie den Frankenfälscher Windischgrätz amnestiert hat, ist eine Angelegenheit, die sie vor der übrigen Welt zu verantworten hat. Aber im Gefolge dieser Amnestie schritt eine andere, die geradezu Empörung hervorrufen muß, da sie unbedingt darauf gerichtet ist, die Juden zu diskreditieren. Im Jahre 1922 hatten der Landwirt K u c s e r a und der Bürgerschullehrer G y a 11 a y sich verabredet, Handgranaten in das Haus eines jüdischen Einwohners im Dorfe Jaszkarajenö zu schleudern, um Schuh f> oz?zx Wien H, Tabcvalraße 2Vr. Sa Modenie Schuhe aus bestem 2Vfaiertöt gediegenst ausgetühvt Oftae seriöse &veise den Juden, wie sie sich selbst ausdrückten, „hinzumachen“. Sie wurden zu vier bezw, drei Monaten Gefängnis verurteilt. Nunmehr sind sie amnestiert worden, mit der Begründung, sie hätten ihre strafbare Handlung „aus politischen Motiven" verübt, sowie aus Erbitterung wegen ihrer Einkerkerung während der Proletarierdiktatur und wegen der Zerstückelung des Landes. Die Begründung berücksichtigt auch, daß „ein längerer Zeitraum verflossen“ sei und „die Gemüter sich beruhigt" hätten. Damit wird wieder einmal die Schuld der Juden an der ungarischen Räte-Episode sozusagen gerichtsordnungsmäßig festgestellt. Mit dieser niederträchtigen Lüge wird operiert, um Mörder, Räuber und Plünderer zu glorifizieren und die Juden werden moralisch vogelfrei. Wenn die Gemüter, wie das ungarische Gericht sich so schön ausdrückt, sich wirklich beruhigt haben, so tut dasselbe ungarische Gericht alles, um sie wieder aufzureizen, Daher der Name „Ordnungsstaat“. Jüdische Lehrwerkstätten Wir hatten wiederholt Gelegenheit, auf die Tätigkeit des Verbandes „Ort“ hinzuweisen, welche für die unter den heutigen Verhältnissen immer wichtigere Berufsumschichtung der Juden von großer Bedeutung ist. Der „Ort"-Verband, der in den meisten ost- und mitteleuropäischen Ländern sowie in den Vereinigten Staaten Organisationen hat, arbeitet auf landwirtschaftlichem sowohl wie auf gewerblichem Gebiete. Er fördert durch Kredite, Maschinenbeistellung und fachliche Ausbildungsmöglichkeiten die landwirtschaftliche Tätigkeit der Juden in Rußland, Polen und Bessarabien und arbeitet in diesen Ländern sowie in Karpathorußland, der Bukowina und anderen Orten sehr umfangreich für die Ueberführung der Juden in Gewerbe und Handwerk. Das Budget des laufenden Arbeitsjahres beläuft sich auf zirka 400.000 Dollar. Auf der letzten Plenarsitzung des Zentralverbandes des „Ort“, die vor kurzem in Berlin stattfand, wurde nun auf Grund eines Berichtes von Ing. L. F r e n k e 1 (Berlin) eine Reihe von Beschlüssen gefaßt, die nicht nur für die Durchführung des gewerblichen Umschichtungsprogramms des „Ort“- Verbandes von Wichtigkeit sind, sondern auch für die Tätigausbesltzer wenden sich zwecks ausreparaturen an die Kredit- und Wiederaufbau-Genossenschaft, Wien Ili., Löwengasse Nr. 45 Reparaturen werden auch bei belasteten Häusern gegen Rückzahlung aus dem Instandhaltungszins ausgeführt. Durchführung aller Verhandlungen mit Mietpartelen und Behörden. Sprechzeit 4 bis 6 Uhr Telephon 97-0-69 asK TUCHHANDLUNO „ZUR SCHÄFERIN" ALBERT HARDT WIEN I. FREISINGERGASSE 1 (Ecka Bauernmarkt) Original englische Damenmäntel- und Herrenmodestoffe keit der jüdischen Gemeinden und jüdischen wirtschaftlichen Institutionen beispielgebend sein können. Ing. Frenkel schlug zur Festigung und zur Hebung des Niveaus des jüdischen Handwerks (ein Problem, das bisher viel zu wenig Beachtung fand, obwohl es gegenüber einer grundsätzlich feindlichen Konkurrenz, die oft durch offen oder versteckt antijüdische Wirtschaftspolitik der Behörden gefördert wird, von größter Wichtigkeit ist) u. a. folgende Maßnahmen vor: Gründung von Anstalten zur Vervollkommnung von Meistern und Gesellen für die folgenden Fächer: Schäftemacherei, Schneiderei, Tischlerei, Friseurfach usw. Die Heranziehung der Juden zu folgenden Zweigen der Industrie: Trikotage, Strumpfstrickerei und Weberei (Ein derartiger Prozeß macht sich bereits in Lodz bemerkbar. — Die Red.) Fachvervollkommnungskurse einnehmen, die im Zusammenhang mit dem in Polen soeben erlassenen Zunftgesetz ein dringendes Gebot geworden ist. Der von Ing. Frenkel vorgeschlagene Arbeitsplan auf dem Gebiete der Fachausbildung sieht außer der Ausbildung von Instrukteuren, der Versorgung der Schulen mit Lehrmitteln und der Herausgabe von Lehrbüchern auch noch die Gründung von neuen „Ort"-Anstalten in den folgenden Städten vor: 1, einer Abteilung für Holzbearbeitungs-Industrie beim Wilnaer Technikum; 2. einer Musterlehrwerkstätte für Kürschnerei in Warschau; 3. einer Putzmachereiabteilung in Warschau; 4. einer Bauschule in Dubno; 5. einer Abteilung für Kinderkonfektion bei der Frauenschule in Kischinew. Die Thesen und Vorschläge von Ing. Frenkel wurden vom Zentralverband angenommen. Der Verband »Ort« hat soeben ein Abkommen mit der Sowjetregierung abgeschlossen, durch das ihm während der nächsten fünf Jahre die zollfreie Einfuhr von Maschinen, Werkzeugen und Rohmaterial aus dem Ausland nach Rußland für die gewerblichen Zwecke der Juden in den Kleinstädten gestattet wird. Das „Schlachmones-Gcschenk“ für Lord Plumer Aus Jerusalem wind uns geschrieben: Salman Lendner, der jüdische Bäcker von „Meah Schearim“, der Jerusalemer Vorstadt der „Hundert Tore“, erhielt dieser Tage einen Brief vom Oberkommissär Lord Plumer, auf den er schon seit dem letzten Purimfest sehnsüchtig gewartet hatte und mit dem es folgende Bewandtnis hat: Bekanntlich mußte der Oberkommissär das Palais auf dem Oelberg verlassen, weil es infolge des Erdbebens argen Schaden erlitten hat. Zunächst bezog Lordi Plumer mit seiner Familie und dem Dienstpersonal das Haus eines Arabers auf der Straße nach Bethlehem, eine Notwohnung, die alle Bequemlichkeiten einer modernen Wohnung vermissen ließ. Schließlich übersiedelte der Oberkommissär in die Wohnung Ussischkins, der sie ihm bis zur Fertigstellung des neuen Palais des Oberkommissariates •überlassen hatte. So wurde Lord Plumer Bewohner des ausgesprochen jüdischen Viertels „Meah Schearim". Die neue Wohnung des Oberkommissärs befindet sich nicht weit von der Bäckerei de§ Salman Lendner, den die neue „vornehme" Nachbarschaft so stolz machte, daß er nicht ruhte, bis er Lord und Lady Plumer auf traditionelle jüdische Bäckerart seine Reverenz erwiesen batte. Die Gelegenheit hiezu bot das Purimfest. Salman der Bäcker, richtete einen Purimteig mit Safran und Rosinen an, flocht ihn dann zu einem Kunstwerk von einem Purimkuchen, der schließlich die Form einer Menorah bekam. Die Menorah war genau nach der biblischen Schilderung der Menorah des Heiligtums gebildet, hatte sieben Arme, mit Knospen und Blumen geschmückt, und war „schmackhaft zum Essen und wohlgefällig zum Ansehen". Dieses Meisterstück jüdischer Bäckerkunst sandte Lendner durch seinen Gehilfen in schöner Packung seinem „hochgeschätzten Nachbarn, dem High Commissioner von Palästina, Erez Israel" (so lautete die Widmung). Der Bäckergehilfe, der aus Amerika stammt und den Krieg als Legionär in der 39, jüdischen Legion mitgemacht hatte, erklärte dem Ersten Adjutanten des Marschalls Lord Plumer in einer englischen Ansprache die Bedeutung des jSchlachmones" und des Purimfestes. Die Menorah auf dem Purirakuohen hänge wohl symbolisch eher mit dem Chanukahfest zusammen, sein Chef habe jedoch dieses Symbol deshalb gewählt, weil es an die Befreiung Jerusalems erinnere. Die letzte Befreiung Jerusalems erfolgte durch die Engländer und auch diese Befreiung geschah am Chanukah.... Ob der Adjutant den Sinn dieser Kombination von Purim und Chanukah in Form eines Purimkuchens ganz erfaßt hat, läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, Tatsache ist, daß Salman Lendner vor kurzem vom Oberkommissär ein herzliches Dankschreiben erhielt, in welchem versichert wird, daß

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