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Die Stimme · 1928-05-31 · Heft 22 (31.5.1928) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 22 (31.5.1928)
Date
1928-05-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 22 gesichert wird. Hier müßte die jüdische Gemeinde dem Kreditwesen (durch Einrichtung entsprechender Institutionen) gehörige Aufmerksamkeit schenken. Aber auch die jüdische Presse hat sich restlos mit ihrer publizistischen Kraft in den Dienst der guten Sache zu stellen. „Die Stimme" erhebt als erstes jüdisches Organ den Ruf nach Arbeit für jüdische Menschen. Das arbeitende Palästina Im Lichte des Berichtes des Direktors des Internationalen Arbeitsamtes des Völkerbundes an die 11. Internationale Arbeitskonierenz. Von L. Steinig (Genf). Am 30. Mai begann die 11. Internationale Arbeitskonferenz ihre Tagung in Genf. Den Delegierten der 55 Mitgliedsstaaten der Internationalen Arbeitsorganisation zu dieser Konferenz, die heute bereits eine Art von Weltparlament für soziale Fragen darstellt, dessen Aufgabe, gemäß den Bestimmungen des XIII. Teils der Friedensverträge die Sicherung des sozialen Friedens ist, wird, wie alljährlich, so auch diesesmal der Bericht des Direktors des Internationalen Arbeitsamtes, Albert Thomas, vorgelegt, in dem Rechenschaft über die Tätigkeit der Organisation und ihres Amtes im abgelaufenen Jahre und über den Fortschritt der internationalen und nationalen Sozialgesetzgebung abgelegt wird. Probleme der Arbeitszeit, der Arbeitslosigkeit, der Lohnpolitik; der Schutz der Frauenarbeit, der Kinder und Jugendlichen, der Seeleute, der landwirtschaftlichen Arbeiter, der Schutz vor Unfällen und die Unfallversicherung, die Hygiene in der Industrie, die Fabriksinspektion, die Nachtarbeit in den Bäkkereien, die Entlohnung der Feiertage, die soziale Versicherung, das Koalitionsrecht, Schlichtungsausschüsse und Schiedsgerichte, Genossenschaftswesen. Feueisieüe und Hot von Rabbi Meir Baal-Haness in Tiberias. (Zu unserem heutigen Feuilleton.) -_, /f'.' ■« die Wanderungsbewegung, berufliche Ausbildung, wissenschaftliche Organisation der Arbeit, Einrichtungen für nutzbringende Verwendung der freien Zeit, Wohnungsprobleme, der Anteil der Arbeiter an der Leitung der Betriebe, Frage der geistigen Arbeit, das Problem der russischen und armenischen Flüchtlinge und die Arbeitsverhältnisse in den Mandatsgebieten und Kolonien werden in besonderen Abschnitten des ersten Bandes ausführlich behandelt. Der zweite Band enthält eine eingehende Darstellung der Maßnahmen, die von den einzelnen Regierungen zur Durchführung der von ihnen ratifizierten internationalen sozialpolitischen Uebereinkommen getroffen wurden. Unser besonderes Interesse verdient die Stelle des Berichtes, die im Abschnitt, in welchem die Mandatsgebiete behandelt werden, sich mit den Arbeitsproblemen in Palästina beschäftigt. Es ist von einiger Bedeutung festzustellen, in welchem Lichte Palästina bezw., da wir von der Internationalen Arbeitsorganisation sprechen, die Arbeitsverhältnisse in Palästina von Genf aus gesehen und beurteilt werden. Lassen wir dazu dem Bericht selbst das Wort: In Palästina, das unter britischem Mandat steht, ist die Verbesserung der Arbeitsbedingungen durch schwere Arbeitslosigkeit behindert worden. Der im Jahre 1925 plötzlich einsetzende Wohlstand hat eine große Anzahl Einwanderer ins Land gelockt. Sie kamen in großer Menge, Bllcherfreunde 1 Besichtigt unsere Schaufenster! MT Verlanget Preislisten! IM Bücherschwemmö „VIENNA“, Wien I, Bognergasse Nr. 4 um unverzüglich aufgesogen werden zu können. Infolgedessen erhöhte sich die Arbeitslosigkeit seit Herbst 1926. Wie aus den vorjährigen Berichten der Verwaltung von Palästina für die Monate Juli, August und September 1927 hervorgeht, haben sich die Arbeitsbedingungen in Jerusalem und Haifa jetzt beträchtlich gebessert. Aber in Tel-Aviv, wo 5000 bis 6000 Personen völlig oder teilweise arbeitslos sind und unterstützt werden müssen, bleibt die Lage ernst. Die Regierung und die Zionistische Organisation sind eifrig bemüht gewesen, Mittel zur Abhilfe zu suchen. Gewisse Notstandsarbeiten sind bereits in Angriff genommen worden. Ein weiteres Hindernis für die Besserung der Arbeitsbedingungen besteht in der verschiedenen Lebenshaltung und Kulturstufe der arabischen und der jüdischen Bevölkerung. Als Abhilfsmaßnahme hat man die Einführung einer Mindestlohnstaffel vorgeschlagen. Die Mindestlöhne sollen höher sein als die gegenwärtigen Löhne der arabischen Arbeiter, ohne jedoch die Höhe der von jüdischen Arbeitern erzielten Löhne zu erreichen. Die Regierung hat diesen Vorschlag nicht von der Hand gewiesen und einen Ausschuß ernannt, der aus einem britischen Beamten als Vorsitzenden, einem jüdischen Arbeiterführer und einem arabischen Ingenieur als Mitgliedern besteht und das Problem eingehend prüfen und Vorschläge machen soll. Man sieht dem Berichte dieses Ausschusses mit großem Interesse entgegen. Trotz dieser Schwierigkeiten kann man sichtbare Anzeichen für eine Annäherung beider Bevölkerungsschichten beobachten. Vom wirtschaftlichen wie vom politischen Standpunkt aus ist es sehr bemerkenswert, daß jüdische Arbeiter sich nunmehr auch auf Gebieten des Arbeitsmarktes einfinden, die bis vor kurzem ausschließlich von Arabern begehrt waren. Als eines der immer zahlreicher werdenden Beispiele für das gemeinsame Arbeiten jüdischer und arabischer Arbeiter seien hier die staatlichen Eisenbahnarbeiten erwähnt, wo beide Bevölkerungsgruppen in derselben Organisation tätig sind. Auf dem Gebiete der Arbeitsgesetzgebung war das Jahr 1927 besonders ergiebig. Es wurden Verordnungen über Pflicht-Unfallversicherung, über die Arbeitsaufsicht in Fabriken und Werkstätten, über die Beschäftigung von Frauen und Kindern in de( Industrie und über Schutzmaßnahmen beim Gebrauche von Maschinen erlassen. In den nach dem Kriege entstandenen Gewerbebetrieben beobachtet man im allgemeinen die 48-Stunden-Woche sowie einen Ruhetag an jedem siebenten Wochentag. Das Departement für das Gesundheitswesen ist beauftragt, Werkstätten und Fabriken zu überwachen, für den Unterhalt zweckentsprechender sanitärer und gesundheitlicher Anlagen, für Ventilierung, für Wasserzufuhr usw. zu sorgen. Das Landwirtschaftsdepartement hat Maßnahmen getroffen, um der Ansteckungsgefahr durch Milzbrandbakterien in Gerbereien, durch völlige Vernichtung der infizierten Tiere und durch Prüfung aller eingeführten Leder, Häute und Felle vorzubeugen. Schließlich sei hinzugefügt, daß das Internationale Uebereinkommen über weißen (gelben) Phosphor bereits durchgeführt wird. Trotz aller Schwierigkeiten, mit denen die Arbeiterorganisationen in Palästina zu kämpfen haben, entfalten sie unentwegt eine rege Tätigkeit und unternehmen Versuche aller Art, durch die das Land zu einem ausgezeich- Vor dem Auszug der Prozession zu Rabbi Meir Baal-Haness. (Zu unserem heutigen Feuilleton.) i-,' tri**?; Tuchhaus Münz Wien I Ertlgasse 4 und Kramergasse 11 Zugang: Rotenturmstraße 11—13 Import original englischer und schottischer Damen- und Herrenstoffe Detailverkauf zu Engrospreisen Bei Rabbi Meir Baal-Haness Von J, Gläser (Jerusalem). Drei Tage vor Lag Be’omer ist ein großer Festtag in Tiberias, der Tag des Rabbi Meir Baal-Haness. Festliche Bewegung in allen Teilen der alten Stadt, trotz der wahnsinnigen Hitze. Die leisen Windstöße des Chamsin bringen keine Erleichterung, im Gegenteil; es füllt sich der Mund mit glühendem Staub, zum Ersticken fast. Wie ein Spiegel liegt der Tiberiassee, als wäre Oel auf seine Fläche ausgegossen. Die Landstraßen, die nach der Stadt führen, sind in Staubwolken gehüllt. Hunderte Automobile aus allen Teilen des Landes bringen die Gäste zur Feier des Rabbi Meir. Um drei Uhr soll der Festzug die Stadt verlassen. Aber schon um die Mittagszeit sind die Straßen mit Neugierigen gefüllt. Dieser Festzug ist ein Schauspiel, das nicht nur Juden aller Gattungen anlockt. Da sitzt am Wege der schweigsame Beduine aus Transjordanien, mit kostbarem Dolch im Gürtel, und der arme Beduine vom Hulehsee, der seine Matten in Tiberias verkauft hat; der arabische Fischer, der heute nicht zum Fang ausgefahren ist, und der Fellache, der heute die Heusohreckengefahr vergißt; das stolze schöne Beduinenmädchen mit reichem Goldschmuck im Haar und die arabische Bäuerin, mit dem Eierkorb auf dem Kopf und den Säugling auf den Rücken gebunden; die türkische Frau mit schwarz verschleiertem Gesicht. Immer mehr häufen sich die Massen der Juden und Nichtjuden in den Gassen, und der dicke jüdische Polizeioffizier, dem die Aufrechterhaltüng der Ordnung übertragen ist, schwitzt aus allen Poren. Da ertönt Musik aus der Straße. Aufregung bemächtigt sich der Zuschauer. Frauen stoßen schrille gellende Rufe aus. Es naht der Festzug mit den uralten Thorarollen, die von weißbärtigen sephardischen Chachamim getragen werden. Eine Gruppe junger Sephardim hat einen schützenden Kreis um die Thoraträger gezogen. Jemeniten tanzen entgegen. Immer wieder wird der Kreis durchbrochen; denn Hunderte wollen die heiligen Rollen berühren und küssen. Vor dem Verlassen der Stadt hat die Polizei den Festzug auf gehalten, tun zahllosen Automobilen die Möglichkeit zu geben, vorauszueilen zu Rabbi Meir, wohin sich auch der Festzug begeben soll. Wir eilen aus der Stadt, an den heißen Quellen vorbei, die bereits in der Nähe des Grabes von Rabbi Meir liegen. Wir steigen auf die Hügel in der Umgebung. Hier haben sich Hunderte von Gruppen, größtenteils Frauen mit Kindern, schon lange vorher häuslich niedergelassen, sephardische, jemenitische, marokkanische, bucharische, persische Jüdinnen. Sie haben große Bündel mit Eßwaren aller Art mitgebracht, und so manche Gruppe hat die Kaffeemaschine aufgestellt, und das Summen derselben klingt mit dem Schnattern der Weiber nicht gerade harmonisch zusammen. Kinder balgen sich zum Zeitvertreib. Limonadenverkäufer preisen in hebräischer, jiddischer, arabischer Sprache und noch in einem Dutzend von Dialekten ihre zwar eiskalte Limonade, deren Gelb aber eher von Farbstoffen als von Zitronen herzurühren scheint. Dutzende von Händlern verkaufen Süßigkeiten ganz verdächtigen Aussehens. Ein junger sephardischer Brotverkäufer im langen schmutzigen Chalat (langes Hemd), hat verwegen seine Makkabi- Mütze aufgesetzt. Aus dem Hofe von Rabbi Meir naht eine Musikbande mit einer Deputation, die eine rot-weiß-gelbe Fahne trägt, mit einer goldenen Hand als Amulett auf der Spitze der Fahnenstange. Die Gruppe geht dem Festzug entgegen, den man aus der Ferne herannahen sieht. Wir wollen aber nicht so lange warten und gehen zu den Gebäuden von Rabbi Meir, um uns das Treiben im Hofe näher anzusehen. Lange Reihen von Zelten sind in der Umgebung errichtet. Hier wohnen schön tagelang Juden aus fernen Ländern, die zum Feste des Rabbi Meir herbeigeeilt sind, und die im Gebäude selbst keine Unterkunft mehr finden konnten. Sie hausen hier mit ihren Familien und ihrem Hausrat. Es wird gekocht, Hühner picken die Brotkrumen auf und der Familienvater sitzt schweigsam auf einem Teppich und raucht die Wasserpfeife. Sie haben tagelang, ja wochenlang reisen müssen; jetzt wollen sie am Feste des Rabbi Meir teilnehmen und ihm ihre Wünsche ans Herz legen. Im großen Vorhof der Gebäude sind zahllose Buden errichtet. Hier werden alle möglichen Erfrischungen und Nahrungsmittel, aber auch kleine Geschenkartikel und Amulette feilgehalten. Zwei lange zweistöckige Gebäude führen zum kuppelgekrönten Hauptgebäude, in welchem sich das Grabmal des Rabbi Meir befindet. In diesen schmucklosen kahlen Gebäuden gibt es ca. 60 Zimmer, die schon lange Tage vorher von Pilgerfamilien gemietet wurden. Die sonderbarsten Nachbarn hausen hier nebeneinander. Ein kinderloses Ehepaar aus Kairo, an den größten Luxus gewöhnt, kann sich nur schwer an den hier herrschenden Schmutz und Lärm gewöhnen. Aber Rabbi Meir Baal-Haness ist ja ein Schutzpatron für Kinderlose. Ein greiser Jude aus Bagdad hat seinen einzigen gelähmten Sohn auf schwerer Reise hiehergebracht, damit Rabbi Meir ein Wunder tue, und ihn heile. Eine bucharische Jüdin hat ihren schwer kranken Mann mit Müh und Not aus Jerusalem hergeführt. Reiche bucharische Teppiche hat sie zum Schmuck des Grabmals und als Weihgeschenk für Rabbi Meir gestiftet. Vielleicht geschieht das große Wunder... Krüppel aller Art, mit allen Gebresten behaftet, stehen und liegen im Hofe umher, Blinde kommen, von Kindern geführt, und Lahme schleppen sich mühsam auf ihren Krükken. Alles fleht um Heilung und Wunder. Das Grab Rabbi Meir's befindet sich in einer Nische des Hauptgebäudes, in Halbdunkel gehüllt,

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