Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1928)
- Date
- 1928-05-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 21 DIE STIMME Seite 5 Mitteilung des Präsidenten der dortigen Unabhängigen Loge Bne Bfith, Alfred M. Cohen, diese Loge eine Aktion zur Unterstützung der jüdischen Gemeinden in Philippopel, Tschirpan und Haskowo in Bulgarien sowie der in Kleinasien durch die Erdbebenkatastrophen beschädigten Gemeinden eingeleitet. - Ein sephardischer Weltkongreß? Ein Gespräch mit Abraham Recanati (Saloniki). Auf dem in Wien stattgefundenen sephardischen Kongreß wurde, wie noch erinnerlich, eine sephardische Konföderation begründet, welche einheitlich die kulturelle und politische Arbeit unter den sephardischen Juden durchführen soll. Zur Leitung dieser Arbeit wurde eine Exekutive in Palästina und eine Galuth- Exekutive, eingesetzt. Es scheint nun in der letzten Zeit ein gewisser Antagonismus zwischen den sephardischen Organisationen ln der Galuth und in Palästina zu herrschen, insbesondere seit dem Memorandum, welches die Jerusalemer Exekutive im Vorjahre an die Minderheitenkonferenz gerichtet hatte und in dem sie Beschwerde darüber führte, daß die Sephardim in Palästina von der Zionistischen Exekutive nicht genügend Berücksichtigung finden. Im Zusammenhang mit diesen Meinungsverschiedenheiten hat der bekannte sephardische Führer Abraham Recanati, Herausgeber der Wochenschrift „Pro Israel" in Saloniki, sein Mandat als Mitglied der sephardischen Galuth-Exekutive zurückgelegt. Herr Recanati weilte in den letzten Tagen in Wien und gab bei dieser Gelegenheit zusammen mit dem Oberrabbiner der Wiener sephardischen Gemeinde, Dr. N. 0 v a d j a, einem Mitarbeiter unseres Blattes Aufklärungen über verschiedene Fragen der sephardischen Bewegung. „Zu meinem Rücktritt aus der sephardischen Galuth- Exekutive" — erklärte Herr Recanati — „habe ich mich entschlossen, da wir trotz unserer Bemühungen, in aen Galuth-Ländern gemäß den Resolutionen der Wiener Konferenz zu wirken, von der Jerusalemer Leitung der Konföderation nicht nur keine materielle, sondern auch keine moralische Unterstützung empfingen. Ich bin der Meinung, daß die Jerusalemer Leitung der sephardischen Konföderation direkt alle Verantwortung trägt für jenen Antagonismus, .welcher seit kurzem zwischen mehreren sephardischen Organisationen im Galuth einerseits und der Leitung andererseits herrscht. Dieser kam zum Ausdruck anläßlich des Memorandums der Jerusalemer sephardischen Exekutive an die Minoritätenkonferenz. Zu dieser Taktlosigkeit, welche die Autorität der sephardischen Konföderation eher untergräbt als stärkt, wäre es allem Anschein nach nicht gekommen, wenn sich die Exekutive immer — und besonders in dieser Angelegenheit — rechtzeitig mit der Galuth-Exekutive der Konföderation ins Einvernehmen gesetzt hätte. Außerdem — und das ist Herrn Recanati das Wichtigste — hat die Leitung der Konföderation während der vergangenen drei Jahre keine Schritte unternommen, um die Realisierung des in Wien festgelegten Programmes hinsichtlich der kulturellen Arbeit unter den Sephardim in den Galuth-Ländern in Angriff zu nehmen. Ich sehe in der Kulturarbeit und Aufklärung die Hauptaufgabe der sephardischen Bewegung. Und gerade in dieser Hinsicht hat die oberste Leitung der sephardischen Konföderation, welche über die Mittel verfügt, nichts geleistet, ja, ich behaupte sogar, nicht einmal den guten Willen dazu gezeigt. Die Aufbringung von Mitteln für eine Bank und die recht enge Aktion für die Ansiedlung von Fischern aus Saloniki in Palästina sind keine ausreichenden Leistungen. Um in diesen Dingen eine Besserung zu erzielen, will ich gemeinsam mit Oberrabbiner Dr. O v a d j a mit den übrigen Mitgliedern der sephardischen Galuth-Exekutive in Fühlung treten und in einem sephardischen Zentrum am Ba 1 k a n eine Konferenz einberufen, Diese hätte zur Aufgabe, zu der bisherigen Arbeit der Jerusalemer Leitung kritisch Stellung zu nehmen und alle aktuellen Fragen der sephardischen Gemeinschaften in den Galuth- Ländern zu erörtern, um hieraus die gemeinsamen kulturellen Bedürfnisse festzustellen. Die Konferenz soll schließlich die Initiative zur Einberufung des allgemeinen sephardischen Weltkongresses geben." Die Gehetzten Das Breslauer Amtsgericht hatte sich kürzlich mit einem besonders krassen Fall eines Staatenlosen zu beschäftigen. Es hatte einen gewissen H. verhaften lassen, der hier ohne Paß angetroffen wurde. H.'s Vater war Oesterreicher und mit seiner Familie am Ende des vergangenen Jahrhunderts von Wien nach München gezogen. Dort hatte er im Jahre 1912 die Entlassung aus dem österreichischen Staatsverbande erhalten. Bevor er jedoch seine Absicht verwirklichen konnte, die bayrische Staatsangehörigkeit zu erwerben, brach der Krieg aus. Der junge H„ der jetzt hier verhaftet, wurde nunmehr in Oesterreich eingezogen und Itiämlpfte im österreichischen Heere an der Front. Nach Kriegsende kehrte H. nach München zurück und hatte dort seinen Erwerb. Im Jahre 1925 ließ er sich eine Hehlerei zu Schulden kommen, was die bayrische Regierung sogleich zum Anlaß nahm, um ihn aus Bayern auszuweisen. Oesterreich aber wollte, trotzdem er für diesen Staat seine Haut zu Markte getragen hatte, nichts von ihm wissen und erklärte, er sei im Hinblick auf die Entlassung seines Vaters im Jahre 1912 nicht mehr Oesterreicher. Er wurde nach der Tschechoslowakei abgeschoben. Dort wurde ihm bedeutet, daß er auch da nicht heimatsberechtigt «ei. Man schaffte ihn von Preßburg von einer Station zur andern, bis er schließlich an der deutschen Grenze bei Oderberg angelangt war. Dort übergab man ihn den Grenzbeamten, die ihn aufforderten, sofort über die „grüne Grenze" nach Deutschland zu gehen und sich in der Tschechoslowakei sieht mehr blicken cu lassen. So kam H. wieder nach Deutschland zurück, und wurde wegen Bannbruchs in Breslau inhaliert, den« der buyrtsohe Ausweisungsbefehl erstreckte sich auf das ganze deutsche Reichsgebiet, Das Landgericht hat den Haftbefehl gegen H. aufgehoben, indem es erklärte, daß H. sich in einem die Strafbarkeit ausschließenden Notstände bei Ueberschreitung der deutschen Grenze befunden habe. Vielleicht wird ein so krasser Fall endlich dem Völkerbund Veranlassung geben, sich über die Behandlung der Staatenlosen schleunigst zu einigen. Sir Alfred Mond bei Mussolini Die Möglichkeiten in Palästina. Der Präsident des britischen Chemietrusts, der bekannte englische Politiker und zionistische Mitarbeiter Sir Alfred Mond, traf auf der Rückreise aus Palästina, wie aus Rom berichtet wird, dort ein. Er wurde vom Ministerpräsidenten Mussolini in Audienz empfangen. In einem längeren Gespräch schildert Sir Alfred dem italienischen Premier seine Eindrücke der letzten Palästinareise und betonte den Fortschritt des jüdischen Aufbauwerkes in Erez Israel. Mussolini bekundete für die Ausführungen des Politikers lebhaftes Interesse und drückte seine warme Sympathie für die jüdische Kolonisationstätigkeit in Palästina aus. Zu Ehren Monds veranstaltete das italienische Pr o-P a 1 ä s t i n a-K o mi t e e ein Bankett, dem zahlreiche führende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens Italiens beiwohnten. Der Vizepräsident des Komitees, der frühere Finanzminister de S t e f a n i, begrüßte den Gast in herzlichen Worten; Sir Alfred Mond erwiderte mit einer längeren Ansprache, in welcher er die verschiedenen Phasen der zionistischen Palästina-Arbeit beleuchtete und zu dem Schluß kam, daß Palästina für jeden, der sich wirtschaftlich und finanziell dort betätigen will, sehr große Möglichkeiten bietet. Dreimal weilte ich in Palästina, fuhr Sir Alfred Mond fort; und jedes Mal kam ich mit einem gestärkteren Glauben an das Land und seine Zukunft zurück. Juden aus allen Ländern haben dort eine jüdische gesellschaftliche Ordnung geschaffen. Eine neue geistig und physisch gut entwickelte Jugend hat ihr Schicksal mit dem des Landes verknüpft und bearbeitet den Boden mit Anstrengung, aber mit Erfolg. Hier hat sich die sprichwörtlich gewordene jüdische Beharrlichkeit in gutem Sinne bewährt. Sir Alfred Mond beleuchtete dann ausführlich die gegenwärtigen wirtschaftlichen Bedingungen in Palästina und sagte, daß der Bau des Hafens von Haifa, der der größte Hafen im Mittel¬ TUCHHANDLUNO „ZUR SCHÄFERIN« ALBERT HARDT WIEN I, FREISINGERGASSE 1 (Bcka Bauernmarkt) •o« Original englische Damenmäntel- und. Herrenmodestoffe „Zionistische Politik" Gesammelte Aufsätze von Dr, Hans Kohn und Dr. Robert Weltsch. Eine einheitliche Gesinnung ist .das innere Band, das diese gesammelten Aufsätze der beiden Autoren* Zusammenhalt. Sie sind iaus der Prager Studentenvereinigung „Biar Kochba" hervorgegangen, die dem Zionismus eirnie ganze .Reihe .geistiger Führer gegeben Ihiat, die in ihrer Entwicklung aufs stärkste durch Martin Buber ‘beeinflußt worlden sind. Für sie ist der Zionismus „untrennbar verknüpft mit dem Glauben an den Sieg menschlicher Ideen, der Idee der Gerechtigkeit, der Idee einer wahren lebensverbundenen Gemeinschaft". Diese Worte stehen in einem Artikel, den Dr. Weltsch 1921 — angesichts des damals drohenden Sieges des Legionsgedankens — geschrieben hat, der von moralischer Leidenschaft, politischer Einsicht und tiefstem Verantwortungsgefühl erfüllt, den Höhepunkt .dieses im Verlag Dr. R. Fischer, Mähr.-Ostrau, erschienenen Sammelbandes bildet. Im ersten Teile des Buches werden vorwiegend von Dr. H. Kohn tiefschürfende Analysen der Ideen der geistigen Führer des Zionismus .gegeben Und Fragen der jüdischen Weltanschauung behandelt, der zweite i'st den politischen Problemen gewidmet, In der .besonderen Hervorhebung und .Betonung gewisser Grundanschauungen der großen zionistischen Denker — im ersten Teil — sieht m.an deutlich, welcher Art der Zionismus ist, für den beide Autoren mit ihrer Lebenarbeit eintreten: Es ist der geistig-sittliche, der als solcher ebenso notwendig bestimmt ist, durch die „Tafel der Werte", die über dem Judentum aufgerichtet ist, als .durch die Macht der Tatsachen: daß bei der Verteilung der Gewalten von heute es ein Gratis auf der Strassenbahn am Dolus-Kindertag, Samstag, den 16. Juni. Das Prater-Paradies gratis! — Die größte bisherige Reklameveranstaltung. Für 1 bis 3 Dolus-Buchstaben Volksbelustigungen aller Art; für 2 Buchstaben großer Reklame-Juxbasar (jedes Los gewinnt); für 3 Buchstaben sensationelle Variete-Vorstellung, mit Luftattraktionen usw, Juxbasar-Lose und Straßenbahn-Fahrscheine im Vorverkauf. Um überflüssiges Gedränge am Dolus-Tag zu vermeiden, werden die Karten zur Variete-Vorstellung am Olympia- Platz, die Juxbasar-Lose und die Straßenbahn-Fahrscheine für Kinder ab 1, Juni 1928 in allen bekannten Bezirks-Einlösestellen der Dolus und im Zentralprämienbureau, Wien XVII., Ottakringerstraße 24, abgegeben. Dolus-Buchstaben sind in jeder Dolus-Schuhcreme, Dolus-Fußboden-Pasta und in jeder blauen Packung des altbewährten Meta-Seifenpulvers eingelegt. ländischen Meere werden wird, sowie die Verwirklichung des gigantischen Ruthenberg-Projektes der Elektrifizierung Palästinas die Wirtschaftslage des Landes mit einem Schlage heben werden; der Boden für eine neue zukunftsreiche Industrie wird dann vorbereitet sein. Zu allem aber sind Zeit, Geduld und Geld notwendig. Dank dem Idealismus der jüdischen Pioniere wird in Palästina im Verlauf der Zeit für 2 Millionen produ ktivarbeitender Juden Platz sein. Diese Einwohnerschaft wird ein gesundes Fundament für eine neue jüdische Kultur bilden. Palästina hat die letzte Krise bereits überwunden, ein Zeichen für seine wirtschaftlich gute Fundierung. Ich selbst, schloß Mond, habe nach jeder meiner Palästina- Reisen immer größere eigene Kapitalien im Lande investiert. Gegenüber Pressevertretern kam Mond auch auf das Projekt der Palästina-Anleihe zu sprechen und sagte, er halte den Plan einer Palästina- Anleihe für durchaus realisierbar, vorausgesetzt, daß entsprechende Sicherheiten für die Amortisation geschaffen werden. Die Umwandlung der hebräischen Universität in eine Lehrhochschule Der akademische Rat der hebräischen Universität in Jerusalem wird am 3. Juni in London zu einer Sitzung zusammentreten; dieser schließt sich am 4. und 5. Juni eine Beratung des Direktorenrates der Universität an. Wie verlautet, hat das Professorenkollegium der Universität einen bis in alle Einzelheiten durchgearbeiteten Entwurf betreffend die Umwandlung der hebräischen Universität zu Jerusalem in eine Lehrhochschule, die den Studierenden akademische Grade und Diplome verleiht, fertiggestellt. Der Entwurf dürfte bereite der Sitzung des D>- rektorenratee zur Entscheidung vorliegen. Wahnwitz wäre, wollte das jüdische Volle .die landläufigen Methoden der Politik nachiah,men und sein Heil anderswo suchen, als in der eigenen schöpferischen Leistung. Deshalb ist die .sittliche Forderung des Zionismus vor allem an die Zionisten .selbst zu richten und der Kampf aufzunehmen gegen Illu- ^sionisimis, Selbstüberschätzung, reine Postulatenpolitik und das Liebäugeln mit der Gewalt. Diese Art von Zionismus, für die Roibert Weltsch trotz starken Anfeindungen seit Jahren in der „Jüdischen Rundschau" kämpft, ihat iMoses Heß und Achad Haam zu ihren Vätern, und es ist darum ‘begreiflich, wenn Hans Kohn (im ersten Teil des Buches) gerade bei dem Gedanken dieser Führer und ihrer Deutung liebevoll verweilt. Er findet dtabei ein .ausgezeichnetes Wort gegen die extremen Politiker, die meinen, daß die Aufrichtung geistiger Ziele eine schwächliche Literatensache ist. Er sagt (S. 79); „Es gibt ein zweifaches Verhältnis von Politik und Geist. Der Geist kann der Politik dienen, und dies ist heute allgemein üblich .,. Aber es ist auch eine Politik denkbar, die dem Geist dient.. Eine solche Politik und eine solche Gesinnung“ (H. K. spricht vorher von der 'Gesinnung der Propheten) „würden erst Herzls Traum gerecht .werden: daß nämlich die jüdische Siedlung in Palästina von allmenschlicher Bedeutung sei." Die Aufsätze politischer Natur, meist von Dr. Weltsch, geben zusammengenommen, eine vollständige Auseinandersetzung mit allein zionistischen Fragen. Vielleicht wird es jetzt, wo .man .in einer Reihe von Aufsätzen die systematische Anwendung dieser Grundeinstellung kennen lernt, klar, daß die von den extremen Politikern ihr gegenüber in herabsetzendem Sinne gebrauchte Bezeichnung „Ideologie" ganz mißverständlich angewendet wird. iDenn diese Politiker meinen, daß jede geistige Grundeinstellung eigentlich Verstiegenheit, Illusionismus usw. sei, .angesichts der harten Wirklichkeit. Illusionismus ist «Iber gerade ihre eigene Einstellung: Majorität in 5 Ibis 10 Jahren, Judenstaat, Legion usw., während der nüchterne politische Sinn, der genau unterscheidet zwischen dem Wirklichen und dem Möglichen zwischen der Aufgabe und den vorhandenen Kräften, sie zu lösen, auf Seite der „Ideologen" ist, so wie der Schöpfer des geistigen Zionismus Achiad Haam gleichzeitig «Mich der uabeetechiHchete Feind «Iler Selbstt&u-