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Die Stimme · 1928-06-07 · Heft 23 (7.6.1928) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 23 (7.6.1928)
Date
1928-06-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 23 Tuchhaus Münz •ftlfatta 4 and KriMirgim 11 Suflanfi ftatanlnnMtfa&a 11—11 Import original englischer und schottischer Damen- und Herrenstoffe Detailverkauf zu Engrospreisen Die nächste Sitzung des Aktions* Komitees Die nächste Sitzung des zionistischen Aktionskomitees wird, wie wir erfahren, am 17. Juli in Berlin stattlinden. „Ohne Ideale kann man ein Land nicht bauen“ Emile Vandervelde über Palästina. Aus Anlaß der Anwesenheit des früheren belgischen Außenministers und internationalen Arbeiterführers, Emile Vandervelde, in Paris, veranstaltete das Komitee France-Palestine einen Propaganda-Abend, der von zahlreichen führenden französischen und jüdischen Persönlichkeiten besucht war. Senator Justin Go dart, der die Versammlung leitete, verlas Begrüßungsschreiben vom Premier Raymond Poincare, Justizminister Bart h o u, Unterrichtsminister H e r r i o t, Kriegsminister Painleve und Leon Blum. Außenminister B r i a n d, der, wie bekannt, seit längerer Zeit erkrankt ist, ließ sich durch Konsul Destribor vortreten. Emile Vandervelde leitete seine Rede mit den Worten ein, er wolle den Zionismus weder loben noch kritisieren; denkt man aber tiefer über die Attacken nach, die von verschiedenen Seiten geritten werden, so kann man nicht stumm bleiben: Ich habe mich mit dem Zionismus als einem Problem und einer Tatsache befaßt. Ich will nicht prophezeien, aber Zeugnis ableg e n will ich. Was in Palästina geleistet worden ist, zeugt von einer ungewöhnlichen Kraft und Begeisterung der Zionisten. Die moralischen Faktoren spielen bei einem Aufbauwerk eine große Rolle. Ich bin Schüler eines großen Juden, der Karl Marx geheißen hat. Es gibt welche, die sich ebenfalls seine Schüler nennen und die moralischen Momente in der Oekonomik ganz und gar leugnen; es sind dies die Bolschewiken. Ich würde ihnen raten, eine Reise nach Palästina zu machen; dort würden sie wahrnehmen, daß der ökonomische Faktor noch nicht alles bedeutet, ohne Ideale kann man ein Land nicht bauen. Der Redner erläuterte sodann die Prinzipien der Bodenverteilung und Verwaltung in Palästina und die Methoden der Kooperation. Er schilderte, wie die Arbeitslosigkeit in Palästina überwunden worden ist, nicht zuletzt infolge der Einigkeit und der Opferwilligkeit der Arbeiterschaft. Damit ist aber das Arbeitsproblem in Palästina nicht gelöst; es muß Platz geschaffen werden für die Einwanderung neuer Chaluzim. Vandervelde wandte sich zum Schluß an seine jüdischen Zuhörer und rief ihnen zu: ,,Möget ihr französische oder belgische Bürger sein, Juden müßt ihr bleiben; gebet ihr ein Beispiel, wie man ein guter Bürger seines Landes und zugleich ein Weltbürger sein kann!“ Nach Vandervelde sprach Nahum S o k o 1 o w, der zu diesem Abend aus London nach Paris herübergekommen war. Wir hörten, sagte er, das Urteil einer neutralen Persönlichkeit, die den neuen jüdischen Typ in Palästina erlebt hat. Der Chaluz ist der Spiegel der jüdischen Seele. Die gegenseitige Verständigung zwischen den Juden und den anderen Völkern, die seit tausenden Jahren nicht zustande kommen konnte, tritt jetzt unter dem Zeichen des Aufbaus Palästinas in Erscheinung. Amerikanisches Judentum und amerikanischer Zionismus Ein Gespräch mit dem jüdisch-amerikanischen Dichter Harry Säckler. Der jiddisch-amerikanische Dichter Harry Säckler hielt sich auf seiner europäischen Studienreise, die ihn jetzt nach Polen führt, einige Tage in Wien auf. Interessant ist die Tatsache, daß dieser aus Karpathorußland stammende, 45 Jahre alte Säckler auf seinem Weg nach dem außereuropäischen jüdischen Sammelzentrum New York vor 27 Jahren Wien berührte und es nun nach Jahren reicher Studien und tiefster seelischer und jüdischer Wandlung wiederfindet, um von hier aus das Jugendland seiner Herkunft neu zu erleben. Harry Säckler, erst seit einem Jahrzehnt in der jiddischen Literatur heimisch und in ihr einen Namen! tragend, gilt im neuen jiddischen Drama als einer seiner Erneuerer. Seine Leistungen sind mit einem starken jüdischen Kulturbewußtsein geformt. Eine Analyse seiner dramatischen Werke wie „Jiskor", « Dr. Lee K. Frankel, der Vorsitzende der Jewish- Agency-Kommission, die am 9. Juni in London Zusammentritt, um über die Form der Beteiligung der nichtzionistischen Kreise am jüdischen Palästina-Auibau zu beraten. „Asmodai“, „Der Weg zu Gott“ „Der Zadiks Nesijez“ dokumentiert diese These. Harry Säckler nimmt an allen Phänomenen des jüdischen Lebens regste Teilnahme. Insbesondere das kulturelle Leben der Juden New Yorks, wo er seinen Wohnsitz hat, findet in ihm einen scharfen, kritisch - objektiven Beobachter. Nach seiner Deutung hat nach dem in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts eingesetzten Einwanderungsstrom das jüdische Element New Yorks vier Jahrzehnte gebraucht, um sich aus einer formlosen, profillosen, aus vielen Elementen zusammengesetzten Masse zu einer organischen Einheitlichkeit zu formen. Erst ein langer Gährungsprozeß, der eine gut durchgeftihrt gegenseitige Assimilation der verschiedenen, sozial und kulturell divergenten jüdischen Teile gebar, ermöglichte es der amerikanischen Judenheit, innerhalb des Weltjudentums die entsprechende Rolle zu spielen. Allerdings sind heute noch aus einem gewissen Atavismus heraus Dissonanzen in der Symphonie des jüdischamerikanischen Lebens hörbar, die europäische Ohren schmerzlich berühren mögen. Sie sind aber im Abklingen begriffen. Das geistige jüdische Leben nimmt ständig an Umfang und Intensität zu. Während es sich früher in einer lauen religiösen Einstellung erschöpfte, hat sich die Interessensphäre derart vorbereitet, daß der amerikanische Jude heute den ganzen jüdischen Kulturkomplex pflegt und auf alle Impulse lebendig reagiert, da der Amalgamierungsprozeß abgeschlossen ist und die soziale Struktur ein Bild schwer erschütterbarer Konsolidierung bietet bis zu dem Sinne hin, daß selbst der proletarische Mensch potentiell sich als Bürger fühlen darf, auf Grund seiner Kulturbedürfnisse und mit Rücksicht auf seine Disposition wirtschaftlichen Aufstiegs. Bezeichnend für die Form, in welcher das jüdische Kulturbedürfnis befriedigt wird, ist die für europäische Verhältnisse ganz eigenartige Institution der „Zentren“, deren es allein in New York 20 gibt: es sind Riesenbauten, die in sich Synagoge, Volkshaus, Klub, hebräische Schule, Sporthalle, Vergnügungsstätte, Kunstausstellung, Volksuniversität vereinen, daher völlig den Begriff „Zentren“ rechtfertigen. Die mächtigsten Impulse empfängt das jüdische kulturelle Leben Amerikas von der stärksten, fruchtbarsten und aktivsten politischen Organisation, des Zionismus. Sie ist es, die dem jüdischen Gesicht Amerikas den Stempel aufdrückt, die jüdische Masse immer wieder jüdisch revolutioniert, das empfängliche amerikanische Gemüt zum Ideal der Bewegung, dem jüdischen Mutterboden Erez Israel hinlenkt, ihr Gefühlsniveau in Spannung erhält und ihr zum Bewußtsein gebracht hat, daß ihre wahre Aufgabe in der Nachkommen wurde „Kessaw Sopher", der andere „Schewet Sopher" oder ähnlich benannt, je nach dem Titel des von ihm veröffentlichten talmudischen Werkes, der aber immer den Familiennamen Sopher (Schreiber) in sich faßte. Aus aller Herren Ländern strömten wißbegierige Jünger herbei, um in Preßburg aus dem Born der Weisheit zu trinken, denn Preßburg galt in diesem Reiche so viel, wie im Reiche der weltlichen Wissenschaft ehemals Heidelberg oder Leipzig. Pistyan und Preßburg lagen lange in Ungarn. Seit Ende 1918 liegen sie in der Slowakei. Nicht etwa, als ob die beiden, etwa zwei Eisenbahnstunden voneinander entfernten Städte durch einen Zauber in ein fernes Land entrückt worden wären. Aber Ende 1918 entstand ringsumher ein neues Land: die Slowakei. Ein Land kann natürlich nicht neu sein und kann auch nicht entstehen, die Slowakei wurde bloß entdeckt. Vordem existierte sie eigentlich nicht, man durfte von ihr nicht reden. Hier war überall Ungarn. Das Land war ein Teil des „magyarischen Globus" und hieß zusammen mit einigen angrenzenden Gegenden „Oberungarn". Ueber das von Slowaken, Deutschen, Juden und einer Handvoll Ungarn bewohnte Land war vor dem Kriege eine magyarische Tünche gebreitet. Die Fluten des Umsturzes haben diesen künstlichen Ueberzug entfernt und das Land zeigt sein natürliches Antlitz. Die erdrückende Mehrheit der Bevölkerung bilden die Slowaken. Die Bedeutung des deutschen Elementes beruht nicht auf seiner Zahl, die verschwindend klein ist, sondern auf seiner wirtschaftlichen und kulturellen Tüchtigkeit. Und die merkwürdige Tatsache möge verzeichnet werden, die sich in ganz Osteuropa überall verzeichnen läßt: die als Beamte, Kaufleute, Handwerker und Intellektuelle ins Land gekommenen Deutschen legten in der zweiten oder dritten Generation ihr Deutschtum ab und wurden Magyaren oder Slowaken; schon die dritte Generation konnte häufig nicht mehr deutsch reden, hatte nur noch eine blasse Ahnung von deutscher Kultur und deutschem Wesen; treu gepflegt und unentwegt erhalten wurde die deutsche Sprache nur bei den Juden. Die deutschen Kulturinstitutionen in der Slowakei: Schulen, Zeitungen, Theater, Lesehallen und dergleichen stützen sich auch zum weitaus größten Teile auf die Juden, die in diesen Gegenden ein merkwürdig reines Deutsch sprechen, Glücklicherweise führt das hier nicht zu Konflikten und Gegensätzen mit der slawischen Bevölkerung. Das kommt daher, daß zwischen Slowaken und Deutschen kein nationaler Streit bestand. Der Nationalfeind, der die slowakische Sprache und Nationalität auszurotten strebte, war der Magyare. Dieser war der gehaßte Unterdrücker. Aber seine Herrschsucht kehrte sich auch gegen das Deutschtum. Die Gleichheit der Deutschen und Slowaken vor dem Unrecht im alten Ungarn ließ keinen gegenseitigen Groll aufkommen und darum auch keinen Haß gegen die Juden als die Träger der deutschen Kultur und Sprache. Darum ist auch der Umsturz der magyarischen Herrschaft und das Heraufkommen des neuen Regimes für die Juden ziemlich gut verlaufen. Allerdings hat es nicht an Versuchen gefehlt, als die alte Macht sich zurückzog^ und die neue sich etablierte, Pogrome mit blutigen Plünderungen zu organisieren. Namentlich die jüdische Bevölkerung auf dem flachen Lande schwebte eine geraume Weile in ernster Gefahr. Aber das war nur die Folge der allgemeinen Plünderungssucht und Blutgier, die sich des Pöbels bei jedem Umsturz zu bemächtigen pflegt. Sie tobt sich dann mit Vorliebe gegen die Juden aus, da diese die Wehrlosesten sind. Aber sie liebt es nicht, bei den Juden stehen zu bleiben. Wo die Machthaber einsichtig sind, brauchen sie gar keine Philosemiten zu sein, um derartige Regungen des Volksgemütes rasch zu unterdrücken. In der Tschechoslowakei waren die Machthaber einsichtig. Und so kehrte alsbald Ruhe und Frieden auch in der ganzen Umgebung von Pistyan ein. Darum hat auch der Weltruf Pistyans als Heilstätte unter den Unruhen nicht gelitten. Ununterbrochen strömten die Leidenden nach der „Perle der Slowakei", um sich in dunkelgrünen, butterigen Schlamm packen zu lassen und in dem heißen Schwefelwasser, das auch von manchen getrunken wird, zu baden. Zur Heilwirkung trägt unzweifelhaft auch die bezaubernde Lage der Ortschaft bei, in einem breiten, offenen Tale der Karpathenausläufer von der Wag durchströmt, umringt von anmutigen, waldbedeckten Hügeln. Aber auoh wer historischen Sinn hat, kommt hier auf seine Rechnung. So ist es interessant, zu erfahren, daß noch im Jahre 1837 ein besonderes „Judenbad“ existierte, eingepfercht zwischen dem „gemeinen" Bad, welches den Armen zugewiesen war, und dem „Schlammbad“, welches 1 den Gästen zweiter Klasse offen stand. Das „Gehbad" war für die Menschheit erster Klasse reserviert. Der Abzugskanal aller dieser Bäder öffnete sich in das „Pferdebad", wohin auch der Abfluß des neuen Badehauses mündete. Nichts charakterisiert den Geist des Vormärz, der auch hier waltete, besser, als dieses humane Pferdebad, in dessen nächster Nachbarschaft sich das Bad- Ghetto für die Juden befand. In der ehemals friedlichen, kleinen jüdischen Gemeinde von Pistyan, an deren Spitze der hochverdiente, langjährige Präsident Leopold Weinberger steht, ist ein vor ungefähr zwei Jahren aus kleinen Ursachen entstandener Streit leider zu einer richtigen Spaltung gediehen. Angefangen hat es mit nichtigen politischen Zwistigkeiten und Parteiungen, die mit der religiösen Frage im Grunde nicht das geringste zu tun haben. Schließlich kam es so weit, daß eine Anzahl von Gemeindemitgliedern sich entschloß, eine besondere Kehilla zu gründen. Nun erlaubt das Gesetz eine solche Gründung nur dann, wenn die neue Gemeinde sich in religiöser Beziehung von der alten unterscheidet. Da die alte Gemeinde orthodox ist, war die neue gezwungen, sich „neolog" (liberal) zu erklären. Man hat also hier den seltenen Fall, daß eine Gruppe, die sich in Gesinnung und Lebensführung orthodox fühlt, aus äußeren Gründen sich für liberal erklärt. Man kannte Fälle, wo Liberale aus Nützlichkeitsgründen sich als orthodox ausgaben; hier haben wir den Fall, wo Orthodoxe, durch das Gesetz gezwungen, so tun, als ob sie liberal wären. Liberale wider Willen. Die zwei prächtigen Hotels ersten Ranges beherbergen ein internationales Publikum, für bescheidenere Bedürfnisse sorgen die zahlreichen, sauberen, schön gelegenen Pensionen, darunter mehrere rituelle; dem jüdischen Gottesdienst dienen zwei schöne, kleine Synagogen, wo nach streng orthodoxem Ritus, ganz wie in Deutschland, gebetet wird. Wohl klingen auch in dieses friedliche Nest aus det Außenwelt aufregende Diskussionen herein. Aber das sanfte Rauschen der Waag übertönt alle politischen Kakophonien. In dieses Rauschen mischt sich das vielsprachige Stimmengewirr der allen Völkern der Erde angehörigen Gäste, die auf dem breiten, sonnigen Strand zwischen Strom und Park friedlich und geruhsam lustwandeln. Orator.

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