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Die Stimme · 1928-05-24 · Heft 21 (24.5.1928) · page 9

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 21 (24.5.1928)
Date
1928-05-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Nf. 21 DflE STIMME S‘.»ite 9 Gelüste schwer gebüßt. Die Bade Vorstellung, im Verein mit den Hotel- und Pensionsbesiteern, vereinigten sich zur Vernichtung des aus der Art geschlagenen Gentrys. Und als der arme Bogyay nicht die anbefohlene Schwenkung ins Antisemitische machen wollte oder konnte, wurde der letzte Schlag gegen ihn geführt: an seine Ankündigungstafel bei der Bahnstation wurde ein großes weithin auffallendes Plakat angebracht, das die Aufschrift trug: „Zimmer werden nur an Juden abgegeben!" Das war der vernichtende Pranger. Weder Juden noch Christen trauten sich mehr, der Pension Bogyay in die Nähe zu kommen. So wurde der Urarier von Bogyay aus dem urantisemitischen Badeort vertrieben. Und jetzt präsentiert er den Juden die Rechnung. Der elegante« vornehme Frühjahrshut ist die Sehnsucht jeder Dame. Aber Geschmack und Börse müssen in Einklang gebracht werden. In dieser Beziehung haben die Mary- Hüte. in der Rotenturmstraße 22 keinerlei Vergleich zu scheuen. Sie haben sich als beste und billigste Einkaufsquellc populär gemacht und durch ihre Einheitspreise (7, 9 und 12 S) bereits einen großen Stammkundenkreis geschaffen. (Entgeltlich) „Die jüdische Position in Palästina ist so fest wie der Fels von Gibraltar“ Joseph Cowen über die Methoden der zionistischen Palästinapolitik. Der hervorragende Führer der englischen Zionisten, Joseph Cowen, weilte in der letzten Zeit in Palästina und hielt nach seiner Rückkehr nach London einen Vortrag im Anglo-Palestinian-Club über seine Eindrücke im Lande. Er führte u. a. aus: „Wir würden in Palästina nicht das erreichen, was wir brauchen, wenn wir nicht einen ständigen Druck auf die britischen Beamten ausüben würden. In Palästina fehlt es an einer maßgebenden öffentlichen Meinung, nach der sich ein Beamter richten könnte. Die Juden als das aufbauende Element treten mit mehr Forderungen an ihn heran als die Araber, und selbstverständlich ist ihm derjenige, der weniger fordert, bequemer. Die jüdischen Beamten sind in dieser Beziehung nicht anders. Wird aber der jüdische Anspruch direkt an den Oberkommissär getragen, so ist der „grüne Tisch" kein Hindernis mehr und die Sache ist durchgedrungen. Der Oberkommissär steht in der Meinung aller Leute in Palästina sehr hoch. Es ist notwendig — fuhr Joseph Cowen fort — ein Verhältnis systematischer Verständigung mit den Arabern zu schaffen. Die Zionisten befolgen nach dieser Richtung hin keinerlei politisches System. Mancherlei Erklärungen des Respektes und der Freundschaft wurden wohl abgegeben, aber nichts Praktisches wurde unternommen. Es sei die Zeit nicht mehr fern, wo die gesetzgebende Versammlung eine Tatsache sein wird. Bis es soweit ist, müssen die Beziehungen zu den Arabern in ein System gebracht werden. Man möge arabische Kinder in hebräische Schulen aufnehmen und die Araber an sozialen und wirtschaftlichen Einrichtungen der Juden teilnehmen lassen. Zu wünschen ist, daß die jüdische Heimat im Zeichen der Freundschaft mit den Nachbarn, den Arabern, aufgebaut wird. Ich habe — fuhr Mr. Cowen fort — Palästina öfters besucht, die besten Eindrücke hatte ich bei diesem meinem letzten Besuch. Das Wachsen der Stadt Jerusalem ist erstaunlich. Die ländlichen Vororte um die Stadt sind in ständiger Ausdehnung begriffen. Auch Haifa hat sich in wunderbarer Weise entwickelt. Bald wird die Stadt jenen Anblick darbieten, wie ihn Theodor Herzl mit seinem geistigen Auge gehabt und in „Alt-Neuland" geschildert hat. Die jüdischen Stadtviertel, die in Haifa in sehr kurzer Zeit entstanden sind, sind solider angelegt als Tel-Aviv. Die Zementfabrik „Nescher", die Oel- und Seifenwerke „Schemen" und die Mühlen des Baron Rothschild arbeiten mit voller Kapazität. Sogar diese vielgelobte und auch vielgeschmähte Stadt Tel-Aviv erscheint heute auf soliderer Grundlage gebaut. Das Baugewerbe blüht wieder auf, in Tel-Aviv I herrscht sogar Wohnungsknappheit, man baut wieder. Im großen ganzen — schloß Cowen — ist die jüdische Lage in Palästina heute so sicher, daß nichts sie erschüttern könnte. Die Position der Juden steht so fest wie der Fels von Gibraltar. In den Städten wie in den Kolonien geht es aufwärts." Industrielle Betriebe in den Kolonien Palästinas Neben den Städten beginnt in letzter Zeit die jüdische Industrie auch in den landwirtschaftlichen Siedlungen immer fester Fuß zu fassen. An erster Stelle sei erwähnt die Salzindustrie in Atlith, die bereits den gesamten Landesbedarf deckt. Die Regierung hat letztens dieser Industrie eine besondere Förderung durch Aufhebung des Salzmonopols zuteil werden lassen. Auch die Parfümerieproduktion in Benjamin a entwickelt sich schön. Die Fabrik wurde kt dieser, erst seit 5 Jahren bestehenden Kolonie durch din PICA, d. h. Baron Rothschild, gegründet. Die Siedler, die im vorigen Jahre Jasmin nur auf kleinen Flächen (je 0,5 Dunam) angepflanzt hatten, haben dieses Jahr die Anbauflächen bedeutend vergrößert, da die PICA eine Abnahme zu günstigen Preisen zugesichert hat. Die Fabrik hat eine Kapazität von 2 Tonnen Blumen täglich, hat aber, da die Anpflanzungsflächen der Blumen vorläufig noch gering sind, im ersten Jahre nur 30.000 kg verarbeitet. Während sie in den ersten 2 Jahren nur wenige Monate im Jahr in Betrieb stand, arbeitet sie dieses Jahr bereits 7 bis 8 Monate. In Chedera entwickelt sich allmählich die Holzindustrie, indem die Fabrik Schomron bereits über 40 Arbeiter beschäftigt. Sie stellt hauptsächlich Bretter für Möbel her, hat aber dieses Jahr auch Kisten für Orangen und die Mazzothfabrik in Haifa produziert. Die industrielle Entwicklung in Judäa steht der in Samaria nicht nach. Zu erwähnen wären besonders die Spiritusbrennereien in Petach Tikwafi. Auch die Weberei en beginnen allmählich sich auszubreiten; in Giwath Haschloschah bei Petach Tikwah wird als Gründung der zionistischen Frauen Rumäniens jetzt eine Weberei errichtet. Dagegen ist es noch immer nicht gelungen, das Manor- Unternehmen wieder in Betrieb zu setzen. Auch in B n e - Brak gibtv es drei industrielle Unternehmungen (Teppiche, Leder und Zelluloid) mit je 8 bis 9 und die Weberei Barkai mit 20 Arbeitern. Bei der Marmorproduktion bei M e t u 11 a h sind 22 Arbeiter beschäftigt. Normalisierung Von Gerda Arlosoroif-Goldberg (Tel-Aviv). Palästina, wie der Zionist aller Länder es kennt, war seit mehr als einem Jahrzehnt ein Land der Gärung. Neue Versuche, große Anstrengungen, große Taten und noch größere Pläne und Projekte. Ueber die guten und schlechten Auswirkungen dieses dem Lande spezifischen Geistes geht seit langem eine Diskussion, leidenschaftlich geführt, wie es unter Juden Brauch ist. Im Auslande ist diese Diskussion seit dem Kongreß kaum irgendwo zum Stillstand gekommen, wenn man ihrer auch nach und nach müde geworden ist. Auch in Palästina kann man heute noch Artikel lesen und Reden hören, wie sie vor dem Kongreß und in der Zeit des Kongresses aktuell waren, illustriert mit Beispielen aus den letzten Monaten. Aber der Wortstreit hinkt dieses Mal der tatsächlichen Entwicklung nach. Denn das Auffallendste für jemanden, der Palästina gut kennt und es nach einer längeren Unterbrechung wieder sieht, ist eine Aenderung, nicht so sehr der tatsächlichen Einrichtungen, sondern des Geistes, der weht. Um das Resultat vorauszunehmen und es in einem Satze zusammenzufassen: Palästina normalisiert sich, der Geist der Gärung und des P r o j e k t i e r e n s ist einer gewissen Nüchternheit, Besonnenheit, Vorsicht gewichen. Um Mißverständnisse auszuschalten: Es handelt sich dabei nicht um hohe Politik, auch nicht um hohe Wirtschaftspolitik. Es gibt heute im Lande keinen spürbaren leitenden politischen oder wirtschaftlichen Gedanken. Die unerträgliche Spannung aus der Zeit der Arbeitslosigkeit hat sich gelockert, für ein paar Monate ist Arbeit da und danach gibt es eine Reihe von Perspektiven. Ein Gerücht besagt, daß die Regierung bereits Untersuchungen über die Arbeitsbedingungen in den einzelnen Kolonien anstelle, die eventuell als Grundlage für eine Erleichterung f m* mm Das Neueste und Schönste Charmante Schöpfungen der Haute couture für den Sommer, wie duftige Kleider, herrliche Mäntel, vornehme Toiletten für Kurort, Strand u. Gesellschaft in vorbildlicher Eleganz. Jede Dame findet in unseren Salons, was ihrem Geschmack entspricht und sie vorteilhaft kleidet, in der gewünschten Preislage NUR VH. KfllSEBlTR. 115 Wir haben nirgends Filialen! llllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllBIHIIlimBIHHllBiaüUHBIlllBHtHIHIIHI m m Nacht in Tel-Aviv. (Nach einem Holzschnitt von Israel Feld mann.) I * Hl, der Einwanderungsbestimmungen dienen sollen. Langsam erholt sich die Gesamtheit, die Institutionen und der einzelne von dem Drucke der letzten anderthalb Jahre. Es ist das ein Prozeß, der hat erfolgen müssen, nachdem eine bedeutende Anzahl von Menschen das Land verlassen, die Regierung eingegriffen und eine Reihe von Privatleuten, ohne viel Aufhebens davon zu machen, mit kleineren Investitionen begonnen hat. Ein Prozeß, der nicht auf eigen bestimmten wirtschaftlichen Kurs, nicht auf „Beschlüsse" zurückzuführen ist, sondern sich einfach daraus ergeben hat, daß man auf dem Tiefpunkte der wirtschaftlichen Kurve angekommen war und das Rad sich wieder nach der anderen Seite zu drehen begann. Die wirtschaftliche „Renaissance" jedoch, die das Land heute durchmacht, sieht erheblich anders aus als der Aufstieg nach früheren Krisen. Nach der Periode der letzten Arbeitslosigkeit, z. B. im Jahre 1923/24, kam fast ohne Uebergang eine neue Ueberflutung, die „Tabak-Alijah". Sie kam ins Land, ohne daß man zwischen dem Leben der früheren Jahre und dem neuen einen Unterschied feststellen konnte. Der „Geist der Gärung" beherrschte sie und das Land vollkommen. Heute, noch vor dem Beginn einer neuen Einwanderung, sieht das .Land verändert aus. Eine „Normalisierung" hat eingesetzt, wie sie früher in Palästina unbekannt war. In erster Linie bemerkt man in weiten Kreisen ein Desinteressement und eine Müdigkeit gegenüber allem, was Politik heißt oder damit zusammenhängt. Zwar hat sich an dem äußeren Ablauf der Dinge wenig geändert. Die Zeitungen erscheinen und werden gelesen, Versammlungen werden abgehalten und besucht. Aber der Wert, den man öffentlichen Diskussionen beilegt, ist stark gesunken, eine gute oder schlechte Rede, ein guter oder schlechter Artikel bedeutet lange nicht mehr das, was früher. Parteien und Gruppen spielen im Leben des einzelnen keine entscheidende und richtende Rolle mehr. Sie bestehen, sie äußern sich, sie haben immer noch einen gewissen Einfluß, aber sie sind nicht mehr das Bestimmende im öffentlichen und privaten Leben. Das Leben des einzelnen hat sich in wichtigen Punkten ebenfalls geändert und zeigt einen anderen Geist und eine andere Einstellung. Das hat tatsächliche und psychologische Ursachen. Die Quellen der nationalen Gelder fließen sehr spärlich und fast alle haben durch die schlechte Ordnung der öffentlichen Angelegenheiten in den letzten Jahren schwer gelitten. Man ist müde geworden und das Interesse am Allgemeinwohl hat der Beschäftigung mit persönlichen Angelegenheiten Platz gemacht. Man hat damit zu tun, sich eine Existenz zu sichern und seine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen und in Ordnung zu halten. Dies gilt nicht nur für die Angestellten, sondern auch für eine große Zahl von Arbeitern in Stadt und Land, die immer deutlicher danach streben, sich von Institutionen aller Art freizumachen und mit eigenen Kräften sich zu basieren. In kleinem Maße und mit kleinen Mitteln beginnen einzelne und kleine Gruppen sich herauszuarbeiten und sich einen Weg zu bahnen. In besonderem Umfange gilt das für die Pflanzungsbezirke, in denen heute allerlei Versuche gemacht werden, die vermutlich in Zukunft stärker anwachsen werden. Es ist heute ein beliebtes Gesellschaftsspiel, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, inwieweit die neue Exekutive, die Exekutive der „Wirtschaftlichkeit und Konsolidierung", an diesem Umschwung und an dieser neuen Entwicklung beteiligt sei. Dabei muß man verstehen, daß es nicht nur darauf ankommt, daß die Exekutive nicht mehr ausgibt, als sie hat, und daß sie eventuell Schulden abzahlt. Das ist eine sekundäre, wenn auch für die Balancierung des Budgets wichtige Angelegenheit. Das Entscheidende an dem Umschwung ist, daß nicht nur die Exekutive nach dem sich richtet, was in der Kasse vorhanden ist, sondern daß mit jedem Tag in Palästina neue Leute lernen, das Gleiche zu tun. Institutionen haben keine Hoffnung, mehr Geld zu bekommen als ihnen bestimmt ist und können daher nichts unternehmen, was über ein bestimmtes Maß hinausgeht. Der einzelne macht den gleichen Prozeß durch. Es wird im Lande sehr viel pünktlicher gezahlt als früher. (Freilich sind diese Zahlungen nur dadurch möglich geworden, daß man über bestehende Schulden, z. B. bei den Lehrern, hinweggegangen ist und ihre Begleichung auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben hat.) Die Kreditwirtschaft ist dadurch zurückgegangen. Man hat wenig, aber das Wenige ist sicher und man kann damit kalkulieren. Die Wirtschaft in den Läden beginnt einen normalen Kreislauf anzunehmen. Insoweit als die Exekutive als Arbeitgeber auftritt (Lehrer und Beamte), hat sie einen unmittelbaren Einfluß ausgeübt. Sie hat die Möglichkeit gegeben, einigermaßen normal zu wirtschaften und die Leute zugleich gezwungen, mit dem auszukommen, was da ist. Von diesen Gruppen aus, die direkt von der Exekutive bezahlt werden, wurden die von ihnen abhängigen Gewerbetreibenden berührt und so hat sich der Kreis erweitert Auch die Institutionen, diemit der Exekutive verhandeln

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