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Die Stimme · 1928-06-07 · Heft 23 (7.6.1928) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 23 (7.6.1928)
Date
1928-06-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 23 reine Wohltätigkeitssache aulgefaßt, der die gleiche Bedeutung innewohnt wffe der Spende für ein jüdisches Armenheim oder Spital. Dies führt dann nicht selten zu jener Geberpsyche, die — im Gegensatz zum wahren jüdischen Sinn von Geben und Gabe — die Spende im besten Fall als Gesellschaftsusus betrachtet, der lästig ist, aber der Leute wegen geübt werden muß; dem Zweck der Spende oder dem Beschenkten gegenüber ist man gleichgültig, ja, man verachtet ihn zumeist. Es ist die Jahudim-Psychologie, die den Armen wohl beschenkt, aber — ihn nicht über die Herrschaftstreppe läßt. Es ist natürlich Sache der zionistischen Propaganda, die amerikanische Judenheit darüber aufzuklären, daß der Aufbau Palästinas nicht eine Wohltätigkeitsaktion für Schnorrer aus dem „gräßlichen Osten" ist (aus dem die meisten Juden in den Vereinigten Staaten zu stammen — gar nicht gern wahr haben wollen), daß die Schaffung der jüdischen Heimstätte in Erez Israel eine neue Grundlage für das Leben der Gesamtjudenheit bildet, daß es nicht um Juden aus irgendwelchen in jüdischen Mißkredit geratenen Weltgegenden geht, sondern um die Erhaltung des Judentums überhaupt und ähnliches, was zum ABC zionistischer Gesinnung gehört. Es erscheint denn auch als selbstverständlich, daß wenigstens an sichtbarer Stelle einer Organisation, die solche Anschauung vertritt und propagieren soll, ja unter den obwaltenden Umständen sehr energisch propagieren muß, Personen stehen, welche diese Anschauung in sich aufgenommen haben. Aber dem scheint nicht so zu sein; das zeigt in peinlich krasser Weise ein Vorfall der jüngsten Zeit,von dem der I Schleier wilden Schweigens, mit dem er anscheinend umgeben wird, schon deshalb weggezogen werden soll, weil er nicht nur tief beschämend ist, sondern auch als ein Symptom erscheint, und zwar kein ungefährliches. Das amerikanische Mitglied der Zionistischen Exekutive, Miß Henrietta S z o 1 d, durch ihre Verdienste um die organisatorische Entwicklung und die allerdings vielumstrittene Palästina-Arbeit der Frauenorganisation „Hadassah" in den Kreis der zionistischen Beachtung gerückt und daher in die Konsolidierungsleitung in Palästina entsandt, hat vor einiger Zeit bei einer Pressekonferenz im Zusammenhang mit den Konflikten innerhalb der Zionistischen Organisation der Vereinigten Staaten und deren Zusammenhang mit dem Meinungswiderstreit über die Methoden der gesamten zionistischen Führung die Behauptung auf gestellt, es handle sich um die Frage des „östlichen oder des westlichen Einflusses in der Exekutive." Es mag dahingestellt bleiben, ob Fräulein Szold, wie es (soweit dieser Passus der Szold'schen Auslassungen in den Blättern nicht überhaupt verschwand, was auch vorkam) in einigen inspirierten Meldungen ausgelegt wird, ihre Aeußerung mehr im Hinblick auf amerikanische Verhältnisse machte oder nicht — in jedem Fall sind sie Ausfluß einer Anschauung, die, gelinde gesagt, präzionistisch anmutet. Seit mehr als dreißig Jahren kämpft der Zionismus eine schweren Kampf für die Normalisierung des gesamten Judentums (was dessen unverbrüchliche Einheit voraussetzt), das sein Geschick selbst in die Hand zu nehmen hat; da klingen Anschauungen, wie sie Fräulein Szold ent- | wickelt, wie Töne aus Münchhausens eingefrorenem Posthorn. Daß solche Töne auftauen konnten, muß wohl seine Gründe haben; soweit sie in Fräulein Szold liegen, handelt es sich um eine — sagen wir — nicht gerade glückliche jüdische Selbsteinschätzung; die Dame mit dem ungarischen Namen ist ebensowenig hundertprozentig „westlich" wie Hunderttausende anderer Juden, die in den Vereinigten Staaten leben. Ein gewaltiger Staats- und Wirtschaftsbau ist jenseits des Atlantic von Verbrechern, Abenteurern, Mißvergnügten, Gehetzten und Hungrigen aus allen Herren Ländern errichtet worden; in ihm hat der „östliche Einfluß" gewaltige produktive Werte geschaffen, neue Industrien, neue Arbeits- Bücherfreunde! Besichtigt unsere mmmmmmmmm Schaufenster! MT Verlang«« Preislisten! Bücherschwemmö „VIENNA“, Wien I, Bognergasse Nr. 4 methoden usw. hervorgebracht; daß der „westliche Einfluß" die entsprechenden zivilisatorischen und kulturellen Geisteswerte, die er sich selbst so gern zuspricht, in gleichem Maße geschaffen hätte, ist nicht so deutlich zu merken; jedenfalls ist Jahudim- Psychologie ein Zeichen schlechter Zivilisation. In Palästina hat der „östliche Einfluß" gebaut und das Gebaute allen Krisen zum Trotz erhalten, aus eigener Kraft erhalten (die Selbsthilfe des jüdischen Jischuw in der letzten Krise wird immer sein Ehrenzeichen bleiben); vom schöpferischen „westlichen Einfluß hat sich in Erez Israel bislang wenig gezeigt. Das Geheimnis solcher irrtümlicher Selbsteinschätzung liegt darin, daß die schöpferische Kraft der Anwendung von Ergebnissen der Mechanik und Technik überwertet wird; man kann ein raffiniertes Badezimmer besitzen und doch ein Schmutzfink sein, und man kann sich rein und gepflegt halten, auch wenn man nur einen Holzzuber zur Verfügung hat. ifflf MiO Henrietta Szold, Mitglied der Zionistischen Palästina-Exekutive (früher Präsidentin der amerikanischen Frauenorganisation »Hadassa«), deren letzte Rede über die Methoden der Leitung heftig diskutiert wird. Gerade dieses Moment der Ueberwertung der technischen Faktoren bildet nun das Symptom, welches den „Fall" über das Einzelmäßige, Vereinzelte hinaushebt. Die zionistisch geradezu rückständigen Darlegungen eines Mitgliedes der Palästina-Exekutive sind nur möglich, weil sich in den Arbeits- und Kampfmethoden der zionistischen Bewegung eine Art von Rückbildung vollzogen hat. Die zionistische Arbeit war immer ein Kampf, um eben die revolutionierende Anschauung von der Schicksalsgemeinschaft des gesamten Judentums und der sich daraus ergebenden Selbsthilfe in die Gehirne zu hämmern. Diese Arbeitsmethode ist in den letzten Jahren in den Hintergrund getreten. Das Werk des Zionismus erfordert Geld und um es überall zu erlangen, wo dies innerhalb der Judenheit möglich ist, wird der Endzweck, dem dieses Geld dient, dem Geschmack derer zuliebe, die es geben sollen, auf geputzt. Da die blanke Wahrheit, daß es um das gesamte Judentum geht, nicht überall gern gehört wird, sagt man sie eben nicht gerade heraus; da die klare Selbstverständlichkeit, daß das Judentum ein nationales, politisches Zentrum braucht, um in seiner Gesamtheit zu gesunden, nicht allerorten Verständnis begegnet, wird sie mit mehr oder weniger sauberen theoretischen, auch mehr oder weniger anmutigen philosophischen Mäntelchen behängt. Was Wunder, daß solche irreführende Propaganda Verwirrung schafft, draußen sowohl wie in den eigenen Reihen? Draußen, bei denen, um deren Geld wir werben, hält man den Zionismus und sein Werk für eine in kleinem Maßstab angelegte Hilfsaktion für arme, ach, so schmutzige Juden, für die man ein paar Groschen hergibt, wobei man nach aller Jahttdim - Psychologie den geldverteilenden „Einfluß" komiteemäßig regeln möchte. Das ist der beste Effekt. Zumeist tritt auch der nicht ein, da man den neu drapierten Ziel- und Zweckerklärungen, die (Gott sei Dank) durch die noch junge Vergangenheit kompromittiert sind, nicht traut. Und tatsächlich haben wir trotz heißen Bemühens die großen Mittel dort, wo wir Wasser in unseren Wein gießen zu müssen glauben, nicht bekommen. In den eigenen Reihen aber macht sich, da es den Anschein hat, als seien die zionistischen Aufgaben mit der Beistellung oder Beschaffung von Geldmitteln zu Ende, eine gewisse Laßheit geltend, die sich am deutlichsten dort zeigt, wo das Primat des Zionismus am stärksten hervortreten sollte: in den Beziehungen zu den aktuellen jüdischen Fragen des Tages. In den Problemender jüdischen Wirtschaft im Galuth, der jüdischen Politik, der sozialen Bewegungen sind die Zionisten heute weit weniger führend als zu der Zeit, da sie noch eine verschwindende Minderheit im Judentum waren; denn damals traten sie mit dem unverhüllten Anspruch auf, die ganze jüdische Frage zionistisch zu lösen und das schuf auch das feste organisatorische Gefüge; heute darf ein Mitglied der Exekutive „östlichen" und „westlichen" Einfluß gegeneinander ausspielen. Hier ist die schwere moralische und damit organisatorische Gefahr. Es ist nicht beabsichtigt, an dieser Stelle zionistische Sittenqualifikation zu betreiben. Es gibt nichts Unproduktiveres als jene Sorte von unbefugten zionistischen Sittenrichtern, die sich darin gefallen, Katalog über besseren und schlechteren Zionismus zu führen und Zensuren in Zionis- Reste des alten jüdischen Synagogalgesanges Von Prof. Dr. Max Graf (Wien). Die Schicksalsstunde für die Erforschung der alten jüdischen Synagogalmusik ist gekommen. Die moderne Musikwissenschaft wendet sich der Erforschung dieses Gebietes mit steigendem Interesse zu, weil die wissenschaftlichen Voraussetzungen für ein Gelingen dieser Aufgabe jetzt gegeben sind. Noch läßt sich nicht das Haus bauen, aber der Baugrund kann bereits abgesteckt werden, welcher das Haus der jüdischen Musikforschung tragen soll, einzelne Fundamente können bereits errichtet werden, seitdem die moderne junge Musikwissenschaft die Musik des Orients in ihr Arbeitsgebiet einbezogen hat. Vor zwei, drei Jahrzehnten war die Musikwissenschaft ausschließlich europäisch konzentriert. Was außerhalb dieses Gesichtskreises lag: die Musik der großen Kulturreiche des Orients, die Musik der primitiven Völker, wurde kurz im Eingang oder Anhang von Musikgeschichten abgehandelt. Dies ist erst seit kurzer Zeit anders geworden. Die Erforschung primitiver Musik, welche die ganze Entwicklungsgeschichte der Musik erhellt und den Blick frei macht für das Verständnis des Werdens der Musikformen, ist auf sichere Grundlagen gestellt worden. Die Bedeutung des Orients, von dem aus bis ins Mittelalter breite Wellenschläge von Musik in den Okzident hineingeflutet sind, für die Kunstwissenschitft, ist von zahlreichen Forschern untersucht worden, Der historische Blick der Kunstwissenschaft hat sich unermeßlich erweitert. Das Arbeitsgebiet der Musikgeschichte ist weit und frei geworden. Wo man früher nur eine einzige Entwicklung gesehen hat — eine Entwicklung in der Linie — sieht man jetzt Entwicklungskreise, ein Sich-Ablösen, ein Werden und Vergehen von Kulturen, die einander folgen, mannigfach ineinander übergehen, wellenförmig sich erheben, I sinken, weiterfließen; also einen Organismus von Kulturkreisen, in dem die Musik des Orients selbst ein mannigfaltig zusammengesetztes Kulturgebiet ist mit komplizierten Entwicklungsgesetzen. Innerhalb dieses Kulturkreises des Orients nimmt die alte jüdische Musik eine bedeutende Stellung ein. Sie hat in A. Z. I d e 1 s o h n den ersten hervorragenden modernen Musikforscher gefunden. Idelsohn hat jahrelang im Orient gelebt und die modernen Forschungsmethoden in den Dienst der jüdischen Musikforschung gestellt. Zwei Bände seines großangelegten „Hebräisch-orientalischen Melodienschatzes"*) enthalten die Gesänge der jemenitischen und babylonischen Juden, religiöse und weltliche, eine wahre Fundgrube neuen Materials, das der Musikforschung von einem Manne dargeboten wird, der Begeisterung mit kritischem Sinn, unermeßlichen Fleiß mit modernem musikwissenschaftlichem Weitblick verbindet. Wird das große Werk Idelsohns fertiggestellt sein, so wird die „vergleichende Musikforschung" vielleicht auch an ihre schöne Aufgabe gehen können, mit wissenschaftlicher Genauigkeit aus den manigfachen Formen des orientalischen und europäischen Tempelgesanges Urformen des alten jüdischen Synagogengesanges feststellen zu können, deren Umwandlung und Entwicklung zu den verschiedenartigen Synagogalgesängen geführt hat. Allein diese schöne Aufgabe liegt noch in weiter Zukunft. Wir stehen heute erst am Beginn des Weges und am Beginn einer Arbeit, die vielleicht erst von einer großen wissenschaftlichen Organisation, als deren Träger ich mir ein internationales Institut für jüdische Musikforschung vorstelle, geleistet werden wird. Die Arbeit, die ein Einzelner geschaffen hat, auf den stolz zu sein, die moderne Musikforschung allen Grund hat, mag der Ansporn sein für die Mithilfe von Musikforschern in allen Ländern des Westens und Ostens, *) Inzwischen sind bereits die übrigen Bände erschienen. Allein nicht nur auf dem Wege Idelsohns wird man die Grundzüge des alten jüdischen Tempelgesanges feststellen können. Es gibt noch einen anderen Weg, auf dem man zu Ergebnissen kommen wird, die mit den Ergebnissen der vergleichenden Musikwissenschaft Idelssohns zusammengehalten, neue Ausblicke eröffnen. Es ist die Forschung des frühchristlichen Gesanges, die in den zwei letzten Jahrzehnten von Forschern ersten Ranges, vor allem von den französischen Benediktinern und Peter Wagner mit großem Erfolg betrieben worden ist. Diese Forschungen haben bereits eine breite Grundlage gewonnen und erstrecken sich nicht nur auf den sogenannten „gregorianischen Gesang" — den liturgischen Gesang der römischen Kirche — sondern auch auf den byzantinischen Kirchengesang, von dem der slawische Kirchengesang abzweigt, den armenischen, koptischen, syrischen und persischen Kirchengesang. Auch die vorgregorianischen Liturgien Mailands und Spaniens sind in die wissenschaftliche Arbeit einbezogen, die von verschiedenen Stellen in die Tiefe bohrt, um die älteste Schicht frühchristlicher Kirchenmusik zu erreichen. Wenn man daran denkt, daß in den ersten Jahrzehnten der Kirchenentwicklung der Gottesdienst der Christen in der Synagoge stattgefunden hat, und erst tun das Jahr 70 eine vollständige Trennung der hellenistischen Synagogen und des christlichen Gottesdienstes vollzogen wurde, so muß die Rekonstruktion frühchristlicher Musik, der die Arbeit der modernen Musikforschung zustrebt, mit der Forschung jüdischer Synagogenmusik bei einer und derselben Wurzel Zusammentreffen, aus der unter dem Einfluß hellenistischer und orientalischer Musik der frühchristliche Psalmengesang sich zu einem kunstvollen und mannigfachen Gebilde herausgewachsen hat. Schon heute kann man einen Gesang der Kirche mit Sicherheit als einen Abkömmling des alten jüdischen Synagogalgesanges feststellen. Peter

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