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Die Stimme · 1928-05-17 · Heft 20 (17.5.1928) · page 9

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 20 (17.5.1928)
Date
1928-05-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 20 DIE STIMME Seite 9 er „antireligiös" sei) kein Geld hergeben dürfe. Bei dieser Gelegenheit erzählte Herr Pappenheim für ältere Jahrgänge berechnete, pikante Histörchen von der freien Liebe, die angeblich in Palästina herrschen solle. Nunmehr begann die Debatte über die Heranziehung von Bund und Gemeinde zur Beitragsleistung für die jüdischen religiösen, kulturellen und sozialen Erfordernisse au! Grund des Staatsvertrages von St. Germain. Das Referat erstattete Vizepräsident Dr, 0 r n s t e i n, der die rechtliche Seite der Frage eingehend erörterte. Er gab zunächst einen Ueberblick über die bisherigen Leistungen dieser beiden öffentlichen Körperschaften für die Kultusgemeinde und für die anderen Religionsgesellschaften. Die Gemeinde Wien leistet auf Grund der Armenversorgungspflicht für in Wien beheimatete Juden Beiträge und der Bund widmet ganze 500 Schilling im Jahre für die Israelitisch-theologische Lehranstalt, ein Betrag, der über Betreiben des verewigten Oberrabbiners C h a j e s auf 1000 S hätte erhöht werden sollen. „Es wäre gewiß ein schöner Zustand," sagte Dr. Ornstein, „wenn wir auch weiterhin aus eigenen Mitteln für unser Budget aufkommen könnten. Aber das Budget weist ein Defizit auf, das wir weder durch Sparmaßnahmen, noch durch Erhöhung der Einnahmen decken können. Es ist unmöglich, bei Religion und Unterricht zu sparen, denn dann würden wir ja den Ast absägen, auf dem wir sitzen. Wir müssen auch trachten, unseren Kultus auf der Höhe zu halten. Es kann wohl niemand geben, der sagen wird, wir sollten das Fürsorgebudget drosseln. Wir mußten uns deshalb umsehen, um der Kultusgemeinde neue Geldquellen zu erschließen. Der Staatsvertrag von St. Germain räumt in seinem Artikel 68, Abs. 2, den Minderheiten nach Religion, Rasse oder Sprache von allen Beträgen, die zu Erziehungs-, religiösen und Wohltätigkeitszwecken aus öffentlichen Mitteln des Staates oder der Gemeinden ausgeworfen werden, das Recht auf einen angemessenen Teil zu Nutzen und Verwenden ein. Bisher haben wir noch nicht den Versuch gemacht, an Bund und Gemeinde heranzutreten, um dieses Recht zu verwirklichen. Es ist auch fraglich, in welchem Ausmaße sich die Regierung verpflichten würde, solche Beitragsleistungen zu gewähren. Unserer Ansicht nach ist aber der Friedensvertrag nicht das einzige Instrument, auf das wir uns stützen können. Wir stehen auf dem Standpunkte, daß wir mit den anderen Religionsgenossenschaften im Staate vollkommen gleichberechtigt sind. In Wirklichkeit aber sind unsere Rechte keineswegs gleich mit denen der anderen Religionen. Bei der Durchsicht des Staatshaushaltes finden wir für die katholische Kirche einen Betrag von 16,660.331 S und für die evangelische Religion 581.529 S. Für sonstige Kultusausgaben sind 23.000 S in das Budget eingestellt, von denen auf die jüdische Religion nur die 500 S für die theologische Lehranstalt entfallen. Wir gehen also leer aus, obwohl wir doch, wie bekannt, einen ziemlich hohen Prozentsatz zu den öffentlichen Abgaben beitragen." Redner wies sodann auf die Beispiele Deutschlands und der Tschechoslowakei hin, wo der Staat, ohne Zwang, ohne Berufung auf Minderheitsbestimmungen, namhafte Beträge für die jüdischen kulturellen und sozialen Institutionen widmet. Dr. Ornstein kam sodann auf die Beiträge der Gemeinde Wien zu sprechen und sagte: „Wir werden bei der Gemeinde Wien einen bedeutend schwereren Stand als beim Bund haben. Heute bezahlt die Gemeinde Wien den jüdischen Religionsunterricht und Fürsorgebeiträge tür die in unseren Anstalten untergebrachten einheimischen Juden. Jede weitere Unterstützung lehnt die Gemeinde ab, mit der Begründung, daß wir unsere Anstalten konfessionell führen. Wir lehnen es ab, auch nur mit einem Aushängeschild i n t e r k o n fessionelle Institutionen zu unterhalten, selbst auf die Gefahr hin, daß wir von der Gemeinde Wien überhaupt keine Unterstützungen bekommen. Nach unserem Herzen und nach dem Statut können wir nur konfessionelle Anstalten erhalten. Einer Anregung des Kultusvorstandes Baurat Kempler folgend, werden wir auch trachten, für das Spital Beiträge zu erlangen." Dr. Ornstein stellte schließlich folgenden Antrag: „Der Kultusvorstand möge im Sinne des Referentenantrages beschließen, zunächst bei der Bundesregierung um eine Beitragsleistung für die kulturellen Bedürfnisse aus Staatsmitteln einzuschreiten und in der Begründung in erster Reihe auf die staatsgrundgesetzlich gewährleistete Gleichberechtigung der Konfessionen und auf die ähnlichen Einrichtungen in der Tschechoslowakei und in Deutschland hinweisen. Die übrigen Kultusgemeinden in Oesterreich sind von diesem Schritte in Kenntnis zu setzen und einzuladen, sich ihm anzuschließen, zu welchem Zwecke ein entsprechend angelegter Fragebogen den Kultusgemeinden zur Ausstellung übermittelt wird, denn es h|qndelt sich hier um eine Frage, die alle Kultusgemeinden in gleicher Weise betrifft. Die Kultusgemeinde Wien will vorangehen in der sicheren Erwartung, daß sich ihr die anderen Kultusgemeinden Oesterreichs anscbließen werden." Namens der zionistischen Fraktion führte Dr. Jakob Ehrlich aus: „Wir begrüßen den Antrag, den das Vertreterkollegium jetzt vorgelegt hat, mit der größten Genugtuung, umsomehr, als die zionistische Fraktion schon seit Jahren die Forderung erhoben hat, daß wir von dem uns aus Art. 68 Wien h, flcteniuvm* slvaße £Vz>. 22 finheiisprezse Hie beste und billigste Binfcaufs* quelle S 7‘— S 9' S 12des Friedens Vertrages zustehenden Rechte Gebrauch machen. Ich will daran erinnern, daß vor einigen Jahren beschlossen wurde, die Frage zu studieren, auf welchem Wege man diese Rechte geltend machen könne. Seither ist viel Zeit verflossen. Die Frage \vurde.;mit einer Gründlichkeit studiert, für die wir dem Herrn Vizepräsidenten Dr. Ornstein Dank wissen. Dennoch müssen wir mit dem Unterton eines leisen Vorwurfes sagen, daß der Beschluß etwas spät kommt. Aber freuen wir uns, daß er überhaupt kommt, und hoffen wir, daß er zu einem befriedigenden Ergebnis führt. Unsere Ausgaben werden immer größer, die Einnahmen aber über einen gewissen Punkt hinaus zu steigern, wird nicht möglich sein. Wir müssen uns daher nach neuen Quellen umsehen und eine solche Quelle ist die Heranziehung des Bundes und der Gemeinden zur Beitragsleistung. Es hat lange Zeit eine gewisse Aversion bestanden, von einem Rechte aus dem Friedens vertrag Gebrauch zu machen. Sie ist vollständig unbegründet. Wir müssen uns darüber klar sein, daß gerade der Schutz der Minoritäten eine der schönsten Errungenschaften ist, die mit dem Friedensvertrage erreicht wurde. Denn es ist klar, daß nur zufriedene Minoritäten die feste Grundlage des staatlichen Zusammenlebens sind. Es liegt gar nichts Gehässiges darin, wenn man sich auf Rechte, die in diesem Vertrage festgelegt worden sind, beruft; dies umsomehr, als der Friedens vertrag ein Teil der Verfassung geworden ist. Auch in Staaten, wo eine gesetzliche Verpflichtung nicht besteht, wie in Deutschland, wurde in liberaler Weise für die kulturellen Bedürfnisse der Juden vorgesorgt. Wenn unsere Unterhändler mit dem entsprechenden Nachdruck auftreten werden, so müssen sie Erfolg haben, denn hinter ihnen steht die Bundesverfassung. Wenn die Gemeinde Wien auf dem Standpunkte steht, daß sie unsere Institutionen nicht unterstützen will, weil es konfessionelle Institutionen sind, so steht diese Haltung gerade im Widerspruche zu dem Sinn der Minderheitsschutzbestimmungen des Friedensvertrages, der doch nur den Sinn haben kann, daß konfessionelle Anstalten unterstützt werden müssen. Namens unserer Gruppe wünsche ich den Unterhändlern zu ihrer Aktion den besten Erfolg." Der Sprecher des Klubs für soziale Tätigkeit, Doktor Glanz, trat für die Annahme des Antrages ein und hat damit das diesem Klub nahestehende Blatt der „Werktätigen Juden", das erst vor kurzem sehr lebhaft gegen die Inanspruchnahme von Minoritätenrechten Stellung genommen hatte, rasch desavouiert. Der Antrag wurde dann einstimmig angenommen. Am Schlüsse der Sitzung wurde ein ebenfalls von Dr. Ornstein namens der historischen Kommission gestellter Antrag auf Erwerbung der auf Juden bezughabenden Grundbuchseintragungen aus den Jahren 1350bis 142 1, die sich im Archiv der Gemeinde Wien befinden, mit einem Kostenaufwande von 10.000 S angenommen. Es war dies eine der letzten Aufgaben, die sich Oberrabbiner C h a j e s gestellt hatte und die nunmehr durch Regierungsrat Dr. Wachstein zur Ausführung gelangen soll. Die Grundbuchseintragungen bilden eine reiche Fundgrube für die Geschichte der Wiener Juden. Lustiger Abend der „werktätigen Juden“ bei Kadrmann. Das Ziel war ein ernstes: Am Abend des 10. Mai 1928 die Juden von Wien, II., zu überzeugen, daß der Sozialismus den Religionen der Welt und auch der mosaischen Religion nicht feindlich gegenüberstehe. Aus dem ernsten Abend ist jedoch ein heiterer geworden und daran sind die werktätigen Juden selber schuld. Sie hätten aus ihren eigenen Reihen einen „Row" hervorholen können, der in Religionsfragen viel bessere Responsen gegeben hätte, als ein Nichtjude, aber sie haben sich für die „Schabbesgoi-Politik" entschieden und brachten den Genossen Karl Leuthner, den berühmten Dauer- und Obstruktionsredner im Nationalrat. Er hat „nur" zwei Stunden und etwas darüber gesprochen. Das Publikum, das aus sehr vielen Zionisten, ehrsamen Bürgern ohne politisches Vorzeichen, Damen und auch „werktätigen" Juden zusammengesetzt war, hörte nun mit innerem Behagen die kühne These aussprechen, daß der Kampf gegen die Religion eine Eigenheit der bürgerlichen Psychologie sei. Um diese Behauptung zu bekräftigen, folgte eine schier endlose Reihe von historischen Geschichten und Namen, ungefähr 70 an der Zahl, von Königen, Fürsten, Ministern, Maitressen, Dichtern, Künstlern, Komponisten, Philosophen, Politikern, Revolutionären u. dgl. mehr. Dieser historische Parademarsch war es, der so manchem Zuhörer imponieren konnte, nicht aber die hineinpilpulierte historische Logik. Die Tatsache, daß der überwiegende Teil der Religionsbekämpfer seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts- bis tief in das 19. Jahrhundert hinein bürgerlicher Ueberzeugung war, konnte dem simplen Zuhörer nicht als Beweis des inneren Zusammenhanges oder gar der inneren Bedingtheit von Bourgeoisie und Religionsbekämpfung gelten, schon aus dem einfachen Grunde, weil bis tief in das 19. Jahrhundert hinein von einer proletarischen Idee nicht die Rede sein kann. Ebensogut hätte der geehrte Redner die Religionsbekämpfung jener Periode mit Kniehosen und Perücke in kausalen Zusammenhang bringen können. Daß aber die wütenden Kämpfe der sozialistischen Kirchenväter gegen die Religion nur „aus den eigentümlichen Verhältnissen jener Zeit zu verstehen sind“, ja, als zufällige Ausflüsse des damals herrschenden Junghegelianismus, kann einem gewöhnlichen, d. h. nicht „werktätigen" Juden ebensowenig einleuchten, wie die Behauptung, daß es den Sozialdemokraten und insbesondere den Wienern mit dem Ausspruch: „Religion — Privatsache“ ernst ist. Und nun kam der wirklich lustige Teil. Der geehrte Redner begann über „Sozialismus und Judentum" zu sprechen und bewies den Juden, daß kein Deutscher das Recht dazu habe, ihnen die Ahnenschaft Hermann des Cheruskers abzusprechen. (Beifall bei den werktätigen Juden.) Natürlich kann man dann, als vollwertiger Germane, erst recht bei der Wahl zur Wiener jüdischen Kultusgemeinde sozialdemokratisch wählen. Man kann das aber auch als Zionist tun, meinte der Redner. „Wäre ich Jude,“ — erklärte er der aufhorchenden Zuhörerschar weiter — „so wäre ich nicht Zionist; denn ich bin ein viel zu guter Europäer." Aber im Grunde genommen (also vom Redner abgesehen) sei der Sozialismus niemals gegen den Zionismus; denn arbeitende Menschen bauen Palästina und man müsse den Idealismus hochschätzen, mit dem sie ein steiniges, unfruchtbares Land bebauen. Das koschere (oder in diesem Falle gekascherte) Chaserfüßel als Verhältnis zum Zionismus — das möchte den Herren so passen; es klingt sehr lustig, besonders wenn Herr Leuthner seine Kenntnis Palästinas aus dem Lesebuch der Militärunterrealschule holt, das Uhlands „Schwäbische Kunde" („Viel Steine gab’s und wenig Brot“) als beliebtes Aufsagegedicht enthält; Aufsagegedichte täuschen, auch noch im höheren Alter, dann und wann Wissen vor. „Und wie steht, die Wiener Sozialdemokratie zum Zionismus?" — wollte ein Jude nach Schluß der schönen Rede fragen. Doch es war zu spät; denn schon hatte der Vorsitzende mit werktätiger Eile die Versammlung geschlossen, vermutlich, um nicht durch den Horror einer unliebsamen Diskussion jene, die inzwischen am „Krügel" sanft eingeschlummert waren, unsanft aufzurütteln, und jenen, die wach geblieben waren, die schönen Eindrücke des heiteren Abends zu verderben. ch—. Gottesdienste für Frauen Von einem Mitgliede der neugewählten Repräsentanz der Budapester Kultusgemeinde wird uns geschrieben; Die auch in der »Stimme« besprochene verschärfte Propaganda der verschiedentlichen Judenmissionen, die hier in Ungarn auch einen chauvinistisch-nationalen Charakter tragen und dadurch gefährlicher sind, hat die neue Leitung unserer jüdischen Gemeinde veranlaßt, sich mit diesem Abfallsproblem intensiv zu befassen. Es sind verschiedene Gegenmaßnahmen in Erwägung gezogen, die jedoch noch nicht so weit gereift sind, um sie öffentlich zu besprechen. Von besonderem Interesse ist jedoch eine bei den Juden, zumindest bei den europäischen Juden, seltene Einrichtung, die gewissermaßen in Nachahmung ähnlicher Einrichtungen bei den Katholiken als ein Mittel zur »inneren Mission« in der jüdischen Gemeinde betrachtet werden kann. Es sollen in den Sephirn-Wochen, zwischen Pessach und Schabuoth, an vier Samstagen eigene Gottesdienste für die jüdischen Frauen abgehalten werden, die mit Exhorten verbunden, die Frau an ihre Pflicht zur Erhaltung des Judentums gemahnen und in der jüdischen Erziehung unterweisen sollen. Zur Leitung dieser Gottesdienste werden die bedeutendsten jüdischen Kanzelredner herangezogen. Da bekanntlich die Missionäre sich in erster Reihe an die jüdischen Frauen heranschleichen, von denen sie wissen, daß sie durch falsche Erziehung am wenigsten fest im Judentum wurzeln, soll die Frau auf diese Gefahren durch Hinweis auf die tragischen Schicksale von Renegaten und Renegatinnen und durch die Einführung in die Geschichte unseres Volkes und seiner Religion hingewiesen und zum Widerstand gegen jede Bekehrungsversuche ermuntert werden. Die Einrichtung der Frauengottesdienste ist in der Budapester jüdischen Gemeinde durch den verstorbenen Doktor Lederer vor einem Jahrzehnt geschaffen worden. Die Erfolge waren bisher allerdings keine allzu großen. Der neue Vorstand will nun versuchen, diese Einrichtung durch entsprechende Anpassung an die heutigen Verhältnisse und die gefahrvollen Angriffe auf den Bestand des Judentums in Ungarn zu einem brauchbareren Abwehr mittel gestalten.

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