Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1928)
- Date
- 1928-05-24
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 DIE STIMME Seite 13 Das Berliner Gastspiel des jüdisch-akademischen Theaters wurde am 16. Mai beendet. Zu Ehren der Künstler gab der Berliner jüdische Kulturklub „Scholem Alechem" einen Abschiedsabend, dem u. a. der bekannte Theaterleiter Piscator, der Dichter Ernst Toller, zahlreiche andere Persönlichkeiten der Berliner Kunstwelt beiwohnten. Das Moskauer Ensemble spielt jetzt in Frankfurt am Main und begibt sich von dort zu einem mehrwöchigen Gastspiel nach Paris. Mitte August kehren die Moskauer nach Berlin zu einem zweiten Gastspiel zurück, gehen dann nach Hamburg und treten von dort nach einigen Vorstellungen die Reise nach Amerika an. Jubiläum des Gutenberg-Verlages. Dieser Verlag legt Rechenschaft ab über sein erstes Geschäftsjahr. Die großen Leistungen, die er vollbracht hat, sind der großzügigen Idee und vor allem der ihr zugrundeliegenden Organisation zuzuschreiben. Der Gedanke, die Klassiker (bisher elf) in einwandfreien und wohlfeilen Ausgaben herauszubringen, ist eine Kulturtat ersten Ranges, schon insoweit, als dadurch ganz neue Kreise zum Lesen und Kaufen von Büchern herangezogen wurden. Derart hat der Gutenberg-Verlag auch für den allgemeinen Buchhandel wertvolle Dienste geleistet. Infolge der umfangreichen administrativen Arbeit des Verlages ist dessen Tätigkeit in Oesterreich auch vom sozialen Standpunkte aus zu begrüßen. Lehars „Zarewitsch" (Johann-Strauß-Theater). Nach den großen Erfolgen in Deutschland hat Franz Lehärs „Zarewitsch" nun auch in Wien den Triumph erlebt, der ihm zukommt. Seit fünfundzwanzig Jahren auf dem Gebiete der Operette schöp- 9 ferisch tätig, hat Lehar erst hier jene absolute Reife dokumentiert, jenes noble, hinreißende, sentimentale und dabei doch 3inimiinini|piinimii||niinmniifinnnimiiinnmii||piiHnnQpiimninipiniiHnnjinnnminni|inmnNtfii||g I JOSEF F/NOER u. FRAU 1 | WIEN //, TABORS TRASSE Nr. 25 J | zeigen hocherfreut die Oebuxt eines f | reizenden M ä d c h e ns an. J ^llUimniiHlllltliiiniiiiiiilliiiiiiniiiiMllliiMiiiiinilllliiiiillliiiiiiiiiiiilllliiiiiminilllliimminKlIliiniiiiiiillllliiiiiMiiiiilll starke Musizieren, das durch die ganze Welt gedrungen ist, seinen Weltruhm begründet hat. tWiederum besonders anerkennenswert das unbedingte Ablehnen der Schablone, zu der ihn das etwas dünnflüssige Textbuch der sonst dichteren Librettisten Jenbach und Reichert leicht hätte verführen können. Lehärs Vollblutnatur siegte, siegte über ein Premierenpublikum, das durch seine stürmischen Kundgebungen eine Aufführungsserie des von Direktor Müller prunkvollst ausgestatteten Werkes verheißt. Die Darstellung, allen voran in Geschmack, Liebreiz und diskreter Nuancierung Emmy K o s a r y und ihr Partner Heinz B o 11 m a n n, endlich wieder ein echter männlicher Tenor in Ton und Geste, war der Qualität der Operette ebenbürtig. —ld. Jüdische Bühne (II., Taborstraße 12.) Wochenprogramm: Freitag den 25. bis Montag den 28, Mai: „Das Schä'ffale", Operette in drei Akten. Sonntag, 3 Uhr nachmittags; „Jüdke und Zipojre", Operette in vier Akten. Montag, 3 Uhr nachmittags: „Die jüdische K r o j n", Operette in vier Akten. Dienstag, „Cipke--Feie r", Komödie in vier Akten. Mittwoch, „Kaskel Kolbojnik", Komödie mit Gesang. Donnerstag, „Der Jeschiwe - Bücher“, Lebensbild in vier Akten. Beginn 8 Uhr. Ende 11 Uhr. Mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage freier Eintritt. DER GÄNSERICH Von Vojtech Rakous. Uebcrsetzung aus dem Tschechischen von Rudolf Fuchs* Weiß Gott, um wie viele Generationen von Gänsen er sich unstrittige Verdienste erworben hatte, als plötzlich seine Herrin, Frau Korälek aus Kozomin, das unerbittliche Todesurteil über ihn aussprach. Es war im Februar dieses Jahres. Die Korälek untersuchte die Gänseeier und fand zu ihrem Entsetzen, daß unter neunzehn angebrüteten Eiern wohlgezählte sechzehn taube waren. Sie wurde fast ohnmächtig; so etwas ist ihr noch nicht passiert! Ohne junge Gänse, sie, die Korälek, die doch immer die meisten und hübschesten Gänseküchlein von ganz Kozomin hatte, so daß die neidischen Nachbarinnen munkelten, da müsse irgend ein jüdischer Trick dahinter stecken! Wer wird im Frühjahr hinter den Scheunen Nesseln pflücken und im Sommer auf die Herrschaftsfelder Nachlese halten gehen? Die Korälek wurde von einer großen Traurigkeit erfaßt, und in ihrer Trauer machte sie für das ganze Unglück den Gänserich verantwortlich. Es ist wahr, der Gänserich war stattlich wie ein Kürassier, aber seine Pflichten erfüllte er, wie es sich eben zeigte, nicht mehr. Fort mit ihm! Als Korälek am Abend vom Hausieren nach Hause kam, hatte er sein Bündel noch nicht abgelegt und hörte schon aus dem Munde seiner Therinka die sonderbare Begebenheit mit den sechzehn Eiern. Korälek hörte erst, indem er sein bescheidenes Abendbrot einnahm — Graupensuppe und Bohnen mit süßer Sauce, es war zugleich sein verspätetes Mittagessen — ziemlich gleichgültig zu; als jedoch die Korälek, indem sie ihre Erzählung beendete, mit großer Entschiedenheit hinzufügte: »Und weißt du, Korälek, den Gänserich werde ich schlachten«, erwachte er mit einem Schlage aus seiner Gleichgültigkeit und äußerte mit der Absicht seiner Gattin aufrichtige und freudige Zustimmung. Was ihm, Korälek, anbelangt, so war er immer einverstanden, wenn eine Gans oder ein Gänserich »eingestellt« werden sollte. Vier Wochen vorher empfand er den Vorgenuß der kommenden, direkt. göttlichen Genüsse. So sah er auch heute schon alle die delikaten Ueberreste des Gänserichs im Geiste vor sich. Er schmeckte direkt auf der Zunge die unvergleichlichen Gänsegrieben (wenn sie nur die Frau nicht allzusehr ausschmoren ließe), vor seinem geistigen Auge tauchte die Schüssel mit Gänseklein auf und direkt greifbar war der mit Knoblauch gespickte »Bejlik« (Gansbrust), auf dem das Fleisch wie Holz so hoch stand. So stellte er sich alle die herrlichen Speisen eine nach der anderen vor, bis er endlich zu der von ihm am meisten geliebten Speise, zur Leber gelangte. Gänseleber ... Wessen Feder vermag den überirdischen, paradiesischen Geschmack der im Fett herausgebratenen Gänselebe,r zu beschreiben? Einer Gänseleber, wie sie nur von der geschickten Hand ejner hierzu durch eine uralte bewährte Tradition erzogenen Köchin zubereitet wird? Aus den süßen Zukunftsträumen wurde Korälek durch die Stimme seiner Therese unbarmherzig gerissen. ,,Hör einmal Korälek“, sagte sie ungewöhnlich scharf, „mach dir nur ja kein Gusto auf die Leber!“ Korälek riß die Augen weit auf. „Warum sollte ich nicht?“ Die Korälek wurde wütend. „Das hab ich mir gleich gedacht! Ich sag dir nur, laß es dir vergehn, sonst hast du deine Zunge umsonst geschliffen.“ ..Ich bin also verrückt! Warum denn?“ „Deswegen, weil wir die Leber dem Nazi schicken.“ Nazi war der hoffnungsvolle Sproß der Ehegatten Korälek und war schon über ein Jahr in Prag in einem Eisenwarengeschäft in der Lehre. Korälek war ganz verduzt. „Nazi? Warum Nazi?“ fragte er kleinmütig. „Da fragt er noch! Du Gefühlloser! Ist denn Nazi nicht dein? Mußt du denn alles selbst essen? Der arme Junge schindet sich von früh bis abend, das ganze Jahr genießt er nichts, und wenn man ihm etwas schicken will, kommt sein eigener Vater ... der eigene Vater ...“ „Laß schon gut sein. Schick die Leber dem Nazi, wenn der Gänserich bis dahin nur nicht draufgeht.“ „Korälek!“ „Nun freilich — Korälek! Ist es denn noch niemals geschehen, daß eine Gans beim Stopfen draufgegangen ist?“ „Korälek, sag ich .,.!“ „Schon gut! Wenn du eine gescheite Frau und vernünftige Mutter wärst, würdest du die Leber nicht dem Nazi schicken, sondern lieber das Geld dafür, damit er sich etwas kaufen kann. Was wird er von der Leber haben? Fünf andere sind mit ihm im Quartier — ist es denn möglich, daß er ihnen nichts gibt? Und die Quartiersleute selbst haben den Mund auch am rechten Fleck. Gibt er ihnen nichts, ist's schlimm, gibt er ihnen davon, bleibt ihm nichts übrig. Wir werden von der Leber nichts haben und der Junge auch nicht.“ — Und nun geschah etwas, dessen Korälek nur einmal in einer Ewigkeit Zeuge zu werden pflegte. Die Korälek gab ihrem Manne recht. „Siehst du, Korälek, es ist etwas daran“, sagte sie bedächtig, „manchmal hast du doch einen guten Gedanken.“ Korälek zwinkerte genießerisch mit den Augen: „Stückweise wird die Leber die ganze Woche zum Nachtmahl aushalten.“ „Nein, Korälek, glaub das nur nicht. Wenn ich dir schon folge und wir die Leber nicht dem Nazi schicken, so wird sie der Herr Pfarrer bekommen.“ Korälek merkte nun, daß er vom Regen in die Traufe gekommen war. — „Dem hochwürdigen Herrn? Wofür?“ „Diu weißt sehr gut, wofür. Wer hat dir zur Ernte, wo die meiste Arbeit war und der Regen zum Herunterfallen stand, das Getreide nach Hause führen lassen? Hast du es schon vergessen?“ „Aber, Therese ..." „Schweig, Korälek, und schäm dich! Du weißt wohl auch nicht, wer dir schon über zwei Jahre auf das Pachtgeld von den Pfarrfeldem wartet — du hast es schon vergessen?“ Korälek wußte nicht, wohin den Blick vor dem strengen Blick der Gattin wenden. „Ja, mein Gott... der Herr Pfarrer ist ein braver Herr... sicherlich ... aber...“ „Sol Wenn du ihm nur die Leber nicht geben müßtest! Ich sage dir, schäm dich Korälek.“ Gleich am nächsten Tage ging die Korälek zu Adlers um Mehl für die Gänsestopfer. Seit Menschengedenken haben die Korälek alles zum Haushalt bei Adlers gekauft. Zwischen beiden Familien herrschte ein vorbildlich freundschaftliches Verhältnis— trotzdem Adler und Korälek die einzigen jüdischen Familien im Dorfe waren. Wenn sonst nur zwei Juden in einem Orte sind, so möchte der eine den andern am liebsten in einem Löffel Wasser ertränken. Hier war es jedoch anders: zwischen den beiden Familien war wirkliche Freundschaft. Möglicherweise auch aus dem Grunde, weil sie nicht Konkurrenten waren. Korälek hatte einige Strichlein Felder eigen und einige vom Herrn Pfarrei* gepachtet, für die er regelmäßig die Pacht schuldig blieb. Außerdem „handelte“ Korälek auch mit Schnittwaren, indem er sie im Ranzen von Dorf zu Dorf trug. Adler war Inhaber des einzigen Ladens im Dorfe und verkaufte alles, was die Leute zum Leben brauchten. Er war auch Schächter und da er in dieser letzteren Eigenschaft einige Stunden rings in der Umgebung ohne Konkurrenz war, trug es ihm im Jahr ein ganz hübsches Geld ein. (Fortsetzung folgt.) * Schach Max Weiß Vor einem Jahre starb in Wien 70 jährig der älteste heimische Schachgroßmeister, der Depotkassier des Bankhauses Rothschild, Max W e i ß, Der Geburt nach eigentlich ein Ungar (1857, Szered), kam er schon als Kind nach Wien und blieb dieser Stadt bis an sein Lebensende treu. Ursprünglich wollte er Mathematik studieren, widmete sich aber später vollständig dem Schachspiel. Sein erstes Meisterturnier war das von Graz, 1880, wo er mit Adolf Schwarz und Minckwitz mit gleicher Punktezahl an die Spitze gelangt, jedoch im Stichkampf auf den 3. Platz zurückfiel. Sein erstes großes Turnier war das von Wien 1882, wo er mit 16% Punkten Zehnter wurde. Denselben Platz erkämpfte er 1883 in Nürnberg. Nun aber ging es rapid aufwärts. 1885 teilt er in Hamburg den 2.—6. Preis mit Dr. Tarrasch, Mason, Blackburne und Englisch, 1887 in Frankfurt a. M. wird er Zweiter bis Dritter mit Blackburne und ebenfalls mit Blackburne teilt er in Bradford 1888 den 6. Preis. Dann'kommt sein Glanzerfolg: 1889 findet ein Riesenturnier in New York statt. 20 Teilnehmer, doppelrundig! Nach wochenlangem Kampf landet Max Weiß gemeinsam mit Tschigorin an erster Stelle und ein Stichkampf von 4 Partien bleibt ebenfalls unentschieden. Die beiden ersten Preise werden geteilt. Großmeister Max Weiß kehrt ruhmbedeckt heim. Hier findet er in Baron Albert v. Rothschild, dem bekannten Schachliebhaber und Schachmäzen, einen warmen Förderer, der ihm durch eine Anstellung im Bankhause Rothschild eine gesicherte Existenz bietet. Weiß vertauscht das labile Künstlerdasein gerne mit dem festfundierten bürgerlichen und spielt fortan nur noch in Wiener Lokalturnieren. 1890 wird er hier im Kolisch-Turnier Erster, im Turnier der Wiener Schachgesellschaft wird er Zweiter, hinter Marco. Diesen schlägt er jedoch gleich darauf im Wettkampf 5 :1 bei einem Remis. Noch einmal wird er Erster, und zwar 1896 vor Schlechter. Als er aber im selben Jahre in einem Vierkampf mit Schlechter, Marco und Englisch Letzter bleibt, nimmt er dies zum Anlaß, dem schweren Turnierspiel für immer Ade zu sagen. Max Weiß war ein ungemein stiller, bescheidener Mensch, ein edler Charakter. In schachlicher Beziehung gilt er als Begründer der sogenannten Wiener Schule, eines Stils, der alles gewagte Experimentieren und wüste Angreifen meidet und der auf Korrektheit, Sicherheit, man möchte sagen vornehmer Solidität beruht. Im nachfolgenden zwei Beispiele seiner Spielweise: Russische Verteidigung: Weiß: Gunsberg. Schwarz: Weiß. (Gespielt in New York 1889.) 1. e 2—e 4 e 7—e 5. 2. Sgl—f3 Sg8—f 6. 3. Sf3Xe5 d 7—d 6. 4. S e 5—f 3 Sf6Xe4. 5. d2—d4 d6—d5. 6. Lf 1—d3 S b 8—c 6. 7. 0—0 L f 8—e 7. 8. Tf 1—el Lc8—g4. 9. c2—c3 f 7—f 5. 10. Sbl—d2 0—0. 11. D d 1—b 3 Kg8—h8. 12. D b3Xb 71) Tf8—f6. 13. Db7—b3 Ta8—b8. 14. Db3—c2 Tf 6—g6. 15. b2—b32) L e7—d6; 16. Ld3—e2 Lg 1—h3. 17. Le2—fl D d 8—f 6. 18. g 2—g 33) Lh3Xfl. 19. KglXfl T f 6—f 8. 20. S d 2Xe 4? f5Xe4. 21. S f 3—h 4 Tg6Xg3!!4). 22. h 2Xg 3 L d 6Xg 3. 23. K f 1—g 26) L g 3Xh 4. 24 L c 1— e 3 D f 6—f 3f. 25. K g 2—h 2 Lh4—e7. 26. Kh2—gl Tf8—f6. 27. Kgl—fl D f 3—g 41°) 28. De 2—dl7) Tf6—f3. 29. T a 1—c 1 D g 4—h 3+. Weiß gibt auf8). Stellung nach dem 21. Zuge von Weiß: Schwarz: Weiß. Weiß: Gunsberg. Anmerkungen. l) Die Annahme dieses Bauernopfers ist sehr gewagt; Schwarz bekommt starken Angriff.