Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1928-05-31 · Heft 22 (31.5.1928) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 22 (31.5.1928)
Date
1928-05-31
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3053752-3053753-3053774--0359-3055631
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr* 22 DIE STIMME Seite 9 Da« Alpha und Omega der Probleme ist der Uebergang der primitiven zur verbesserten Landwirtschaft. Die in Frage stehenden Gebiete bringen pro Dunam 50—60 kg Weizen ein. Gemäß dem üblichen Fruchtwechsel — halb Weizen, halb Kohl — kann eine Fläche von 100 Dunam 60 Pfund Brutto abwerfen. Unsere Gemischtwirtschaft brachte in den Gründungsjahren zirka 120 Pfund ein. Das entspricht in der Regel auch der Milch- und Eiereinnahme. Die Ausgaben beliefen sich etwa auf 70 Pfund, sodaß der Reingewinn zirka 50 Pfund pro Jahr betrug. Mit einer solchen Summe kann eine arbeitende Familie nicht existieren. Auf diese Weise war daher kein dicht besiedelter Jischuw aufzubauen und keine wirtschaftliche Basis für eine gesund fundierte Nation zu schaffen. Wir werden unseren Landarbeiter niemals auf den Standard des Fellachen herabdrücken können, müssen ihn vielmehr auf die Stufe des amerikanischen Farmers oder dänischen Bauern ■emporbringen. Eine solche Entwicklung aber, in Zahlen ausgedrückt, würde eine Einnahme von 120 Pfund Netto mindestens (ohne die Lebensmittel, die der Boden hervorbringt) an Stelle der oben genannten Brutto- Summe bedingen. Dies ist das Ziel, auf das die Versuchsstation in ihren Forschungen und Versuchen hinarbeitet. Sie ist so bemüht, eine Erhöhung der Erträgnisse der Wirtschaften zu ermöglichen. Man darf auf keinem Boden Menschen seßhaft machen, der nicht mindestens 100 kg Weizen pro Dunam trage. Das Hauptproblem bei uns ist, da es keinen Stalldung in größerem Ausmaß gibt, die Aequivalente zu finden, in denen man der Erde die Kräfte xuführen kann, die sie nach Hunderten von Jahren des Raubbaues benötigt. Den Vortrag des Herrn Wilkansky ergänzten die Chefs der einzelnen Abteilungen der Versuchsstation. Ihren Ausführungen ist zu entnehmen, daß bisher alle Typen des Bodens des Emek untersucht wurden, ebenso die Quellwasser, arabische Misthaufen der Umgebung; Hunderte von Pflanzenkrankheiten wurden festgestellt und ein Kalender über die Zeiten ihres Auftretens, Art ihres Schadens und Mittel zu ihrer Bekämpfung aufgestellt. Das Budget der Abteilung in Jebata für dieses Jahr beträgt 3400 Pfund. Hiervon steuert der Keren Hajessod 2200 Pfund bei, und zwar von den 10.000 Pfund, die der Kongreß der Versuchsstation bewilligt hat, Der Rest geht von dem Ertrag der Felder und durch Außenarbeiten ein. Die Zahl der festangestellten Mitarbeiter in Jebata beträgt 16. Außerdem werden zu bestimmten Jahreszeiten bis zu 20 Arbeiter vorübergehend beschäftigt. Die Wasserinstallation ist vom Keren Kajemeth durchgeführt. Anschließend an diese Erläuterungen fand eine Besichtigung der Felder unter Führung der einzelnen Abteilungsleiter statt. Man besuchte auch die Anlagen für Pfianzungsversuche. Die Hypothekenbank in Palästina Die palästinensische Hypothekenbank (General Mortgage Bank), die vom Keren Hajessod, der auch sämtliche Aktien der Bank besitzt, gegründet wurde, um die Entwicklung der jüdischen Stadt in Palästina und des Baugewerbes zu fördern, veröffentlicht ihre Bilanz per 31. Dezember 1927. Dem Geschäftsberichte ist u. a. zu entnehmen: Während die General Mortgage Bank im Jahre 1926 109 Darlehen im Betrage von 68.592 Pfund gewährt hat, hat sie im Laufe des Jahres 1927 infolge des Nachlassens der Bautätigkeit nur noch 44 Darlehen im Betrage von 17.413 Pfund gewährt. Besonders hervorzuheben ist, daß ungeachtet der schweren wirtschaftlichen Lage die Zins- und Rückzahlungen im Berichtsjahre fast restlos eingegangen sind. Der Betrag der gesamten Rückstände belief sich am 31. Dezember 1927 auf nicht mehr als 983 Pfund (worauf bis zum 1. Mai 1928 422 Pfund eingegangen sind). Im Berichtsjahre mußte keine einzige Versteigerung zur Durchführung gebracht werden. Der Gesamtbestand an ausstehenden Hypothekardarlehen stellte sich am 31. Dezember 1927 auf 158.010 Pfund, Während des Berichtsjahres wurden 23.756 Pfund neue Pfandbriefe (7prozentig in Pfund und ö^prozentig in Dollar) ausgegeben, sodaß der Totalbestand der in Umlauf sich befindenden Pfandbriefe 103.942 Pfund beträgt. Die Einnahmen dei Hypothekenbank betrugen aus Kommissionen, Zinsen etc. im Berichtsjahre 14.193 Pfund. Diesen Einnahmen standen gegenüber Betriebskosten im Betrage von 2733 Pfund und Zinszahlungen im Betrage von 8422 Pfund, sodaß sich für das Geschäftsjahr 1927 ein Reingewinn von 3037 Pfund ergibt. Bau von Kinderhäusern m den Kolonien Eine der produktiven Arbeiten, die vom Keren Hajessod zur Behebung der Arbeitslosigkeit durchgeführt werden, besteht in dem Bau von Steinhäusern in den Siedlungen, deren Gebäude bisher aus Holzbaracken bestanden. Wie überall, ist es zuerst das Vieh, das Unterkunft in Steinbauten erhält. Danach wird für die Kinder gesorgt und zum Schluß erst kommen die Siedler selbst an die Reihe. Die Siedlung BethAlpha, in der zum größten Teil Chaluzim aus Deutschland und der Tschechoslowakei wohnen, hat nun jetzt ihr Kinderhaus bekommen. In ihm sind alle Kinder der Kolonie gemeinsam untergebracht. Diese Gemeinschaftshäuser sind freundlich und hygienisch eingerichtet. Für das körperliche Wohl und für den Unterricht der Kinder ist aufs beste gesorgt. Kinderhaus in der Siedlung Be th-Alpha. mm. SSSt wm& *1® I i'l V | Das Neueste 1 1 und Schönste I §= Charmante Schöpfungen dgr Haute couture || §| für den Sommer, | EÜ wie duftige Kleider, herrliche Mäntel, vornehme Toiletten für Kurort, Strand u. Gesellschaft in jüj §s vorbildlicher Eleganz. 1 El Jede Dame findet in unseren Salons, was =3 ihrem Geschmack entspricht und sie vor- §== teilhaft kleidet, in der gewünschten Preislage ES I Hodenpaltis 11IH1 | NUR VII. KAISERSTW. 115 | vis ki zu je 30 Tagen Gefängnis verurteilt. Das Gericht in Haifa verurteilte Raphaie H e r m o n i wegen Zugehörigkeit tu einer illegalen Organisation zu 14 Tagen Gefängnis und Landesverweisung. * Die Tote-Meer-Konzession für die Erschließung der Kalischätze des Toten Meeres ist, wie aus der Antwort des britischen Kolonienministers Amery auf eine Anfrage im Unterhaus hervorgeht, noch immer nicht endgültig erledigt. Amery erklärte, er habe den Wunsch, die Verhandlungen möglichst bald zu beenden und fügte hinzu: Wie ich dem Hause bereits mitgeteilt habe, wurden die Angebote von Major T u 11 o c h und Ing. Novomeysky vorderhand angenommen; demgemäß werden sie, insoferne sie befriedigende Garantien zu geben in der Lage sind, einen Prioritätsanspruch vor allen anderen eingereichten Bewerbungen haben. * Nach längeren Verhandlungen wurde am 11. Mai zwischen der Kupath Cholim (Krankenkasse) und Miß S z o 1 d als Vertreterin der Hadassah und der Aerzteorganisation in Amerika ein Abkommen getroffen über die Beteiligung der erwähnten Organisationen mit 5000 Pfund an dem Bau des zentralen Krankenhauses in Emek. Der Bau des Krankenhauses hat im Laufe von 20 Monaten nach Abschluß des erwähnten Vertrages zu erfolgen. Der Plan stammt von Architekt Baerwald und wird dieser Tage der Regierung zur Bestätigung unterbreitet werden. —*3i * Die große Silikatziegelfabrik der Silikat Company, die durch lange Zeit geschlossen war, hat am 14. Mai ihre Produktion wieder aufgenommen, nachdem alle lagernden Ziegelvorräte ausverkauft worden sind. Es sind jetzt in einer Schicht 48 Arbeiter tätig, die täglich gegen 50.000 Ziegel herstelien. * Miszellen Ausweisung von Kommunisten aus Palästina. Vor dem Gericht in Tel-Aviv hatten sich neun Personen unter der Beschuldigung, während der Kundgebung am 1. Mai kommunistische Propaganda betrieben zu haben und einer illegalen Organisation anzugehören (in Palästina ist die kommunistische Organisation verboten), zu verantworten. Vier der Angeklagten wurden freigesprochen, von den fünf anderen wurde Kanievsky zu 50 Tagen Gefängnis und Landesverweisung, Luk zu 30 Tagen Gefängnis und Landesverweisung, die beiden Brüder L e k e r und V o 1 k o - | Die tschechoslowakischen Zionisten haben die Pflanzung eines Waldes in Palästina zu Ehren der im Weltkrieg gefallenen tschechoslowakischen Juden beschlossen. Der jetzt in Palästina weilende Dichter Max B r o d hat einen diesbezüglichen Aufruf veröffentlicht. * Die zehnjährige Tochter des 90jährigen Juden Aron N a t a h, die, wie wir in unserer letzten Nummer berichteten, von ihrem Vater an einen arabischen Ladenbesitzer verkauft worden war, wurde bereits mit dem 14jährigen Sohn des Käufers getraut, bevor noch das angerufene Vormundschaftsgericht in Aktion treten konnte. Die jüdische Jugend [ Die Seele der Jugend von heute Von Wladimir Jabotinsky. 1. Einmal auch kein jüdisches Thema, sondern ein allgemeines, über die Seele der Jugend von heute, und zwar nicht der jüdischen, sondern der der anderen Völker. Denn nach zehn Jahren wird ja diese Jugend die Welt beherrschen, in der wir leben. Wie sieht nun diese Jugend aus? Was ist der Inhalt ihres geistigen Wesens? Das sind Fragen, die der Erörterung wert sind; doch sie können nicht „wissenschaftlich“, mit Beweisen und Dokumenten erörtert werden. Ich bezweifle sogar, ob es Dokumente solcher Art gibt; es ist nämlich merkwürdig, wie wenig über die Jugend geschrieben wird. Sie kommt nicht einmal in Romanen vor; wohl kommen in jedem Roman ein junger Mann und ein junges Mädchen vor, die einander lieben oder hassen; doch einen Roman, der sich gründlich mit dem innersten Wesen der Heranwachsenden Seelen beschäftigt, der analysiert, wie es in ihrem Herz und ihrem Hirn aussieht, wie sie sich zu den Problemen verhalten, welche unsere Generation in ihren Jugendjahren zu „beschweren“ pflegen — einen solchen Roman suche ich vergebens. Der Engländer Wells hat vor etwa sechs Jahren ein Buch über die Seele der Jugend geschrieben; es hieß: „Joan und Pieter“; doch seine beiden Helden gehören noch der Generation an, die am Krieg teilgenommen hat, also heute schon über dreißig Jahre alt ist; ich aber suche nach einem Wort über die, welche achtzehn bis zwanzig Jahre alt werden. Ueber diese Jugend hat voriges Jahr der französische Dichter Andr6 Gide geschrieben; dieser sein Roman führt den Titel: „Die Falschmünzer“; doch Gide ist wohl ein großer Dichter, doch ein schwacher Romanschriftsteller, und das Buch ist schlecht und nutzlos. Andere Bücher über dieses Thema kenne ich nicht, und so gibt es nur ein Mittel: sich auf eigene Eindrücke zu verlassen. Eindrücke habe ich viele gesammelt, in der Nachkriegszeit vieler Länder (England, Amerika, Italien, Frankreich, Deutschland, Polen, baltische Länder). Mit der nicht jüdischen Jugend bin ich in einigen dieser Länder in sehr nahe Berührung gekommen, in anderen war es weniger der Fall, manchmal nur von ferne, doch einen Eindruck habe ich ziemlich vollständig und klar gewonnen — ob es der richtige ist, dafür übernehme ich keine Garantie. So biete ich denn meine „Ware“ als das aus, was sie ist: nicht mehr als Eindrücke, ohne den Versuch, Beweise zu führen. Diese meine Eindrücke beziehen sich auf verschiedene Seiten der heutigen Jugendseele; ich will aber nur von einer sprechen — von ihrer Stellung zu Staat und Regierung und zur Freiheit. Noch eine Einschränkung: Ueber zwei wichtige Länder spreche ich nicht; das eine ist Sowjetrußland, das ich seit 1915 nicht mehr besucht habe; und die Jugend in Palästina gehört nicht in diese allgemeine Betrachtung, denn sie bildet ein Kapitel für sich. 2. Um zu sehen, wie es in den Seelen der heute heranwachsenden Generation aussieht, muß zunächst eines festgestellt werden: Viele, vielleicht alle Probleme, welche unser Gewissen „beschwert" haben, als wir heranwuchsen, sind schon längst nicht mehr „Probleme", sondern inzwischen zu „Axiome n“ geworden. Dazu gehört z. B. jene Frage, die vor etwa dreißig Jahren noch der intelligenten Jugend soviel Kopfzerbrechen bereitete und Gegenstand endloser Diskussionen war — die Frage: „Sie" oder „Er und sie“. Für uns enthielt diese Frage eine Fülle von ethischen und Gewissensproblemen. Heute gibt es wohl keine Gruppe junger Menschen mehr, welche sich für oder gegen die „Ethik“ der Gleichberechtigung der Frau oder über das moralische Prinzip erhitzen würde, das in der Beziehung der beiden Geschlechter liegt. All das ist geklärt, ist zum Axiom geworden. Ebenso steht es mit anderen Fragen aus anderen Gebieten, z. B. Nationalismus und Fortschritt. Ich erinnere mich, daß ein junger Student in Odessa nach einer langen, nächtlichen Diskussion, die sich darum drehte, ob man Nationalist sein könne, ohne dadurch zum Verräter an der menschlichen Einheit zu werden, sich erschossen hat. Heute wird sich wohl schwerlich jemand einer Diskussions£rage wegen erschießen, aber noch mehr — diese Diskussionsfrage existiert gar nicht; national oder nicht, das ist eine Frage der Anschauung, nicht mehr eine Frage der Ethik oder des Gewissens, der Treue oder des Verrates; ein Axiom, das man akzeptiert oder verwirft, in jedem Falle ein — Axiom. So kann man noch eine Reihe anderer Fragen, politischer oder sozialer Natur, herausheben, die für uns Probleme waren und für die Jugend von heute Axiome geworden sind. Aus dieser Einstellung der heutigen Jugend stammt das Kennzeichen der gegenwärtigen Jugendpsychologie, welches sie von der der früheren Zeit unterscheidet: Die Jugend von heute besitzt nicht den „Kult der eigenenMeinun g“, der in unserer Generation das Wichtigste war. Die „eigene Meinung“ war ein Heiligtum; sie nicht zu vertreten und zu verteidigen, war Verrat an der Menschheit. Deshalb war es für uns oberstes Gebot: „Autoritäten werden nicht anerkannt.“ Nicht als ob wir keine Ehrfurcht vor den großen Geistern der älteren Generationen gehabt hätten; auch wir hatten unsere politischen, philosophischen und schriftstellerischen „Götter“. Doch wir fühlten, auch vor einem solchen „Gott“ müsse „ich", wenn auch ein winziges Geschöpf, die „eigene Meinung" vertreten, sollte nicht der Welt eines jener, wenn auch mikroskopischen Teilchen verlorengehen, aus denen sich die „Wahrheit“ zusammensetzt. Und die Wahrheit suchen — das war die heilige Pflicht jedes einzelnen, groß wie klein, stark wie schwach. Die Jugend von heute liebt Autoritäten, vertraut den Autoritäten, sucht Autoritäten. Ihr gefällt das, was uns in unserer Jugend bis in den Tod verhaßt war — soldatisch stramm in Front zu stehen, klare, jeden Widerspruch ausschließende Befehle zu erhalten, auf Fragen kurz und klar zu antworten. Bereitwillig verleiht sie einem 745028070765^346716770

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.