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Die Stimme · 1928-05-17 · Heft 20 (17.5.1928) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 20 (17.5.1928)
Date
1928-05-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seift 2 DIE STIMME Nr 20 den schon der frühere Präsident Dr. Alfred Stern — weiß Gott, kein Zionist, aber ein Jude mit klarem Blick und Verstand — propagiert hatte, in unbegreiflicher Weise sabotiert und daher hat sich die Wiener Kultusgemeinde der damals initiierten Zweckorganisation der Kultusgemeinden Oesterreichs nicht angeschlossen. Sehr rasch ist ein Fall eingetreten, wo es deutlich zutage tritt, wie vorteilhaft dieser ebenfalls von der zionistischen Fraktion nachdrücklichst geforderte Anschluß wäre, der ein gemeinsames Vorgehen aller jüdischen Gemeinden in der Frage der Bund- und i Gemeindezuschüsse erleichtert hätte. Auch dieses Versäumnis muß gutgemacht werden, wie so vieles, was bisher von der Wiener Kultusgemeinde in allen Hinsichten verabsäumt wurde, in denen sie das organisatorische Rückgrat der Judenschaft, die jüdische Volksgemeinde sein soll. Für dieses Ziel werden die zionistischen Mandatare und wird ,,Die Stimme", gestärkt durch den Erfolg, mit allen Mitteln unermüdlich Weiterarbeiten. (Ueber den Verlauf der Sitzung und die Beschlüsse finden unsere Leser Bericht im Innern des Blattes.) „Palästina zahlt die Rechnung“ Präsident Weizmann über den Kampf im amerikanischen Zionismus — Eine Erklärung Lipsky’s (Von unserem New Yorker S. E. Korrespondenten.) Der Präsident der Zionistischen Weltorganisation. Prof. Weizmann, der jetzt in den Vereinigten Staaten weilt, hat zu dem Konflikt in der amerikanischen Organisation zweimal öffentlich Stellung genommen; das erstemal in einer Rede bei einem Meeting in New York, in der er u, a. sagte: ,,In der Kontroverse, die sich innerhalb der zionistischen Bewegung entwickelt hat, tritt aus der Fülle der Behauptungen und Gegenbehauptungen, Anklagen und Gegenverschuldigungen eine unbestreitbare Tatsache als die wichtigste hervor: Palästina zahlt die Kosten. Weil ich hierhergekommen bin, um ein Stück Arbeit für Palästina zu vollbringen, so berühre ich nur mit äußerstem Widerstreben die jetzt entstandene Situation und nur, weil ich dazu gezwungen bin. Der Zionistische Kongreß in Basel entwickelte ein Programm, das die Einsetzung einer Exekutive in London und in Palästina mitenthielt. Diese Menschen unternahmen es, unter außerordentlichen Opfern und mit einem bisher in den Annalen der zionistischen Geschichte beispiellosen Mute, eine besondere Aufgabe durchzuführen. Die Mitglieder der Exekutive hatten keinen Grund zu vermuten, daß sie eine unmögliche Aufgabe unternehmen. Zweifellos besitzen sie auch die Fähigkeit, ihr Werk zu Ende zu führen — vorausgesetzt, daß Amerika die Versprechungen erfüllt, die es auf dem Zionistenkongreß in Basel abgab. Wenn Amerika versagt, werden wir uns in einer sehr ernsten Situation befinden. Ich will das viel mißbrauchte Wort „Katastrophe" nicht anwenden, aber wir würden in eine Krise kommen, die umso schwerer wäre, weil wir gerade an einem Wendepunkt stehen. Ich hätte gedacht, daß jeder zuverlässige Zionist, in dessen Leben der Zionismus und der Fortschritt der Arbeit in Palästina an erster Stelle steht, jetzt sein Äußerstes tun würde, um die Arbeit weiter zu führen, die Position, die wir erreicht haben, zu halten und sie zu behaupten, bis wir die Vorkehrungen zu weiterem. Fortschritt getroffen haben. Im armen, elenden Europa, das sich von schweren Zeiten zu erholen hat, ist dies auch die vorherrschende Stimmung in zionistischen Kreisen. Die amerikanische Delegation war die treibende Kraft bei der Wahl der letzten Exekutive auf dem Kongreß, im besonderen bei der Wahl einer kleinen Exekutive, die mit der Verwaltung der palästinensischen Angelegenheiten betraut wurde, ohne Rücksicht auf politische Erwägungen. Es scheint daher, daß es keinen ausreichenden Bücherfreunde! Besichtigt unsere Schaufenster! MT Verlanget Preislisten! HM Bücherschwemme „VIENNA“. Wien I, Bognergasse Nr. 4 Grund dafür gibt, eine Kontroverse aufzurollen oder fortzusetzen, die auf dem Kongreß beigelegt wurde. Es wird nun versucht, einen Keil zwischen die Exekutive in Palästina und die in London zu treiben .... Ich habe immer betont, daß es nur eine Methode des Vorgehens gibt. Wir müssen Schritt für Schritt gehen. Wir dürfen nicht drauf losschlagen, wir können nicht einschüchtern. Es mag andere Völker geben, die die englische Regierung zu schnellerem Vorgehen antreiben könnten. Wenn wir jemand haben, der das kann, soll er es tun. Wenn sie meine Maßnahmen falsch finden, steht es Ihnen frei, sich einen anderen Präsidenten zu wählen. Aber Sie können von mir nicht erwarten, daß ich eine Taktik befolge, mit der ich nicht einverstanden bin. Vielleicht gibt es unter den Juden Leute, die imstande sind, wirksamere Arbeit zu leisten. Wenn Sie aber einmal meine Politik angenommen haben, so ist das mindeste, was Sie mir schuldig sind, daß Sie sich mir nicht auf der Mitte des Weges hindernd entgegenstellen. Ich bin bereit, abzudanken, aber bis za dieser Zeit werde ich die politischen Angelegenheiten entsprechend den Richtlinien führen, für die ich immer eingestanden bin. Ich werde mich nicht einschüchtern lassen, meinen Kurs nach rechts oder nach links abzuändern. Um auf die Art zurückzukommen, in der gegenwärtig Kritik geübt worden ist — ich finde die Taktik, milde ausgedrückt — unerklärlich. Das mindeste, was ich hätte erwarten können, war, daß diejenigen, die mit dem, was getan worden ist, nicht einverstanden sind, mit mir die Fragen diskutiert hätten, was möglicherweise eine Situation hätte abwenden können, die — was auch immer sie Gutes bringen möge — der augenblicklichen Arbeit abträglich ist. Ich werde jetzt nicht die Frage behandeln, ob Dr. Wise Recht oder Unrecht hat. Er mag vollkommen Recht — oder Unrecht haben, jedenfalls glaubte ich, daß unter Männern und Frauen, die sich einer schwierigen Aufgabe hingeben und von soviel Gleichgültigkeit und Animosität umgeben sind, jede Anstrengung hätte gemacht werden müssen, um dieses Schauspiel von Zionisten, die einander anfallen, zu vermeiden.... Wenn die innere Uneinigkeit weiter bestehen bleibt, so muß Amerika versagen. Alles, was ich tun kann, ist eine Warnung ertönen zu lassen — den Warnruf, Palästinas nicht zu vergessen." In einer Beratung der Leiter des United Palestine Appeal kam Präsident Weizmann nochmals auf den Konflikt zu sprechen und wandte sich entschieden gegen die zionistische Opposition in Amerika und ihre Kampfmethoden. Er nannte die Kampagne der Opposition „ein, leeres Gelärme“ und sagte, die Opposition hätte zumindest den Bericht der Je wish-Agency-Kommiss i o n abwarten sollen, bevor sie diese ihre rücksichtslose Kontroverse begann. Einen ähnlichen Hinweis auf die Verbindung der Ereignisse in Amerika mit der Arbeit in Palästina macht der von der Opposition am stärksten angegriffene Präsident der Zionistischen Organisation Amerikas, Louis Lipsky, in einem „Mahnwort an die Zionisten Amerikas", das er im offiziellen Parteiorgan „Das yiddische Folk" veröffentlicht. Er schreibt dort u. a.: „Wir haben die Verpflichtung übernommen, der Palästina- Exekutive unseren Budgetteil rechtzeitig zu übermitteln; von der Erfüllung dieser Pflicht hängt eine normale und erfolgversprechende Entwicklung in Palästina ab. Die Kampagne für den United Palestine Appeal hat überall erfreuliche Resultate erbracht. Die Zahl der Beitragleistenden hat sich vermehrt. Wir waren gerade da- Der Baal-Tefillah Eine Anski-Erinnerung. Von L. Jaffe. Mit Mühe haben wir uns aus dem Bolschewikenland gerettet. Mit großen Schwierigkeiten haben wir die Erlaubnis erhalten, Moskau zu verlassen. Es war nach dem Attentat auf Lenin. Eine junge Jüdin, Sima Kaplan, hatte auf Lenin geschossen. Sie wurde erschossen. Der rote Terror begann. Die Artikel der Zeitungen und die Resolutionen der Arbeiterversammlungen waren blutdürstig. Man forderte Rache, die Vertilgung der Bourgeoisie und der Konterrevolutionäre. Hunderte von Menschen wurden in Petrograd und in Moskau getötet. Unheimlich und schreckenerregend war es um uns. Nach Mitternacht hörten wir in den Straßen Moskaus Schüsse. An den Mauern der vielen Gefängnisse in den verschiedenen Teilen der Stadt wurden die Menschen hingerichtet, die durch die Tscheka verhaftet worden waren. Viele Sozialisten und Revolutionäre, die in den Augen der Bolschewiken die gefährlichsten Feinde waren, wurden erschossen. Die ganze sozialistisch - revolutionäre Partei wurde für vogelfrei erklärt. In dem Trubel jener Tage, auf dem Srnolenski-Markt, begegneten wir Pinkas Ruthenberg umherirrend. Er suchte die Möglichkeit, aus der Stadt zu entrinnen. Die Bolschewiken betrachteten ihn als ihren gefährlichsten Gegner. Wir verließen Moskau in Viehwaggons des Zuges, in dem man die litauischen Flüchtlinge laut dem Vertrag von Brest-Litowsk in ihre Heimat, das deutsche Okkupationsgebiet, zurückschickte. Die Wagen, die für Vieh oder Fracht bestimmt waren, waren kalt, ohne Ofen, an Stelle der Fenster kleine Oeffnungen mit Holzläden. Wir lagen auf Holzpritschen oder auf unserem Gepäck. Die Juden sammelten sich in besonderen Wagen. Kurz vor der Abfahrt bemerkte ich auf dem Perron S, A n s k i. Er ging an mir vorbei und flüsterte mir zu: »Mein Name ist Rappaport.« Ich verstand, daß er vor den Bolschewiken floh und niemand durfte seinen literarischen Namen, unter dem er bekannt war, wissen. Einige Zeit vorher hatte ich seinen »Dybuk«, von ihm selbst in russischer Sprache vorgelesen, gehört. Für ihn war die Situation besonders gefährlich. Er war ein angesehenes Mitglied der sozialistisch-revolutionären Partei, Mitglied der russischen Gründungsversammlung und der Petrograder Stadtverwaltung, wo er scharf gegen die Bolschewiken gekämpft hatte. Bis zur Grenze wußte niemand, wer dieser alte Mann mit der grauen Löwenmähne, dem charaktervollen, edlen, innerlich durchleuchteten Gesicht war. Schnell hatte er die Zuneigung seiner Nachbarn gewonnen, besonders die Liebe der Kinder. Er erzählte Legenden und Anekdoten und wurde bald die zentrale Figur dieser Umgebung. Alle fühlten, daß ein ungewöhnlicher Mensch in ihrer Mitte sei und man wollte von uns wissen, wer er wäre. .Wir fuhren aus Moskau am Erew Jomkipur ab. Als es zu dämmern begann, gingen wir an einer Station in den Wagen, in dem sich Anski befand. Wir wurden eingeladen, mit den Reisenden dieses Waggons das Kol-JNidre-Gebet zu verrichten. Es war ein kalter, trüber Herbstabend, die Fensterläden waren geschlossen. Ein schweres, drückendes Abenddunkel umhüllte uns. Der monotone, die Seele ermüdende Regen klopfte an Wände und Dach. Eine lastende Trauer krampfte unsere Herzen zusammen. Aus Kisten und Brettern war ein Gebetständer errichtet. Man deckte eine Decke darüber,, zündete Kerzen an, deren blasses Licht die Dunkelheit zerriß und die umherirrenden Schatten in den Winkeln des Raumes noch mehr verdichtete. Anski wickelte sich in einen vom vielen Tragen zerfaserten und geflickten Talles und begann das Kol - Nidre in der Melodie eines alten Baal-Tefillah zu singen, wie man sie noch in den kleinen entlegenen Städtchen findet, Wir alle standen an seiner Seite, Auch die Frauen und Kinder verließen ihre Pritschen und sammelten sich um ihn. Erregt und erschüttert hörten wir seinem Gebet zu und wiederholten es. Seine Stimme war etwas heiser, die Melodie nicht gelungen, vielleicht war auch sein »Iwri« fehlerhaft — aber nie in meinem Leben habe ich ein solches Gebet gehört — durchdrungen von der verhaltenen Trauer eines Einsamen, eines Wanderers; Gefühle einer Seele, die in Schmerz vergeht, sich sehnt und — betet — wie dieses Gebet an diesem Erew Jomkipur, in den unendlichen Steppen Rußlands, in dem finsteren Wagen, in den man uns wie in einen Sarg eingeschlossen hatte, beim dunkel flimmernden Schein der Kerzen, unter dem Klagen des Windes und dem monotonen, quälenden Klopfen des Regens. Es war merkwürdig, Anski in der Rolle eines Baal-Tefillah zu sehen, ihn, einen der Gründer der russischen Partei »Volkswille«, der zu den Bauern gegangen war, um ihre Kinder zu lehren und zu erziehen, den treuen Sekretär des Sozialistenführers Peter L a w r o w und das Mitglied der russischen Gründungsversammlung, in die er als Vertreter der Bauern aus einem Gouvernement im Innern Rußlands geschickt wurde. Und noch jetzt steht dieser Abend vor mir in allen seinen Einzelheiten — in den Steppen Rußlands, im dunkeln Wagen mit den Pritschen und Säcken, mit den Menschen, gespenstisch beleuchtet von dem züngelnden Licht der Kerzen, Und vor mir steht Anski, hochgewachsen und mager, mit einem Gesicht, durchleuchtet von dem heiligen Feuer, dem Feuer der Ekstase, und ich höre seine traurige Stimme, die er durch alle seine Wanderungen aus dem kleinen jüdischen Städtchen seiner Geburt, aus der chassidischen Welt gerettet hat. Dieses Gebet war für mich wie ein Symbol des Lebens dieses Mannes. Wie ein Gebet, wie ein heiliges Gebet war sein Leben, seine literarische und gesellschaftliche Tätigkeit. Zu einem Gebet hatte sich sein Leben verwandelt und mit Andacht tnid Hingebung hat er seinem Volke gedient.

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