Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1928)
- Date
- 1928-05-10
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 DIE STIMME Nr. 19 CD AI IBM rKflUEIV verwenden Verhiit-Kugeln ' (Vaginal- Desinüci«ns) Ärztlich empfohlen i:. glänzend begutachtet. — Nachnahmesendung (I utz.) S 3.50. — Ir» allen Apotheken erhältlich. Oeneraldepot: Marienapotheke, Wien, VI., Schmalzhofgasset. Ersatzptäparate weise man entschieden zurück. Wertvolle Tradition. Da uns die orientalische Sphäre zunächst fremd anttiutet, weil sie naturgemäß der allgemeinen orientalischen Musik sich unterordnet, betrachten wir die polnischaschkinasische Tradition als die unsere, als die unserem Beten und Singen gemäße. Und innerhalb dieser Tradition können wir uns umsehen und sichten. Und so ergibt sich ein Bestand von herrlichen, wertvollen Melodien, die wir hier schlechterdings nicht aufzählen können. Nennen wir einige wenige. Vom Sabbath etwa „Wajj’- chullu", von den Wallfahrtsfesten das Bor’chu und die Abendjozros, auch die Tal- und Geschem-Weise, und von den Hohen Feiertagen etwa die Owos, Hammelech und Olenu. Merkmale. / Die rasche Liste kann man natürlich erweitern und man wird eine schöne Ausbeute gewinnen. — Aber warum sind diese Stücke wertvoll? Antwort: Weil sie jüdisch sind. (Zum ersten Male fällt das Wort: jüdisch.) Ich habe oft über die Merkmale synagogaler Musik geschrieben und gesprochen. Geschrieben zuerst im Band „Juderna“ der schwedischen „Nationernas Bibliothek" 1920. Auf sie eingehen kann ich diesmal nicht, wegen Raummangel. Aber nennen will ich sie, weil man leicht aus den Namen schon das Prinzipielle erkennen wird. Ich unterscheide vier Hauptmerkmale oder, wie ich es nenne, Charaktere und drei Nebenmerkmale. Nämlich: den rezitativischen, den melodisch-diatonischen, den anapästischen und den parallelistischen Hauptcharakter. Und als Nebencharaktere: den meditativen, den Mischcharakter der Tonarten und den Wechselcharakter der Rhythmen. — Mögen diese knappen Hinweise das interessierte Publikum auf ein fast neues, uns Juden nahe angehendes Gebiet aufmerksam machen und zum weiteren Studium der wahrhaften edlen Materie anregen! Emest Blochs Symphonie „Israel“ wurde am 20. April in London zum ersten Male aufgeführt. Das Werk wurde bereits in New York unter Mengelberg und unter anderen Dirigenten in Cleveland, San Francisco, Paris und Holland gespielt. Bloch zählt zu den bedeutendsten Komponisten und darf in noch höherem Maße als überragendste Persönlichkeit der neuen jüdischen Musikentwicklung gewertet werden. Während seine kleineren Werke für Violine, Cello und die Kammermusik in Mitteleuropa noch hie und da zu hören sind, kennt man seine großen Werke mit Orchester in Wien und in Deutschland kaum. Es wäre für den kürzlich hier gegründeten Verein „zur Pflege jüdischer Musik" eine dankenswerte Aufgabe, die Aufführung einer der Orchester-Kompositionen von Bloch — „Schelomo", „Trois Poemes Juifs", Suite für Viola und Orchester, Symphonie — zu ermöglichen. St. Eine große Spende an die Jüdische National- und Universitätsbibliothek Herr und Frau S. Marcus Fechheimer, welche bereits vor drei Jahren der Bibliothek eine Spende von 6500 Bänden gemacht haben, haben neuerlich eine ca. 4000 Bände umfassende Spende für die Bibliothek gemacht. Die Sendung enthält einige außerordentlich wertvolle und seltene Drucke, darunter italienische Inkunabeln. Weiters seltene Konstantinopler, Krakauer und Adrianopler Drucke, sehr seltene Machsor-Ausgaben, die lateinische Mischna - Uebersetzung von Surenhusius, die Erstausgabe von Pfefferkorns »Augenspiegel- (1511) und sehr viele Serien jüdischer Zeitschriften. Hebräische Autographen. Zu der unter diesem Titel in unserer Nummer 18 erschienenen Besprechung ülher die von Reg.-Rat Dr. Bernhard Wach stein herausigegebenen hebräischen Autographen ist nachzutragen, d'aß diese, zunächst in der Wiener Monatsschrift „Memordb" erschienen, als Sonderpublikation vom Verlag der „Menorah“ (Wien, I., Zelinkagasse 13) ediert wurden. Die jüdische Presse au! der Kölner »Pressa« Die Leitung der jüdischen Sonderschau auf der Internationalen Presseausstellung in Köln richtet an Privatpersonen und Organisationen die Bitte, ihr interessantes Ausstellungsmäterial zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig macht sie alle Aussteller, auch die Herausgeber der Zeitungen und Zeitschriften darauf aufmerksam, daß die Ausstellungsgegenstände, die nach dem 9. Mai in Köln einlaufen, unter gar keinen Umständen mehr für die Ausstellung Verwendung finden können, da dann über den ganzen Ausstellungsraum endgültige Verfügung getroffen werden muß. Die Kosten für Versand und Versicherung der für die historische Abteilung bestimmten Gegenstände übernimmt die Ausstellungsleitung. Die Herausgeber der Tagespresse müssen diese Kosten selbst tragen. Al!^ Aussteller erhalten von der Aussteliungsleitung auf Wunsch die Bedingungen für die Ausstellung und die Versandvorschriften. Klassiker der Erotik Unter diesem Titel bietet der Heimverlag, Wien, VIL, Seidengasse 3—11 unseren Lesern seine neue Ausgabe der Meisterwerke der erotischen Literatur zu Bedingungen an, die es jedem einzelnen Bücherfreunde ermöglichen,, seine BibLiotthek mit wertvollen Büchern zu bereichern»/. Der Heimverlag ist dem Publikum gut bekannt, die allgemeine Beliebtheit, deren sich die in diesem Verlage bisher erschienenen Werke erfreuen, wird durch die Herausgabe der neuen Bücherserie sicher noch gesteigert werden, denn das Gebiet der erotischen Literatur ist ein so weitverzweigtes und interessantes, daß sich des Studium desselben unbedingt lohnen wird. Diese Sammlung wird di« hervorragendsten Werke der erotischen Literatur enthalten und durch ihre oft recht ergötzlichen Geschichten dem Leser ganz besonderes Vergnügen bereiten. Jüdisches Theater Eine palästinensische Schauspielerin über das Thea* ter in Erez Israel Die Schauspielerin B e r n s t e i n-C o h « n, ein Mitglied des Theaters »Tai« in Tel-Aviv, das unter der Leitung des Regisseurs Menachem Gnessim steht, ist jetzt auf einer Tournee durch Polen begriffen. In Lodz, wo sie vor einigen Tagen vor einem großen erlesenen Publikum im großen Saale des Frauenklubs »Bialik« Stellen aus der Bibel, das Hohe Lied, arabische Lieder u a. m. las, erzählte sie in einem Interview mit der Vertreterin des »Neuen Volksblatt« von sich und dem Theaterwesen in Palästina u. a. »Ich bin eine Absolventin der medizinischen Fakultät von Charkow, wo ich gleichzeitig auch die dortige dramatische Schule mit gutem Erfolg absolvierte. Medizin studierte ich, um dem Wunsch meiner Eltern zu entsprechen, Schauspielerin wurde ich aus innerer Neigung. Als ich beide Fakul- GABRIEL FISCHER orth. Htt/S Selchwarenfabrik Export nach Inti. Ausland Wien Baden II, Große Schiffgasse 10 BreHnerStraße 1 II. Kleine Sperlgasse 9 täten beendet hatte, wählte ich schließlich die Schauspielerlaufbahn zum Lebensberuf. Seit den ersten Jahren der Revolution war ich abwechselnd am Charkower städtischen Theater, dann in Kiew bei Solowzow und in anderen Städten als dramatische Schauspielerin tätig, hatte auch eine sehr gut besuchte Schule für dramatische Kunst und genoß besonders als Lehrerin einen sehr guten Namen, Auch in Palästina, wohin ich vor einigen Jahren übersiedelte, habe ich gleichzeitig mit meiner Arbeit als aktive Künstlerin am hebräischen Theater in Tel-Aviv eine dramatische Schule im Geiste des alten Stanislawski-Theaters ins Leben gerufen. Eine Zeitlang war ich auch Herausgeberin und Redaktrice einer hebräischen Theater- und Kunstzeitung und arbeite gegenwärtig an einem größeren Werk über Religion und Kunst.« Ueber das Theaterwesen in Palästina äußerte sich Frau Bernstein-Cohen: »Das Theater in Tel-Aviv. »Tai«, faßt 250 Personen und vermag sich selbst zu erhalten. In Palästina wird die Notwendigkeit eines Theaters viel mehr empfunden als anderswo. Kein jüdischer Arbeiter vermag sich das Leben ohne Theater oder ohne Kunststätten zu denken. Das Theater ist stets fast völlig ausverkäuft und wenn cs dennoch mitunter mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat, so ist dies, weil auch in Palästina die Steuern das bestgehende Kunstinstitut erschlagen. In einer besseren Lage befindet sich das von der Arbeiterorganisation erhaltene Prolet - Kuit- Theater »Ohel«; es ist das ein Studio, das eigentlich in jedem Jahr nur ein neues Stück zur Aufführung bringt, so daß im Verlaufe von drei Jahren nicht mehr als drei Uraufführungen stattfanden. Aber dieses Theater der Proletarier steht trotz alledem auf einem künstlerisch annehmbaren Niveau und ist infolge der starken Unterstützung durch di«. Arbeiterschaft in seiner Existenz fest begründet.« Das Berliner Gastspiel des Moskauer jiddisch-akademischen Theaters Aus Berlin wird uns berichtet: Als dritte Premiere brachte das unter der Leitung von Alexis Granowsky im hiesigen Theater des Westens gastierende jiddisch-akademische Theater aus Moskau »Die Hexe«, eine in der Art einer Rüpelkomödie abrollende Parodie auf das alte jüdische Theater. Im Publikum sah man wieder die namhaftesten Vertreter der Berliner Theater- und Kunstwelt, u. a. den greisen Maler Max Liebermann, Generalmusikdirektor Schillings und Direktor Bamowsky. Die in unaufhörliche r bunter Bewegung befindliche Szene erregte wieder höchste Bewunderung. Es gab rauschenden Beifall. Die Kritik bestätigt« einmütig den Publikumserfolg. Als nächste Premiere gelangt I. L. Percz' Spiel »Die goldene Kette« zur Aufführung. Jüdische Künstlerspiele. Nach längerer Zeit hat sich diese Bühne wieder einmal ihres literarischen Beginnes erinnert und das kräftige Drama Schalom Aschens »Unser Glaube« zur Aufführung gebracht. Im Mittelpunkt des Abends stand der verdienstvolle Regisseur Schalom Brün, der die Rolle des Pferdehändlers Leisor darstellerisch ausgezeichnet bewältigte. Auch die andern Mitwirkenden, zunächst Frau Deutsch als Mutter, Lea Weintrau b-Graf als Esther, B. W i 111 e r als Antik, in kleineren Rollen überaus charakteristisch I. Feldbaum und M. Z e 1 n i k e r, trugen zum Erfolg des Abends bei. Das ganze Ensemble, allen voran Regisseur B rü n, wurden unzählige Male gerufen. — Woche n s pi e ü p 1 an: Freitag den 11. Mai ,,'Berele ßosfak", Operette in drei Akten. Samstag den 12. bis Montag den 14. xMai ,,Die weiberische Meludhe", Komödie in drei Akten, Dienstag den 15. Mai Bunter Abend. Mittwoch den 16. Mai Vorstellung als Ehrenabend der Frau Glara M e i s e 1 s. Mitwirkend Ilja Trilling, der bekannte Moskauer Schauspieler, welcher von den ,,Jüdischen Künstlerspieflen" für ein Ikurzes Gastspiel verpflichtet wurde. Copyright by s Dr. Präger, Pressedienst, Wien, I, Flelscnmarkt 1 Die Geschichte von dem „Bolschewiken“ Uscher Luserowitsch Von N. Brind. (Aus dem Russischen übersetzt von Vera von Mitrofanoif.) Es war kein Morgen — es war ein Loch im Leben, ein schwermütiges Schmachten, eine unruhige Not. Angenehm ist‘s, sich über das am Samstag gelegte Ei in Sinnen zu verlieren, so gegen einen friedlichen Abend zu, zwischen zwei Sonnenseiten, nach einem heißen Tee und einem heißen Geldgeschäft, Angenehm ist‘s an einem stillen, ganz stillen , . . . Aber was ist nicht alles angenehm?! , . , , Uscher Luserowitsch schüttelt seinen Bart über dem angequollenen, von den vielen Schnupftabakprisen gelb gewordenen Talmud, schlurft im eiligen Laufschritt durch das Zimmer, setzt sich wieder nieder, wackelt ein wenig mit dem Oberkörper über dem Buch und erhebt sich neuerdings, um von der Tür zum Fenster, vom Fenster zur Tür zu eilen. Uebrigens führt die Tür zur Küche. Und in der Küche ist seine Frau, sind zornige Kochtöpfe, Wenn die Frau — die giftige Anklage — mit dem Spüleimer, mit dem Brett zum Einsalzen des Fleisches, mit dem dampfenden Holzscheit in der Tür erscheint, wird Uscher ganz zur unschuldsvollen Frage: „Ist denn etwas passiert?“ Ja, es war etwas passiert, ja, sie hatte recht, die Alte. Immerhin bleibt eine Frau eine Frau. Die Sache ist einmal geschehen. Ist also nicht wieder gutzumachen. Nicht? .... Vielleicht aber? .... Vielleicht? .... Der fromme, unentbehrliche Schirm — er harrt schon lange ungeduldig — hüpft ganz von selbst unter die Achselhöhle, Uscher Luserowitsch enteilt seiner Frau, den Kochtöpfen, dem Talmud, sich selbst, seinem nagenden Gewissen — auf die Straße hinaus. * Buden, Buden, große und kleine, blinzeln blind mit den Pflastern ihrer Rollbalken. Ist das Weitende da? Der große Sabbat? Juden eilen durch die Gassen, huschen nach allen Seiten hin, begrüßen einander zum Feiertag, aber es nützt nichts, der bittere Mund will nicht lächeln. Ein Flüstern, ein Mäusepipsen: „Nun, wie wird das alles enden?“ Die Geschichte von Uscher Luserowitsch kennt die ganze Welt. Um ihn sammelt sich ein Kreis (nur ein Teil der Welt). Kinder schieben sich zwischen die Füße, Vorübergehende bleiben stehen, halten das Ohr hin, der Menschenhaufen wächst und wächst — wären nicht die Schläfenlocken, es wäre in der Tat ein Meeting. Uscher, der Mittelpunkt, beginnt jedesmal, wie es sich gehört vom Anfang: „Möge ich von Unglück so viel wissen . . . . Wußte ich‘s? .... Sie haben befohlen .... Es war ja ein Befehl, daß re . . re . .“ „gistriert . . . „gistriert werde“, fängt Uscher Luserowitsch auf, wie ein Knäblein einen Ball, wendet sich an den Einsager, packt ihn beim Knopfloch (Uscher ist eben eine alte jüdische Anekdote) und beginnt, wie sich's gehört vöm Anfang. „Möge ich von . . . .“ Juden im Kjreis — wehe dem Redner! Jeder — ohne sich zum Wort zu melden — redet, macht ihm Vorwürfe, gibt ihm Ratschläge, seufzt nur einfach, erschüttert für das ganze Leben: „Mit eigenen Händen wie Waren nehmen und Das Eigentum kaum beseufzt — zwei Rotarmisten sind da. Bartmähnen fliegen im Wind auseinander, flattern ein wenig, flechten sich wieder in großer Zahl in kleine, armselige Zöpfchen zusammen. Nur Uscher Luserowitsch wandelt allein nach Hause, zu den Kochtöpfen, zum Talmud und meetingiert unterwegs — vor unstillbarer Erregung — mit sich selbst, eigenhändig. * Tags darauf (die Zeit in einer Dichtung ist ein sonderbares Ding), tags darauf weht Ungeheuerliches in der kleinen Stadt. Soldaten laufen in den schiefen Nebengassen, fallen den Fahrzeugen in den Zügel, raffen die Ladung zusammen, spucken unruhige Flüche. Aus dem Unbekannten kriechen dunkle Fratzen hervor. Umwölken die Sonne. „Wer kommt?“ Der Ortslügner Boruch — mit dem Spitznamen .1.