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Die Stimme · 1928-05-31 · Heft 22 (31.5.1928) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 22 (31.5.1928)
Date
1928-05-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 22 Dm STIMME Seite 5 mag ein Fall aus der Tschechoslowakei dienen, bei dem es sich darum handelte, daß eine gebürtige Tschechin, die seit langem im deutschen Sprachgebiet wohnhaft war und die deutsche Sprache als Muttersprache sich angeeignet hatte, sich bei der Volkszählung als Deutsche deklarierte. Die politische Bezirksvertretung hatte sie mit einer Arreststrafe belegt, weil sie angeblich eine falsche Nationalität angegeben hatte, die Landesverwaltung verwarf die Berufung gegen diese Entscheidung und erst der Oberste Gerichtshof hob das Erkenntnis auf mit der Begründung, daß in den Fällen, in denen infolge Verschiedenheit der Abstammung und Sprache die Zugehörigkeit zu einer Nation zweifelhaft sei, die freie Entscheidung der einzelnen Person maßgebend sein müsse. Welchen weiten Weg die Literatur bis zu dieser Erkenntnis zurücklegen mußte, läßt sich aus der fast ins Ungemessene angewachsenen Zahl von größeren und kleineren Arbeiten ersehen, deren Studium uns heute, dank der überaus gründlichen Publikation des litauischen Deputierten Dr, Jakob Robinson in Kaunas (Kowno) außerordentlich erleichtert wird. Fast alle Erscheinungen in Zeitschriften oder in abgeschlossenen Werken, die in 23 Sprachen publiziert wurden, hat der durch seine Referate auf dem Nationalitätenkongreß in Genf als hervorragender Fachmann bekannte Dr. Robinson in seinem Werke „Das Minoritätenproblem und seine Literatur" (Berlin und Leipzig 1928, Verlag Walter de Gruyter & Co.) berücksichtigt. In fünf Kapiteln wird die Bibliographie nach verschiedenen Gesichtspunkten geordnet, dabei wird das Verhältnis von Staat und Nation, das Problem der nationalen Autonomie, der internationale Minderheitsschutz, der Völkerbund, der Minderheitsschutz und die europäische Minderheitsbewegung berücksichtigt, bei den einzelnen Arbeiten das Wichtigste aus dem Inhalte derselben hervorgehoben und eine kurze Würdigung gegeben. Diese Arbeit muß unsere Bewunderung wecken, wenn man bedenkt, daß nicht nur die Mannigfaltigkeit der Sprachen berücksichtigt werden mußte, sondern auch, daß der Autor in einer Stadt mit nur sehr mangelhaften Bibliotheken lebt. Daß das Problem der Schule das Wichtigste im ganzen Minderheitsproblem ist, zeigt die von Dr. Anselm V e r s t e y 1 (1927, Völckersche Buchdruckerei — Goch) unter dem Titel „Das Schulrecht der nationalen Minderheiten in Europa" als Disser? tation publizierte Arbeit, die die Schulgesetzgebung die nationalen Minderheiten betreffend in allen europäischen Staaten berücksichtigt. Uns interessiert vor allem die im Juli 1927 vom österreichischen Nationalrat beschlossene, für das Land Kärnten bestimmte nationale Autonomie der Slovenen. Im heutigen Oesterreich leben ungefähr 4y2 Millionen Deutsche als Mehrheitsvolk und ungefähr 118.000 Tschechen, 37.000 Slovenen, 3500 Magyaren, 2700 Kroaten, 9000 Italiener und 250.000 Juden, die die Schutzbestimmungen des Friedensvertrages von St. Germain genießen oder genießen können. Für die Slovenen in Kärnten ist das oben angeführte Gesetz heute in Geltung. Darnach wird von den Mitteln, die im Budget für private Bildungszwecke bestimmt sind, der slovenischen Minderheit ein bestimmter Teil zugewiesen, wobei Schulen derselben als notwendig angesehen werden, die von mehr als 40 schulpflichtigen Kindern der Volksgemeinschaft besucht werden. Die Lehrer werden vom Volksrat vorgeschlagen und von der Landesregierung ernannt. Die Verwaltung, Leitung und Beaufsichtigung ist dem slovenischen Volksrat Vorbehalten. Die Ortsgemeinden müssen für jedes Kind, das die slovenische Schule besucht, den gleichen Betrag zahlen, der auf jedes andere Schulkind entfällt. Wer wie wir in der Schaffung eines eigenen Schulwerkes das wichtigste Mittel erblickt, das zur Erhaltung unseres Volkstumes führen kann, wird über die gründliche Arbeit Dr. Versteyls nicht hinweggehen können. Ein gründliches Studium derselben lehrt uns, daß unsere Forderungen nicht aus der Luft gegriffen, in den österreichischen Gesetzen begründet und durchaus erfüllbar sind, wenn der Wille zumindest derjenigen, die sich als Minderheit — und zwar gleichgültig, ob als nationale oder religiöse Minderheit — fühlen, in der Richtung des angegebenen Zieles auch tatsächlich zum Ausdrucke kommt. D r. Leo G o l d h a m m e r. Eine marokkanische Judengemeinde in Frankreich Etwa 6 Kilometer von Lyon entfernt, in der Ortschaft Saint-Fons, mit ihren 7000 Einwohnern und einer An* zahl Fabriken, existiert eine Siedlung marokkanischer Juden. Diese marokkanisch-jüdische Kolonie umfaßt etwa 450 Seelen, davon 186 Arbeiter, von denen 80 verheiratet sind. Diese jüdischen Arbeiter sind als Hilfsarbeiter in den Fabriken von Saint-Gobain und Rhone beschäftigt. Ihr Verdienst ist vorläufig noch ein sehr bescheidener. Sie leben mit ihren christlichen Arbeiterkameraden in gutem Einvernehmen und ihre Arbeitgeber loben ihren Fleiß und ihre Tüchtigkeit. Die Kinder besuchen die öffentlichen Schulen und erlernen sehr rasch die französische Sprache. Die Erwachsenen bedienen sich untereinander des jüdisch-arabischen Idioms, sind aber schon nach verhältnismäßig kurzem Aufenthalt im Lande in der Lage, sich in der Landessprache zu verständigen. Nunmehr schritten sie daran, sich als eine jüdische Kultusgemeinde .~u konstituieren; sie brachten selbst die Mittel zur Errichtung einer Synagoge auf, zu deren Bauarbeiten jeder auch eine Anzahl von Arbeitsstunden gratis beitrug. Da sie auch andere religiöse und soziale Einrichtungen in der Gemeinde schaffen wollen, wandten sie sich an die jüdische Gemeinde von Lyon um Rat und Förderung. Die Lyoner Gemeinde votierte zu wiederholten Malen Beiträge und nun hat auch die Pariser „Alliance Israelite" der marokkanisch-jüdischen Gemeinde eine Subvention zur Schaffung der erforderlichen Institutionen überwiesen. Beachten Sie genau die Schaufenster von Dorn« Schuhhaus. Aber nicht nur die bekannt seriösen Preise sind es, die entscheiden, sondern die «us bestem Material hergestellten neuesten Modelle. (Entgeltlich.) I JOSEF SINGER u. FRAU WIEN II., TABORSTRASSE Nr. 25 J zeigen hocherfreut die Geburt eines reizenden £ Mäderls an, das den Namen Ruth erhielt. Das größte jüdische Hospital der Welt Das größte jüdische Spital der Welt und gleichzeitig das größte Krankenhaus von New York, das Mount Sinai Hospital, wird in diesem Jahr 75 Jahre alt. Als es im Jahre 1855 unter dem Namen »Jewish Hospital« auf der 28. Straße in einem Privathaus eröffnet wurde, gab es in New York im ganzen 20.000 Juden und das Spital hatte bloß 28 Betten. Heute hat Mount Sinai, wie das Spital nunmehr heißt, 669 Betten und wird demnächst auf einen Fassungsraum von 775 Betten erweitert werden. Im Verlaufe der letzten Jahre hat sich das Mount Sinai-Hospital zu einer anerkannten und führenden Stellung auf dem Gebiete der medizinischen Forschung und klinischen Behandlung entwickelt. So hat es schon im Jahre 1878, als erstes New Yorker Krankenhaus, eine eigene moderne Abteilung für Kinderkrankheiten eingerichtet, die für alle späteren ähnlichen Anstalten von New York und ganz Amerika als Muster diente. Im vorigen Jahr wurde im Anschluß an das Spital eine große Anstalt zur Ausbildung von jüdischen Krankenschwestern und Pflegepersonal eröffnet. Die Spitalsanlage Mount Sinai bildet eine eigene Stadt für sich, der medizinische und allgemeine Beamtenstab beträgt außer den Pflegeschwestern 500 Personen. Besonders berühmt wurde Mount Sinai durch sein hervorragend ausgestattetes Forschungsinstitut, das von zahlreichen Gelehrten benützt wird, um neue Erfindungen auf dem Gebiete der Medizin vorzubereiten. Wie der letzte Bericht hervorhebt, ist dieses Institut gegenwärtig mit 50 verschiedenen Experimenten und wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigt, von denen viele im Falle des Gelingens wichtige Umwälzungen auf wissenschaftlichem Gebiete hervorrufen werden. Das Institut wird auch wegen seiner großartigen Ausstattung von verschiedenen Universitäten der Vereinigten Staaten zur Abhaltung von Fortbildungskursen für Aerzte benützt. Im vergangenen Jahr standen über 12.000 Patienten an durchschnittlich je 16 Tagen im Mount Sinai in Pflege. Das Budget betrug rund 1,690.000 Dollar. An Einnahmen hatte das Spital, einschließlich der Subventionen der Stadt New York, des Vereinigten Spitalfondsund des Verbandes der jüdischen Wohltätigkeitsgesellsohaften, zusammen rund 1,580.000 Dollar. Das Defizit von rund 109.000 Dollar wird durch private Spenden gedeckt. Das Mount Sinai- Hospital ist das einzige Spital New Yorks, in welchem ein großer Prozentsatz von Patienten völlig unentgeltlich behandelt wird. Die Juden und die Brünner Ausstellung für zeitge- , nössische Kultur Ueber die zehn Jahre, die seit Beendigung des Weltkrieges verflossen sind, in denen der tschechoslowakische Staat sich entfaltete, soll die Brünner Kuiliturausstelliung in bezug auf Volkswirtschaft, Industrie, Gewerbe, Handel, Kunst, Wissenschaft und Schulwesen Aufschluß geben, kurzum, es soll die Kulturentwickkmg der Tschechoslowakischen' Republik innerhalb eines Jahrzehnts vor Augen geführt werden. Wenn auch die J u d e n in dieser Ausstellung als Nation nicht vertreten sind1, so ist doch mit Genugtuung festzustellen, daß jüdische Persönlichkeiten und Unternehmungen durch ihre Arbeit Wesentliches für die Kultur ihres Staates beigetragen haben. Die Juden leben seit fast einem Jahrtausend in den Ländern, die heute zur Tschechoslowakischen Republik gehören und gerade seit dem Bestände dieser Republik, die ihnen alle Bürgerrechte vom ersten Tag ihrer Existenz gewährte, konnten sie, als anerkannte Nationalität, auf dem Wege ihres eigenen Ideals, des Ideals der Humanität, der Freiheit und des Fortschritts, mit ihren tschechoslowakischen Mitbürgern am Ausbau der kulturellen Werte der Republik mitarbeiten. Aber nicht nur die Gegenwart sieht das jüdische Element als kulturfördernd an. Ueber die reiche Vergangenheit der Juden in den böhmischen, mährischen und schlesischen Ländern geben unzählige Denkmale, wie Tempel, Friedhöfe, Ghettomauern und nicht zuletzt kunstgewerblich wertvolle Ritualgegenstände Zeugnis. Der soeben in Brünn eröffneten Kulturausstellung widmet die Brünner „Jüdische Volksstimme" eine äußerst inhaltsreiche und mit zahlreichen charakteristischen Illustrationen geschmückte Sondernummer, die über den aktuellen Anlaß hinaus ihren Wert behalten wird. TUCHHANDLUNQ „ZUR SCHXPBRIN» ALBERT HARDT VlflEN I, FREISINGERGASSE 1 (Ick« BauGHMiGrltt) Original englische Damenmäntel* und Herrenmodestoffe Kleine Nachrichten Dem Ausschuß des Repräsentantenhauses der Vereinigten Staaten lag ein Antrag vor, die Kongreß-Medaille, die dem Flieger Clarence Chambertin verliehen worden ist, auch seinem Begleiter Charles L e v i n e, der mit ihm zusammen auf der „Columbia" den Flug New Yor k—B e r 1 i n gemacht und das ganze Unternehmen erst ermöglicht hat, zu verleihen. Obwohl die Senatsmehrheit für die Verleihung der Medaille an Levine gestimmt hat, beschloß der Ausschuß des Repräsentantenhauses, die Verleihung der Medaille an Levine dem Hause nicht vorzuschlagen. * Der aus Deutschland stammende Jude Oskar S1 a t e r, der im Jahre 1909 in Glasgow wegen angeblicher Ermordung der 80jährigen Greisin Marion Gilchrist zum Tode verurteilt und dann zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt worden war, hat, wie bekannt, nachdem er vor mehreren Monaten nach verbüßter 20jähriger Haft das Gefängnis verlassen durfte, einen Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens gestellt. Die öffentliche Meinung Englands ist von der Unschuld Slaters überzeugt, der neue Zeugen namhaft machte, die für seine Unschuld zeugen wollen. Am 18. Juni wird vor dem Berufungsgericht Edinburgh der erste Termin in dem Wiederaufnahmeverfahren gegen Slater stattfinden. * Der bekannte Berliner Finanzmann Jakob Michael hat zum Andenken an seinen vor Jahresfrist verschiedenen Vater, Elie Michael s. A., in seiner Vaterstadt Frankfurt a. M. das geräumige Haus, in dem sich Jahrzehnte das Dr. Heinemann’sche Erziehungsinstdtut befand, der unter Leitung des Gemeinderabbiners Dr. J. Hoffmann stehenden Rabbinischen Lehranstalt „Jeschiwa" als Stiftung überlassen. * In Leipzig wurde vor kurzem ein jüdisches Krankenhaus, das erste jüdische Spital in Sachsen, eröffnet. Es ist aus Mitteln der Familie E i t i n g o n, deren Mitglieder zum Teil in Amerika leben, begründet worden. (Die Familie Eitingon hat auch die neue Synagoge in der Otto- Sohiff-Straße in Leipzig bauen lassen. — Die Red.) * Auf den Pariser Vertreter der Jüdischen Telegraphen- Agentur Jakob G o 1 d b e r g, hat jüngst ein entlassener Angestellter, der 18jährige Jakob Bürger, offenbar aus Rache, ein Revoilverattentat verübt, dem Goldberg nach mehrtägigem Todteskampfe erlegen ist. * Der Stadtrabbiner von B r o d y, Abraham Steinberg, einer der bekanntesten jüdischen Gelehrten Polens, ist vor kurzem gestorben. * In Prag wurde eine „Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei" gegründet, die bereits in der nächsten Zeit eine Reihe von historischen Publikationen herausgeben wird. Vorsitzender dieser Gesellschaft ist der bekannte Gelehrte Dr. S, S t e in h e r z, ';:S mmgm V;5 ■’ sl | y :>'Vyv $ , «.- « .4 ‘ üü Jüdisches aus Mähren (zur Landeskulturausstellung in Brünn): Links: Das Boskowitzer Judentor. Mitte und rechts: Alte Krüge der Nikolsburger Cbewra Kadischa.

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