Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1928)
- Date
- 1928-05-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 DIE STIMME Nr. 21 Der sctiöASto Sport | CS^ÜHlS für jitg Bod alt 8 Stunden samt Trainer pro Person S 15- Die Plätze liegen nicht an staubiger Straße, sondern in prachtvollem Garten mitten im Grünen 36er und 37er Linie in nächster Nähe Kahlenbergerstraße 46. Tal. A-12-6-35. Schuh 0 OFU Wien 11, TabcralvaBe ftfe. S a Moderne Schuhe aus bestem Material gediegenst ausgetuhri 'Nur seriöse Preise Revisionistischer Mittelschülerbund. Samstag den 26. Mai 6 Uhr abends Vortrag des H. Geller über „Zionistische Fragen“ im Heime VIII., Auerspergstraße 21. Piadlinderbund „Zirenu“. Dienstag, den 29. Mai 1928 punkt halb 8 Uhr abends im Vortragssaale des Vereinsheimes VIII., Bennoplatz la, Elternmeeting. Tagesordnung 1. Otto Hochstädt: „Unsere Erziehungsarbeit". 2. Berichte. 3. Neuwahlen. 4. AllfälligeS. Gäste herzlich willkommen. Zionist.-akad. Verbindungen and Vereine Oesterreichs. Jeden Donnerstag von 6 bis 7 Uhr abends Amtsstunden des Präsidiums im Zion. Landeskomitee, I., Kärntnerstraße 28, woselbst sich immer ein Vertreter jeder Korporation einzufinden hat. Donnerstag den 31. Mai 8 Uhr abends im Heime VIII., Bennoplatz 1, erster Seminarvortrag Dr. N. M. Gelber über „Die Vorläufer des Zionismus“. Laut Generalversammlungsbeschluß ist das Erscheinen obligatorisch. Anschließend Plenarversammlung. JAV. Makkabäa. Am 15. Mai 1. J. fand auf der Bude der JAV. Makkabäa aus Anlaß des Ablebens ihres A. H. Dr. Siegmund Werner ein Trauerkonvent statt, in welchem der Senior des Alten-Herren-Verbandes JUC. Dr. Josef Berger jun. das Leben und Wirken des Verschiedenen eingehend würdigte. Der A. C. der Verbindung beschloß, am Hause Dr. Werners in Iglau eine Gedenktafel zu errichten. Verband der jüdischen Kaufleute und Gewerbetreibenden (Wien, I., Elisabethstraße 9). Montag den 4. Juni 8 Uhr abends im Klubsaal des Cafe „Exzelsior“, I., Rotenturmstraße 24, P 1 enarversamralung mit wirtschaftlichem Vortrag des Verbandsanwaltes Dr. Ludwig Ehrlich. Überdimensional kann der Aufstieg genannt werden, den das Wiener Warenhaus Brüder Schiffmann (II., Taborstraße 48) in den letzten Jahren genommen hat. Inmitten der durch Krieg und Nachkrieg erschütterten österreichischen Wirtschaft, der Periode der Krisen und des Substanzschwundes ein Unternehmen zu stetig aufwärtsführender Entwicklung zu bringen — dazu bedarf es energischer Tatkraft, Entschlossenheit, Mutes und unbeugsamen Willens. Diese Eigenschaften ihres Seniorchefs, Max Schiffmann, hat die Firma Brüder Schiffmann es zu danken, daß sie heute das tonangebende Haus der Modebranche ist, daß sie ein geradezu volkstümliches Unternehmen besitzt, dessen Ruf der Solidität und Erstklassigkeit weit über die Grenzen des kleinen Oesterreich hinausgeht und ein weithin leuchtendes Beispiel für die Schaffenskraft guten österreichischen LTnternehmergeistes bildet. (Entgeltlich) Antisemitenspiegel Feigheit ist das Charaktermerkmal des Antisemiten Der wahre Antisemit — Couleur und Firma, unter der er seine Gemeinheiten begeht, sind dabei Nebensache — verschmäht es, seinen Widersacher von Angesicht zu Angesicht zu stellen. Er zieht die Anonymität, den Hinterhalt, die sichere Deckung einem offenen Kampfe vor. Würde man die Geschichte des Antisemitismus und aller seiner Abarten auf Grund der von seinen Geschäftsträgern abgegebenen Schüsse, geführten Dolchstöße und in die Welt gesetzten judenfeindlichen Presseangriffe schreiben, so ergäbe sich mit Sicherheit, daß die meisten Schüsse meuchlings abgegeben, die Dolchstöße von hinten geführt wurden und die gedruckten Angriffe verleumderische Märchen sind, für welche der feige Erfinder nicht eintreten will, weil er seinen Lebenszweck darin erblickt, trübe, schmutzige Quellen des Judenhasses zu fabrizieren und sie verseuchend fortwirken zu lassen. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten in Deutschland kennt diese mit dem Hakenkreuz geeichten Tugenden der Antisemiten und läßt sich keine Gelegenheit entgehen, die völkischen Helden zu zwingen, Mut und Farbe zu bekennen. Aber der Antisemit bleibt sich in allen Lagen treu; stolz lehnt er es ab, sich von Juden Mut aufzwingen zu lassen und kneift lieber hundertmal aus, als einmal für seine Handlung einzustehen. Seit fast einem Jahr versucht der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten und sein Breslauer Gruppenvorstand, Dr. E. Fr a e n k e 1, den Schriftleiter der »Schlesischen Volksstimme«, einer der Ablagerungsstätten des antisemitischen Geistesdüngers, wegen einer in seinem Blatte an dem Bund und an Dr. Fraenkel begangenen schweren Ehrenbeleidigung vor Gericht zu stellen, aber es gelingt nicht. Als die Breslauer Ortsgruppe im vorigen Jahre ihre Jahresversammlung abhielt, erklärte das Blatt nach antisemitischer Sitte, daß die Mitglieder des Bundes jüdischer Frontsoldaten sich im Felde feige benommen hätten, um sich vor dem Kampfe zu drücken, während von Dr. Fraenkel, der drei Jahre im Felde gestanden hatte und schwer verwundet worden war, behauptet wurde, daß er während des ganzen Krieges als Beamtenstellvertreter im Breslauer Gamisonskommando gewesen sei. Die Kläger haben alles aufgeboten, damit der großmäulige Antisemit in die Lage komme, seine, eigentlich gegen das gesamte Judentum gerichtete Beschuldigung zu beweisen. Aber nicht umsonst ist der Schriftleiter der »Schlesischen Volksstimme« Antisemit, er tut das, was er den Juden, ohne es zu beweisen, vorhält, er drückt sich. Zu der Verhandlung, die vor einigen Tagen hätte stattfinden sollen, sandte er ein Schreiben, in dem er bekanntgab, daß er sich »auf Wahlreise« befinde. »Auf Wahlreise« klingt wie etwa »auf Bierreise«, Da kann er ungehindert alle von ihm erfundenen Lügen und Tatsachen verbreiten, vor deren Wahrheitsbeweis er sich mit eiserner Konsequenz herumdrückt. Das Gericht beschloß, den mutigen Hakenkreuzler zum nächsten Verhandlungstermin polizeilich vorführen zu lassen, vorausgesetzt, daß der Polizeibeamte ihn auch wird antreffen wollen. Die Charakteristik der Antisemiten könnte man übrigens getrost ihren Führern selbst überlassen, wüßte man nicht, daß den gegeneinander strebenden Führern die Erkenntnis von der Minderwertigkeit des Konkurrenten stets sehr spät beredten Ausdruck findet und bis dahin die gemeinsam vollbrachten Gemeinheiten schon nicht zu reparierendes Unheil angerichtet haben. Was alles mußte vorgegangen sein, bis sich dfe Leuchte der deutsch-völkischen Freiheitspartei, Jürgen von Ramin, zur folgenden Erkenntnis durchgerungen und sich in einem »Führer und Gefolgschaft“ überschriebenen Artikel im „Deutschen Tageblatt“ ausgesprochen hat?! »Ein charakterlich hochwertiger Führer ist kein Demagoge. Ich hoffe, daß die Demagogen sich mehr und mehr in der H i 11 e r-B e w e g u n g sammeln, denn es gibt nichts Dümmeres als die Redensart, man müsse den Gegner mit dessen Waffen bekämpfen. Man bekämpft die Finsterlinge aber nicht durch Vermehrung der Finsternis, sondern indem man die Fackel der Wahrheit leuchten läßt. Es ist grotesk, wenn mir neulich ein Nationalsozialist sagte, Hitler sei größer als Bismarck....« — Es ist immerhin schon etwas, wenn der Jürgen den Hitler erkennt und richtig einschätzt. Aber uns Juden ist es schließlich gleichgültig, unter wessen Größenwahnsinn, Demagogie und antisemitischer Geschäftspolitik wir leiden und zugrundegerichtet werden. Unsere Aufgabe kann nur darin bestehen, uns gegen alle judenfeindlichen Unternehmungen zu wappnen. Man wird die Juden in ihrem Kampfe gegen ihre Verfolger mit der Wissenschaft der Naturgeschichte des Antisemitismus und seiner Führer ausrüsten müssen. Verlangen Sie den reichhaltigen Katalog über die Sammlung illdischer Nuslk mit den Werken von J. Achron, E. Bloch, J. Engel, M. Gnessin, H. Kopit, D. Milhaud, M. Milner, S. Rosowsky, J. Stutschewsky, J. Weinberg und vielen anderen Zusendung an Interessenten kostenlos UNIVERSAL* EDITION A.-G. WIEN I, KARLSPLATZ Nr. 6 Aberglaube hat schon oit Antisemitismus erzeugt und Aberglaube kann ihn auch verscheuchen Diese Beobachtung finden wir in einem Privatbrief, den ein nach Smyrna ausgewanderter Jude an seine in Rumänien lebenden Verwandten geschrieben hat. Vor mehreren Monaten hat in ganz Kleinasien eine heftige antisemitische Agitation begonnen, die um so gefährlicher war, als sie, offenbar von geübter europäischer Hand gelenkt, sich den primitivsten Aberglauben der Orientalen zunutze machte. Arabischer und griechischer Konkurrenzneid wurde gegen die Juden angefacht und die Juden gerieten in eine sehr gefährliche Situation. Da kam plötzlich das furchtbare Erdbeben, von dem ein großer Landstrich in Kleinasien verwüstet wurde. Die Juden zitterten um ihre Habe und ihr Leben, nicht nur weil sie von der Elementarkatastrophe genau so bedroht waren, wie die übrige Bevölkerung, sondern auch weil sie im Gedenken an die historisch-traurigen Judenmassakers im Gefolge einer Katastrophe, für welche die Juden verantwortlich gemacht wurden, allen Grund hatten zu fürchten, sie könnten auch jetzt nach dem Erdbe|en als die »Verzauberer des Bodens«, die mit dem Engel der Vernichtung im Bunde stehen, der Verzweiflungswut des so arg heimgesuchten Volkes preisgegeben werden. Dazu kam das seltsame Spiel des Zufalles, daß die von Juden bewohnten Häuser in Smyrna und Umgebung von der Vernichtung durch die Erschütterung des Bodens verschont geblieben waren. In Smyrna, wo mehrere hundert Häuser zerstört wurden, haben die Häuser der Juden nur geringen Schaden gelitten. In dem Marktflecken Torbali, der fast völlig vernichtet ist, sind bloß drei am äußeren Ende stehende Häuser unversehrt geblieben, deren Besitzer zufällig Juden sind. — Diesmal hatte der Aberglaube glücklicherweise keine judenfeindliche Wirkung. Das in Verdummung lebende Volk erblickte in der Errettung der Judenhäuser ein Wunder Gottes und änderte plötzlich seine bisher feindselige Haltung gegen die Juden so sehr, daß, als bekannt wurde, daß in einem Dorfe in der Nähe von Torbali der einzige dort lebende Jude im Begriffe sei, nach Stambul zu übersiedeln, die Dorfbewohner unter Führung ihres Aeltesten, der bis dahin zu den führenden Judenfeinden der Umgebung gehört hatte, bei dem Juden erschienen und ihn baten, das Dorf nicht zu verlassen. »Du wirst unser Dorf vor weiterem Unglück bewahren!“ riefen diie erschrockenen Leute. Dem Beispiel von Torbali folgten auch andere Ortschaften und so hat der Aberglaube den Antisemitismus in jener Gegend von Kleinasien bis auf weiteres zum Verstummen gebracht. Fachärztlich erwiesener Blödsinn ist ein antisemitisch-völkisches Auskunftsmittel Es bewährt sich zumeist, wenn irregeführte, aufgehetzte Jugend die Schlagworte der in sicherer Deckung agierenden Führer ernst nimmt und getreulich ausführt, dann, trotz aller Bemühungen der Gerichtsbarkeit nicht entzogen werden kann. Dann muß der Gerichtsarzt rettend einspringen, indem er in leichteren Fällen die Verblödung, bei schwereren Delikten und Kapitalverbrechen den gefährlichen Irrsinn des in die Schlinge geratenen Werkzeuges der antisemitischen Führer bescheinigt. Auf diese Weise sollen, wie es scheint, auch die Schändungen jüdischer Friedhöfe in Deutschland gerichtsamtlich erledigt werden, vorausgesetzt, daß die Täter beim besten Willen nicht entweichen können und vor Gericht gestellt werden müssen. So kam es auch vor einigen Tagen in Köln zum Freispruch der Ackergehilfen Peter Schänder und Heinrich Ecken, die im Dezember 1926 auf dem israelitischen Friedhof in Kerpen bei Düren mehrere Grabsteine umgeworfen sowie Marmorverzierungen und Einfriedungen der Grabmale beschädigt hatten. Die Täter waren geständig, aber das Schöffengericht ging dennoch unter Berufung des § 51 des Strafgesetzes mit Freispruch vor, »da die geständigen Täter nach dem Urteil des medizinischen Sachverständigen vollkommen verblödet sind und kaum über die geistigen Fähigkeiten eines sechsjährigen Kindes verfügen«. Es ist nicht klar ersichtlich, welche Handlung der Angeklagten den Psychiater zu seinem Gutachten veranlaßte. Ist es vielleicht das Geständnis der Tat oder das Sicherwischenlassen, woraus der Gerichtsarzt auf die Verblödung der Täter schließt? In der Wahlzeit blüht das Geschält antisemitischer Verhetzung Da fließt sichtbar oder durch unsichtbare, unterirdische Kanäle Geld in die stets aufnahmsgierigen Taschen der antisemitischen Preßkanaille. Es handelt sich ja nicht immer um Mandate, die die einzelnen judenfeindlichen. Fraktionen einander abjagen wollen, sondern bloß um die Verhetzung der Wählerschaft gegen die Juden und vor allem darum, daß der Judenhaß in Siedehitze versetzt werde, damit er auch nach den Wahlen für das Geschäft der Führer nutzbar gemacht werden könne. Und will etwa das dumme Volk nicht folgen, versucht es, sich der Diktatur irgend einer der abgewirtschafteten Größen zu entziehen, dann geht man zur Daumenschraube der Erpressung, der Drohung, der Untergrabung der Existenz des Widerspenstigen über. Die Deutschnationale Volkspartei in Deutschland scheint im gegenwärtigen Wahlkampf nicht die gewünschte Gefügigkeit ihrer vermuteten Anhänger anzutreffen, denn in verschiedenen Wahlkreisen sind ihre Flugblätter auf einen verzweifelten, aber energischen Ton gestimmt. So hat die Partei in Münsterberg ein Flugblatt herausgegeben, in dem folgende Sätze zu finden sind: „Wir aber, die wir in schwerster Stunde, gleich den Soldaten an der Front, unser Vaterland bis zum Letzten verteidigen, werden den Lauen und Gleichgültigen durch wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Boykott zwingen, daß uns nichts mit ihnen verbindet." Da gewinnt man einen lehrreichen Einblick in die Werkstätte antisemitischer Gesinnungsfabrikation. Widerspenstige Antisemiten werden bestraft Wenn Antisemiten jemandem ein Verbrechen oder sonst eine Gemeinheit androhen, so ist es am besten, sich rechtzeitig aus dem Staub zu machen, denn in diesen Dingen hält der Antisemit Wort. Diese Sentenz brachte der ruinierte Sohn einer alten ungarischen Gentryfamilie, Koloman B o g y a y von Varbogya und Nagymad, zu seiner Legitimation vor, als er sich an führende jüdische Stellen in Budapest um Unterstützung und Förderung wandte. Herr von Bogyay, dessen Bruder übrigens „k. u. k. Kämmerer" ist, hatte sich einen kleinen Vermögensrest gerettet, mit dem er nun in Philosemitismus spekulieren wollte. Er hatte etwas vom Abflauen des Antisemitismus in Ungarn läuten gehört und er erinnerte sich noch aus der guten alten Zeit, daß sich von Juden gut leben läßt, besonders wenn man in einer als judenfeindlich verrufenen Sommerfrische, wie in S z e m e s am Plattensee, eine Pension eröffnet und annonciert, daß Juden nicht unerwünscht seien. Aber Herr von Bogyay hat sich geirrt. Vom Abflauen des Antisemitismus wird nur gesprochen, in Wahrheit treibt er besonders in den älteren und neueren Badeorten längs des Plattensees in unverringertem Maße sein Unwesen. Besonders in Szemes wird strenge darauf gesehen, daß kein jüdischer Badegast in den Ort komme. Schon am Bahnhof gibt es ein förmliches Verhör nach Stand und Konfession. Auf dem Wege zum Strand warnt eine große Tafel: „Juden ist das Baden im Strandbad verböte n!“ Um aber ganz sicher zu sein, wird jeder neue Gast im Gasthaus oder Kaffeehaus nochmals auf Gewissen gefragt, ob er nicht Jude sei. Und in diesem Badeort wollte H^rr von Bogyay an jüdischen Badegästen reich werden,' oder wie er sagt, philosemitische Pionierarbeit leisten. Er hat diese