Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1928)
- Date
- 1928-05-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 21 DIE STIMME Seite 3 zu schützen. Als das erste Opfer fällt meistens der jüdische Großgrundbesitz. Von einer Jüdischen Kleinkolonisation kann in Polen nicht die Rede sein. Das vor einigen Monaten ausgestreute Gerücht von einer geplanten Trockenlegung von Polesien als zukünftiges Kolonisationsgebiet in Polen für die Juden ist so naiv, daß es sich nicht lohnt, darüber zu debattieren. Man braucht sich nur zu erinnern, daß von polnischer Seite erst vor kurzem eine K o 1 onisationsgesellschaft gegründet wurde, die in Südamerika Boden für polnische Auswanderer erworben hat, um den Landhunger der Bauern vom Großgrundbesitz abzulenken. Und da kommt man uns mit der Legende von einer jüdischen Kolonisation in Polen! Die gesamten Wirtschaftsverhältnisse Polens haben eine schwache Grundlage, demgemäß auch die der Juden. Der Deputierte Grünbaum, ein gediegener Kenner der Verhältnisse, hat ausgerechnet, daß eine Million Juden aus Polen auswandern müßte, um das Gleichgewicht herzustellen und den anderen ein erträgliches Dasein zu ermöglichen. Und nun vergegenwärtige man sich die Lage der Juden in Litauen, Rumänien, das um Siebenbürgen und Bessarabien vergrößert wurde, und man wird sich sagen müssen, daß die Lage nicht viel anders, vielleicht noch viel schlimmer ist, als die ihrer polnischen Brüder. Man wird begreifen, daß unter ihnen der Drang nach Umschichtung und nach Auswanderung sehr stark ist. Es ist ein gefährlicher Aberglaube, zu meinen, daß überall der Antisemitismus die Ursache des Judenelends sei und dieses mit seinem Verschwinden behoben werden würde. Seit Pilsudski in Polen herrscht, ist der Antisemitismus bis auf wenige Reste geschwunden, aber der wirtschaftliche Niedergang der jüdischen Massen vollzieht sich unaufhaltsam, weil er in der Lage der jüdischen Gesellschaft und in der Lage des Landes begründet ist. Der Schwerpunkt der Judenfrage liegt also nicht innerhalb, sondern außerhalb Sowjetrußlands. Es ist schmerzlich festzustellen, daß dies den amerikanischen Philanthropen zu entgehen scheint. Wohin mit den zum Auswandern gezwungenen Juden, die in den Ländern außerhalb Rußlands wohnen? Man sucht für sie in der ganzen Welt nach Einwanderungsländern. Aber Palästina ist das einzige Land, wohin die Einwanderung zugleich Umschichtung bebedeutet. Wo eine Einwanderung nur eine Ortsveränderung und keine A'enderung der wirtschaftlichen Funktion bedeutet, bringt sie nur eine Lage mit sich, in der mit der Zeit ein neuer Antisemitismus erwächst. Der hervorragende amerikanische Volkswirt und Publizist Burton J. Hendrick verrät uns in seinem Buche „The Jews in America“ (London 1923), daß die ganze Antiemigrationsbewegung nur dazu dienen sollte, „to restrict the entrance of Jews from Eastern Europe“ . Das wird früher oder später in allen Ländern geschehen, wohin man jetzt die Juden dirigiert, ohne daß zugleich für einen Übergang der Emigranten aus der wirtschaftlichen Vermittlertätigkeit in die Urproduktion, in die Landwirtschaft und das freie, edle Handwerk gesorgt wird. Palästina ist das Land, wo dieser Prozeß der Umschichtung — freilich unter Schwierigkeiten und Krisen — am intensivsten vor sich gegangen ist. Es ist darum ein unbegreifliches Rätsel, daß dieselben großzügigen amerikanischen Philanthropen, die das Kolonisationswerk der russischen Regierung so reichlich bedenken, den Palästina- Aufbau so stiefmütterlich behandeln. Das Staunen darüber wird umso größer, wenn man bedenkt, daß die russische Regierung durch die Förderung der Judenkolonisation zugleich die Bodenrente, Ergiebigkeit und Handelsbilanz ihres eigenen Landes hebt. Es ist für ein großes und so unermeßlich reiches Land jedenfalls eine fragwürdige Handlung, Geldhilfe vom Auslande anzunehmen, wo es gilt, die eigenen Bürger im Dienste des eigenen Staates wirtschaftlich zu verwenden. Das arme Palästina dagegen ruht einzig und allein auf den Schultern der Juden, den Palästina - Kolonisten schenkt keiner einen Fußbreit Boden. Die russische Regierung kann ihren 2 Prozent Juden auch allein helfen. Aber wer hilft den Millionen und Millionen Juden, denen nur Palästina allein als Zufluchtsstätte bleibt? Ich meine, es würde sich verlohnen, daß man in Amerika über diese Frage nachdenkt. Redaktionsschluß und Schluß der Inseratenannahme Montag um 4 Uhr nachmittags. Wo liegt der Berg Sinai? Der Felsenpalast von Petra (Arabien), jenem Felsenmassiv, das von vielen Geographen und Archäologen für den Berg Sinai der Bibel gehalten wird. Xnnlstfit S&s^ä; Russische Buchhandlung u. Bibliothek Jakob Persky, Wien Fll, Xeehliarlalengatse Nr. 4 / Telephon B-3I-8-S6 Bücher,Zeitungen, Noten, Ansichtskarten Vcrgemn Sie nicht die russisch« Sprache, wenn Ste ihre« kundig aind, erlernen Ste ate, wenn Sie dieee nicht beherrachen. Leset Bücher der Leihbibliothek, die mehr als 6000 Bände alter und neuer Literatur zählt. — Monatliche« Abonnement 2 Schilling. Die Bibliotheksbücher können auch in die Prorinz durch Kreuzband geschickt werden. Brief aus Deutschland Vor dem Delegiertentag des Z. V. f, D. — Das Gastspiel des Moskauer akadem.-jiddischen Theaters. — Aus der Berliner jüdischen Gemeinde, (Von unserem J. L.-Berichterstatter.) Am 27. Mai beginnt in Breslau die diesjährige Tagung der Zionisten Deutschlands, In öffentlichen Versammlungen und in schriftlichen Aufsätzen wird über die Aufgaben des Delegiertentages diskutiert. Die Tagungen der deutschen Zionisten zeichnen sich seit jeher durch ihr hohes Niveau aus, besonders in ideologischer Hinsicht. Nicht selten finden die Beschlüsse der deutschen Zionisten schärfsten Widerhall über die Grenzen dieses Landes hinaus. Und dies mit vollem Recht. Bildet doch die Zionistische Organisation Deutschlands nächst Amerika den aktivsten Teil der Bewegung. Auf der Tagesordnung des diesjährigen Delegiertentages stehen Referate von Kurt Blumenfeld und Dr. Martin Rosenblüth über die zukünftige Gestaltung der zionistischen Arbeit in Deutschland. Außerdem wird ein Vertreter der Exekutive über „Die Lage in Palästina und im Gesamtzionismus“ referieren.. Die Debatte über die zukünftige Arbeit in Deutschland dürfte interessante Momente bringen. Auch hier beginnt man nämlich einzusehen, daß nicht allein befriedigende Leistungen für die nationalen Fonds die Idee stärken, vielmehr macht sich ein starkes Bedürfnis nach einer Erneuerung und V ergrößerung der Bewegung durch positive Organisationsarbeit bemerkbar. In diesem Zusammenhänge hört man viel von einer energisch in Angriff zu nehmenden Kulturarbeit und Propagierung der Idee. Diese tut hier wie überall not. Neben den innerparteilichen Fragen wird auch zweifellos die politische Gesamtlage im Mittelpunkt der Erörterungen stehen. Die letzten Ereignisse im zionistischen Lager Amerikas werden wohl den oppositionellen Gruppen Gelegenheit bieten, diese peinliche, für den Gesamtzionismus außerordentlich wichtige Frage anzuschneiden. Auch über den Stand der Arbeiten der Jewish-Agency-Kommission wird manches gesagt werden müssen. Jedenfalls verspricht die Tagung einen interessanten Verlauf zu nehmen. * Berlin, das in den letzten Jahren die berühmte ,,Wilnaer Truppe“ und die hebräische „Habimah“ Große Auswahl in echten Schlangenschuhen von S 45"- aufwärts Fähige Modespangenschuhe S ii:'Ii Detailverkauf zu Engros-Preisen direkt [in der Fabrik, VII. Bezirk, Kaiserstrasse Nr. Zeile 40—50 Buchstaben und die Kolumne etwa 40 Zeilen. In diesem Punkte haben sich keine festen Regeln ausgebildet. Im allgemeinen kann aber behauptet werden, daß im Altertum die Thora-Rollen kleineres Format hatten als im Mittelalter, wo man die Ehrwürdigkeit des Buches auch bei Nichtjuden schon durch die äußere Grandiosität zum Ausdruck brachte. Das Blatt hängt natürlich von der Größe des bearbeiteten Tierfelles ab. Ist es zu groß, wird es in zwei Teile geschnitten, so daß auf einem Blatte 5 und auf dem anderen Blatte 4 Kolumnen zu stehen kommen. Mehr als 8 Kolumnen dürfen auf einem Blatte nicht angebracht werden. Zwischen den Kolumnen (Spalten) muß ein leerer Raum gelassen werden, ein Interkolumnium, Die einzelnen Blätter werden, nachdem sie beschrieben wurden, zusammengenäht, und zwar mit Sehnen aus demselben Material; aber oben und unten wird ein Stück freigelassen, damit das Buch beim Rollen infolge der »Befestigung« keinen Schaden erleide. Sowohl die jüdische als die nichtjüdische Welt hatte im Altertum die Bücher in Rollen-' form. Unter Buch stellte man sich ausschließlich eine Rolle vor, wie das großartige Bild des Jesaia (Kap. 34, Vers 4) lehrt: »Der Himmel rollt sich zusammen wie das Buch«. Im Gegensatz zur Rolle nennt man das gefaltete Buch, d. i. die gegenwärtige Form des Buches, Kodex. Die ganze altrabbinische Literatur kennt zwar nur Rollenbücher und keinen Kodex, aber mindestens seit tausend Jahren ist der Kodex auch bei Juden die gangbare Form des Buches, nur das Synagogenexemplar der Thora (und der Estherrolle) hat die altheilige Form der Rolle beibehalten. Ueber die äußere Größe der Thorarolle gibt es keine Bestimmungen; sowohl in der Vergangenheit wie in der Gegenwart gab es solche in verschiedenen Maßen. Die Privatrollen, deren es im Altertum in Menge gab, da jeder einzelne ein Sefer pflichtgemäß besitzen, ja sogar selbst nicht schreiben sollte, waren in der Regel von kleinem Format, so daß man das Buch ständig am Arme angebunden oder in der Hand bei sich tragen konnte und gewöhnlich wirklich trug. Das offizielle Thora - Exemplar des des Judentums, das im Heiligtum aufbewahrt wurde, dürfte eine Elle, d. i. 45 cm hoch gewesen sein. Das war die Normalrolle, welche um 200 der heutigen Zeitrechnung verbreitet war. Die Riesenrollen stammen nicht aus dem Altertum und auch nicht aus dem heiligen Lande, sondern aus dem Mittelalter und anscheinend aus dem Abendlande. Die Regeln für das Schreiben sind mannigfacher Art. Nur die Schreibung mit Schreibinstrument und Tinte ist gestattet, andere Schreibarten, wie Eindrücken, Einritzen, Einschneiden, Tröpfeln, Gießen machen das Exemplar zum öffentlichen Gottesdienst ungeeignet. Der Schreiber muß aus einer Vorlage, aus einem vor ihm liegenden Exemplar einer Thorarolle oder eines für diesen Zweck angefertigten Buches — Tikkun genannt — schreiben. Er muß den Text laut lesen, und zwar so viel Worte, wie er auf einmal im Gedächtnis behalten kann. Der Sofer spricht sich dann jedes Wort vor, bevor er es niederschreibt. Die Feder soll vorerst geprüft werden, ob sie nicht zuviel Tinte enthält. Wer nicht lesen kann, obgleich er die Schrift nachzumalen imstande ist, ist zum Schreiben eines Sefer ungeeignet. Wie bekannt, wurden im Mittelalter nicht selten Bücher von Analphabeten (oft Mönchen) kopiert, wie auch heute hebräische Setzer, zum großen Teil Nichtjuden, den Text nicht lesen können. Jeder Buchstabe muß für sich allein geschrieben sein, er muß von allen Seiten vom Pergament umfaßt sein, er muß einen eigenen Körper bilden, Ligaturen (ist Zusammenziehungen von Buchstaben) sind also verboten. Die Form jedes einzelnen Buchstabens isi jetzt genau bestimmt, aber auch früher hielt sich der Schreiber streng an seine Vorlage nicht nur bezüglich des Textes, sondern auch bezüglich der Schrittform. So erklärt sich die geringe Variabilität dei hebräischen Quadratschrift in Bibeltexten, wodurch eine zeitliche Bestimmung derartiger Handschriften bis heute noch nicht gelungen ist. Hat sich der Schreiber geirrt, wird das Fehlerhafte ausradien. und an seine Stelle das Richtige gesetzt; hat er Buchstaben oder ein Wort vergessen, werden sie über den Text zwischen die Zeilen gesetzt. Letzteres kommt in der Praxis kaum mehr vor. Wortbrechung, Wortteilung kennt das Hebräische nicht. Die Schreiber verlängern oder verkürzen nach Bedarf die obere Linie gewisser Buchstaben (litterae dilatabiles), so daß sie die Zeile immer mit einem ganzen Wort beendigen. Der Gottesname darf unter keinen Umständen ausgewischt oder wegradiert werden; nötigenfalls wird das ganze Blatt beiseitegelegt, d. h. es wird »verborgen«, vor Profanation beschützt. Wie die einzelnen Bücher der Thora durch leeren Raum voneinander getrennt wurden, so wurden auch Sinnabschnitte durch unbeschriebenen Raum markiert. Bei kleineren Abschnitten wird ein Raum von neun Buchstaben leer gelassen und dann die Schrift in derselben Zeile fortgesetzt, bei größeren wird die Zeile unterbrochen und die Schrift dann in der nächsten Zeile wieder begonnen. Man nennt die beiden Abschnitte die geschlossene bezw. die offene Parascha. Die Thora gliedert sich in 290 offene und 379 geschlossene Abschnitte. Dieses Schreibverfahren bestand nach dem Ausweis der griechischen Papyrusfunde in ältester Zeit auch beim antiken Buch, wurde aber dort bald aufgegeben. Der Text fließt sonst von Zeile zu Zeile tm-