Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1928)
- Date
- 1928-05-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 DIE STIMME Nr. 21 Sommersprossen Wimmcrln. Ausschläge der Haut, Pickel, Sonnenverbrannte Haut, Rote Wangen, Nase und HAndc usw. bringbsofort zum Verschwinden, die auf wissenschaftlicher Basis hergestellte „Oln“ Kampfer-Saoerstoff-Creme <*««. für Tag) „Oir Citroßen-Sauerstoff-Creme (fett, für Nacht) und macht di« sprödeste oder rauhe Haut sammetweich u. blendend weiß, jede Tube S 2*- (beide Tuben S 3*75'. 1 tritt Iptlnli, Brogerfa. Parfnoierlt oder direkt n Kabni: „mm" Lstonlortmn.Vlei n, Obere DniMtr. 17 oder irgendwie von ihr abhängen, haben einen ähnlichen Weg durchgemacht und so setzt sich heute die „Normalisierung" langsam durch. Die Rolle der Exekutive war dabei eine negative: Nicht mehr geben, als da ist. Und diese Rolle war unter den gegebenen Verhältnissen leichter zu spielen als früher. Palästina war für dieses „System" (wenn man es so nennen kann) vorbereitet und reif. Es mußte so kommen. Man hatte durch die ungeheuren Anstrengungen, die man sich selbst aufgebürdet hatte, zuviel gelitten. Es mußte jemand kommen, der eine normale, klare und nüchterne Athmosphäre schuf. „Normal, klar, nüchtern." So sieht heute Palästina aus oder ist im Begriff, es zu werden. Wer das Land und die Menschen kennt, dem wird bereits etwas bange dabei. Was auffällt, ist nicht nur eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber allgemeinen Fragen. Was auffällt und Besorgnis erregt, ist eine gewisse Müdigkeit, der Mangel neuer Gedanken, irgend welcher lebendiger Kreise, die, nachdem der notwendige Prozeß der Normalisierung vorbei ist, eingreifen können. Der Palästinenser lernt rechnen. Das ist fraglos gut und wichtig. Aber die Krise und die folgende zwangsläufige Entladung der Luft, das Ordnen kleiner und großer Dinge, das Sichzurückziehen der einzelnen von der Oeffentlichkeit, all das hat die Tatkraft, deh Willen zu besonderen Anstrengungen stark gelähmt. Man muß sich fragen, ob diese Menschen, die sich heute im Lande einwurzeln, noch zu etwas anderem fähig sind als normal zu leben und für sich und ihren kleinen Kreis einzustehen. Man muß sich fragen, was dieses Palästina \cn heute einer neuen Einwanderung zu geben hat, die man herannahen fühlt. Es muß sich heute zeigen, ob es gelingen kann, diese „Norm", die im Lande Platz greift, mit dem zu verbinden, was Palästina seit Jahrzehnten getragen und es so anziehend gemacht hat: Weite Interessen, immer neue Versuche, es besser zu machen, das Zurücktreten des einzelnen vor der Gesamtheit, das Gefühl einer Kampfgemeinschaft. Denn ebenso wie man zu einer gesunden Wirtschaftsentwicklung vernünftige Kalkulationen braucht, ebenso braucht man zum Aufbau des Landes Faktoren, die sich jeder Berechnung und jeder Bilanz entziehen. Die Gerim in Palästina Es sind zumeist ehemalige russische Orthodoxe, die zum jüdischen Glauben übergetreten sind und dann einzeln oder in ganzen Gruppen nach Palästina übersiedelten, um gemeinsam mit dem jüdischen Volk, als dessen Mitglieder sie sich nunmehr fühlen, an dem Aufbau des jüdischen Heimatlandes mitzuarbeiten. Es sind bloß einige hundert Köpfe, aber immerhin hätte — so beklagen sich ihre Führer zu einem jüdischen Journalisten, der sie in den Baracken und Zeltlagern bei Tel-Aviv besuchte — die jüdische Oeffentlichkeit ihrem Schicksal mehr Aufmerksamkeit zuwenden sollen. Die nunmehr nahezu überwundene wirtschaftliche Krise in Palästina hat auch sie gezwungen, sich zum Schutze ihrer Rechte auf Arbeit oder Arbeitslosenunterstützung zu einer Organisation zusammenzuschließen, wie es andere getan haben. In einem dieser Gerim-Zelte neben der Balfourgasse in Tel- Aviv wohnt der alte Ger Abraham ben Zion mit seiner Familie. Er ist von Beruf Schuster, aber als der Besuch kam, es war gerade Sonntag, wurde nicht gearbeitet. Araham ben Zion hat es sich so eingerichtet, daß er weder am Samstag noch am Sonntag arbeitet. Im Zelt saßen mehrere junge, blondköpfige Gerim. Man sang, von einer Harmonika begleitet, russische Lieder. Auf die erstaunte Frage des Besuchers, aus welchem Anlaß die Stimmung so fröhlich sei, antwortete Abraham ben Zion, daß sie in Anbetracht der schwachen Arbeitskonjunktur zwei Tage feiern, und da man Samstag nicht musizieren dürfe, so kommen sie auch Sonntags zusammen, um nicht nur ihren neuen, sondern auch ihren ehemaligen Sabbat durch Spiel und Gesang zu feiern. Das Gespräch wurde in russischer Sprache geführt. Als nach einer Weile eine Frau mit ihren zwei erwachsenen Töchtern zu Besuch kam, meinte der alte ben Zion: „Hier, Gospodin, sehen Sie schon zwei echt jüdische Kinder; sie wurden schon in Wladikawkas als Jüdinnen geboren, da ihr Vater sich noch vor dem Kriege dem Judentum angeschlossen hatte." Ihre Geschichte klingt wie eine Romanze; die alte Frau, die mit den Töchtern gekommen ist, erzählt sie: „Es war vor etwa 20 Jahren, mein Mann war damals noch ein strenggläubiger Christ. Eines Tages merkte man eine tiefgehende Wandlung in seinem Wesen und an einem Sonntag wurde es bekannt, daß mein Mann sich geweigert habe, das Kreuz zu küssen, und auch allen anderen in der Kirche geraten hatte, dem Kreuz den Kuß zu verweigern. Von da an mied er die Kirche und eines Morgens kam er heim und erzählte, er sei Jude geworden. Das war damals in Rußland ein schweres Verbrechen. Mein armer Mann wurde in den Kerker geworfen, wo er mehrere Jahre qualvolle Leiden ertrug, bis das Mani- C OaKA JödeTaschenuhr-Repara- * 9U tur Ohne Bruch bei 1-jähriger [Garantie MI||«Q Wien, IX., Liechtensteinstraße 30 1 PJL' mt Wien, IX., Berggasse 3/4a | Uhren- und Antlquitäten-KIinik, Optische "Werk- | | Stätte.. 'Reklameatelier. | | Alle einschlägigen Reparaturen und Neuanschaffungen | | zu konkurrenzlosen Preisen. | fest herauskam, das auch ihn befreite. Inzwischen hatten sich auch seine Brüder dem Christentum abgewendet und waren Juden geworden. Einer von ihnen wanderte auch bald darauf nach Palästina aus, wo er sich im Galil in der Kolonie J a b n i e 1 ansiedelte. Auch mein Mann sehnte sich immer, nach Palästina zu ziehen. Er hatte bereits alle Vorkehrungen getroffen, als der Weltkrieg ausbrach und er an die Front mußte. Die Kinder wuchsen heran, und da die russische Regierung es nicht gerne sah, daß die Gerim, deren es schon damals im Kaukasus mehrere Familien gab, sich zu sehr mit den Juden befreunden, damit sie sich nicht ihnen völlig assimilieren, haben meine Töchter die Gesellschaft der kaukasischen Christen gesucht. Unter diesen befand sich ein junger Kaukasier, der Besitzer mehrerer großer Felder, der tiefere Zuneigung zu meiner Tochter — sie heißt heute Sulamith — faßte und von meinem Mann, der nach dem Kriege heimgekehrt war, das Mädchen zur Frau verlangte. Mein Mann gab die Zustimmung unter der Bedingung, daß der junge Mann gleichfalls Jude werde. Aber Sulamith wollte von der ganzen Sache nichts wissen, sie war schon damals entschlossen, zu ihrem Onkel nach Palästina in die Kolonie Jabniel zu fahren, wo sie schon bestimmt den Gatten finden werde, der ihr bestimmt sei. Inzwischen rückte das finstere Gewitter heran, die Pogrome waren ausgebrochen. An einem Sonntagsmorgen erklangen die Glocken der Kirchen, die Straße war mit Geheul wilder Menschen erfüllt, in unsere Stube drangen blutlechzende Bauern mit Aexten und Beilen; unter ihnen befand sich auch jener junge Kaukasier, der um die Hand unserer Sulamith angehalten hatte. Ich und meine Schwester flüchteten durchs Fenster und es war ein Wunder Gottes, daß wir dem Tode entronnen sind. Aber mein Mann wollte nicht fliehen und so wurde er und unser einziger Sohn von den Bestien massakriert, unsere ganze Habe zerstört und geplündert. Bald darauf fuhr ich mit meinen zwei Töchtern zu meinem Schwager nach Palästina in die Kolonie Jabniel. Dort lernte Sulamith den jungen Chalüz Nachmani kennen und lieben und binnen kurzem soll auch Hochzeit gefeiert werden." Sulamith spricht schon ganz flott hebräisch, kennt sich genau im ganzen Komplex der Kolonisationsfragen, der Chaluzbewegung, der Lösung der wirtschaftlichen Krise aus und weiß, daß sie nach dem Organisationsstatut des Chaluzverbandes, dem sie und ihr Nachmani angehören, erst im nächsten Jahre darankommen, auf eigenem Boden arbeiten zu können. Die Gerim in Palästina klagen über ihr Schicksal und darüber, daß die Zionistische Organisation ihnen BÜCHERSTUBE M. RATH Ü II. TABORSTRASSE 20 a, TELEPHON 43-1-58 H 7 M MODERNE LITERATUR / WISSENSCHAFT \\ JUGENDSCHRIFTEN / JUDAICA UND HEBRAICA jj *« »•••••■• ••••••** »*•••••• «»«••• Bilderschwemme KUNSTHANDLUNG WÜRTHLE Wien I, Weiivburggasse 9 Bilder, Aquarelle, Handzelchnungen prominenter Meister von 30 Schilling aufwärts nicht genügendes Entgegenkommen beweise und nicht dafür sorge, daß sie alle zu Bodenbesitz gelangen. „Ein sonderbares Volk ist dieses jüdische Volk!" ruft bitter der alte Ger Abraham ben Zion aus. „Die christlichen Völker verschwenden jährlich viele Millionen Pfund für ihre Mission, um eine jüdische Seele zu fangen. Und das jüdische Volk will nicht einmal für die sorgen, die von selbst zu ihnen gekommen sind. . . ." Interessant ist auch die Mitteilung ben Zions, daß in der nächsten Zeit in Palästina ein Kongreß sämtlicher Gerim aus Rußland abgehalten werden soll, auf welchem die Forderungen an die zionistische Leitung formuliert und auch die Frage erörtert werden soll, ob es zweckentsprechend wäre, mit Rücksicht auf die Judenkolonisation in Rußland wieder dorthin zurückzukehren. Der größte Teil der Gerim allerdings will in dem liebgewordenen Palästina bleiben und mit den übrigen Chaluzim die bereits herannahenden besseren Zeiten abwarten. Schicksale jüdischer Kinder in Erez Israel Aus Jerusalem wird uns geschrieben: Der Vorfall, daß ein Jude seine 10jährige Tochter an einen Araber verkauft hat, der das Kind seinem 14jährigen Sohn zur Frau geben will, hat in Palästina große Erregung verursacht. Der 1898 aus Damaskus eingewanderte, in Acco wohnende Schmied Aaron N a t a h hat seine 10 Jahre alte Tochter an den arabischen Ladeninhaber A s s a d i um den Preis von 30 Pfund verkauft; Assadi hat das Kind zur Frau seines 14jährigen Sohnes bestimmt; die Hochzeit sollte in den nächsten Tagen stattfinden. Die Söhne des Juden Natah intervenierten bei der Regierung, beim Oberrabbinat, dem Waad Leumi, der Zionistischen Exekutive Palästinas und dem arabischen Mufti gegen diese Verschacherung ihrer kleinen Schwester. Das Rabbinat erklärte den 90jährigen Natah für unzurechnungsfähig und beauftragte seinen ältesten Sohn, die Schwester vom Araber zurückzufordern. Eine des Lesens und Schreibens unkundige Jüdin namens Landau, die Frau eines früher in Palästina stationierten jetzt in England leihenden jüdischen Soldaten, hat vor vier Jahren ihre kleine Tochter dem St. Joseph Catholic Convent zur Erziehung übergeben. Im Convent wurde das Kind ohne Wissen der Eltern katholisch getauft. Nunmehr klagte Frau Landau vor Gericht auf Rückgabe des Kindes, da das katholische Institut sich weigerte, das Kind den Eltern zurückzugeben. Das Gericht entschied, daß das Kind der Mutter zurückgegeben werde. Miszellen Ein- «nd Auswanderung im März, Wie vom Einwanderungsdepartement mitgeteilt wird, sind im Verlaufe des Monats März in Palästina 299 Personen, unter ihnen 200 Juden, eingewandert und 289 Personen, unter ihnen 261 Juden, ausgewandert. Im Jahre 1927 war in Palästina zum ersten Male seit 1920 die Zahl der Auswanderer größer als die der Einwanderer. Es wanderten 3395 Personen, darunter 2713 Juden ein. Von den einwandernden Juden kamen 958 aus Polen, 541 aus Rußland, 161 aus Rumänien, 154 aus Litauen, 130 aus den Vereinigten Staaten. Während der gleichen Zeit sind aus Palästina ausgewandert 2274 Personen, die dort bereits vor dem 1. Juli 1920 ansässig waren und 4704 Personen, die seit 1920 nach Palästina eingewandert sind. Von den 2274 a u s g e w a nderten Altansässigen waren 1054 Mohammedaner, 640 Juden und 580 Christen, während von den 4704 ausgewandertenneuen Siedlern 4431 Juden, 233 Christen und 40 Mohammedaner waren. Die Auswanderung der jüdischen Neusiedler ist gegen 1926, wo man 6952 Juden zählte, gesunken, * Die Keren-Hajessod-Eingänge im April. Nach einer Mitteilung des Hauptbüros des Keren-Hajessod sind im Verlauf des Monats April d. J. 46.625 Pfund an Spenden für den Keren Hajessod eingegangen. * Laut einem Bericht der Vereinigung der jüdischen Industriellen in Palästina betrug der Wert der Produktion der jüdischen Industrie Palästinas im Jahre 1927 zirka 1,250.000 Pfund, um 150% mehr als 1926. Der Export erreichte 200.000 Pfund, was eine Zunahme um 400% gegen 1926 bedeutet. Neu eingestellt wurden im Laufe des Berichtsjahres 1,500 jüdische Arbeiter, womit sich die Zahl der jüdischen Industriearbeiter Palästinas auf 500 erhöht hat. # Wie dem „Haarez" berichtet wird, wird in Jerusalem ein neues großes Hotel auf dem Wakufboden, gegenüber dem Handelszentrum, gebaut. Der Betrieb wird von B a r s k i, dem Besitzer der bedeutendsten jüdischen Hotels im Lande, „Allenby" in Jerusalem, „Palatin" in Tel-Aviv und „Hadar Hakarmel" in Haifa, geleitet werden. Das neue Hotel, genannt Palace Hotel, wird 200 Schlafzimmer, alle mit fließendem kalten und warmen Wasser, umfassen und außerdem noch 60 Zimmer mit Bad. Die Eröffnung soll am 1. Dezember 1929 erfolgen. Auch der Londoner Economic Council, an dessen Spitze Sir Alfred Mond steht, plant die Erbauung eines großen Hotels in Jerusalem. Der nötige Bauplatz wurde bereits im Rechawia-Viertel in Jerusalem erworben. * Drei Araber, die am 4. Mai d. J. ein jüdisches Mädchen aus Amerika gewaltsam entführt und vergewaltigt hatten, hatten sich vor dem Gericht zu Jerusalem zu verantworten. Zwei von ihnen wurden zu je 15 Jahren, der dritte zu 7% Jahren Gefängnis verurteilt. * Jehuda L an gm an aus Tel-Aviv wurde wegen kommunistischer Betätigung zu 100 Tagen Gefängnis und zu Landesverweisung nach Verbüßung der Strafe verurteilt. Der jiddische Schriftsteller S. Segaiowicz, Verfasser populärer Skizzen, Novellen und Romane, feierte kürzlich sein 25jähriges Schriftstellerjubiläum. LJjHüäifex .. '</■ ■■■ Frauen; in der Synagoge (nach einem Gemälde von Minkowski) Bägggsa»« SMOanfeRsg; zah-m*.-# f.'.tSf-”*f