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Die Stimme · 1928-05-17 · Heft 20 (17.5.1928) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 20 (17.5.1928)
Date
1928-05-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nf. 20 DIE STIMME Seite 3 bcif unseren Etat so zu balanzieren, daß noch im Monat Mai die Arbeitslosigkeit in Palästina vollkommen liquidiert werden sollen. Gerade in diesem günstigen Moment kamen die Störungen. Das Administrativkomitee war bemüht, jede aufregende Diskussion zu vermeiden. Die Konvention ist allein der Ort, wo die auf der Tagesordnung stehenden Fragen und Probleme zur Auseinandersetzung kommen sollen. Das Mißtrauensvotum der ,,Hadassah“ — sagt Lipsky weiter — besitzt keinerlei legale Autorität. Die Resolution war den einzelnen „Hadassah"-Gruppen vor der Einbringung nicht vorgelegt worden. Das bedeutet einen Bruch der zionistischen Konstitution, einen durchaus ungesetzlichen Akt.“ Lipsky setzt sich auch mit den übrigen oppositionellen Gruppen auseinander und appelliert an alle Zionisten, jede Diskussion zu vermeiden, die dem Prestige und den Arbeiterimpulsen der Zionistischen Organisation Amerikas Abbruch tun könnte, damit die dringende Arbeit für Palästina ungestört vor sich gehen könne. Die Konvention der Zionistischen Organisation, auf der die Entscheidung über die künftige Leitung des amerikanischen Zionismus fallen soll, wird am 1. Juli in Pittsburg stattfinden. Die Juden in Tunis Yon Generalmajor a. D. Dr. Freiherr v. Schoenaich, In den in der »Vossischen Zeitung« erschienen Aufsätzen von seiner Afrikareise schreibt der bekannte Pazifist und Zionsfreund über die tunesischen Juden folgendes: Wer die Sehnsucht nach der Stätte des seebeherrschenden Karthago zu stillen sucht, wird auf Schritt und Tritt zu der (Erkenntnis kommen, daß das eigentliche Sinnbild des in Jahrtausenden heißumstrittenen Landes nicht Haimibal oder Scipio, nicht die Vandalen und Byzantiner, nicht die arabischen Hassiden und Aylabiderv, sondern die Juden sind. Auf dem nur noch sehr spärlichen Trümmerfelde des alten Karthago hat man bei dem heutigen Dorf Garmart Inschriften auf Grabsteinen gefunden, die zweifelsfrei beweisen, daß schon mit den ersten phönizischen Kolonisten viele vornehme Juden in das Land gekommen sind. Dabei ist zu bedenken, daß Phönizier und Juden beide Angehörige de großen semitischen Völkerfamilie und nur durch die Religion unterschieden waren. Diese Semiten trafen dann bei ihren Handelszügen auf die nordafrikanischen Ureinwohner, die Berber. Neben Vermischung durch Ehen scheint die Werbekraft der jüdischen, monotheistischen Religion auf die Berber sehr stark gewirkt zu haben. Viele Berber sind zum Judentum übergetreten. Man hört von den langjährigen Kämpfen der Eingeborenen gegen die im siebenten Jahrhundert ein- _Typus eines tunesischen Juden dringenden mohammedanischen Araber. Acht Jahre lang haben die Berber unter ihrer Königin Rahena — einer jüdischen Jungfrau von Orleans — standgehalten, bis sie unter, lagen. Die Ueberreste dieser jüdischen Berber leben, heute noch an ihren damaligen Sitten zähe festhaltend, auf der Insel Dherba bei Galbes. Dieses jüldisch-berberische Volksgemisch erhielt dann im Mittelalter starken Zuzug aus Spanien- Unter der türkischen Herrschaft entwickelten sich aus diesem phönizisch - jüdisch - berberischen Blutgemisch allmählich ein einigermaßen einheitlicher Typus. Neuer Zuzug kam dann in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als die große Welle der Revolution das alte Europa durchflutete. Wie überall, wenn alte Machthaber sich wanken fühlen, suchte man auch hier nach Prügelknaben. (In Toskana sollten es die j in L i v o r n o dicht gedrängt wohnenden Juden sein. So kam es, daß viele von ihnen im nahen Nordafrika Zuflucht suchten. Als sie in bitterer Armut zwar, aber doch von europäischer Kultur schon beeinflußt, in Tunis eintrafen, bildete sich schnell ein scharfer Gegensatz zwischen ihnen und den, mehr oder minder aralbisierten, alttunesischen Juden heraus. Die Tuansa betrachteten die Neuankömmlinge als Halbabtrünnige, weil sie mit manchem Altväterbrauch gebrochen hatten. So blieb es, bis die Franzosen ins Land kamen, die mit ihrer Meisterhand in der Behandlung Fremdstämmiger auch den Streit der Tuansa und Grani in das nützliche Geläuf geschäftlichen Wettkampfes zu leiten verstanden. Aus dem alten Judenviertel sind heute längst die Tüchtigsten in die' schönen neuen Häuser in. der Avenue de Paris gezogen. Tunis hat seit der französischen Okkupation im Jahre 1881 ganz gewaltige wirtschaftliche und kulturelle Förts o h r i i t e gemacht An diesem Fortschritt haben die Juden einen sehr großen Anteil. In allen Büros und Kontoren sind sie heißbegehrt, weil sie nüchtern und fleißig sind, und weil sie Arabisch, Französisch und Italienisch ebenso beherrschen wie ihr arabisiertes Jiddisch. Und neuerdings dringt das m oder ne Hebräisch ein. Die Sehnsucht nach dem Lande der Väter ist in den Jahrtausenden in den Tuansa nicht erloschen. Als ich ihnen erzählte von meiner vorjährigen Reise nach Palästina, vom Wachsen und Werden Russische Buchhändluna u. Bibliothek -Jakob PersVy, Wien WH, Mlartstenpse Nr. 4 / Telephon B-31-8-56 Bücher, Zeitungen, Noten, Ansichtskarten Vergessen Sie nicht die russische Sprache, wenn Sie Ihre» kundig sind, erlernen Sie sie, wenn Sie diese nicht behetrschen. Leset Bücher der Leihbibliothek, die mehr als 6CQQ Bände alter und neuer Literatur zählt. — Monatliches Abonnement 2 Schilling. Die Bibliotheksbücher können auch in die Provinz durch Kreuzband geschickt werden. in Erez Israel, da strahlten die Augen manches Jungen, der schon die Mittel spart zur Uebersiedlung in eine Kwuzah oder einen Moschaw. Unsere Völkischen sollten wirklich einmal nach Tunis reisen. Im äußersten Südosten des Landes hat die Entwicklung einen anderen Lauf genommen. In den an der tripolitanischen Grenze gelegenen Troglodytendörfcrn Matmata, Medenine und Foum-Tataouine wird auch der geschulte Blick im Typus der Bewohner, ihrer Kleidung und Lebensweise keinen Unterschied finden. Dabei sind Juden und Mohammedaner in diesen Höhlendörfern auch örtlich ganz durcheinandergelagert, und niemand nimmt Anstoß daran, daß der Nachbar zu Jahve statt zu Allah betet. Darum schien mir Tunis ein hochinteressantes Schulbeispiel zu sein für die Psychologie des Antisemitismus. Ich habe immer wieder an christliche, mohammedanische und jüdische Landeskenner die Frage gerichtet: Gibt es hier so etwas wie Antisemitismus? Dabei ist zu bedenken, daß in der Stadt Tunis die Juden 13 Proz. in S o us s s e 18 Proz. und auf der Insel Dscherba, Homers Insel der Lotophagen, sogar mehr als 50 Proz. der Bewohner zählen. Im allgemeinen ist mir die Frage verneint worden . . . Klima und Boden im nördlichen Tunis haben große Aehnlichkeit mit dem von Erez Israel. Ich möchte empfehlen, daß neue jüdische Siedler Palästinas zuvor einige Studien in Tunis machen. Sie würden dort auch sehen, daß völkische Gegensätze — die Kernfrage im Aufbau Palästinas — nicht unüberbrückbar sind, wenn der gute Wille dazu vorhanden ist. Zehn Jahre amerikanisch-jüdischer Kongreß In diesen Tagen beging der Amerikanisch-Jüdische Kongreß das Jubiläum seines zehnjährigen Bestandes. Aus diesem Anlaß fand in New York unter dem Vorsitz seines Präsidenten Dr. Stephan S. W i s e eine Feier statt, in der Advokat Aron S a p i r o über die Zukunftsaufgaben des American Jewish Congress sprach und u. a. ausführte: Wir erkennen stets die Notwendigkeit an, für die Rechte der jüdischen Minderheiten in Europa zu kämpfen; wjr dürfen aber nicht vergessen, daß wir auch in unserem eigenen Land, in Amerika, einen Kampf durchzufechten haben. Ungeachtet der mehr als hundertjährigen Freiheitstraditjon läßt Amerika es zu, daß Minderheiten von der Mehrheit unterdrückt werden, es fehlt nicht an Aeußerungen des Antisemitismus, die Taten des Ku-Klux-Klan sind noch frisch in unserer Erinnerung. Den Antisemitismus kann man hier wie anderswo nicht mit Beten und Flehen beschwören, sondern nur im offenen Kampf überwinden. Der Sekretär des American Jewish Congress, BernarcJ Richards, erklärte, der Kongreß müsse sich entschließen, Tuchhaus Münz Wien i. Ertlgasse 4 und Kramergasse 11 Zugangs Rotenturmstraße 11—13 Import original englischer und schottischer Damen- und Herrenstoffe Detailverkauf zu Engrospreisen Die Quellen des jüdischen Sprichwortes Von Hirsch Tobias. Es ist noch nicht allzulange her, daß dem jüdischen Sprichwort und der Wandlung, die es im Laufe der Jahrhunderte durchgemacht hat, in der jüdischen Volksgeschichte der Platz eingeräumt wird, der ihm wegen seiner Form, seines Inhaltes und Geistes gebührt. Als man sich um die Mitte des vorigen Jahrhunderts mit dem jüdischen Sprichworte vom kulturhistorischen Gesichtspunkte aus zu befassen begann, da wurde dieser jüdischen Volksschöpfung, die nirgends so üppig, so saftig und kräftig aufschoß, wie bei den Juden in der tausendjährigen Diaspora, auch schon das erste Unrecht zugefügt. Das jüdische Sprichwort wurde gewissermaßen als Beweis für die Assimilationsfähigkeit der Juden herangezogen, indem man nachzuweisen suchte, daß nur die wenigsten jüdischen Sprichwörter wirklich jüdischen Ursprungs seien und nur zum allergeringsten Teile jüdische Elemente aufweisen, Als fast zur gleichen Zeit die jüdischnationale Bewegung in geschlossener Einheit ihre politische und kulturelle Arbeit begann, drohte wieder von dieser Seite eine nicht minder abzuwehrende Gefahr der Verdunkelung der wahrheitsforschenden Geschichtsschreibung, indem man in chauvinistischer Weise bemüht war, alle heute bei den Juden gebräuchlichen Sprichwörter als jüdischen Ursprungs hinzustellen. Inzwischen nahm die Entwicklung moderner jüdischer Geschichtsforschung ihren normalen, ruhigen und — man wäre versucht, zu sagen — soliden Verlauf. Alte und neue jüdische Volkslegenden, originelle und adaptierte jüdische Sprichwörter fanden ihre Sammler, Schatzgräber und Erforscher. Das Bedeutendste und Wichtigste auf dem Gebiete der Bearbeitung des jüdischen Sprichwortes haben Ignatz Bernstein und Benjamin Segel in ihrem bisher unübertroffenen Sammelwerk ,,Jüdische Sprichwörter und Redensarten“ geleistet; ihnen folgte Dr. Bernhard Wachstein mit einer einschlägigen Arbeit und nun Hegt, aufgebaut auf diesen Vorarbeiten, die zweite Auflage des Buches von Löbl Taubes: „Talmudische Elemente im jüdischen Sprichwort" mit einem Anhang: „Talmudische geflügelte Wörter in der jüdischen Sprache“ (Selbstverlag des Verfassers ——————— Löbel Taubes, Wien, IX., Liechtensteinstraße 60, Druck „,Menorah‘\ Wien, II., Heinestraße 16) vor. An 425 jüdischen Sprichwörtern und an etwa ebenso vielen im jüdischen Volksmund gebräuchlichen geflügelten Worten weist Löbel Taubes durch genauen Quellennachweis und die Gegenüberstellung der Parallele ihren talmudischen Ursprung nach. Taubes hat mit diesem scheinbar unansehnlichen Buch eine sehr dankbare und dankenswerte Arbeit geleistet. Daß sie auch anerkannt wurde, beweist die rasche Aufeinanderfolge der ersten zwei Auflagen. Und wir möchten es für die Erforschung des jüdischen Sprichwortes als ein besonderes Glück ansehen, daß gerade Löbel Taubes sich dieser Arbeit unterzogen hat. Er, der Jahrzehnte hindurch in den jüdischen Städten Galiziens als einer der populärsten Volksredner Triumphe feierte, kam, mit umfassenden talmudischen Kenntnissen ausgerüstet, in die jüdische Gasse, wo das jüdische Sprichwort, das jüdische geflügelte Wort üppig wächst, entsteht und bis auf den heutigen Tag gehegt und gepflegt wird. Er hat mit seiner Sammlung an jüdischen Sprichwörtern und dem Nachweis ihrer Quelle eine Rehabilitierung des jüdischen Sprichwortes vollbracht. Es ist nur schade, daß dieses Buch schon wegen der Quellenzitate im Original, die zum Nachweise des Ursprunges des betreffenden Sprichwortes unerläßlich sind, nicht in eine der Weltsprachen übertragbar ist, weil dadurch den Forschern der Sprichwörter, Redensarten und geflügelten Worte der anderen Völker ein Licht darüber aufgehen müßte, daß die von ihnen als ursprünglich national gehegten Volkssprüche ihrem Geiste nach und oft auch in ihrer Phraseologie über das jüdische Sprichwort zur talmudischen Quelle zurückführen. Eine wertvolle Leistung als Beitrag zur Geschichte des jüdischen Sprich- und Gleichwortes ist die Einleitung, die Taubes seiner Sammlung voranschickt. Diese Einleitung sollte breiteren Leserkreisen, auch solchen, die der jiddischen Sprache, in der das Buch verfaßt ist, nicht mächtig sind, zugänglich werden. Es würde ihnen eine sehr wertvolle Bereicherung ihrer Kenntnis der jüdischen Volksseele und zugleich ein Ansporn werden, sich an diesen herrlichen Blüten und Früchten der Phantasie des jüdischen Volkes zu erquicken. Taubes weist nach, wie schon in der ältesten Zeit unserer Volksgeschichte, besonders aber in der talmudischen Zeit, dem Sprichworte, den volkstümlichen Redensarten und geflügelten Worten die Bedeutung eines Volkserziehungsmittels, aber auch eines Mittels, das Interesse des Volkes für die Lehre wachzuhalten, beigemessen wurde. So erzählt der Talmud, daß Rabbi M e i r, der wegen seiner Sammlung von 300 Fuchsfabeln und anderer Volkssprüche berühmt war, seine Deraschoth, das waren belehrende synagogale Vorträge, gewöhnlich in drei Teile teilte. Der erste Teil war dogmatischen Inhaltes, der zweite Erklärung der Thora mit Hilfe der Legende und der dritte Teil enthielt Sprüche des Volkes und ihre Bedeutung als Wahrsprüche. Rabbi Meir hat mit seiner Art, aus der Seele des Volkes zu schöpfen und den gehobenen Schatz des Volkes genußfertig wiederzugeben, großen Anklang gefunden. Er war der berühmteste Spruchdichter seiner Zeit und als er starb, hieß es im Nachruf, mit ihm starben auch die Dichter der Volkssprüche aus. Schon im Talmud werden Diskussionen über den Ursprung der damals bekannten hebräischen Sprichwörter abgeführt. Man findet hierbei Gelegenheit, einen tiefen Blick in das jüdische Volksleben zu gewinnen. Taubes zitiert hierbei die Stelle, wo Rabbah Bar More von Rawa gefragt wird, woher das Sprichwort stamme; dem Armen heftet sich die Armut an die Fersen, und er erhielt die Antwort: In der Thora (Leviticus XIII, Vers 45) steht geschrieben: „Und der Unreine rufe: Unrein!“ Wurde nämlich ein Aussätziger vom Priester unrein befunden, so mußte er sich selbst isolieren. Und ging er durch die Straße, dann war er verpflichtet, wenn sich ihm jemand nähern wollte, selbst weithin vernehmbar zu rufen: „Tarne, tarne!“* (Unrein, unrein!), damit jeder ihm ausweiche und er isoliert bleibe. Also, nicht genug daran, daß er krank, vom Aussatz befallen ist, ist er noch gezwungen, es selbst in alle Gassen hinauszuschreien, damit jeder sein Unglück, seine Armut erkenne. Das jüdische Sprichwort sagt: „An ibrig Giesel Wein macht Schmerz un Pein." Taubes führt hiezu die Parallelstelle aus Berachoth, S. 46: „Nichts bringt soviel Jammer über den Menschen, als der Wein!“ an und erinnert dabei an die herrliche Legende aus Midrasch Tanchuma zum Wochenabschnitt Noah, und die da lautet: Als Noah daranging, einen Weingarten zu pflanzen, wie es in der Thorah (Genesis 9—20) heißt, „und Noah, der Mann des Feldes, begann einen Weingarten zu pflanzen“, da kam der Satan zu ihm und fragte ihn: „Was pflanzest du da?“ Noah antwortete: „Einen Weingarten.“ Und der Satan forschte weiter: „Was ist denn das für ein Ding?“ Noah, erwiderte: „Seine Früchte sind sowohl in frischem als auch

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