Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1928)
- Date
- 1928-05-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 22 DIE STIMME Seite 7 Israel und unterzieht auch die zivilisatorische Tätigkeit der eingewanderten jüdischen Bevölkerung, die die Araber „pHnzipieH"anerkennen wollen, einer feindseligen Kritik. Der Artikel, der einen neuen arabischen Propagandafeldzug einleiten soll, schließt mit der Forderung nach einer starken, zielbewußten arabischen Organisation. Reformen in Palästina. Lieber die Modernisierung der Steuerpolitik in Erez Israel schreibt Ernst Davis im „Berliner Tageblatt“: „Die heftige Kritik, die in Palästina schon während der Amtszeit Sir Herbert Samuels an der Weiterbefolgung der türkischen wirtschaftspolitischen Methoden geübt worden war und sich in den letzten beiden Jahren besonders verstärkt hatte, beginnt jetzt gewisse Erfolge zu erzielen. Oberkommissär Lord Plumer hat einen Gesetzesvorschlag bekanntgegeben, durch den die faktisch als Ausnahmegesetz gegen die Juden gehandhabte alte türkische Grundsteuer, der „Werkö“, abgeschafft und durch eine Steuer vom Einkommen aus dem Grundbesitz ersetzt wird. Nach dem „Werkö“ hatten alle Haus- und Gründstückbesitzer eine Abgabe von dem geschätzten Grundstückswert zu zahlen. Bei den zur Zeit des britischen Einmarsches vorhandenen Häusern, also der großen Mehrzahl der arabischen Gebäude, darunter die prächtigen Paläste der Effendi, legte man dabei die vor dreißig bis fünfzig Jahren vorgenommene türkische Schätzung zugrunde, die auf ganz niedrigen Grundstückswerten beruht und obendrein durch die allgemein übliche Bestechung der Steuerbeamten auf ein lächerliches Maß herabgedrtickt wurde. Dagegen wurden alle seit der britischen Besetzung neu errichteten Häuser, also die große Mehrheit der in jüdischem Besitz befindlichen, zu dem Werte angesetzt, den die Grundstücke in der ersten Zeit nach dem Kriege während der anormalen Hausse auf dem Grundstticksmarkte hatten. Sie werden noch heute danach versteuert, obwohl beispielsweise die Mietpreise in Tel-Aviv mittlerweile um die Hälfte gesunken sind. Nach dem neuen Gesetzentwurf soll statt dessen künftig eine mäßige Steuer, bis zum Höchstmaß von 12l/, Prozent, vom Reinertrag der Miete erhoben werden, nachdem noch vorher 20 bis 25 Prozent davon für die Unkosten des Besitzers abgezogen werden. Das ist besonders für Tel-Aviv eine große Entlastung. Gleichzeitig wurde ein weiterer Gesetzesvorschlag veröffentlicht, der den Bodenerwerb erleichtert — ein Problem, das für die jüdischen Kolonisationsinstanzen, die in der Hauptsache als Geländekäufer in Frage kommen, von großer Bedeutung ist. Ende vorigen Jahres wurde auch die Hauptsteuer des Landes, der „Oscher“, die Abgabe vom Rohertrag der Ernte, versuchsweise abgeschafft. Es wurde in einigen Dutzend Dörfern, darunter eine große Anzahl jüdischer Kolonien, durch einen festen Betrag ersetzt. Auch der Oscher war nichts als eine Sonderbelastung der Juden. Denn bei dem arabischen Fellachen, der eine äußerst extensive Landwirtschaft betreibt, fast ohne Unkostenaufwand, bedeutete die zehnprozentige Abgabe im wesentlichen eine zehnprozentige Einkommensteuer, in Wirklichkeit nicht einmal das, da er mehr oder minder im Einvernehmen mit den arabischen Steuerbeamten im Durchschnitt etwa ein Drittel seiner Ernte nicht angab, praktisch also noch viel weniger zahlte. Bei dem nach intensiven Methoden mit großem Kapitalaufwand auf kleiner Fläche arbeitenden jüdischen Landwirt dagegen klaffen Roh- und Reinertrag weit auseinander, und der zehnprozentige Oscher war da eine zehnprozentige Umsatzsteuer. Dies war einer der Hauptgründe für die Schwierigkeiten der jüdischen Landwirtschaft." M Urlaub in Grado für öffentliche und fix Angestellte sowie deren Angehörige Angehörige Pauschalpreis inkl. Fahrt in 5 Teilzahlungen abzüglich eventueller Visum- und Fahrtbegünstigungen einschließlich erstklassiger Logis, Verpflegung, unbeschränkter Bädergebrauch samt Zelt, Kurtaxe etc. Reiseantritt schon nach Anzahlung gewährleistet Auskünfte und Prospekte durch die Generalvertretung des internationalen Reisebüros F. GRIGOLON & CO. WIEN I, KOHLHARKT 8 (Eingang Wallnerstraße) Telephon 69-4-17 Ueber die Bedeutung des italienischen Judentums für das öffentliche Leben Italiens schreibt L. Goldfischer im New Yorker „Vorwärts“: „In Italien, das 35 Millionen Seelen zählt, gibt es im ganzen etwa fünfzigtausend Juden, die eine hervorragende Rolle im ökonomischen, politischen und kulturellen Leben des Landes spielen. Die italienische Armee zählt eine nicht unbeträchtliche Reihe von jüdischen Offizieren zu ihren besten Theoretikern und Praktikern und auch in den Universitäten und Kliniken, im Parlament und Senat, in Industrie und Finanzwirtschaft stehen die italienischen Juden in den vordersten Reihen. Der überwiegende Teil des italienischen Judentums ist allerdings fast vollständig assimiliert. Sie sind, wie man in Rom zu sagen pflegt, Italianissimi, also italienischer als die nichtjüdischen Italiener, und haben eigentlich für die lebendigen Interessen des Judentums nur wenig Sinn und Verständnis. Gleichwohl aber konnte man in der letzten Zeit einen gewissen Stimmungsu nschwung innerhalb des italienischen Judentums bemerken, der zum großen Teile durch eine Massenzuwanderung von jüdischen Studenten aus den Numerus-clausus-Ländern Rumänien, Ungarn (und in früheren Jahren auch aus Polen) hervorgerufen wurde. Diese studentische Immigration hat gleichsam den Kontakt zwischen dem isolierten italienischen Judentum und dem kämpfenden und aufstrebenden Judentum der ganzen Welt wieder hergestellt. Dem Einfluß der aus dem Osten eingewanderten jüdischen Studenten ist es zuzuschreiben, daß sich gegenwärtig zahlreiche Universitätsprofessoren, Schriftsteller und Politiker den verschiedenen aktuellen jüdischen Problemen zuwenden.“ Antisemitenspiegel W Die Lehren der Wahlen in. Deutschland Die Reichsrats- und Landtagswahlen in Deutschland sind vorüber, das Ergebnis kann nicht überraschen, sämtliche Parteien, deren Weltanschauung und Staatspolitik sich in dem Judenhaß und der Kriegssehnsucht erschöpft, haben bei der Wahl schwere Einbußen an Stimmen und Mandaten erlitten. Für uns Juden müssen die Wahlen auch noch den besonderen Effekt haben, daß wir genau all das vermerken, was die im Judenhaß einigen, bloß in innerpolitischen und in Fragen der Außenpolitik sowie in der persönlichen Machtkonkurrenz gegeneinander strebenden Führer der einzelnen völkischen Fraktionen zur gegenseitigen Charakteristik in der Hitze des Wahlkampfes gesprochen und geschrieben haben. Im Abwehrkampf gegen die Judenfeinde ist die genaue Kenntnis ihres Charakters und ihrer moralischen Defekte von ungeheurer Wichtigkeit; und einwandfreiere Leumundsnoten als von Gesinnungsgenossen dürften wohl kaum zu erlangen sein. Deshalb sollen diese förmlichen Antisemitenspiegel auch über die Wahlen hinaus verewigt werden. Hören wir also, was der Antisemitenführer von Gräfe-Goldebee von den Völkischnationalen gegen seinen im Antisemitismus gleichgesinnten Führer der Nationalsozialisten, Gregor Strasse r, zu sagen weiß. Unter dem Titel „Nationalsozialistische Dreckspatzerei" schreibt er u. a.: „Der nationalsozialistische Abgeordnete Gregor Strasser gehörte schon im Reichstag zu denjenigen, die da glauben, daß der Ton der Gosse die Legitimation für den großen Politiker ausmache. Das läßt mich selbstverständlich, soweit es meine Person betrifft, vollständig kalt. Man verlangt bekanntlich vom Ochsen nicht mehr als ein Stück Rindfleisch, und so auch von diesem fanatischen Römling keine objektive oder gar gesittete Wahrheitsliebe. Wenn er aber mit seiner in die Gosse getauchten Sudelfeder sich auch nicht einmal schämt, das Andenken meines nicht nur in seiner wissenschaftlichen Genialität, sondern ebenso geradeaus in seiner menschlichen Größe unantastbaren Vaters belästern zu wollen, dann sehe ich mich allerdings genötigt, ihm in aller Oeffentlichkeit etwas derbe auf seine Schmutzfinger zu klopfen.“. Der erregte Artikel Gräfes schließt mit folgender Grobheit: „Wohl aber bemüht sich der Römling Strasser nach 15 Jahren, ausgerechnet unter nationalsozialistischer Firma, dem Juden Bernstein zu sekundieren — immer wieder Kaftan und Kutte als gemeinsame Feinde völkischer Erneuerung!“ Zum Verständnis dieser furchtbaren Erregung des Führers des völkischnationalen Blocks sei erwähnt, daß Strasser den Vater Gräfes, der ein berühmter Augenarzt war, jüdischer Abstammung verdächtigte und sich dabei auf eine Bestätigung des sozialdemokratischen Abgeordneten Eduard Bernstein berief, der allerdings die Behauptung als eine Fälschung zurückgewiesen hatte. Aber auch der Abgeordnete Strasser ist kein so gewöhnlicher hergelaufener Hund; er kennt die Kampfmethoden seiner antisemitischen Gesellen und antwortet daher in den ihm zur Verfügung stehenden — wie Gräfe sagt — Judenblättern, wie folgt: „Der getroffene Hund bellt, doch beleidigen wir dieses edle Tier nicht, denn es ist ja nicht von ihm, sondern von dem größten Verleumder die Rede, dem „ehrenwerten“ Herrn von Gräfe-Goldebee. Gleich einem Schwein, das sich in dem Morast der Kloake wälzt und dann den Dreck überall hinträgt, das Saubere schmutzig und das Helle blind macht, bewegte er sich in seinem Deutschen Tageblättchen, daß er Strasser mit dem Juden Bernstein zusammenkoppelt und daraufhin schreibt, daß Kaftan und Kutte als gemeinsame Feinde völkischer Erneuerung anzusehen seien, wobei er unter Kaftan den Juden Bernstein und unter Kutte den Nationalsozialisten Strasser verstanden haben will; das zeugt von der abgrundtiefen, fürsorgereifen Niedrigkeit, Schmutzigkeit, Gemeinheit und eines Zuhälters würdigen Sinnesart des „völkischen“ Herrn von Gräfe.“ Diese beiden sicherlich einwandfreien Sittenzeugnisse der zwei gefährlichsten und betriebsamsten Antisemitenführer im Deutschen Reich wird man sich merken müssen, denn es ist fast mit Bestimmtheit anzunehmen, daß sich die feindlichen Brüder, wenn ihnen auch das letzte Argument fehlen wir4, sich im aktiven Antisemitismus finden werden; denn für antisemitische Lumpereien werden sie sich gegenseitig gut genug finden. Sie dulden keinen friedlichen Fortschritt Die Juden in Karpatho-Rußland machen unter Führung der Jüdischnationalen die größten Anstrengungen, um unter die jüdische Bevölkerung dieses Grenzgebietes der Tschechoslowakei Kultur, Fortschritt und konstruktive Existenzmöglichkeiten zu tragen. Die jüdischen Führer werden in dieser ihrer wichtigen Aufklärungsarbeit, die auch dem Staate willkommen sein muß, von allen vernünftigen Menschen gefördert, nur die Antisemiten rutheni scher, slowakischer und magyarischer Couleur können sich nicht dareinfinden, daß die Juden an der Wasserscheide, die vor dem Krieg und während des Krieges von den früheren ungarischen Machthabern unterdrückt waren, zum Selbstbewußtsein gelangen und nicht mehr als Zielscheibe antisemitischer Angriffe mißbraucht werden sollen. Deshalb wird jede Gelegenheit wahrgenommen, um die Bevölkerung gegen die Juden von Karpatho-Rußland und die Juden überhaupt aufzuhetzen. Vor kurzem fand in Ungarn ein Versicherungsbetrugsprozeß gegen einen Juden statt, in welchem auch jüdische Zeugen geführt wurden, unter denen sich auch einer befand, dessen Zeugenaussage angeblich zweifelhaft gewesen war. Daraufhin erschien in dem Organ der Erwachenden Ungarn, „Hatarszeli Ujsag“ (Grenzzeitung), ein blutrünstiger Pogromartikel, in welchem das gesamte Judentum als vom Betrug lebend hingestellt und auch sonst in der niedrigsten Weise beschimpft und verleumdet wurde, wodurch die gesamte ungarische Bevölkerung dieses Gebietes in eine erregte Stimmung gegen die Juden geriet. Diesmal sind die Konsequenzen dieser judenfeindlichen Hetze noch abgewehrt worden; die energische Gegenaktion der Jüdischnationalen, denen sich die gesamte Judenschaft von Karpatho-Rußland anschloß, und die resolute selbstbewußte Haltung der jüdischnationalen Presse hat vorläufig das genannte Schmutzblatt darüber belehrt, daß es sich schließlich doch werde daran gewöhnen müssen, daß die Juden in einer freien Republik andere Mittel der Abwehr in Anwendung zu bringen gewillt sind, als es in den Zeiten vor dem Kriege möglich war. Ein neuer judenreiner Frontkämpferbund In Ungarn hat es bisher keinen eigentlichen Frontkämpferverband gegeben. Nun soll auch diesem, wie es scheint, als schweres Uebei empfundenen Mangel durch die Bildung eines Landesverbandes der Frontkämpfer in Ungarn abgeholfen werden. Als Vorbild hiefür wurden die ähnlichen Verbände des Auslandes gewählt, womit auch zugleich der Wille kundgetan wird, der Vereinigung der Frontkämpfer auch in Ungarn den Charakter einer rassenschützlerischen, daher judenfeindlichen Formation zu geben. Man könnte es ja leicht ertragen und ruhig hinnehmen, daß die Juden auch in dieser neuen Frontkämpfergesellschaft keinen Platz zugedacht erhalten. Was an Frontkämpfergebilden bisher (mit Ausnahme des Verbandes jüdischer Frontsoldaten in Deutschland) entstanden ist, trägt das Schild des Hakenkreuzes oder des judenfeindlichen Rassenschutzes und bildet eine ständige Gefahr neuer kriegerischer Verwicklungen. Auch der Bund jüdischer Frontsoldaten in Deutschland ist gewissermaßen ein Defensivbund gegen die Verleumdungen der Antisemiten, daß die Juden sich während des Krieges von der Front gedrückt und an der Front sich feige benommen hätten. Da die neue ungarische Frontkämpfervereinigung dem Typus ähnlicher ausländischer kriegshetzerischer Gesellschaften nachgebildet ist, hat der Jude, dessen ganzes Wesen auf friedliche Arbeit und Förderung des Fortschrittes gerichtet ist, in einer solchen Vereinigung wirklich keinen Platz. Wenn sich dennoch die jüdischen Stimmen dagegen erheben, daß der ungarische Frontkämpferverband im Rahmen der „Move", einer führenden rassenschützlerischen Organisation, gebildet werde, so geschieht dies in der berechtigten Befürchtung, daß durch den Ausschluß der Juden aus der Frontkämpfervereinigüng die von den ungarischen Rassenschützlern schon bisher mit traurigem Erfolge verbreitete Verleumdung der jüdischen Soldaten sozusagen die oberste Sanktion erlangen soll. Von jüdische Seite hegt man vorläufig die Hoffnung, daß der ungarische Kriegsminister gegen diesen neuen Versuch einer Beleidigung der Gesamtheit der ungarischjüdischen Frontkämpfer Einspruch erheben werde. Die Verführer der Jugend Wenn die Jugend und ganz besonders die studierende Hochschuljugend stürmerisch auf den Plan tritt, ihre wehrlosen jüdischen Kommilitonen beiderlei Geschlechts mißhandelt oder einen jüdischen Hochschullehrer in der Ausübung seines Lehramtes in beleidigender Weise behindert, so hat es den Anschein, als wären dies spontane Aeußerungen jugendlicher Unreife oder jugendlichen Uebereifers. Geht man aber den Dingen auf den Grund, gelingt es, dem Gift nachzuspüren, durch welches die Jugend bis zu den rohesten Ausschreitungen, getrieben wird, so wird man ganz sicher auf irgend einen Professor stoßen, der die seiner Führung anvertraute Jagend bis zur Sinnlosigkeit verhetzt und zu Akteuren der eigenen Politik mißbraucht hat. Der rumänische Universitätsprofessor C u z a ist hiefür wohl typisch, aber keine vereinzelte Erscheinung. Es gibt auch noch andere Professoren, welche die Studenten einfach als Reservebataillone zur Verübung von Gewalttaten betrachten. Von einem solchen Fall erzählt der Bukarester „Curierul Israelit": Vor einiger Zeit hat eine Sitzung der juridischen Fakultät an der Bukarester Universität stattgefunden, die sich mit der Beschaffung geeigneter Unterrichtsräume für diese Fakultät befaßte. Man sieht, es. war eine ganz harmlose Angelegenheit. Als im Laufe dei Debatte jedoch ein Redner bemerkte, daß das Unterrichtsministerium mit der Erfüllung des Versprechens, die Räume des Senats zur Verfügung zu stellen, zögere, da erklärte der ehemalige Bürgermeister von Bukarest, Prof. Anibal Teodor e s c u, kurz und bündig: „Mit Hilfe der Studenten werden wir die Räume gewaltsam besetzen!“ Das ist eben antisemitische Denkungsweise. Hat man einmal die Jugend zu Ausschreitungen und Prügeleien gegen jüdische Studenten gelockt und ihr dabei den Irrglauben beigebracht, daß sie eine Heldentat begangen hätte, so führt man dieselbe Jugend ein anderes Mal zu Mißhandlungen jüdischer Straßenpassanten an und mißbraucht sie schließlich in jeder ungesetzlichen Gewalttat, ohne Rücksicht darauf, ob dabei nur Juden oder auch andere, zu Schaden kommen. Ein neuer Siaatsantisemitismus? Immer wieder wird versichert, daß die Politik des gegenwärtigen Regimes in Italien fern sei von jederlei antisemitischen Anwandlungen. Sicher ist, daß das italienische Volk niemals antisemitisch war, was zum Teile der geringen Anzahl von Juden in Italien, zura großen Teile jedoch der politischen Erziehung durch das ehrlich liberale Regime der Vorkriegszeit, in welchem Juden eine hervorragende Rolle spielten, zu danken ist. In der Nachkriegszeit blieb das italienische Volk noch, immer frei von jeder Aversion gegen das Judentum. Jüdische Studenten, die in ihren Heimatsländern als Opfer des Numerus clausus von den Hochschulen ausgeschlossen blieben, fanden an italienischen Universitäten freundliche Aufnahme. Aber in der Regierungspolitik machen sich gewisse Symptome bemerkbar, die weitab stehen von einer wirklich liberalen Auffassung, der Judenfrage. Wie in der Vergangenheit stets jeder offizielle Staatsantisemitismus mit einer Gesetzgebung begann, durch welche die Juden in eine unangenehme Sonderstellung gerieten, zeigt sich auch in Italien seit dem Jahre 1923 ein recht bedenkliches Symptom der Zurücksetzung der jüdischen Religion. Sämtliche Gesetze über den Schutz der Ehre von Privatpersonen, Gesellschaften und kirchlichen Einrichtungen, die in den letzten Jahren in Italien geschaffen wurden, beinhalten eine Brüskierung der jüdischen Religion und ihre Zurückdrängung in die Position einer tolerierten Konfession. In einem großangelegten Vortrag, den der jüdische Rechtsgelehrte und ordentliche Professor an der Mailänder Universität, Dr. Mario F a 1 c o, vor einigen Tagen in. Mailand hielt, wies dieser Gelehrte auf diese bedenklichen Symptome der modernen italienischen Gesetzgebung hin. AU*