Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1928)
- Date
- 1928-05-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die wirksamste Bekämpfung der jüdischen Selbstmordepidemie — Was der einzelne und was die jüdische Gemeinde zu tun hat Die in diesem Blatte veröffentlichte Studie aus der Feder Dr. Leo Goldhammers: „Die Selbstmordepidemie unter den Wiener Juden", eine „düstere Statistik", wie sie der Verfasser nennt, hat nicht verfehlt, berechtigtes Aufsehen zu erregen. Nüchterne Zahlen, die Wiener Judennot in ihrer ganzen Tragik offenbarend, geben ein untrügliches Zeugnis dafür, daß die Zahl der jüdischen Selbstmorde die der anderen Bevölkerung bei weitem übertrifft. „Nur die Besserung der Lebensbedingungen der Juden Wiens kann aas schwarze Gespenst des Freitodes der Juden bannen", schließt der Verfasser .die traurige Bilanz, die mit weit über hundert Judenleichen im Jahr abschließt. Schwer lastet der Druck dieser wuchtigen Anklagen auf der Wiener Judenschaft. Nahezu eine Viertelmillion Juden sieht zu, wie jährlich weit über hundert aus ihrer Mitte freiwillig den Schlußpunkt hinter ihr Leben setzen. Wahrlich nicht aus Leichtsinn, wahrlich nicht aus Uebermut... Not, Hunger, Elend, die naturnotwendig Krankheit und Siechtum nach sich ziehen, drücken den Verzweifelten den Gasschlauch in den Mund, lassen sie zum Revolver greifen oder Rast in den kühlen Wellen finden vor einem Leben, das nichts als Unrast kannte. Müssen wirklich die Wiener Juden mit untätigen Armen diese verheerende Krankheit am Körper unseres Volkes gewähren lassen? Ist es nicht ihre Pflicht, mit starken Armen zuzugreifen, um zu retten, was noch zu retten ist? Wer soll den verzweifelten Juden, die schon zum Aeußersten entschlossen sind, die hilfreiche Hand bieten, wenn nicht ihre jüdischen Brüder? Nicht um Almosen soll hier geworben werden, die immer etwas Beschämendes haben für den Gebenden und für den Empfangenden, die nur für kurze Zeit das Unvermeidliche verzögern, aber es nicht aus der Welt schaffen können. Nicht mit Almosen wird die Judennot gebannt werden, auch wenn sie noch so reichlich fließen. Etwas anderes ist es, was die dem Tod Geweihten von ihren glücklicheren Brüdern zu verlangen ein ehernes Recht haben, weil die anderen es ihnen streitig machen, weil die anderen ihnen die Berechtigung dazu absprechen. Es ist das heilige Recht au! Arbeit, das wir lÜr jene Tausende von Unglücklichen in letzter Stunde fordern# Arbeit ist gleichbedeutend mit Daseinsberechtigung und diese will man uns streitig machen. Hier muß die wirksame Selbsthilfe einsetzen, denn nur durch Gewährung von Arbeitsmöglichkeit können gebrochene Existenzen wieder aufgerichtet werden. Juden beschäftigt Juden! muß die Parole lauten, die „Die Stimme" hiemit der iüdischen Oeffentlichkeit übergibt. Noch immer gibt es zahlreiche jüdische Unternehmer, die mit Vorliebe christliches Personal in ihre Betriebe einstellen, sei es, weil sie der irrigen Ansicht sind, daß jüdische Angestellte weniger arbeiten, sei es, weil sie nach außenhin nicht den Anschein eines jüdischen Unternehmens erwecken wollen. Beide Argumente sind grundfalsch. Man sehe die Großtaten jüdischer Arbeitskraft und Energie beim Aufbau unserer neuen Heimat und man wird, wenn man nicht böswillig ist. nicht mehr daran zweifeln können, daß Juden zur Verrichtung jeder Arbeit fähig sind. Man versuche es doch einmal mit dem jüdischen Handwerker, mit der jüdischen Näherin und vor allem, man gewöhne es sich endlich ab, zu verallgemeinern, wenn man vielleicht einmal mit einer jüdischen Arbeitskraft eine weniger gute Erfahrung gemacht hat. Warum gibt es noch immer Juden, die jüdische Arbeit im allgemeinen geringschätzen, weil ihnen einmal im besonderen ein jüdischer Handwerker nicht entsprochen hat? Fühlen sie nicht, daß sie sich dadurch, vielleicht unbewußt, auf die Linie der Pogromantisemiten begeben, die alle Juden zu Schwindlern und Betrügern stempeln, weil es auch einige jüdische Wucherer gibt? Die amtlichen Statistiken sprechen seit kurzem von einem Abflauen der Arbeitslosigkeit. Leider beziehen sich diese Ziffern nur auf die manuellen Arbeiter, nach denen im Sommer infolge der erhöhten Bautätigkeit immer eine regere Nachfrage herrscht. Die erschreckend hohe Zahl der arbeitslosen Angestellten bleibt fast immer gleich oder erfährt noch eine Vergrößerung. Wer zwischen den Zeilen zu lesen vermag, wird unschwer feststellen können, daß gerade in dieser Rubrik die Judennot beheimatet ist. Jüdische Geistesarbeit, von Nichtjuden oft überschätzt, findet keinen Absatz. Der jüdische Beamte, Techniker, Jurist hungert. Jüdische Chefs sehen untätig zu und stellen in ihre Betriebe oft Leute ein, von denen sie genau wissen, daß sie ihrer politischen Gesinnung nach die Todfeinde ihrer Brotgeber sein müssen. Der jüdische Arbeitsuchende gerät überall ins Hintertreffen. Staat und Gemeinde sind für ihn so gut wie verschlossen. Christlichen Unternehmern wird es in den seltensten Fällen einfallen, jüdische Angestellte aufzunehmen. Und die jüdischen Chefs? Uns sind beschämende Tatsachen bekannt von jüdischen Unternehmern, die aus Prinzip keine jüdischen Angestellten aufnehmen, sich dafür aber gerne von ihren eigenen Kostgängern hinter dem Rücken mit „Saujud" beflegeln lassen. Dem Juden wird der Arbeitsmarkt systematisch Beachten Sie in dieser Nummer u. a. folgende Aufsätze und Berichte: Bei Rabbi Meir Baal-Haness. Von J. Gläser (Jerusalem). Kant im Hebräischen. Von S. M e i s e 1 s. Weizmanns Rückkehr aus Amerika. Haifa und Jaffa. Von Dr. Fritz Löwenstein (Jerusalem). Die Seele der Jugend von heute. Von Vladimir Jabotinsky (Paris). Die Synagogenmusik in Amerika. Von L. Saminsky (New York). Freie WÜlensentscheidnng. Von Dr. Leo Goldhammer. Nur das Minoritätengesetz! Von Knltnsvorsteher Dr. Desider Friedmann. Sport, Schach, Rätsel, zahlreiche Illustrationen.!! Das mährische Paradies!! Bad Luhacovice Die stärksten natürlichen Kohlensäurebäder der Tschechoslowakei Berahmte Kaltwasserheilanstalt Modernstes Inhalatorium Europas Über 2Q.0r0 Kurgäste HelU: Nasen-, Rachen- und Bronchialkatarrhe, Asthma, Herz-, Nervenunü Frauenkrankheiten, Magen- und Darmkatarrhe, Nierenleiden, Gicht, Ischias und Rheuma Philharmonische Konzerte, Tennis- und Spielplätze, Abendreunionen, Jagd, Ausflüge und andere Zerstreuungen Überall wird deutsch gesprochen Direkter Schnellzugsanschluß ab Wien Nordbahnhof „ . 15-15, an LubaCovlce 19*30 Fahrpreisermäßigung auf den Ischechoslow. Bahnen Nächster Kurort ln der Tschechoslowakei Prospekte, Wohnungen, Informationen durch die Badedirektion und J. Danneberg, Wien f, Stock-im-Elsen-Platz 2 Bad LuhaBovice Hotel Smetana *ikd neu renoviertes Haus ersten Ranges, mit modernstem Komfort. Erstklassige Küche. Täglich Abendkonzert mit Tanz== verschlossen. In Deutschland nennen sie diese Art der Betätigung des praktischen Antisemitismus den „kalten Pogrom". Er fordert mehr Opfer als der .blutige. Durch Arbeitslosigkeit und Hunger wird der jüdische Arbeiter dem frühen Tod in die Arme getrieben. Und dazu sollen jüdische Unternehmer ihre Hand bieten? Doch, es geschieht. Bewußt oder unbewußt werden von jüdischen Unternehmern Tausende jüdischer Familien ins Unglück getrieben, ohne daß sie selbst auch nur den geringsten Vorteil davon hätten. Das Schlagwort, „Kauft nicht bei Juden", das zur Introduktion des Wiener Sängerfestes neuerdings aus der Rüstkammer des antisemitischen Hetzmittel-Arsenals hervorgeholt wurde, wird wahrlich nicht dadurch paralysiert, daß der jüdische Chef sich nichtjüdischer Angestellter bedient. Sein Geschäft bleibt ein jüdisches, wenn auch alle Angestellten mit dem Hakenkreuz geschmückt bei der Arbeit erscheinen. Das zweite Argument für die Einstellung nur nichtjüdischer Angestellter steht also auch nur auf schwachen Füßen. Werden die jüdischen Kreise, an die diese Worte gerichtet sind, unseren in zwölfter Stunde ausgestoßenen Warnungsruf hören? Werden sie auch in Zukunft absichtlich oder in sträflichem Leichtsinn Zusehen, wie jährlich Hunderte wertvoller jüdischer Menschen einen raschen Gastod dem sicheren, langsamen Hungertod vorziehen? Es ist dringendste Pflicht der Repräsentanz der Wiener Judenschaft, der Kultusgemeinde, hier helfend einzugreifen. Es ist für sie dringendes Gebot des Tages, so rasch als möglich, eine jüdische Arbeitsvermittlungsstelle zu errichten, oder — was der einfachere Weg wäre — die bestehende Stelle zu übernehmen und auszugestalten. Auf die jüdischen Unternehmer ist weiters einzuwirken, damit sie bei Auswahl ihrer Angestellten sich dieser jüdischen Arbeitsvermittlungsstelle ausgiebig bedienen. In Berlin hat man längst schon mit viel Erfolg eine ähnliche Institution geschaffen. Natürlich muß dem jüdischen Unternehmer auch die Möglichkeit gegeben sein, jüdische Arbeitslose einzustellen, indem seinem Betrieb die zur vollen Kapazität nötige materielle Fundierung