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Die Stimme · 1928-05-24 · Heft 21 (24.5.1928) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 21 (24.5.1928)
Date
1928-05-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 21 n m ma» ftWI« HZ 51 6 Papierschnitzcreien, sogenannte „Reiselack", die im Osten am Schewuoth-Fest als symbolische Dekoration an die Fensterscheiben geklebt wurden. (Das Original für unsere Abbildung, die ein besonders schönes Exemplar dieser Volkskunst zeigt, befindet sich im Wiener Jüdischen Museum.) habe ich diese Binsenwahrheit mit tausend Stimmen als Prediger in der Wüste verkündet. Erst nach dem Kriege hat von amerikanischer Seite die „konstruktive Hilfe“ eingesetzt, die im wesentlichen darauf hinzielt, die Heranwachsende Generation dem Handwerk und der Landwirtschaft zuzuführen. Seitdem Amerika den Auswanderern verschlossen ist, bemühen sich drei große Gesellschaften, andere Einwanderungsländer zu erschließen. Nur begehen die führenden Juden, namentlich in Amerika, den großen Fehler, die tatsächlichen Verhältnisse, wie sie der Weltkrieg in Europa herbeigeführt hat, nicht in Betracht zu ziehen. Seit Anfang der Achtzigerjahre bis zum Ausbruche des Weltkrieges waren die russischen Juden die Sorgenkinder der ganzen Welt. In Rußland waren die Juden den Pogromen ausgesetzt, stets von Austreibungen bedroht, besaßen keine Freizügigkeit, durften sich dem Ackerbau nicht widmen, die meisten ehrenvollen Erwerbszweige waren ihnen verschlossen, kurz, sie hatten keine Möglichkeit, eine gesunde wirtschaftliche Tätigkeit zu entfalten, und daher das furchtbare unter ihnen herrschende Elend. Die Sorge und die Hilfstätigkeit aller jüdischen Führer galt den russischen Juden. Nun weiß man, daß die Wirtschaftsordnung der Sowjetregierung auch die elenden bisherigen Ernährungsquellen, die den Juden zur Verfügung standen, das Vermittlungsgeschäft, der Kleinhandel und das Kleinhandwerk, total verstopft hat. Gleichzeitig aber fördert die Regierung die Uebersiedlung der Juden aufs- Land und ihren Massenübergang zum Ackerbau und zur Gärtnerei, eine Bewegung, die unter den russischen Juden sich schon in den letzten Kriegsjahren geregt hatte. Wenn diese Aktion gedeiht, wird es gewiß ein großer Segen für die russischen Juden sein, denn die zur Landwirtschaft übergegangenen werden jedenfalls wirtschaftlich, vorderhand wenigstens, auf festem Boden stehen. Es ist nun sehr verständlich, daß großzügige Spender in Amerika tief in den Dollarbeutel greifen und dieser endlichen „Lösung der Judenfrage in Rußland“ auf großzügige Weise zu Hilfe kommen wollen. Ich sehe hier von den politischen Plänen ab, die von Zeit zu Zeit im Zusammenhang mit dieser Kolonisation auftauchen, sehe auch von der Behänd- Bücherfreunde I Besichtigt unsere b—B Schaufenster! MT Verlanget Preislisten! H Bücherschwemme „VIENNA“, Wien I, Bognergasse Nr. 4 lung ab, die die'jüdisch Religion und die hebräische Sprache von seiten der Sowjetregierung erfahren. Auch den Kampf der Sowjetregierung gegen die Zionisten und Chaluzim in Rußland möchte ich hier nicht berühren; dieser Kampf ist nur ein Teil des offenen und geheimen Krieges, den die Sowjetregierung gegen England führt und nicht gegen die Juden gerichtet. Allein auf etwas anderes möchte ich die Aufmerksamkeit der jüdischen Führer in Amerika richten: Indem sie jetzt die Judenfrage auf so großzügige Weise zu lösen vermeinen, übersehen sie die Kleinigkeit, daß das heutige Rußland kaum den dritten Teil der Juden beherbergt, die das Zarenreich ehemals zählte, daß also die Lösung der Judenfrage Im heutigen Rußland nur einem geringen Bruchteil der (ehemals) russischen Juden zugute kommen kann« Im Zarenreich schätzte man die Zahl der Juden auf ungefähr sieben Millionen, das heutige Rußland zählt knappe zwei Millionen. Wo sind die anderen fünf hingekommen? Sie befinden sich in den Nachfolgestaaten des Zarenreiches, vor allem in Polen, dann in Litauen und den anderen Randstaaten, ferner in Bessarabien, das jetzt zu Rumänien gehört. Von allen diesen nicht mehr zu Sowjetrußland gehörenden Juden kann kein einziger die Wohltat der Ansiedlung auf russischem Boden genießen. Denn es ist ja selbstverständlich, daß es keinem der Sowjetgewaltigen einfällt, die Tore Rußlands ausländischen Juden zu öffnen und diese einzuladen, sich auf russischem Ackerland häuslich niederzulassen. Wenn wir auch die Gerüchte nicht in Betracht ziehen, die von dem Groll der russischen, namentlich der ukrainischen Bauern gegen die angesiedelten russischen Juden wissen wollen und die für die Zukunft Verwicklungen ahnen lassen — daß kein sowjetischer Machthaber es wagen wird, nichtrussische Juden ins Land zu ziehen und so den höchsten Zorn der russischen Bauern wachzurufen, unterliegt nicht dem geringsten Zweifel. Alle diese außerhalb der Grenzen des jetzigen Rußland lebenden Juden müssen also im voraus auf das Angesiedeltwerden verzichten. Daß aber die wirtschaftliche Lage dieser Juden sich keineswegs gebessert hat, ist klar. Nehmen wir zunächst Polen. Zu den früheren in Rußland lebenden Juden kommen neuerdings die Million galizischer Juden hinzu, deren wirtschaftliches Elend früher sprichwörtlich war. Die wirtschaftliche Schichtung der Juden in Galizien und Kongreß-Polen ist dieselbe wie in Rußland und erheischt ebenso eine Umschichtung, vor allem eine Zuführung zur Landwirtschaft. Die Lage der Juden in Polen hat sich nach dem Zerfall Rußlands dadurch bedeutend verschlimmert, da ihnen jetzt der ganze russische Markt, der sich bis tief ins Innere Asiens erstreckte, verschlossen ist. Sie sind, nur innerhalb eines viel beschränkteren Gebietes, nach wie vor auf den Handel, meist in seiner kleinlichsten Form, angewiesen. Während die Juden in Sowjetrußland noch nicht 2 Prozent bilden, macht ihre Zahl in Polen 12 bis 15 Prozent aus und in gewissen Gegenden und in einzelnen Städten bis 40 und 70 Prozent. Es gibt in Polen durchschnittlich sechs- bis siebenmal soviel im Elend lebende Juden, als in Rußland. Dazu kommt, daß in Polen unter den Bauern ein unersättlicher Landhunger herrscht, den noch dazu die angekündigte Agrarreform aufgestachelt hat. Der alteingesessene Grundbesitz bietet alle seine Kraft und Einfluß auf, um seine wohlbestellten Güter vor dem Zugriff der Bauern Englische Herren-». Damenstoffe TUCHHAUS RUDOLF TEWELES Wien VI, Marlahilferslr. 125 Das Schreiben der Thora Von Prof. Dr. Ludwig Blau (Budapest). Das einzige Buch der Weltliteratur, dessen Anfertigung bis in die kleinste Einzelheit genau geregelt ist, ist die Synagogenrolle, die Sefer-Thora. Schon im Altertum wurden die Hauptregeln festgelegt, welche in ihren Grundzügen bis auf den heutigen Tag in Geltung stehen. Im Laufe der Jahrtausende wechselten in Ländern und Erdteilen Schreibstoffe und Schreibarten, mit welchen die weithin zerstreuten Juden bekannt wurden und deren sie sich in ihrem Privatleben und ihrer Literatur auch bedienten; aber auf die Anfertigung der Sefer-Thora haben sie ihnen wissentlich keinen Einfluß gewährt und auch der unwissentliche Einfluß ist ein ganz unwesentlicher, nur dem Geschichtsforscher bemerkbarer. Die Thora ist das Wort Gottes, die Offenbarung für ewige Zeiten: als solche wurde sie verehrt, angebetet, nicht nur in ihrem Inhalt, sondern auch in ihrer äußeren Form, in ihrer materiellen Gestalt. So bewirkte das Gebot eine schöne Thora zu schreiben, daß jedes einzelne Exemplar nach den Regeln eines Prachtexemplars angefertigt wurde. Die einmal festgesetzten Schriftregeln, welche in der Folgezeit streng eingehalten wurden, erhielten religiös verpflichtende Kraft. Daher kommt es, daß die Thorarolle, wie sie in den Synagogen bewahrt wird, im großen und ganzen dem offiziellen Thoraexemplar des Judentums, das im jerusalemischen Heiligtum als Musterkodex behütet wurde, gleicht. Die Synagogenrolle ist mithin auch in ihrer äußeren Gestalt Jahrtausende alt und die einzigelebende Vertreterin des antiken Buches überhaupt. Seit uralter Zeit gebrauchten die orientalischen Völker Leder zum Schreiben, dessen sich auch das jüdische Volk bediente. Es gab drei Arten von Schrifthaut. Die Tierhaut, von welcher die Haare abgekratzt wurden, ohne daß Teile der Haut abgeschält worden wären, hieß Gewil. Wurde das Fell gespalten, so hieß der äußere Teil Kelaf, der innere Teil Dochsostos. Kelaf und das dunkle griechische Dochsostos sind zwei Arten von Pergament, von welchen bei der Thorarolle nur die erstere Art gestattet ist. In alter Zeit schrieb man in der Regel auf volle Tierhaut, auf fein bearbeitetes Leder, in den letzten Jahrhunderten gewöhnlich auf Pergament. Heute überwiegen die Kelafexemplare. Thorarollen, welche aus Leder und Pergament zusammengesetzt sind, dürfen beim Öffentlichen Gottesdienste nicht verwendet werden. Man nimmt das Fell vom Hausvieh oder von wilden Tieren, aber nur von rituell reinen Arten. Mit Vorliebe verwendet man wegen seiner Feinheit das Fell eines totgeborenen oder im Mutterleibe gefundenen Tieres, was auch bei nichtjüdischen Handschriften konstatiert ist. Es ist gestattet, Felle von zweierlei Tieren zum vollen Thoraexemplar zu verwenden, z. B. Viehhaut und Wildhaut, welch letztere in alter Zeit sehr beliebt war. Das bearbeitete Fell darf keinen Belag erhalten und auch nicht gefärbt werden. Der Beschreibstoff muß nämlich weiß sein. Die Tinte muß dagegen schwarz sein. Wie sie bereitet werden soll, ist schon im Talmud vorgeschrieben. Sie war eine feste Tusche, deren Bestandteile Oelruß, Oel oder Harz bildeten. Das Rezept für die Zubereitung der Tinte hat sich kaum geändert. Es wird verwendet Ruß (womöglich Olivenölruß), Gummi, Honig. Nachdem es trocken geworden, wird es in Galläpfelsaft geweicht. Die Tinte soll nicht nur schwarz und dauerhaft, sondern auch abwaschbar sein. Metallische Tinte, welche den Schreibstoff zerfrißt, darf nicht verwendet werden, wie auch gar kein Farbstoff. Selbst das Bestreuen der Schrift mit Goldstaub ist verboten. Der Buchschreiber benützte in talmudischer Zeit das Schreibrohr, während die Schuljugend sich des Schreibgriffels bedient. Nachdem der Kalamus zur Kielfeder sich wandelte, benutzte der Thoraschreiber diese letztere. Es ist aber auch gestattet, mit der Stahlfeder zu schreiben. Ist nun alles den Bestimmungen gemäß vorbereitet, beginnt das Schreiben. Der Schreiber weiht vorerst seine Arbeit und nimmt ein Blatt, das er in Kolumnen teilt, und liniert mit einem Rohr, nicht mit einem Stift, welcher färbt. Die Liniierung, welche nach der Tradition Gott selbst Adam gelehrt hatte, bildet einen unzertrennlichen Bestandteil des Buches und ist geradezu ein Kriterium desselben. Die iltjüdische Sitte des Orients kannte nur eingedrückte Linien, welche Regel noch heute für die Thorarolle gilt. Geschrieben wird über und nicht unter der Linie; es ist aber nicht ausgeschlossen, daß in alter Zeit die Schrift von der Linie herunterging. Jedenfalls gehört die Linie zum Schriftbild. Die Zeilen sind in regelmäßiger Entfernung voneinander, und zwar so, daß der Zwischenraum so breit ist wie der beschriebene. Sind zwei Linien zufälligerweise nicht in der gehörigen Entfernung gezogen, darf deshalb die Schrift nicht verkleinert werden. Die Thora, wird in Kolumnen geschrieben, d. h. das Schreibblatt wird je nach der Breite in eine entsprechende Zahl von Kolumnen eingeteilt. Die Höhe und Breite der Kolumne hängt natürlich von der Zeilenzahl und Zeilenlänge ab. Für die Breite gibt es nur eine allgemeine Regel: sie sei nicht zu , breit, damit das Auge beim Uebergang vom Ende der Zeile zum Anfang der nächsten Zeile nicht abirre; auch nicht zu schmal, damit die Thora-Kolumne nicht wie ein Brief aussehe. Zumeist enthält die

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