Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1928)
- Date
- 1928-05-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 22 t e e der Zionistischen Organisation durch die Wahl neuer im Finanzleben New Yorks bekannter Mitlieder reorganisiert. Zum Obmann des Finanzomitees wurde der Finanzmann Isidor D. Morrison gewählt. Erleichterungen im amerikanischen Einwanderungsgesetz Wie aus New York berichtet wird, wurde die Bill betreffend die Erleichterung der Einwanderung für Familienangehörige amerikanischer Einwohner wurde von dem Repräsentantenhaus des Kongresses der Vereinigten Staaten mit einer großen Mehrheit angenommen. Der Senat wird in den nächsten Tagen ebenfalls über die Bill abstimmen. Laut Bestimmungen der Bill dürfen Ehegatten amerikanischer Bürger sowie deren Kinder unter 21 Jahren außer der Quote in das Land kommen, Ehegatten amerikanischer Einwanderer, die Bürgerschaftsanwärter sind, sowie deren Kinder unter 21 Jahren werden bis zu 50 Prozent auf der Quotenliste berücksichtigt, zu den anderen 50 Prozent werden die Eltern amerikanischer Bürger und ausgebildete Landwirte bevorzugt. Insoweit diese letzten 50 Prozent nicht erschöpft sind, wird den Frauen und Kindern fremder Einwanderer der Vorzug auf der Quotenliste gegeben. Konferenz der radikalen Zionisten Polens Am 12. Mai fand in Warschau eine Konferenz der radikalen Zionistischen Organisation Polens „Al Hamischmar" statt. An der Konferenz beteiligten sich 115 Delegierte, die 85 Gruppen repräsentierten, darunter auch Delegierte aus Galizien. Die Konferenz wurde vom Abgeordneten Jizchak Grünbaum eröffnet. Nach der Wahl des Präsidiums, dem u. a. die Herren Podlischewski und Dr. iSchipper angehörten, erstattete Dr. Nahum Goldman aus Berlin ein ausführliches Referat über die Lage innerhalb der zionistischen Bewegung. Er entwickelte den Standpunkt der radikalen zionistischen Opposition in den Fragen der äußeren Politik und der innerjüdischen Entwicklung, insbesondere auch in der Frage der Jewish Agency sowie hinsichtlich des neuen Kurses, der seit dem letzten Kongresse in Palästina verfolgt wird. Er übte scharfe Kritik an der Vernachlässigung der politischen Arbeit seitens der Zionistischen Exekutive sowohl in Jerusalem wie in London, an der Kompromißpolitik, die sich insbesondere in dem Projekt der Erweiterung der Jewish Agency dokumentiere und an der liq ui dato rischen Kolonisationspolitik der Exekutive in Palästina. Während die polnische Konjunktur günstig wie nie sei, große Chancen für eine expansive Tätigkeit in Palästina und im Galuth vorhanden seien, die zionistische Stimmung überall im Wachs tum begriffen sei, verstehe es die Leitung der Zionistischen Organisation nicht, die vorhandenen Möglichkeiten auszunützen, weswegen ein radikaler Kurswechsel, der die oppositionellen Gruppen zur Führung der Bewegung berufe, notwendig sei. Sodann referierte Herr Grawitzky über die Aufgaben der „Al Hamischmar"- Gruppe in Polen, insbesondere über den Kampf, . den die Gruppe gegen die gegenwärtige Leitung des polnischen Zionismus führt. Im Anschluß an beide Referate entwickelte sich insbesondere über die Frage der Mitarbeit an der Leitung der Organisation in Polen eine vielstündige Diskussion. Es wurden mehrere Resolutionen gefaßt, in denen u. a. die Wahl einer politischen Kommission zur Führung der politischen Arbeit in London gefordert wurde Verlangen Sie den reichhaltigen Katalog über die Sammlung jüdischer Musik mit den Werken von J. Achron, E. Bloch, J. Engel, M. Gnessin, H. Kopit, D. Milhaud, M. Milner, S. Rosowsky, J. Stutschewsky, J. Weinberg und vielen anderen Zusendung an Interessenten kostenlos UNIVERSAL-EDITION A.-G. WIEN I, KARLSPLATZ Nr. 6 sowie die Einberufung der Ko nferenz der polnischen Zionisten für die nächste Zeit zur Wahl einer neuen arbeitsfähigen Leitung der polnischen Zionistischen Organisation. Rückgang der Zahl der Juden in Warschau Laut der soeben erschienenen offiziellen Statistik hat es am 1. Jänner 1928 in Warschau ohne Militär und fremde Durchreisende insgesamt 1,051.187 Einwohner gegeben, wovon 319.125, d. h. 30.4 Prozent Juden waren. Im Vergleich mit dem 1. Jänner 1927 ist die Zahl der Juden um ein Zehntel Prozent zurückgegangen. In 4 Polizeibezirken von Warschau sind die Juden in der Mehrheit, im 4. Bezirk bilden sie sogar rund 90 Prozent der Bevölkerung. Der erste Polarjude Durch einen Zivilprozeß, der gegenwärtig ein New Yorker Gericht beschäftigt, erfährt man von der Existenz eines Juden, der den größten Teil seines Lebens in der Nordpolgegend verbracht hat und auch heute noch dort lebt. Dieser Jude heißt Samuel M a g g i d und lebt ständig in einem kleinen Dorf, dem nördlichsten Punkt der Vereinigten Staaten, in Diring im Staate Alaska. Dort wo Samuel Maggid lebt, gibt es erst in einer Entfernung von 200 Meilen eine städtische Siedlung von etwa 200 Weißen und 400 Eskimos und Indianern. Man kann Maggid aufs Wort glauben, wenn er Journalisten gegenüber erklärt, daß er der erste .und einzige Jude sei, der sich in dieser Region des ewjgen Eises dauernd angesiedelt hat. Samuel Maggid scheint überhaupt ein Mann zu sein, der von einem Hang zum Abenteuerlichen, Gefahrvollen, Pionierhaften getrieben wird. Im Jahre 1899 kam er aus Rußland nach Amerika. Drei Jahre lang versuchte er alles mögliche, um zu einem großen Geschäft und zu Reichtum zu gelangen. Plötzlich taucht er unter den Goldsuchern in Klondyke (Alaska) auf und suchte wie viele andere nach Gold auf den damals neu entdeckten Goldfeldern. Der Erfolg ist gering; da erinnert sich Maggid, daß er von Haus aus gelernter Kürschner sei und sich in einer Gegend befinde, in der man mit dem Fellhandel vielleicht sicherer Gold machen könne, als mit dem Suchen nach Goldkörnern. So entschloß er sich, bis hinauf in das Polardorf Diring vorzustoßen und sich dort als Fellhändler anzusiedeln. Sein Geschäft besteht darin, von den Eskimos und Indianern in den in weitem Umkreis bis mehreren tausend Meilen vorhandenen Polardörfern die Felle des erlegten Polarwildes aufzukaufen und sie in die großen Städte der Vereinigten Staaten weiter zu verkaufen. Ucberdies hat Samuel Maggid sich auch eine große Zucht von Polarhunden angelegt und vermittelt auf diese Weise den Verkehr und den Wagentransport in jener Eisgegend. In dem Prozeß, den Maggid gegen eine New Yorker große Fellfirma angestrengt hat, liegt der folgende interessante Tatbestand zugrunde: Es handelte sich um Ersatzansprüche an eine große New Yorker Pelzfirma, deren Einkäufer Maggid zu einer Reise in ein Polardorf vier Polarhunde zur Verfügung gestellt hatte, die er nicht zurückerhielt. Zur gerichtlichen Eintreibung seiner Ersatzansprüche unternahm Maggid mit seiner Frau, die er vor mehreren Jahren in einer Stadt von Alaska kennengelernt und geheiratet hatte, die weite beschwerliche Reise nach New York; in dem Prozeß obsiegte er; das Gericht verurteilte die geklagte Firma zum Ersatz von 500 Dollar. Lächelnd ineinte Samuel Maggid, daß dies nur ein winziger Teil der Reisekosten von Diring nach New York sei. Samuel Maggid will aber nicht mehr in der Stadt wohnen. Er und seine Frau haben das Polardorf liebgewonnen und sind wieder zu ihren Polarhunden zurückgefahren. Freie Willensentscheidung Zur Literatur über das Minoritätenproblem. Die nach dem Weltkriege abgeschlossenen Friedensverträge haben die nationalen Aspirationen der meisten Völker so ziemlich befriedigt. Es konnte aber nicht verhindert werden, daß einzelne Volksteile in einzelnen« ihnen fremden Staaten verblieben sind. Das Comite des Delegations Juifs, das die Wahrung der Interessen der Juden im Auge hatte, mußte, da die Juden in allen Staaten eine Minderheit bilden, dahin wirken, daß das Verhältnis der Minderheitsnationen der Mehrheitsnation gegenüber eine Regelung erfährt. So hat sich mit der Zeit im Rahmen des allgemeinen Völkerrechtes eine neue Disziplin herausgebildet, um für die rechtliche Stellung der nationalen Minderheit innerhalb eines Staates und zwischen mehreren Staaten bindende Grundsätze aufzustellen, die im wesentlichen nichts anderes bezwecken, als daß der Rechtszustand, in welchem sich die betreffende nationale Minderheit befindet, jenem der Mehrheit angeglichen wird. Es ist klar, daß es sich bei dieser Disziplin vor allem darum handelt, den Begriff der nationalen Minderheit zu bestimmen. Dazu gibt es zweierlei Wege, einen objektiven, der das Wesen der Nation nach bestimmten äußerlichen Merkmalen festzustellen sucht, also das Vorhandensein von Sprache, Land etc., als die nationsbildenden Faktoren allein ansieht, und einen subjektiven, der das größte Gewicht auf das subjektive Moment legt, der einzig und allein maßgebend sei, daß die Minderheit sich jederzeit als Kollektivum fühlt und den Willen nach einem gemeinschaftlichen Leben besitzt. Heute kann als allgemein gültig jene Gruppe als nationale Minderheit bezeichnet werden, die in einem gemeinsamen Siedlungsgebiet gegenüber dem Staatsvolke zahlenmäßig unterlegen ist, das Bewußtsein des Zusammengehörens und des Zusammenhanges mit einer gemeinsamen Vergangenheit und Zukunft besitzt und sich daher zu einem eigenen nationalen, sprachlichen und kulturellen Leben bekennt, das sie in geschlossener Einheit zu sichern bestrebt ist. Das Hauptgewicht ist also auf die eigene Erklärung und das freie Bekenntnis, der Minderheit angehören zu wollen, gelegt. Als Beispiel dafür, daß sich diese Ansicht allgemein durchzuringen beginnt, Kants Kritik der reinen Vernunft, Kants Ethik, Geschichtsphilosophie, Kritik der Urteilskraft und Religionsphilosophie sachgemäß und erschöpfend behandelt. Der Verfasser begnügt sich nicht, Kants Kritizismus auf Grund der Hauptwerke darzustellen, er ist vielmehr bestrebt, durch Heranziehung der nahezu unübersehbar großen Kant-Literatur seit Salomon Maimon bis auf Hermann Cohen sowie durch eigene Erklärungen und Bemerkungen den Weg zu ebnen, der zum klaren Verständnis der Kantischen Philosophie führt. Im Schlußkapitel des Buches bespricht der Verfasser das Verhältnis Kants zum Judentum und seine Beziehungen zu Juden. Leider wird dieser Gegenstand nur wie im Vorbeigehen gestreift; eine größere Gründlichkeit und Ausführlichkeit bei Behandlung dieses Themas wäre in einem hebräisch geschriebenen Buche über Kant wohl am Platze gewesen. Ueber Kants Stellung zum Judentum wird ein längeres Zitat aus dem Werke „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ mitgeteilt und im übrigen darauf verwiesen, was Cohen und Guttmann darüber des näheren ausgeführt halben. Auch über Kants Verhältnis zu einzelnen jüdischen Persönlichkeiten und zu seinen jüdischen Schülern sagt uns Bergmann herzlich wenig. Und doch hätte den hebräischen Leser sicherlich interessiert, zu erfahren, daß Kant mit vielen Berliner und Königsberger jüdischen Persönlichkeiten recht freundschaftlich verkehrte, seinen jüdischen Schülern mit Wohlwollen begegnete, und daß er im Grunde, trotz seiner vorurteilhaften Anschauungen über das Judentum, judenfreundlich war. Insbesondere wäre ein ausführliches. Kapitel über „Kant und Moses Mendelssohn" sehr zu wünschen gewesen. Damit hätte Bergmann wirklich eine Lücke ausgefüllt. Während über Lessing und Mendelssohn in hebräischer Sprache ziemlich viel geschrieben worden ist, ist über Kant und Mendelssohn so gut wie gar nichts geschrieben worden. zu übersetzen, findet man in der literarisch-wissenschaftlichen Zeitschrift „Hanescher“, Jahrgang 1863, worin ein Abschnitt aus der „Kritik der reinen Vernunft“ in hebräischer Uebertragung als eine Art Probestück abgedruckt ist. Einen kurzen Abriß von Kants Lehrgebäude gibt Fabius Mieses in seiner Geschichte der neueren Philosophie „Koroth hapilosophia hachadascha“, erster Teil, von Kant bis Hegel (Leipzig 1887). Kants Abhandlung „Von der Macht des Gemüts“ hat Markus Recheles ins Hebräische übersetzt und unter dem Titel „Mikoach Hanefesch“ herausgegeben (Krakau 1881); Recheles hat auch Kants „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ ins Hebräische übertragen; die Uebersetzung, die den wenig präzisen Titel „Jessod lechochma baeljona bedarke hamidoth“ führt, ist jedoch nicht im Druck erschienen. Demnach darf Hugo Bergmann das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, das erste größere Werk über Kant in hebräischer Sprache verfaßt zu haben. Rein in formaler Hinsicht stellt das Buch Bergmanns eine Leistung dar, die uneingeschränkt Lob und Anerkennung verdient. Denn es gilt zu bedenken, daß trotz der gewaltigen Entwicklung, die die hebräische Sprache in den letzten Jahrzehnten genommen, es durchaus nicht* leicht ist, Kantische Philosophie hebräisch vorzutragen. Allein die Kantische Terminologie verursacht dem hebräischen Schriftsteller schier unüberwindliche Schwierigkeiten. Als das bezeichnendste Beispiel für diese Schwierigkeiten möchte ich erwähnen, daß die meisten älteren hebräischen Schriftsteller, die sich mit Kant beschäftigten, schon bei der Uebersetzung des Buchtitels „Kritik der reinen Vernunft“ stockten. Wie übersetzt man das einsilbige Wörtchen „rein“ im Kantischen Sinne? Ein adäcmater Ausdruck für den Begriff „reine Vernunft“ läßt sich im Hebräischen nicht leicht finden. Deshalb ist denn auch dieser Ausdruck von verschiedenen hebräischen Schriftstellern verschieden übersetzt worden. Mir selbst sind nicht weniger als viererlei Uebersetzungen des Wortes „reine Vernunft“ bekannt: 1. „Bikoreth hatebhuna hatehora“, also eine wörtliche Uebersetzung, obgleich „tahor“ im Hebräischen nur im Gegensatz zu „unrein“ gebraucht wird; 2. „hatebhuna hazerupha“, die „geläuterte Vernunft“, ein Ausdruck, der nicht entfernt den Begriff „reine Vernunft“ wiedergibt; 3. „hatebhuna hanekija“, eine ganz falsche Uebersetzung, da „naki“ unschuldig, sündenrein, aber keineswegs „frei von jeglicher Erfahrung“ bedeuten kann; 4. „hatebhuna hamophscheteth“, die „abgezogene Vernunft“, eine eigenartige Uebertragung, die mit der Uebertragung zugleich auch die Erklärung und Begriffsbestimmung enthält. — Bergmann wählte die wörtliche Uebersetzung „tahor“ und er tat gut daran; denn schließlich ist ein Buch über Kant doch nur für philosophisch Geschulte bestimmt, und diese werden ohne weiteres wissen, welcher Sinn hier diesem Worte zukommt. In klarer, übersichtlicher Gliederung und in gemeinverständlicher Form gibt uns Bergmann einen Grundriß des Kantischen Lehrgebäudes. Wie schon der Titel des Buches besagt und wie zudem in der Einleitung des Verfassers des näheren ausgeführt wird, handelt das Bergmannsche Buch ausschließlich von der Philosophie Kants, und zwar von seiner kritischen Philosophie, die 1770 mit dem Erscheinen der berühmten Inaugural-Dissertation „De mundi sensibilis et intelligibilis forma et principiis“ (Ueber die Form und die Prinzipien der Sinnen- und Verstandeswelt) beginnt. Das Kant-Buch Bergmanns enthält weder die Lebensgeschichte des Philosophen noch die Entwicklungsgeschichte seines Gesamtwerkes, sondern einzig und allein die Darstellung seiner Philosophie. Gerade in dieser Beschränkung liegt Wert und Vorzug des Buches; denn gerade dadurch war es dem Verfasser möglich, mit sicherer Hand den hebräischen Leser in Kants Gedankenwelt einzuführen. In fünf Abschnitten, die zusammen zu einem einheitlichen Ganzen sich runden, werden Zämrnää |[| II liüiMrTfc 'JMmeä mm*