Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1928)
- Date
- 1928-05-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3053752-3053753-3053774--0358-3055630- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 5× ep/1047930
OCR text
Seite 8 DIE STIMME Nr. 22 Schuh D cz?n Wien U, Tabcratvaße 5Vr. S a Moderne Scbutie cm« Beeiem Maierlai gedie^esei auageführt fifttr aeriSae ’&taiae mählich und fast unbemerkt wurde zunächst die katholische Religion als die Staatsreligion kodifiziert, die eines höheren staatlichen Schutzes würdig sei als die übrigen Religionen. Durch das Gesetz vom 6. November 1926 ist man schon einen Schritt weiter gegangen und eine scharfe Unterscheidung der Beleidigung der einzel ne n Kulte durch die Ab* stufung des Strafausmaßes sorgt dafür, daß die nichtkatholischen Religionen als minderwertig bezeichnet werden, indem die Beleidigung einer katholischen religiösen Handlung, der Kirche oder eines Privatmenschen mit viel höheren Strafen belegt wird als die Störung der religiösen Uebung eines anderen Kultes. Und jetzt liegt der italienischen Kammer der Gesetz* entwurf für ein neues italienisches Strafrecht vor, durch welches die Religionsübungen aller . nichtkatho 1 i schen Kulte ohne jeden Schutz gegen Störungen oder Beleidigungen ge* lassen werden. Im Artikel 548 bestimmt nämlich dieses neue Strafgesetz, daß jeder, der die offizielle Staatsreligion öffentlich schmäht oder beleidigt, mit Gefängnis bis zu einem Jahre zu bestrafen ist. Von den übrigen Religionen ist überhaupt keine Rede. Daß eine solche Gesetzgebung den Keim eines Staatsantisemitismus in sich birgt, geht schon aus einem Gutachten des Professors an der katholischen Universität in Mailand, Dr. Del G i u d i c e hervor, der sich schon heute auf den Standpunkt stellt, daß häufig religiöse Uebungen von Nichtkatholiken an sich schon eine Verletzung des katholischen Kults, das heißt der Staatsreligion, in sich schließen können. Professor Del Giudice bedient sich bereits in seinem Gutachten des Ausdruckes „tolerierte Kulte", für deren Schutz die gewöhnlichen Strafbestimmungen gegen die persönliche Freiheit, der Einrichtung der Ehe usw. ausreichen. In den anderen Ländern mit starkem Antisemitismus hat diese Seuche mit der Züchtung eines religiösen Chauvinismus begonnen, der dann zum nationalen und Rassenchauvinismus und schließlich zur Kriegshetze führte. In Italien scheint sich der Prozeß des neuen italienischen Antisemitismus in umgekehrter Reihenfolge zu vollziehen. Vom nationalen Chauvinismus über den katholisch-religiösen Chauvinismus zur Verfolgung aller nichtkatholischen Italiener und in erster Reihe der Juden. Der gesellschaftliche Antisemitismus englischer Klubs In englischen Vorstadt- und Proviazzeitungen wird jetzt die nicht unwichtige prinzipielle Frage erörtert, ob der gesell* schaftliche Antisemitismus aristokratischer Klubs eine noblere Geste sei, als der robuste Antisemitismus in den ost- und mitteleuropäischen Staaten. Hervorgerufen wurde diese Diskussion dadurch, daß wieder einmal zwei vornehme Sportklubs in den zwei Londoner Vorstädten Hampstead und Finchley, ein aristokratischer Tennisklub und ein Cricketklub, sämtliche jüdischen Bewerber um eine Mitgliedschaft glatt ballotieren und entschlossen sind, auch weiterhin keinen Juden, und mag er noch so reich sein oder gesellschaftlich noch so hoch stehen, in ihre Reihen aufzunehmen. Das Unglück ist sicher nicht groß und Ausbrüche solchen Klubantisemitismus englischer Aristokraten oder reicher Industriebarone gehören in den letzten Jahren nicht zu den Seltenheiten. Die Der schönste Sport Tennis für jung und alt 8 Stunden samt Trainer pro Person S 15- Die Plätze liegen nicht an staubiger Straße, sondern in prachtvollem Garten mitten im Grünen 36er und 37er Linie in nächster Nähe Kalilenbergerstrafle 46« Tel. A-12-6-35, Häufigkeit dieser Fälle ist aber immerhin von nicht zu unterschätzender Bedeutung, wenn man bedenkt, daß die hauptsächlich gegen die Juden gerichtete englische Fremdengesetzgebung und Fremdenbehandlung ihren eigentlichen Ursprung in dem snobistischen Chauvinismus dieser Klubs haben. Von hier aus wird der Boden vorbereitet, die Judenreinheit der von dem englischen Klein- und Mitteladel beherrschten Gesellschaft gewissermaßen diktiert und), wenn auch nicht immer mit Erfolg, in die breiteren Volksschichten zu übertragen versucht. Aus diesem Grunde muß man in der oben bezeichneten Diskussion jenen Pressestimmen beipflichten, die in politischer Voraussicht den Standpunkt vertreten, daß diese antisemitische Hetze der sogenannten aristokratischen Sportklubs genau so ignobel ist, wie der rüde Antisemitismus in Mitteleuropa, der gleichfalls seine Anfänge im gesellschaftlichen Antisemitismus hatte. Palästina Haifa und Jaffa Von Dr. Fritz Löwenstein, Jerusalem, Der palästinensische Oberkommissär Lord Plumer ist in den letzten Wochen etwas aus seiner üblichen Zurückhaltung herausgetreten und hat in Haifa und Jaffa Reden gehalten, in denen er ohne viel diplomatisches Versteckspiel offen zu verschiedenen brennenden Fragen Stellung genommen hat. Palästina ist ja längst nicht mehr das kleine, unbedeutende Orientland, dessen Import und Export nicht der Rede wert ist, das ziemlich ohne Kontakt mit der Weltwirtschaft dahinlebt. Die Angliederung Palästinas an das britische Weltreich, die Einwanderung von etwa 100.000 Juden seit Friedensschluß, die höheren Bedürfnisse dieser Neueinwanderer, die überraschende Entwicklung des Orangenbaues und des Orangenhandels, die verheißungsvolle Entwicklung mancher Industriezweige bedeuten eine immer engere Verknüpfung Palästinas mit der Weltwirtschaft. Um aber seine Exportmöglichkeiten ganz entwickeln zu können, um ein Land starker Einwanderung und starken Touristenverkehres zu werden, bedarf Palästina eines Hafens, der diesen Namen verdient. Heute gibt es in Haifa eine für einen Hafen ideal geeignete Meeresbucht, wo aber bisher nicht das mindeste geschehen ist, um diese Bucht wirklich, in einen Hafen zu verwandeln. Daneben steht Jaffa, heute noch der bedeutendere Hafen, wo riesige Felsklippen die Annäherung eines Schiffes unmöglich machen und alle Waren und Güter ausgebootet werden müssen. Es ist klar, daß ein kleines Land, wie Palästina, nur einen großen, modernen Hafen braucht. Ob dies Haifa oder Jaffa-Tel-Aviv sein soll, war lange sehr umstritten. Jaffa ist heute der bedeutendere von beiden Häfen und kann darauf hinweisen, daß die beiden Schwesterstädte Jaffa und Tel-Aviv sich schnell entwickeln, daß die das Zentrum einer sich immer mehr ausdehnenden Pflanzungszone sind und insbesondere der Orangenhandel im Jaffaer Hafen seinen natürlichen Verschiffungshafen hat. Wenn trotzdem die Entscheidung für Haifa gefallen ist, so gibt es dafür entscheidende Gründe. Haifa ist der eigentliche Eisenbahnknotenpunkt Palästinas: Hier endet die Bahn, die von Aegypten kommt, und die Linie von Damaskus. Haifa wird in absehbarer Zeit auch mit Beyruth durch direkte Eisenbahn verbunden werden. Da auch Bagdad Anschluß an die Strecke Haifa—Damaskus erhalten wird, so wird Haifa der Knotenpunkt von allen entscheidenden Bahnlinien des Vorderen Orients sein. Ferner ist bekannt, daß vermutlich die Petroleumleitungen vom Mossulgebiet nach Haifa geleitet werden dürften. So ist denn ohne Zweifel vorauszusehen, daß Haifa einen ganz außerordentlichen Aufschwung nehmen wird. Da die Entscheidung für Haifa schon seit Jahren feststeht, so hat sich bekanntlich einige Industrie bereits jetzt in und bei Haifa ihren Standort gewählt, so vor allem die Zementfabrik „Nescher", die Oel- und Seifenfabrik ,,Schemen" und die Mazzothfabrik, die alle drei besonderen Wert auf den Export legen. Aber auch landwirtschaftlich beginnt Haifa der Mittelpunkt eines wesentlichen Hinterlandes zu werden: Das Emek ist durch die zionistische Arbeit erschlossen, der Boden Haifa—Akko ist in jüdischem Besitz und südlich von Haifa bis Chederah herunter entwickelt sich ein neues Zentrum des Orangenbaues, das schon heute wichtiger ist, als das ältere um Rechoboth. Sehnsüchtig wartet Palästina seit Jahren auf den Beginn des Hafenbaues in Haifa. Endlich wurde im vorigen Jahre in London die erste Anleihe der Palästina-Regierung zur Zeichnung ausgelegt, deren Hauptverwendungszweck der Hafenbau ist. Der Oberkommissär hat nun bei seiner Rede in Haifa erklärt, daß spätestens Ende dieses Jahres mit dem eigentlichen Bau begonnen werden kann. Die Verzögerung ist rein technischer Natur, da die Sachverständigen im Zweifel darüber waren, welches von den verschiedenen Projekten den Vorzug verdiene. Auch das ist nunmehr geklärt. Schon in den nächsten Monaten wird man damit beginnen, in den Steinbrüchen bei Athlith Steine für den Bau der beiden großen Molen zu brechen. Der Hafen soll etwa dreimal so groß werden als der benachbarte von Beyruth und so tief sein, daß auch Kriegsschiffe und große Ozeandampfer werden anlegen können. Selbstverständlich werden zu gleicher Zeit auch Speicher, Lagerhäuser, Zollämter etc. gebaut werden. Ueber die Bedeutung des Hafenbaues für die Entwicklung des Landes braucht hier weiter nichts gesagt zu werden; nur auf zwei Gesichtspunkte sei kurz hingewiesen, nämlich auf die Verbilligung des Seetransportes durch Ersparnis der bisherigen Ein- und Ausbootungsgebühren und auf die in Palästina so wesentliche Tatsache, daß für den Hafenbau eine große Reihe von Arbeitern auf Jahre hinaus benötigt wird und daß auch nach Vollendung des Hafens eine große Zahl von Arbeitern dort ständige Arbeit finden wird. »eil Kitlift Die drei Häfen Palästinas mit ihren Eisenbahnand Straßenverbindangen Wenn so Haifa die Aussicht hat, in absehbarer Zeit seinen Hafen zu erhalten und damit seine bedeutende wirtschaftliche Zukunft garantiert zu sehen, so gilt dies nicht in demselben Umfange von Jaffa und Tel-Aviv. Es handelt sich nicht etwa um einen Streit dieser Doppelstadt mit Haifa. Daß der Hafen in Haifa gebaut wird, steht seit langem fest und man hat sich in Jaffa damit abgefunden, zumal die Wucht der für Haifa sprechenden Gründe wirklich sehr stark ist. Was man jedoch wünscht, sind zwei Dinge: Zunächst verlangt man, daß an der heutigen Reede von Jaffa wenigstens gewisse Verbesserungen durchgeführt werden, die die Benützung dieses Hafens erleichtern würden. In der Tat ist dies früher von der Regierung versprochen worden; sie beabsichtigte, zwei Millionen Pfund der Anleihe für den Bau des modernen Hafens in Haifa und zirka eine Million für den Ausbau der Anlegeverhältnisse in Jaffa zu verwenden. Von diesem Entschluß ist die Regierung leider abgekommen und Lord Plumer erklärte, daß nur Verbesserungen in kleinstem Maßstabe im Augenblicke in Betracht kommen können. Das ist umso bedauerlicher, als auch der zweite Wunsch der Doppelstadt, dessen Erfüllung ebenfalls von der Regierung längst zugesichert worden war, vorläufig nicht erfüllt werden wird. Es handelt sich um die Verlegung des Eisenbahnknotenpunktes von Lud nach Tel- Aviv. Die von Aegypten (Grenzstation Kantara) nach Haifa, also von Süd nach Nord führende Bahn wird nämlich heute in dem kleinen Städtchen Lud von der Linie Jaffa-Tel-Aviv nach Jerusalem geschnitten. Die Wahl Luds als Knotenpunkt hatte nur strategische Gründe und ist heute in keiner Weise zu rechtfertigen. Wenn heute jemand aus dem Orangenzentrum Petach-Tikwah Orangen zur Verschiffung zum Jaffaer Hafen schicken will, so muß er zweimal, in Ras el Ain und Lud, umladen und braucht etwa einen Tag für die Reise, während ein Auto in weniger als einer Stunde auf dem direkten Wege von Petach- Tikwah nach Jaffa gelangt. Die gesamte Entwicklung der Pflanzungszone würde aufs günstigste beeinflußt werden, wenn nicht jeder Eisenbahntransport über Lud gehen und dort umgeleitet werden müßte. Das alles ist der Regierung gut bekannt und wird von ihr nicht bestritten. Nur finanzielle Gründe machen angeblich die Ausführung der längst gefaßten Beschlüsse ungültig. Etwas zum mindesten hat die Regierung zur Entwicklung der Verkehrsverhältnisse in Judäa in den letzten Jahren geleistet. Die großen, alten, blühenden Siedlungen sind endlich durch Chausseen miteinander und mit Tel- Aviv verbunden worden. Endlich kann man von Rechoboth nach Rischon le Zion, von Rischon nach Tel-Aviv, von Tel-Aviv nach Petach-Tikwah auf anständiger Chaussee fahren, ohne, wie bisher, im Sommer im Sand, im Winter im Morast hoffnungslos stecken zu bleiben. Gerade in der letzten Woche hat die Regierung auf Grund des Drängens der beteiligten zionistischen Stellen beschlossen, die Chaussee von Petach-Tikwah durch die jüdischen ‘ Siedlungen Magdiel und Kfar Saba bis nach Kilkilieh zu führen. Das ersetzt zwar nicht den Ausbau des Jaffaer Hafens, aber ist doch von großer Bedeutung für das ganze Pflanzungsgebiet, das ohne Zweifel in den nächsten Jahren im Mittelpunkt unserer landwirtschaftlichen Tätigkeit stehen wird. Wie wird in Palästina kolonisiert? Pressekonferenz in der landwirtschaftlichen Versuchsstation in Jebata. — Eine Gründung aus Mitteln des Wiener Barons Rothschild. Die jüdische Kolonisation in Erez Israel, die ein neues Menschenmaterial unter neuen Bedingungen landwirtschaftlich ansiedelt, erfordert auch theoretische Untersuchungen in großem Ausmaß. Jhnen dient vornehmlich die landwirtschaftliche Versuchsstation, welche die Zionistische Exekutive aus Mitteln des Keren Hajessod geschaffen hat. In ihrer achtjährigen Tätigkeit hat die Versuchsstation eine Reihe von Abteilungen (für landwirtschaftliche Chemie, für Milchwirtschaft, Hühnerzucht, Obstbau usw.) in verschiedenen Punkten des Landes angelegt. Da nun in den letzten Jahren das hauptsächlichste Kolonisationsgebiet des Keren Hajessod sich im Emek Jesreel befand, hat die Versuchsstation im Mittelpunkte dieses Gebietes, in Jebata bei Nahalal, eine eigene Abteilung errichtet, deren Anlage durch eine Spende des Wiener Barons Louis,Rothschild ermöglicht wurde. Diese neue Abteilung besichtigten vor kurzem die Vertreter der Presse Palästinas und des Auslandes. Der Direktor des Keren Hajessod, Dr. H a n t k e, begrüßte die Pressevertreter und erwähnte die Spende des Barons Louis Rothschild in Wien in der Höhe von 5000 Pfund Sterling, dank derer die Abteilung der Versuchsstation in Jebata in kurzer Zeit errichtet und installiert werden konnte. Herr Wilkansky, der Leiter der landwirtschaftlichen Abteilung der Versuchsstation, referierte über die landwirtschaftlichen Probleme der Palästina-Kolonisation, erörterte die spezielle Bedeutung der Abteilung in Jebata, berichtete über ihre Tätigkeit und erwähnte die bisherigen Resultate, Seinen Ausführungen sind einige wertvolle Hinweise auf die Art der Kolonisation zu entnehmen, die wir hier wiedergeben: Die Abteilung in Jebata beschäftigt sich nur mit landwirtschaftlichen Problemen, die die Kolonisation im Emek angehen. Die Bodenfläche umfaßt 1500 Dunam. Sie wird von der Eisenbahnlinie Haifa—Zemach begrenzt. Der Boden ist typisch für den Boden des Emek Jesreel. Da der Boden des Emeks zum überwiegenden Teil unbewässert ist, existieren die Wirtschaften, die auf ihm errichtet sind, hauptsächlich von unbewässerten Kulturen den den damit zusammenhängenden Wirtschaftszweigen. Bewässerte Kulturen nehmen einen verhältnismäßig geringen Platz ein. Die Bodenfläche des Emek umfaßt mehr als eine halbe Million Dunam. Nahezu 30 0.0 00Dunam sind in Händen des Keren Hajessod. Die Natur des Bodens bedingt Gemischtwirtschaft, die hauptsächlich aus Getreidebau, Milchwirtschaft und Hühnerzucht zusammengesetzt ist — zum kleineren Teil Pflanzungen, die speziell für schwere Erde geeignet sind.