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Die Stimme · 1928-05-24 · Heft 21 (24.5.1928) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 21 (24.5.1928)
Date
1928-05-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 OIE STIMME Nr. 21 Tuchhaus Münz Wien I. Irtfgasi« 4 und Krintrfiii« 11 Zugang i Rolanturmstraan 11—11 Import original englischer und schottischer Damen- und Herrenstoffe Detailverkauf zu Engrospreisen mm Präsident Weizmann in Amerika: Der Präsident der Zionistischen Weltorganisation (X) im Kreise der Leiter der Palestine- Appeal-Campagne. beherbergte, hat seit einigen Wochen nun auch das Moskauer akademische jiddische Theater zu Gastrollen. Die Aufführungen fanden bei Presse und Publikum eine geradezu begeisterte Aufnahme. Ueber die rein künstlerische Seite wurde in den Spalten dieses Blattes bereits berichtet. Es soll hier nur auf den Wandel der Zeiten hingewiesen werden. Auch hierzulande hat man in der Beurteilung jüdischer Probleme allenthalben zugelemt. Vor noch 20 Jahren existierte für die jüdische und nichtjüdische Oeffentlichkeit in Deutschland kein jüdisches Volk, war alles Ostjüdische eine Angelegenheit, über die man in der ,,guten Gesellschaft“ nicht sprach. In jüdischen Kreisen erblickte man in allem, was mit Ostjuden zusammenhing, etwas Rückständiges, Mittelalterliches und mit der hohen europäischen Kultur und Zivilisation nicht Vereinbarliches. Und jetzt — stürmen die „Israeliten“ Berlin, als Intellektuelle und Besitzende, täglich das Moskauer jiddische Theater. Die von Juden dieser Einstellung geführten und gelesenen Zeitungen wetteifern in Lobeshymnen auf das hohe Talent und dem Genius jener Ostjuden, die jiddisch sprechen, mit den Armen schlenkern und den Ghettojuden im Kaftan mit Pajes darstellen. Den ostjüdischen Künstlern wird Heimatsrecht in Europa zuerkannt, auch in den erlesensten Kunststätten; man ist geschmeichelt, daß Angehörige der eigenen Gemeinschaft soviel Ehre verursachen. Diese Haltung wird auch vom Zentralorgan des C. V. fCentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens) der Berliner Assimilanten geteilt. Wie ein aufgetauter Ton einer vor dreißig Jahren eingefrorenen Assimilationstrompete muß dagegen die einzelne negative Beurteilung im Chorus — die jüdisch-liberale Zeitung — wirken. Wandel der Zeiten! * Die „Krise“ im Berliner jüdischen Gemeindeleben, welche die liberale Presse mit großem Pomp verkündete, ist vorüber. Gemeindevorstand und Repräsentantenversammlung sind eifrig an der Arbeit, die Unterlassungen der letzten Jahre, eine Folge der Sabotage der liberalen Partei, wieder gutzumachen. Wichtige Auf gaben sind erledigt. Die Frage der Verwaltung ist angeschnitten, eine Neuordnung der Dezernate getroffen, die Besoldungsreform durchgeführt, die Vorarbeiten für ein umfassendes Bauprogramm sind getroffen. Die eigenartige Auffassung der Liberalen den Gemeindeaufgaben gegenüber hinderte diese in den letzten Jahren an der Durchführung mancher wichtiger Arbeiten, welche dank des steten Anwachsens der Gemeinde erforderlich waren. In den letzten zehn Jahren sind in verschiedenen Punkten von Groß-Berlin neue jüdische Zentren entstanden, so in Schöneberg und Wilmersdorf und Charlottenburg. Für diese neuen Mittelpunkte sind Einrichtungen nötig, wo sich das jüdische Leben konzentrieren könnte. Das an sich umfangreiche Wohlfahrtswesen der Gemeinde reicht schon lange nicht für die tatsächlichen Bedürfnisse aus. Es sollen neue Altersversorgungsheime entstehen, die Krankenpflege muß ausgebaut werden. Vor allem aber müssen im Interesse der Jugenderziehung neue Institutionen geschaffen werden. Die Verwaltung der Gemeinde ist sich dieser Pflichten bewußt und macht alle Anstrengungen, um ihr gerecht zu werden. Das vor einigen Wochen vom Jugendamt der Gemeinde veranstaltete Hallensportfest war ein deutliches Symptom dafür, daß es Methoden und Wege gibt, weite Kreise der Judenheit zu gemeinsamen Aufgaben zu vereinigen. In Wilmersdorf (ein Bezirk Berlins) soll in der nächsten Zeit eine Synagoge entstehen, die nicht nur den Zwecken des Kultus dienen, sondern als ein zentrales Vereins- und Versammlungshaus für die Juden des Berliner Westens gelten soll. Auch die Pläne für das Altersversorgungsheim dürften in der nächsten Zeit ihre Verwirklichung finden. Die Gemeinde arbeitet also mit „Volldampf“. Und — so eigenartig es auch klingen mag — die liberalen Vertreter in Vorstand und Repräsentantenversammlung arbeiten fleißig mit. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, so war der Wechsel im Mehrheitsverhältnis in der Berliner jüdischen Gemeinde nur segensreich für die jüdische Bevölkerung, welche der Jüdischen Volkspartei (mit Dr. Klee an der Spitze) immer mehr Vertrauen entgegenbringt. f)a§ KuZfuromf des Zionistischen ßandeshemiiees „IMLoadon dwvi“ veranstaltet am Donnerstag, den 31. Mai 1928, 8 Uhr abends, im Saale des Handelsmuseums,- IX., Berggasse 16, eine Hebräische Vorlesung von Jfehuda £2nenXtnmz. Aus dem Programm: Tschernichowsky, Brenner, Bialik, Bibel u. a. Karten von 70 Groschen bis 2 Schilling im Zionistischen Landeskomitee, I., Kärntnerstraße 28, Hebr. Pädagogium, I., Drahtgasse 4 und Jüdischer Hochschulausschuß, IX., Zimmermannplatz 9. unterbrochen fort, ohne irgend welches Wort- oder Satzzeichen, was als ein Zusatz zum Gotteswort empfunden worden wäre. Auch beim leeren Raum der Sinnabschnitte dürfen keine Abweichungen geduldet werden. Die Zeile wird voll ausgefüllt. Eine Ausnahme bilden nur die poetischen Stücke (11. Buch Mosis Kap. 15 und V. Kap. 32), welche in eigenartig stichischer Weise geschrieben werden. Es gab Schreibkünstler, die nicht nur mit der linken Hand, sondern auch mit dem Handrücken, mit dem Fuße, mit dem Munde und mit dem Ellbogen schreiben konnten, der Sofer, der Thoraschreiber, darf aber all dies nicht. Nur wenfi er linkshändig ist, darf er mit der Linken schreiben. Er beschreibt nur eine Fläche, bei Leder die Haarseite, bei Pergament die Fleischseite, wie es auch in der Antike bei den Papyrusrollen allgemein üblich war. Die Anforderungen, die an den Thoraschreiber gestellt werden, gelten auch für den Korrektor. Der Thoraschreiber ist also Schreiber und Korrektor in einer Person. Er korrigiert seine eigene Arbeit, aber auch sonst schadhaft gewordene Exemplare, indem er Risse, Löcher mittels Pergamentlappen, Nähen usw. nach fixen Vorschriften ausbessert. In alter Zeit gab es Musterkodices, aus denen die Abschriften genommen oder bereits fertige Thorarollen korrigiert wurden. Es existiert aber keine einzige mehr, nur die Namen sind noch bekannt. Aus einer solchen Musterrolle schrieb Maimonides eine Thora für sich ab, um die Pflicht »Jeder Jude muß eigenhändig eine Thora für sich abschreiben« zu erfüllen. In seinem Gesetzbuch hat dann Maimonides in einem eigenen Abschnitt alle auf die Anfertigung einer Sefer-Thora bezüglichen Regeln lichtvoll zusammengestellt und dadurch auf die Folgezeit den größten Einfluß ausgeübt. Wenn wir alle Anweisungen zur Herstellung eines Sefer überblicken, so können wir konstatieren, daß sie samt und sonders einerseits der Dauerhaftigkeit'und der Korrektheit, andererseits der Lesbarkeit und Schönheit des Buches dienen. Starker Schreibstoff, dauerhafte Tinte, gleiche Kolumnen, gerade Zeilen, regelmäßige Schrift, erkennbare Worte und Buchstaben, kein Schreibfehler — ein Buch dauerhaft, schön und korrekt, eine Lust zu lesen, und das Buch ward auch gelesen, denn fast jeder Jude besaß ein Exemplar. Es gibt keine Schreiberzunft, die so ausführliche und entsprechende Schreibregeln geschaffen hätte wie die jüdische Thoraverehrung. Kein altes Buch, weder Homer noch die Evangelien haben einen sicheren Text, einen solchen zeigt nur die Thora, deren Text seit mindestens 2000 Jahren keine Alteration erlitten hat. Die Buchgeschichte kennt kein zweites Beispiel. Der Synagogenrolle hat auch die Erfindung der Buchdruckerkunst nichts anhaben können. Die Synagogenrolle ist noch heute ein antikes Buch, zudem ein Prachtexemplar nach innen und außen — kein Ghettobuch. Keine der vielen Buchrollen der alten Welt, welche der ägyptische Boden in den letzten Jahrzehnten wiedergegeben oder die anderswo gefunden worden, können auch buchtechnisch einer Synagogenrolle an die Seite gestellt werden. Die Thorarolle, welche jeder besitzen sollte und sehr viele auch besaßen, hat das jüdische Volk zur Achtung und Liebe des Buches überhaupt erzogen. Der Inhalt wie die Form der Gesetzesrollen wirkten zivilisatorisch wie kein profanes Buch und kein anderer geistiger Faktor. In der Buchliebe wie in der Leselust aller modernen Völker lebt noch unbewußt und unbemerkt ein Körnchen jener Wirkung, welche einst von der Thorarolle und von den Vorschriften zu ihrer Herstellung ausgegangen ist. Die Leiden der jüdischen Gemeinde von Philippopel (Originalbericht der „Stimme“ aus dem Erdbebengebiet4 j. s. — Philippopel, 17. MaL Es ist schwer, das Unglück zu schildern, das durch das Erdbeben über Bulgarien hereingebrochen ist. Man kann ohne Uebertreibung von einer Katastrophe sprechen, deren Milderung oder gar Heilung noch in weiter Feme liegt; denn heute, fast vier Wochen nach dem großen Erdbeben, wagt es kein Mensch, seine Wohnung zu betreten, da die Erdstöße andauern und die äußerlich noch intakt aussehenden Häuser einzustürzen drohen. Während die im Zentrum der Stadt gelegenen offenen Bazare wenig gelitten haben, ist im Viertel um die Bahnstation, dort, wo sich die großen Tabaklager und Bürgerhäuser befinden, nichts unversehrt geblieben. Die Bewohner Philippopels hausen ausnahmslos in Zelten und Baracken, die gegen Kälte und Nässe nicht genügend schützen. Das Beamtenviertel ist unbewohnbar geworden, eingestürzte Häuser auf Schritt und Tritt bezeugen die Spuren der Zerstörung. Im Viertel der Armen ist nichts als Ruinenschutt zu sehen. Und schließlich das jüdische Vierteil Es ist ein erbarmungsvoller Anblick. Not und Elend schreit einem hier, wo die armen jüdischen Familien leben, mit trostloser Stimme entgegen. Auf den breiten Straßen und freien Plätzen haben die obdachlos gewordenen jüdischem Familien in armseligen Zelten Unterkunft gefunden oder haben sich unter alte Decken, Fetzen, Säcke gebettet. Die Vater sind arbeitslos, die Mütter irren verzweifelt umher, die Kinder sind ohne Schuhe und ohne — Brot. Und damit das Maß des Leides voll werde, ist trübes Wetter mit Regen und Kälteschauern hereingebrochen. Die hilfsbereiten Menschen hier wissen nicht, wo sie zuerst anpacken sollen. Alles ist erforderlich: das tägliche Brot, eine gedeckte Unterkunft, ein ganzes Kleid, da von der Kleidung durch Nässe und Kot nur mehr Fetzen übrig geblieben sind. Eine zweite Frage ist die Behebung der Arbeitslosigkeit und die Schaffung von Erwerb für die Funktionäre der Gemeinde, für die Lehrer, Beamten, Seelsorger, die keine Gagen beziehen können, da in die Gemeindekasse nichts einfließt. Der Aufbau der drei zerstörten Synagogen und brüchigen Schulgebäude ist auch eine Sorge der nächsten Zukunft. Wenn auch Bulgarien, Staat, Stadt und Land, sich bemüht, den von der Katastrophe Betroffenen zu helfen und die begüterten jüdischen Staatsbürger namhafte Beträge für alle ohne Unterschied beigesteuert haben, so ist eine spezielle Hilfe für die unglücklichen Juden nur im geringsten Ausmaß zu erhoffen. Dieses Problem muß mit Vorsicht und Delikatesse behandelt werden, denn wir bulgarischen Staatsbürger jüdischer Nationalität können uns schwer bezüglich einer Hilfsaktion von unseren bulgarischen Leidensgenossen separieren. Eine erfolgreiche Aktion erwarten wir von den Bne-Brith-Logen, bestimmt von der Sofioter Loge „Karme 1“, die schon viel Gutes für arme Juden geleistet hat und deren stilles Wirken allgemein anerkannt wird. Eine andere Aktion konnte der Joint unternehmen, und zwar in Form einer billigen langfristigen Anleihe zwecks Wiederherstellung der Häuser, Schulen und Synagogen sowie von Darlehen an einzelne jüdische Kaufleute, um ihnen die Möglichkeit zu geben, sich eine neue Existenz zu gründen. Im übrigen soll ein Delegierter der Sofioter Bne-Brith-Loge ins Ausland reisen, um eine großzügige Organisation zur Hilfeleistung für die vom Erdbeben betroffenen bulgarischen Juden ins Leben zu rufen. Vorderhand müssen wir uns mit lokalen Hilfsaktionen kleinen Stils begnügen. ft * Wie aus Cincinnati gemeldet wird, hat nach Ein vom Erdbeben zerstörtes Haus im jüdischen Viertel von Philippopel. (Nach einer Originalaufnahme von S. Nissimoff.) - 'i MMW >■ in-» JL

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