Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1928)
- Date
- 1928-05-24
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 DIE STIMME Nr. 21 Wissenschaft, Literatur, Kunst Was soll aus dem Wiener Jüdischen Museum werden? Es gibt in Wien — viele werden darüber staunen — ein jüdisches Museum, in einem stillen Teil der Leopoldstadt, untergebracht in der Talmud- Thora-Vereinsschule, Malzgasse 16. Man hat, wenn man das Haus betritt, die Freude, die Stimmen jüdischer Knaben zu hören, die in den Pausen die Gänge bevölkern, man macht sich Gedanken darüber, daß das neue junge Judentum das historisch-beglaubigte, in Folianten konservierte, zum Nachbarn hat. Raummangel! — Das ist der erste Eindruck beim Betreten der reichhaltigen kulturhistorischen Sammlung. Die Objekte sind aneinandergepreßt, sie können nicht atmen. Der Raummangel ist schuld daran, daß trotz aller Versuche, Systematik in die Aufstellung der Sammlungen zu bringen, der Plan einer prinzipiellen Systemisierung der Objekte nicht durchgeführt werden kann, gar nicht berücksichtigt der Plan, Säle zu schaffen für das ältere jüdische Kunstgewerbe und die jüdischen Volkskünste, für modernes Kunstgewerbe und neue Kunst, eine Uebersicht im Bilde zu geben über alle sozia- ■V v; ' '■Ä 'l ► -v Hoirat Univ.-Prof. Dr. S. Frankfurter, der Präsident der Gesellschaft zur Förderung und Erhaltung jüdischer Altertümer, welche das Jüdische Museum in Wien erhält. len, philanthropischen und vor allem nationalen Bewegungen innerhalb des Judentums und schließlich im engeren Sinne über die Entwicklung der Geschichte der Juden in Wien und Oesterreichs und die geschichtlichen Erlebnisse der übrigen Diaspora. Vor allem wäre die Erweiterung der bescheidenen Ecke, die der Geschichte Palästinas, dem Aufbau des Neuen Palästina und der Geschichte der Zionistischen Bewegung eingeräumt ist, notwendig. Hiezu müßte natürlich auch das Zionistische Landeskomitee das nötige Material bereitstellen. Die Vorarbeiten für die systematische Ordnung sind bereits durch die Bemühungen des Kustos, Prof. B r o n n e r, in die Wege geleitet. Man erfreut sich übrigens, wenn man andere jüdische Sammlungen zum Vergleich heranzieht, an der lebhaften Aufstellung der Objekte, die unter der Ungunst der knappen Räume immerhin übersichtlich und geordnet erscheinen; denn in den übrigen Sammlungen wie Frankfurt, Prag, Budapest, um nur die größeren zu nennen, ist von einem derart umfassenden Plan nichts zu merken, wenn diese Museen auch einzelne prominente Stücke zur Schau stellen, die mit der bedeutsamen Geschichte dieser Gemeinde Zusammenhängen. Aber man hat im Wiener jüdischen Museum vor allen Dingen den Eindruck, daß man sich in einem Museum befindet, in welchem nicht nur Prunkstücke ausgestellt sind, sondern die Absicht vorwaltet, eine Lehr- und Studienstätte zu sein. I Die Aufgabe des Museums, das heute schon als beachtenswertes Kulturinstitut Wiens gilt, könnte umso leichter ausgeführt werden, wenn die Kultusgemeinde sich die Idee zu eigen machen würde, in Zusammenarbeit mit der „Gesellschaft für Sammlung und Konservierung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judentums”, die seit 1895 das jüdische Museum unterhält, eine Zusammenlegung dieses Instituts mit den bereits als musterhaft anerkannten Instituten Gemeindebibliothek und dem neu geordneten Archiv der Gemeinde in die Wege zu leiten. Der innere Zusammenhang ist darin ersichtlich, daß das Archiv l Prof. Dr. Jakob Bronner, der Kustos des Wiener Jüdischen Museums. töii wmm ys.vo 's. llPf llStlif: IP-ÄP ■Ütp lllfi nicht nur das laufende Aktenmaterial bewahrt, sondern auch eine große Menge historischen Materials besitzt, das derzeit lediglich musealen Charakter hat. Die älteren Akten und Urkunden der älteren Wiener Familie und der Volksgeschichte der Juden, die Autographen und andere könnten kontinuierlich im Saal für die Wiener Judengeschichte zur Schau gestellt und immer wieder ausgewechselt werden, wodurch Forscher und Amateure Gelegenheit hätten, die Geschichte der Vergangenheit vor seinen Augen abrollen zu sehen. Ebenso besitzt die Kultusgemeinde- Bibliothek, wie man dies gelegentlich der Buchausstellung (Zionistenkongreß 1925) sehen konnte, einen großen Reichtum an Handschriften und gedruckten älteren Werken, die während des gewöhnlichen Betriebs der Bibliothek zu normalen Lese- und Leihzwecken im Trüben schlummern. Im Anschluß an das Museum, das seinerseits wiederum eine Menge wertvoller Handschriften und Drucke besitzt, könnten diese vereinigten Objekte in derselben Weise wie in der Wiener Nationalbibliothek zur Schau gestellt werden. Es ist tatsächlich unerklärlich, was den Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde bisher abgehalten hat, diese ihm privat nahegelegte Forderung nach Zusammenlegung des Museums mit den zwei anderen Kulturinstituten auf dieselbe Art durchzuführen, wie dies in Berlin schon längst geschehen ist, wie denn unsere Kultusgemeinde sich erst nach langen Kämpfen dazu bereit gefunden hat, diesem so wichtigen Institut eine Jahressubvention von — sage und schreibe und schäme dich nicht — tausend Schilling zu gewähren. Es kommt bei der Wirtschaft einer großen Gemeinde wirklich nicht darauf an, ob für ein wertvolles Institut jährlich 10 000 Schilling ausgeworfen werden, wenn eben dieses Institut unter der Führung der Gemeinde rangiert Dabei könnte — eine ganz natürliche Situation — die bestehende Museumsgesellschaft nach wie vor den eigentlichen Zweck, das ist Erwerbung und Sammlung wertvoller Stücke aus ihren eigenen Einkünften fortsetzen, indes die Verwaltung von der Kultusgemeinde übernommen werden könnte. All diese Probleme liegen in der Richtung der Entwicklung der in Wien bestehenden jüdischen Kulturinstitutionen und tragen daher ihre Erfüllung in sich. Seit der Begründung der Gesellschaft des jüdischen Museums 1895, ist die Zahl der Objekte von 330 auf rund 6000 gestiegen. Die Ziele der Gesellschaft sind nach den Statuten: Sammlung verschiedener Objekte, die auf ältere Kunst und Kunstgewerbe oder Geschichte der Juden Bezug haben; Unterstützung von Forschungsreisenden und Gelehrten; Konservierung kunsthistorischer Denkmäler; Ausgrabungen zu archäologischen oder kunsthistorischen Zwecken und schließlich wissenschaftliche Erforschung Palästinas. Das ist ein reichhaltiges Programm. Der geringste Fortschritt macht eine LImgestaltung des Museums erforderlich. Und Fortschritte machen sich bemerkbar, seitdem Hofrat Prof. Dr. S. Frankfurter, der gewesene Direktor der Wiener Universitätsbibliothek, als Präsident an der Spitze des jüdischen Museums steht. Ein jüdisches Dokument auf der Nürnberger Dürer- Ausstellung. Anläßlich des 400. Todestages Albrecht Dürers finden in seiner Vaterstadt Nürnberg verschiedene Veranstaltungen statt, als bedeutendste die Ausstellung Dürerscher Originalwerke, die aus fast allen Ländern Europas und sogar aus Amerika beschickt wurde. Nun wurde dieser Tage eine Sonderausstellung „Nürnberger Kultur zu Dürers Zeit” eröffnet, in der sich Dokumente der verschiedensten Art aus jeder Epoche befinden, darunter auch ein Machsor aus Saloniki, ein sehr gut erhaltenes hebräisches Gebetbuch aus dem Beginn des 16. Jahrhunderts. Bekanntlich wurden im Jahre 1499 die Juden aus Nürnberg vertrieben; ein Teil derselben wanderte nach Saloniki aus und ließ sich dort nieder. Ein solcher Vertriebener stellte nun ein Gebetbuch nach Nürnberger Ritus zusammen. Ein Exemplar dieser bibliographischen Seltenheit kaufte im letzten Jahre die Nürnberger Kultusgemeinde an und stellte es nun 4er Stadt Nürnberg an ihrer Ausstellung zur Verfügung, M. D. Brandstetter gestorben Im Alter von 84 Jahren ist in T a r n o w der bekannte hebräische Schriftsteller M. D. Brandstetter gestorben* Mit ihm ist der letzte in der langen Reihe von Schriftstellern dahingegangen, welche unter der Führung von Perez Smölensky und J. L. Gordon die Grundlagen für die moderne hebräische Literatur legten. Brandstetter, der belletristische Hauptmitarbeiter in Smolenskys „Haschachar", erbrachte in seinen zahlreichen Erzählungen, Novellen und Feuilletons den Beweis starken Talentes, echten Humors und scharfer Satire. Auch seine Romane machten ihn zu einem populären Erzähler, Skandal bei einem Asch-Bankett in Moskau Bei einem zu Ehren des in Moskau weilenden Dichters Schalom Asch von der Gesellschaft „OZET" gegebenen Banketts kam es zu einem großen Skandal, als der Führer der jüdischen Kommunisten und Redakteur des „Emess“, Litw a k o w, von Asch sagte, er sei ein großer Erzähler, halte aber mehr von sich als die Massen von ihm halten, charakteristisch für ihn sei sein letzter Brief an den polnischen Ministerpräsidenten Marschall Pilsudski. Schalom Asch erhob sich bei diesen Worten, schlug heftig auf d6n Tisch und rief aus: „Entweder Litwakow hört zu sprechen auf oder ich verlasse den Saal; ich pfeife auf ihn!“ Es entstand ein Tumult. Litwakow wurde aufgefordert, weiter zu sprechen, er weigerte sich aber, dies zu tun, und sagte, er wolle nicht das Bankett sprengen, er werde seine Ansicht über Asch in der Presse vertreten. Asch entschuldigte sich dann vor Litwakow in einer Rede voll Pathos und Ergriffenheit und sagte, Rußland sei ihm teuer und er setze große Hoffnungen auf die jüdische Kolonisation, aber er sei weit entfernt davon, sich zur Klassentheorie zu bekennen, er bekenne sich zu einer einheitlichen jüdischen Nation. Harry Sakler in Wien Der jüdisch-amerikanische Schriftsteller Harry Sakler, der durch seine dramatischen Dichtungen „Aschmodai", „Jiskor“, „Des Zaddiks Versuchung" u. a. im jüdischen Publikum sehr bekannt wurde, weilt gegenwärtig für kurzen Besuch in Wien, Der Dichter besucht hier verschiedene jüdische kulturelle und soziale Institutionen. Jüdische Kunst in Deutschland Eine Reihe jüdischer Künstler beginnt in Deutschland sich durchzusetzen. Neben den großen und populären Namen schieben sich neue in den Vordergrund des Interesses. Die Kunstkammer Wasservogel in Berlin zeigt eine Kollektivausstellung von Maurice Minkowski. Sie umfaßt in erster Linie „Ghettobilder", eine herrliche Folge starker Gemälde von ganz großer Schilderungskraft. Minkowski schildert das Ghetto nicht als trübe, enge, unbarmherzige Welt, er malt eine farbige jüdische Welt, er malt die Kraft, die im jüdischen Volke steckt. — Das neue Heim, das sich die Berliner Sezession schuf, ist ein Werk des jüdischen Architekten Leo Nachtlicht. Unter den Ausstellenden (Frühjahrsausstellung der Sezession) finden wir mehrere jüdische Künstler, die zum Teile mit jüdischen Motiven vertreten sind. Neben Eugen Spiro, der für ein Frauenporträt den Wertheim-Preis erhielt, begegnen wir Leo Michelson aus Riga: Porträt des jüdischen Dichters „Ossip Dymow mit Tochter“ und eines „Jüdischen Herrn"; Jakob Steinhardt mit sehr starken und eindrucksvollen Bildern, darunter einem „Jesaias", einem „Abraham und die Engel" und einem Bild aus dem jüdischen Alltag: „Mein Großvater." — In der Düsseldorfer Kunst- , ausstellung hat neben den großen Namen Liebermann, Levy, Kaufmann, Cesar Klein ein neuer Mann, Jankel Adler, den größten Erfolg. Seinen Ausspruch: „Es gibt Maler, die Juden sind, und es gibt jüdische Maler" hat er wahr gemacht. Aus seinen Werken sprüht jüdisches Wesen und jüdische Empfindung. Seine Bilder „Soldaten", „Zwei Mädchen" und „Zwei Katzen" sind die ergreifendsten Bilder der an Qualität gewiß nicht armen Ausstellung. Eine hebräische Uebersetzung des Koran Eine vollständige, nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten hergestellte Ueberseizung des Koran ins Hebräische wird demnächst in dem von Ch. N. Bialik geleiteten Verlag „Dwir" erscheinen. Der jüdische Maler Chaim Lifschitz stellt in der Jerusalemer Zitadelle 20 Illustrationen zum Koran aus; es sind dies die ersten Versuche zu einer umfangreichen Illustrierung des Koran. (Illustrationen zum Koran sind bisher noch nicht hergcstellt worden. Die Red.) Gastspiel eines jüdischen Revuetheaters in Wien Wie wir erfahren, unternimmt das Warschauer jüdische Revue-Ensemble „Sainbatjan", welches seit zwei Jahren im Scala-Theater in Warschau spielt, eine Gastspielreise, auf welcher es auch an den Jüdischen Künstlerspielen in Wien (Theater Reklame) gastieren will. Das Wiener Gastspiel soll im Juni d. J. stattfinden. Das „Sambatjan"-Ensemble, das unter der Leitung von Isak G o z i k steht, hat sich beim jüdischen Publikum Warschaus durch gut inszenierte aktuelle Revuen einen guten Namen erworben. Die erste hebräische Oper in Amerika Aus New York wird uns berichtet: Der amerikanischjüdische Komponist Joseph B. Engels hat eine hebräische Oper „König Salomo" fertiggestellt, die am 23. Mai im Madison Square Garden in New York zugunsten des neu errichteten Jeschiwah-College zur Uraufführung gebracht wird. Man erwartet, daß das Erträgnis dieser Aufführung, die unter dem Protektorate des Philanthropen Adolph Lewisohn stattfindet, eine Million Dollar ergeben wird. Der Komponist der ersten hebräischen Oper in Amerika Joseph B. Engels (am Flügel bei der Partitur des Werkes) mit dem Protektor der Erstauiiührung Adolph Lfew\i$ahn (links) und dem bekannten Kantor Josef Rosenblatt (rechts).