Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1928)
- Date
- 1928-05-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Siwan 5688) Nummer 21 Das Gespenst des Hungers Not in den jüdischen Kolonien in Rußland — Die Ernte vernichtet Aus Moskau wird berichtet: Nach der ausgesprochenen schlechten Ernte des Jahres 1927 sind die jüdischen Kolonien in der Krim, im Gebiete von Cherson, Odessa und in den übrigen ukrainischen Distrikten wieder schwer heimgesucht; nachdem schon der regenarme Herbst. es vielfach unmöglich gemacht hatte, die Wintersaat anzubauen, ist der Teil, der angebaut werden konnte, in den letzten Wochen durch Frost und Unwetter fast ganz vernichtet worden; kaum ein Zehntel der Anbaufläche ist erntefähig. Die Lage in den jüdischen Kolonien wird von Stunde zu Stunde kritischer. Es fehlt an dem Notwendigsten. Die Kolonisten wandern oft 30 bis 40 Meilen, weit, um aus den nächsten Städten Brot zu beschaffen. Unter ihnen herrscht schwere Depression« da die Not immer größer wird. Der Mangel an Lebensmitteln dezimiert den Viehbestand, die unzulänglichen Unterkünfte für Menschen u n d Vieh schaffen zusammen mit dem Mangel an Lebensmitteln Gefahren von Massenerkrankungen. Um die erste Not zu lindern, hat die Regierung 300.000 Rubel zur Beschaffung von Nahrungs- und Futtermitteln ausgeworfen und beschlossen, aus den Staatsbeständen monatlich 60 Waggons Brot und 30 Waggons Kartoffel in die jüdischen Kolonien zu senden. Die Gesellschaft „Ort“, die an der Kolonisationsarbeit im Distrikt Odessa beteiligt ist, hat in die dort befindlichen Kolonien Futtermittel gesendet, um den gefährdeten Viehbestand zu retten, und will die nötigen Maßnahmen treffen, damit in den „Ort“-Kolonien an Stelle der vernichteten Wintersaat Frühjahrsgetreide angebaut werden könne. ■' 1 . ■> Vor mehreren Wochen schrieben wir an dieser Stelle, daß es zu befürchten steht, die jüdischen Philanthropen und Wohlfahrtsinstitutionen, welche die jüdische Kolonisation in Rußland, an der sie sich beteiligen, als die Lösung der Judenfrage zumindest in Rußland ansehen, würden bald für den Bestand der bereits angesiedelten Kolonien Rettungsaktionen einleiten müssen. Diese Befürchtung ist leider sehr schnell wahr geworden. Die jüdischen Kolonien in Rußland sind in ihrem Bestände weder materiell, noch in ihrer Anlage, noch auch national so fundiert, daß sie die — in der Ukraine besonders häufigen — Mißwachsjahre überstehen könnten, ohne daß die Gefahr ihres völligen Zerfalles besteht. Die russische Regierung überläßt die Sorge für die Erhaltung der Kolonien völlig den jüdischen Gesellschaften und Philanthropen, die für dieses Werk ihre Mittel zur Verfügung gestellt haben. Die Anlage von ausschließlichen Getreidekolonien, die mehr auf den Effekt ging als nach einem System (obwohl doch Erfahrungen — und dies gerade in ‘ Palästina — Vorlagen) hat ihre Nachteile sehr rasch I gezeigt. Die Gesellschaft „Ort“, die einzige, welclie die Kolonisationsarbeit in Rußland einigermaßen methodisch, nicht bloß nach dem durchaus nicht zureichenden Grundsatz „Mit Geld geht alles“ führt, will in Zukunft in den Kolonien Geflügelfarmen, Weingärten und Gemüsefarmen anlegen, damit Mißernten in Körnerfrucht weniger fühlbar werden. Dagegen scheint die Tätigkeit des American Joint Distribution Committee beziehungsweise seiner Abteilung Agro-Joint, welche für das Kolonisationswerk in Rußland gebildet wurde, noch immer auf den für die Augen berechneten Zahleneffekt zu gehen: Der Leiter des Agro-Joint in Rußland, Dr. Rosen, der sich jetzt in New York befindet, kündigt die Versorgung von Moskau, Leningrad, Odessa und anderen Städten Rußlands mit Gemüse, Geflügel und Obst aus den jüdischen Kolonien an, obwohl in den bestehenden Kolonien, in denen Agro-Joint arbeitet, noch keine Spur von diesen Landwirtschaftszweigen zu merken ist, ja sogar infolge Mangels an lebendem und totem Inventar noch nicht einmal der ganze Getreideboden bearbeitet werden konnte (was bet "den knapp bemessenen Landante.ilen den Ertrag, selbst wenn es keine Mißernte gibt, nicht für die Existenz der Kolonisten ausreichen läßt. Mit diesen Mitteln wird versucht, die Sammelarbeit für die Kolonisationsarbeit des Joint fortzusetzen. Sie scheint sich freilich jetzt in einer Krise zu befinden, denn die Aufrufe des Joint an die Zeichner, die übernommenen Verpflichtungen zu erfüllen, werden — nach den letzten Meldungen aus New York — immer dringender. Auch hat die letzte Sitzung des Joint, über die bereits berichtet wurde, trotz der energischen Fürsprache von Louis M a r s h a 11 und . Felix Warb urg, von denen der erstgenannte das Kolonisationswerk in Rußland sehr offen gegen den Palästina - Aufbau ausspielte, die weitere Tätigkeit des Joint auf fünf, höchstens zehn Jahre beschränkt. Dann werden die Philanthropen das ihrige getan haben, und die jüdische Kolonisation in Rußland wird — ein Belastungsposten für die jüdische Masse der 2V2 Millionen Juden Rußlands werden, deren wirtschaftlicher und sozialer Status durch diese Kolonisation nicht geändert wird. Die amerikanische Bankier^Anleihe für Palästina Die Bedingungen vereinbart. — 3 Millionen Dollar für Bodenerwerb und Konsolidierungsarbeit. Aus Jerusalem wird gemeldet: Die von dem Präsidenten der Zionistischen Organisation der Vereinigten Staaten, Louis Lipsky, bereits angekündigte Anleihe amerikanischer Bankiers für Palästina ist bereits im Stadium der Realisierung. Die Bedingungen der Anleihe sind soeben zwischen den Direktoren des Jüdischen Nationalfonds und dem zur Führung der Verhandlungen nach Jerusalem gekommenen Vertreter des Bankenkonsortiums, Mr. Marec Schwärtz, festgelegt worden. Das Anlei he kapital ist drei Millionen Dollar und in 20 Jahren mit 6V2% Zinsen rückzahlbar« Die Hälfte der Summe erhält der Nationalionds für Bodenerwerb, die andere Hälfte die Zionistische Exekutive Palästinas zur Weiterführung ihrer Konsolidierungsarbeit. Eine unparteiische Untersuchungskommission in Amerika Wie aus New York offiziell mitgeteilt wird, hat sich die von Louis Lipsky geleitete Administration der amerikanischen Zionisten entschlossen, die gegen sie von der Opposition erhobenen Anklagen über eine die Bewegung schädigende politische, und administrative Führung einem unparteiischen Untersuchungsausschuß, der aber vom Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation Chaim Weizmannzu ernennen wäre, zur Prüfung auf deren Stichhältigkeit zu unterbreiten. Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, wird diese Untersuchungskommission aus drei prominenten Juden bestehen, die nicht der Zionistischen Organisation Amerikas direkt angehören. Rußland und Palästina in Amerika Betrachtungen eines Nichtzionisten. Von Binjamin Segel. Obwohl wir in mehreren Punkten mit ,den Ausführungen des Autors nicht vollkommen übereinstimmen, gehen wir seinem Aufsatz umso lieber Raum, als er auf eine grundlegende Frage der jüdischen Kolonisation, die der Umschichtung hinweist. Die Red. Eine Erscheinung, über die jeder Jude sich intensiv Rechenschaft zu geben verpflichtet ist, bilden die gehäuften großen Spenden, die bekannte amerikanische Juden für die jüdische Kolonisation in Rußland leisten und denen gegenüber die Spenden für den Aufbau Palästinas sich gar kümmerlich ausnehmen. Man wird da an das Wort erinnert: „Wenn du viel hast, wirst du noch so viel bekommen,“ Ich betrachte hier die ganze Frage nicht vom zionistischen, sondern vom rein wirtschaftlichen Standpunkt. Ich frage also nicht danach, ob es wichtiger ist, das jüdische Nationalheim in Palästina oder die Kolonien in Sowjetrußland aufzubauen, sondern ich ziehe lediglich das Problem der Umschichtung in Betracht. Einige Monate vor dem ersten Basler Kongreß veröffentlichte ich meinen ersten Artikel über dieses Thema (in der Warschauer Wochenschrift „Israelitia“), in welchem ich nachwies, daß der Kern der Judenfrage und die ganze vom Antisemitismus drohende Gefahr nur in der unnatürlichen Schichtung der jüdischen Gesellschaft bestehe, da die Juden in den Ländern ihrer dichtesten Siedlung zum weitaus größten Teil in der Vermittlung der Wirtschaftsgüter tätig sind und der Urproduktion fernstehen. Seither Beachten Sie in dieser Nummer u. a. folgende Aufsätze und Berichte: Die Selbstmordepidemie unter den Juden Wiens. Von Dr. Leo Goldhammer. Das Schreiben der Thora. Von Prof. Dr. Ludwig Blau (Budapest). Was geschieht mit dem Wiener jüdischen Museum? Normalisierung. Von Dr. Gerda Arlosoroff (Tel-Aviv). Wie wollen wir unser Recht durchsetzen? Aeußerungen der Vizepräsidenten der Wiener Kultusgemeinde Dr« O r n s t e i nund Dr.Löwenherz. Der Gänserich (Novelle). Von Voitech Rakous. Ein sephardischer Weltkongreß« Sport, Schach, Rätsel, zahlreiche Illustrationen. Infolge der durch die Pfingsttage bedingten Arbeitsruhe erscheint die nächste Nummer der »Stimme« Freitag, den 1. Juni,