Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1928)
- Date
- 1928-05-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Wiener Kultusvorstand fordert endlich Zuschüsse von Bund und Gemeinde — Ein Erfolg der zionistischen Mandatare und der „Stimme“ Ein Erfolg unermüdlicher Aufklärungsarbeit: In der Sitzung vom 10. Mai hat der Kultusvorstand den Instimmigen Beschluß gefaßt, die nötigen Schritte einzuleiten, um aal Grund der den Juden aus dem Staats, vertrag von St. Germain zustehenden Rechte zunächst beim Bund, dann bei der Gemeinde Wien, Beitragsleistungen für die religiösen, kulturellen und Fürsorgebedürf> nisse der Wiener jüdischen Gemeinde zu erlangen. Mit diesem Beschluß leitet der Wiener Kultusvorstand die Durchsetzung eines Rechtes in die Wege, welches durch die Bestimmungen über den Schutz der religiösen, nationalen oder sprachlichen Minderheiten, die in die Friedensverträge mit den Nationalstaaten, also auch mit Oesterreich, aufgenommen wurden, den Juden Oesterreichs schon seit neun Jahren zusteht, ohne daß davon Gebrauch gemacht worden wäre. Neun Jahre lang wiesen die zionistischen Mandatare im Kultusvorstand darauf hin, daß der in die Verfassung aufgenommene § 68 des Friedensvertrages dem Staate und den Gemeinden die Pflicht auf erlegt, für die religiösen, kulturellen und sozialen Bedürfnisse der Judenschaft ebenso wie für die anderer religiöser, nationaler oder sprachlicher Minderheiten, entsprechend der Stärke dieser Minoritätsgruppen, beizutragen; doch von diesem verfassungsmäßigen Rechte machen wohl die Tschechen und Slowenen, sowie die Angehörigen der evangelischen Konfession in Österreich Gebrauch, aber die Majorität des Wiener Kultusvorstandes leistete in imbegreiflicher Weise stillschweigenden Verzicht; diese Majorität ließ es geschehen, daß für die religiösen, kulturellen und Wohlfahrtszwecke der 250.000 Juden Oesterreichs der Staat sage und schreibe fünfhundert Schilling , j übrig hat. Noch vor wenigen Wochen haben wir in der „Stimme" auf die absurde Argumentation für diese Haltung der Majorität im Kultusvorstand hingewiesen, als der Budgetreferent der Wiener Judengemeinde, Regierungsrat Dr. Oppenheim, in einer Versammlung erklärte, wir dürften aus dem Oesterreich aufgezwungenen „Friedensvertrag" von St. Germain keine Rechte ableiten und wir Juden würden uns, wenn wir uns als Minderheit deklarieren, um unsere Gleichberechtigung bringen. Seither ist die Mehrheit des Wiener KultusvorStandes anscheinend doch zur Einsicht gekommen, daß das in die österreichische Verfassung auf genommene Minoritätenrecht, weit entfernt davon, eine Kürzung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung zu bedeuten, gerade auf den praktischen Schutz dieser Gleichberechtigung hinzielt. Diese Erkenntnis kommt spät; denn neun Jahre sind verstrichen, die mit den schwersten finanziellen Sorgen für die Kultusgemeinde erfüllt waren, Sorgen *Urn die Erfüllung der großen Aufgaben für Kultus, Religionsunterricht, Schulwesen, Fürsorge und aller anderen Aufgaben, die einer jüdischen Großgemeinde vom Range Wiens erwachsen. In dieser Zeit waren es einzig und allein die zionistischen Mandatare, welche unermüdlich auf dieses Recht der Juden, mit den anderen konfessionellen oder Sprachminoritäten dieses Staates gleichgestellt zu werden, hinwiesen. Im Kultusvorstand predigten sie tauben Ohren, nicht nur bei der Majorität, Vor wenigen Wochen erst hat das der oppositionellen Kultusvorstandsfraktion der „Sozialen Vereinigung" nahestehende Organ der „Werktätigen Juden" sich die Argumente der Majorität gegen die aus der Minoritätenklausel des Friedensvertrages abgeleiteten Rechte der österreichischen Judenschaft zu eigen gemacht und von „geminderten Rechten" orakelt. Doch die zionistischen Mandatare ließen sich durch keine noch so starr ablehnende Haltung irre machen; ihre unaufhörliche aufklärende Arbeit unter der Wählerschaft für diese selbstverständliche Forderung ging weiter und hat zum Erfolg geführt, Mit Stolz und Freude kann „Die Stimme“ diesen Erfolg zu nicht geringem Teile auf ihr Konto buchen; denn unser Organ hat zu dieser Aufklärungsarbeit unter den Juden Wiens und Oesterreichs die so lange entbehrte publizistische Basis gegeben. „Die Stimme" hat, als sie vor einigen Monaten zu erscheinen begann, das Versprechen gegeben, immer und überall das Wort zu ergreifen, wo es um Besserung der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Lage der österreichischen Judenheit geht; diesem Versprechen getreu, hat unsere jüdische Zeitung bei der Behandlung der Gemeindeangelegenheiten immer wieder gefordert, daß die jüdischen Gemeinden Oesterreichs ihren gesicherten Anspruch auf die Beitragsleistungen von Bund und Gemeinde erheben. Jetzt, da unserer Arbeit der erste sichtbare Erfolg gegeben ist, wiederholen wir unser Versprechen: „Die Stimme" wird nicht ruhen, bis auch auf allen anderen Gebieten des jüdischen Lebens in Oesterreich jenes Resultat erzielt ist, dem unsere Arbeit gilt: Die Gesundung der österreichischen Judenheit. Der Anfang ist gemacht; so erfolgverheißend er ist, es ist für uns wie für unsere Freunde in der Kultusstube erst ein Anfang. Der Kultusvorstand hat beschlossen, zunächst beim Bund um die Beitragsleistungen für die jüdische Gemeinde einzuschreiten. Dies genügt nicht. Die gleichen Schritte müssen bei der Gemeinde Wien geschehen. Die Gemeinde Wien hat es bisher abgelehnt, über geringfügige und sozusagen zufällige Fürsorgebeiträge hinaus den Institutionen der Kultusgemeinde Zuschüsse zu gewähren, mit der fadenscheinigen Begründung, daß es sich um „rein konfessionelle Zwecke" handle. Mit gebührendem Nachdruck wird der Kultusvorstand gegen diese verfassungswidrige Interpretation der Sozialdemokraten in der Gemeinde Wien auftreten müssen. Ueberhaupt ist die Durchführung des letzten Beschlusses des Kultusvorstandes abhängig von der Energie, mit der daran geschritten wird; denn es ist schwerer, ein Recht nachträglich geltend zu machen, als es sofort auszunützen; die bisher von der Majorität des Wiener Kultusvorstandes eingenommene Haltung ist eben ein das Tempo verlangsamendes Versäumnis. Doch durchgesetzt muß und wird dieses Recht der Judenschaft Oesterreichs werden! Für seine Durchsetzung wird ein gemeinsames Vorgehen sämtlicher Kultusgemeinden Oesterreichs von großem Nutzen sein und der Beschluß des Wiener Kultusvorstandes sieht auch vorbereitende Schritte zur Erzielung dieses gemeinsamen Vorgehens vor. Auch hier hat ein Versäumnis der Majorität das Tempo verlangsamt. Die Wiener „Union"-Majorität hat im Vorjahre den fruchtbaren Gedanken eines jüdischen Gemeindebundes. Beachten Sie in dieser Nummer u. a. folgende Aufsätze und Berichte: Die Wiener jüdische Gemeinde fordert endlich ihr Recht! Die Quellen des jüdischen Sprichwortes. Von Hirsch Tobias. Fort mit der privaten Fürsorge! Von Siegfried A b e 1 e s. Künstlerelend, Künstlerschicksal. Von Prof. Oskar S t r n a d. Eine amerikanische Jüdin. Von Berta Badt- Strauß (Berlin.) Der Baal-Tefillah. Von L. J a f f e. Schach, Rätsel, Sport, zahlreiche Illustrationen. 9» Redaktionsschluß und Schluß der Inseratenannahme Montag um 4 Uhr nachmittags. USSIANSKY-SCHUHE Große Auswahl in echten Schlangenschuhen von S 45*- Farblfl« Modespangenschuhe Detailverkauf zu Engros-Preieen direkt in der Fabrik, VII. Bezirk, Kaiserstrasse Nr. aufwärts S 15*50 23*50 25*50