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Die Stimme · 1928-05-17 · Heft 20 (17.5.1928) · page 12

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 20 (17.5.1928)
Date
1928-05-17
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
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Seite 12 DIE STIMME Nr. 20 „Palästina“ Monatsschrift für die Krschllaftang Palästinas Das einzige Organ, das alle den Ausbau des jüdischen Palästina betreffenden Fragen behandelt und das ganze sonst weithin zerstreute darauf bezügl. Material konzentriert. Redaktion: Adolf Böhm / Zu beziehen durch die Administration: Wien 1, Kärntnerstraße 28 Bezugspreise für Österreich S 10*—, für Ausland S 12’— tionsmaterial über Jugendorganisationen, über jüdische Ereignisse, Bücher und Zeitschriften sowie Erzählendes ergänzt das Heft trefflich. Ein guter Anfang. Jüdische Kindergärtnerin mit Staatsprüfung, erstklassige Pädagogin, repräsentativ, sucht für die Sommermonate Beschäftigung, am liebsten in der Sommerfrische, Anfragen: Zionistisches Landeskomitee, I., Kärntnerstraße 28. Vorschlag zur Gründung einer Jugend-Palästina-Reise- | gesellschaft. Wir erhalten folgende Zuschrift: Es dürfte wohl j nicht wenige junge Juden, insbesondere Zionisten, geben, die derzeit keine Aussicht haben, ihr Schicksal für die Dauer mit Erez Israel zu verbinden und doch den Wunsch hätten, Palästina, das Land ihrer Träume, mit eigenen Augen zu sehen. Doch ist es den meisten aus materiellen Gründen nicht möglich, diesen Vorsatz zu realisieren. Bereits vor zwei Jahren wurde daher aus dem Kreise des Jugendvereines »Erez Israel« die Gründung einer Reisegesellschaft propagiert, doch mußte dieser Plan aus Mangel an tatkräftigen Mitarbeitern scheitern. Jetzt, wo fast die ganze zionistische Jugend sich zu einem Verband der zionistischen Jugendgruppen zusammengeschlossen hat, wäre es an der Zeit, diese Reisegesellschaft im Wege dieser großen Jugendorganisation ins Leben zu rufen. Dieser Aufgabe könnte man in erster Linie nur durch Organisierung eines rationellen Sparsystems gerecht werden. Auf diese Weise würde sich jeder bei etwas gutem Willen, mit verhältnismäßig kleinen Opfern, nach einigen Jahren das Recht einer mehrwöchigen Palästinareise erwerben. Zur Beitragsleistung wären Sparbüchsen resp. Sparmarken geeignet. Durch eine Reiselotterie, Veranstaltungen und Subventionen würden weitere Beträge für diesen Zweck aufgebracht werden können. Die Regie und Propagandaspesen könnten aus den Zinsen gedeckt werden. Vorschläge für die Organisation einer solchen Reisegesellschaft nimmt das Jugendamt des Zionistischen Landeskomitees (Wien I., Kärntnerstraße 28) entgegen. Wissenschaft, Literatur, Kunst Künstlerelend — Künstler« Schicksal Von Prof. Oskar Strnad, (Nach einem Gespräch.) Lm Zusammenhang mit unserer Rundfrage ,,Die jüdischen Künstler Wiens hungern" veröffentlichen wir Prof. Strnads Aeußerungen, die gerade wegen ihres radikal-subjektiven Charakters iallgemeiinem Interesse begegnen werden. Die äußerst problematische Lage der Künstler in unserer Zeit darf nicht zu Folgerungen allgemeiner Natur führen. Man könnte leicht auf Abwege geraten, die Begriffe verwirren. Wie schmerzlich es auch ist, daß Künstler hungern müssen und daß Rufe ausgestoßen werden, damit ihnen geholfen werde, so ist doch dieser Zustand in einem höheren Sinn nicht verv/underlich und sozusagen mit dem Schicksal des Künstlers verbunden. Der schöpferische Mensch, der Künstler, stellt sich, nur seinem Werk lebend, außerhalb der Menschen, außerhalb der Zeit. Im Ringen mit der Form, im Gestalten seiner Aufgabe muß er sich immer mehr von den sozialen Normen der Gesellschaft entfernen: er wird, als Vorahner und Bildner des Zukünftigen, am Alltagsglück seiner Umwelt nicht teilhaben. Es ist nur natürlich, daß er kämpft, ringt, leidet, hungert. Aus dem Widerstand der Materie wachsen ihm seine besten Kräfte, durch sein schöpferisches Tun sondert er sich ab. Seine Qualen und Leiden, sein Hunger leiten sich von der Einmaligkeit seiner Erscheinung ab, von der Singularität seines Werkes. Kurzum: die meisten Künstler müssen ihr Künstlertum mit Not und Entbehrungen bezahlen. Daran ist nichts zu ändern. Und man darf diese Erscheinung nicht zu tragisch nehmen. Denn die Pflicht zum Werk birgt die Pflicht zum Verzicht auf materielle Werte in sich. Der Vorwurf, der gewissen Institutionen gemacht wird, daß sie keine »prominenten« Künstler heranziehen, sondern sich mit dem Mittelmaß begnügen, scheint mir nicht ganz berechtigt. Die großen Mäzene, die großen Diktatoren konnten einer mächtigen, eigenwilligen Persönlichkeit Aufträge auf Werke geben, die selbstherrlich für sich sprachen, ohne Rücksicht auf den Geschmack der Gesellschaft, auf den gerade gangbaren Stil der Zeit. So entstanden die singulären Kunstwerke — gegen das Gefühl des »Mitmenschen«. Heute gibt es solche Diktatoren nicht mehr, der Künstler muß entweder seinen Willen den Bürgern aufzwingen, d. h. sich kämpferisch durchsetzen, oder sich zum marktgängerischen Mittelmaß bequemen. Jede Institution ist sozial gebunden: sie repräsentiert das Geschmacksniveau einer größeren Menge und muß ihm Rechnung tragen. Deswegen wird sie — beispielsweise in der Architektur — niemals die singuläre, das einmalige Kunstwerk schaffende Persönlichkeit heranziehen, sondern solche Bauwerke errichten lassen, in denen sich das ästhetische Bedürfnis jener erfüllt, für die sie bestimmt sind. Die sozialen, fast möchte man sagen: statuarischen Bindungen lassen sich nicht ausschließen. Es ist natürlich, daß aus der Atmosphäre, die von den großen Künstlern geschaffen wurde, eine Schar mittelmäßiger, konzilianter, in Fertigkeiten begabter Menschen sich herausbildet, die Ware produzieren und, wenn es ihnen schlecht geht, nach Hilfe rufen und selbst Alarmsignale wünschen. Daran ist nichts zu ändern. Aber die Erfahrung lehrt, daß der große Künstler kämpft und leidet und kein Ohr hat für Hilferufe, auch wenn sie zu seinem Guten ertönen. Von der hebräischen Stenographie Aus Anlaß des dreißigjährigen Jubiläums des deutschen Reichsbundes für Nationalstenographie widmet der Begründer der hebräischen Stenographie in Palästina, J. M a i m u n, im „Davar“ der Geschichte der Stenographie im allgemeinen und der noch jungen Geschichte der hebräischen Stenographie einen längeren Aufsatz. Maimun begann im Sommer 1924 die sogenannte deutsche Nationalstenographie für das Hebräische zu adaptieren. Diese, von den Brüdern Kunovslci wissenschaftlich ausgearbeitete deutsche Kurzschrift unterscheidet sich bekanntlich hauptsächlich dadurch von den übrigen älteren stenographischen Systemen, daß sie auch für die Vokale eigene, selbständige Zeichen hat. Das hat Maimun auch für die hebräische Stenographie übernommen. Es war nicht leicht, gerade für die hebräische Sprache ein brauchbares Kurzschriftsystem aufzubauen, das allen Anforderungen auf Kürze, Raschheit, sichere Uebertragbarkeit und vor allem der Anpassung an das Wesen der hebräischen Sprache und hebräischen Orthographie Rechnung trägt. Die hebräische Stenographie von Maimun ist im großen und ganzen auf der deutschen Nationalkurzschrift aufgebaut. Bloß die Silbenzeichen und Sigel sind Schöpfungen von Maimun und lehnen sich an die hebräischen Schriftzeichen an. Große Schwierigkeit bereitete Maimun, wie er erzählt, der Mangel an eigenen Vokalbuchstaben in der hebräischen Sprache und dementsprechend die Bezeichnung der Vokale in der hebräischen Kurzschrift. Selbstverständlich liegt dem hebräischen System die wissenschaftliche sephardische Aussprache des Hebräischen zugrunde. Interessant ist, daß Maimun seine Stenographie von links nach rechts schreiben läßt. Dieser Umstand sowie seine Art der Vokalisierung in der Kurzschrift hat in vielen Kreisen, die sich gegen jede Neuerung in der hebräischen Schrift auflehnen, starke Gegnerschaft hervorgerufen. Maimun begründet jedoch seinen Entschluß damit, daß die meisten Juden auf die Kenntnis mehrerer Sprachen und daher auch mehrerer Kurzschriften angewiesen seien, weshalb er eine Methode wählte, die auch äußerlich verschiedenen Sprachen angepaßt sei. Seit ungefähr eineinhalb. Jahren besteht bereits ein von Maimun geleiteter hebräischer Stenographiekurs in Tel-Aviv, dessen Absolventen und Absolventinnen bereits in Aemtern und kaufmännischen Stellungen die hebräische Stenographie verwenden. Maimun gibt selbst zu, daß sein System noch stark verbesserungsbedürftig ist. Jackie Coogan II: Der achtjährige Mara Spiegel aus Berlin, dessen Darstellungsgabe in mehreren deutschen Filmen bewundert wird. '/'S ' rWi%\ Äiüi Ein Literaturpreis für einen jüdischen Dichter Der bekannte polnische Dichter Julian Tuwim erhielt den Literaturpreis der Stadt Lodz für das Jahr 1928 im Betrage von 10.000 Zloty. Tuwim, der anerkannte Führer der jungen polnischen Dichtergeneration, ist Jude und stammt von einer alten jüdischen Gelehrtenfamilie. Eine jüdische Nationalbibliothek in Warschau Aus Anlaß des fünfzigjährigen Bestandes der großen Synagoge in Warschau errichtet die Warschauer jüdische Kultusgemeinde, auf Initiative der zionistischen Kultusvorsteher, eine große jüdische Nationalbibliothek, die erste im Polen, deren Grundstein dieser Tage in feierlicher Weise gelegt wurde. Schalom Asch reist nach Rußland Der jüdische Dichter Schalom Asch, der in den letzten Tagen in Kowno und Riga weilte, wo er sehr gefeiert wurde, begibt sich nach Rußland, um die jüdischen Kolonien und jüdischen Städte zu besuchen. Er beabsichtigt, ein größeres Werk über die Lage und die Schicksale der russischen Judenheit zu schreiben. Ein jüdischer Architekt Preisträger. An dem Wettbewerb zur Gewinnung von Entwürfen für die Deutsche Bauausstellung (Berlin) hatten sich 343 Kandidaten beteiligt. Den ersten Preis (6000 Mark) erhielt der jüdische Architekt Leo Nachtlicht (Berlin), der zu den führenden Architekten Deutschlands gehört, Kunstausstellung bei Würthle. Im Salon Würthle, Weihburggasse 9, sind Bilder, Aquarelle und Handzeichnungen zur Schau gestellt, die von dem in Wien noch unbekannten jungen Harry Z i n t z, einem in Hermannstadt lebenden Künstler, herrühren. Bei aller Mondänität, ja Dekadenz der Auffassung selbst herber Stoffe, bricht ein starkes, für die Wirkungen der Farbe und Linie empfängliches Temperament durch, namentlich in den kleineren Kompositionen, deren Reiz in der Intimität der Farbenskala, in der bewußten Stilisierung des Stoffes besteht. Die lyrische Beschwingtheit einzelner Blätter scheint übrigens dem Geschmack der Wiener Kunstfreunde entgegenzukommen. ’ —ld. Jüdische Musik Musikschulwesen in Palästina Von M. Rabinovitz (Tel-Aviv). Unmittelbar nach Drucklegung unseres Artikels „Das Musikleben ,imi Palästina“ erhielten wir vom. bekannten Musikschriltstel- Ier und Kritiker des „Dawar" M. Rabinovitz, nachstehende Zeilen, die als erster direkter Bericht aus Palästina, eine willkommene Ergänzung unserer Ausführungen in der vorigen Nummer bilden: Vor einem Jahre sind nach Palästina einige der namhaftesten Musiker gekommen, wie Jascha C h e i f e z, Godowsky, Marteau, Blinder, Kubelik u. a. m. Das Publikum begeisterte sich an ihrem Spiel und auch die Gäste freuten sich der herzlichen Aufnahme, die sie in „Asien“ nicht erwartet hatten. Dieses Jahr haben uns die Gäste gemieden. Wir sind als armes Volk proklamiert worden und dies bewog auch diejenigen, die uns Hilfe in unserer musikalischen Arbeit versprachen, nicht mehr an uns zu denken. Tatsächlich sind wir jetzt arm. Die Oper, das symphonische Orchester haben schwere materiellesKämpfe zu überstehen und ich zweifle sehr, ob nicht eine vorübergehende Unterbrechung in ihrer Arbeit kommen muß. Bei der allergrößten Hingabe des Dirigenten Fordhaus und seiner Mitarbeiter ist doch bei der jetzigen Lage ohne Hilfe von außen nicht an eine reguläre Arbeit zu denken. Somit fehlen uns die wichtigsten Faktoren des äußerlichen musikalischen Lebens: Gastkonzerte, Oper und Symphonie. Und doch kann ich mit Sicherheit sagen, daß in diesem Jahre unser musikalisches Leben auf keinem niedrigeren Niveau als im Vorjahre steht. Es ist sogar ein Aufstieg bemerkbar; nämlich in den Musikschulen. Die Zukunft unserer Musik hängt nicht von den zufälligen Konzerten, auch nicht von den Opernaufführungen, sondern vom Musikschulwesen ab. Wir haben einen ungeheuren Verlust in unserem pädagogischen Leben zu verzeichnen: Joel Engel ist von uns geschieden. Diesen Verlust werden wir noch lange beklagen müssen. Es wird uns an diesem Pädagogen und nichtoffiziellen Kritiker sehr fehlen. Es ist aber die größte Anstrengung von seiten der Lehrer bemerkbar, das Beste zu leisten, um das Ziel zu erreichen. , Die beiden Musikschulen in Tel-Aviv: „Beth L e v i j i m“ (Levitenhaus) und „Sulamith" lassen sehr viel für die Zukunft hoffen. Als Ergänzung ist noch das Klavier-S e m i n a r der Virtuosin Burstein-Arber zu verzeichnen. Schweren, aber erfolgreichen Kampf führen auch die Musikschulen in Jerusalem und Haifa. In all diesen Schulen wird praktischer und theoretischer Unterricht erteilt. An der Schule „Beth Levijim“ sind sogar Vorträge über Musikgeschichte und Musikanalyse eingeführt worden. Selbstverständlich können die Schulen nicht ohne Unterstützung existieren, und es ist sehr zu beklagen, daß die jüdischen Musiker nicht mehr Achtung dem heranwachsenden Musikleben in Palästina beweisen. Doch ist es ein günstiges Symptom, daß das Musikschulwesen trotz der schwierigen Lage immer besser wird. In diesem Jahre der Krise ist sogar eine neue Musik- Anstalt unter der Leitung des Herrn Prof. S c h o r r gegründet worden, die von außerordentlicher Wichtigkeit ' ist. Ich spreche von den „Kursen für die Volksmusikinstruktoren“, die Leute heranbilden sollen, welche ihre Musikliebe und musikalischen Kenntnisse in das Volk tragen und die Schätze dieses Volkes für diejenigen sammeln sollen, die sie in der Kunstmusik verwerten wollen. Auch hier fehlt es am Notwendigsten: an Instrumenten, Noten etc. Diese kurze Skizze genügt wohl, um unsere Arbeit zu kennzeichnen. Möge sie die Aufmerksamkeit der jüdischen Musiker auf unser musikalisches Leben lenken!

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