Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1928)
- Date
- 1928-05-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Dg STIMME Nf. >9 Tuchhaus Münz I. Zugang i Rotanlurmttn 11 Import original englischer and schottischer Damen« and Herrenstoffe Detailverkauf zu Engrospreisen % derbare Impulse. Sie statinen über sie und suchen sie zu ergründen. Die östlichen Einwanderer bieten viele interessante Beispiele. Was den Zionismus anbelangt, halte ich ihn für eines der wichtigsten Probleme der jetzigen jüdischen Situation. Ich bin ein persönlicher Freund von Chaim Weizmann und habe viel mit ihm, übrigens auch mit anderen, wie mit Arthur Ho- 1 i t s c h e r, über das Palästinaproblem gesprochen. Im übrigen war ich 1925 in Palästina, bei der Eröffnung der Universität in Jerusalem. Etwas vom ästhetisch-ethischen Vollmenschen habe ich gefunden und das war mein großes Erlebnis: der Aufbau eines neuen Landes und einer neuen Kultur. Das war für mich das Entscheidende. Für mich liegt das Bedeutende in der Schaffung eines neuen Kulturgebietes. Das ist es, was mich packt und immer wieder erschüttert. Ueber die politische Seite kann ich nichts sagen. Ich habe in Palästina etwas sehr Schönes gesehen: arbeitende Kräfte einer neuen jüdischen Jugend. Henri Torres auf der »Anklagebank« 'In der letzten Zeit bat die besonders in Osteuropa von jeher verbreitete Sitte, über literarische oder ‘künstlerische Neuerscheinungen und Neuschaffungen in Form von Gerichts- Verhandlungen kritische (Diskussionen durohzuführen, auch im Westen Europas Eingang gefunden. Eine solche Gerichtsverhandlung wurde, wie uns aus Paris gemeldet wird, vor kurzem im Klub de Faubourg über das Buch Henri Torres, des Verteidigers Sdbalom Scbwarabarths, über Entstehung und Verlauf des Schwarzbarüh-Prozesses durcbgeföhrt. Es wurden hierbei aöe Formalitäten einer Gerichtsverhandlung eangehalten. Belastung«- und Entlastungszeugen einvemommen, denen volle Freiheit gegeben war, sieb über den Angeklagten Henri Torr£s, sein Buch und den Prozeß selbst aiuszutspredben. Den Vorritz führte Bemard L e c a cfh e, der wie erinnerlich, behufs Sammlung des erforderlichen Pogrommaterials, die Ukraine bereist hatte. Er schilderte die Vorgeschichte des Prozesses und der Tragödie Schwarzbarths, gab den Leumund des Angeklagten Torr&s bekannt, der der geeignete Mann gewesen sei, in diesem Prozeß nicht nur mit zündendem Wort, sondern mit seinem für das »Recht begeisterten Herzen die RoMe des Verteidigers zu übernehmen. Torres sei einer der mutigsten Männer, die selbst im Krieg als Soldaten den Mut aulbrachten, offentftich sich als Pazifisten zu erklären und für den Frieden einzutreten. Hierauf erschien der Angeklagte Henri Torres, Er sagte einleitend: „Ich erscheine hier als Angeklagter und obgleich ich empfinde, daß meine Position hier kerne schwere ist, so bin ich doch bereit, mich mit der Meinung der Oeffent- Hdhkeit in aller Form auseinanderzusetzen. In meinem Buch ist nichts von nationalistischem Geist, weder an französischem noch in jüdischem Sinn. Als Mitglied der französischen sozialistischen Partei liegt mir nichts ferner, als Chauvinismus nach der einen oder anderen Seite 'hin zu vertreten. Von jüdischer Seite wurde ich beschuldigt, in meinem Buch geflissentlich wichtige Persönlichkeiten des Verteidigungskomitees, denen ich viel Dank schuldig bin, übergangen zu haben- Diese Beschuldigung tut mir sehr weh. Aber abgesehen vom Raummangel, ließ ich mich von dem Gesichtspunkt leiten, daß mein Buch hauptsächlich für französische Leser bestimmt ist und daß viele der »jüdischen Mitarbeiter, die im dem/Buch unerwähnt blieben, bei dem französischem Leser nicht jene Autorität genießen, die sie bei den Juden mit Recht haben. Nach ernenn Lab auf Paris, „die Hauptstadt des Gewissens der Kulturwelt", und die 12 Geschworenen übt Torräs sehr scharfe Kritik an dem Verhalten der ukrainischen Sozi»alis t e n der zweiten Internationale, die es mit ihren sozialistischen Gewissem vereinbar hielten, nach Paris zu kommen und PeÜjttna reinzuwaschen. Zum Schlüsse hat Torräs »um Freispruch und ersuchte »die im Khrb Fambourg vereinigten Intellektuellen niemals zu vergessen, daß der Jude »das ewige Symbol des M a r t y ri ums ist. Nun traten die Belastungszeugen auf. Der Herausgeber der )(iRevue de siäde", Armand Verdoni, sagte, daß Schwanzbarth nicht aus freiem Willen, sondern über Auftrag gehandelt habe. Damit sei sowohl von SchwarzbarÜh als auch von seinem Verteidiger Torräs und dessen Buch die Gloriole genommen. Auch ein nationalistischer Kapitän meldete sich als Belastungszeuge und erklärte, er sei wohl kein Antisemit, aber die in verschiedenen Büchern abgedruckten Zitate »aus Talmud und Kolnidre (f) hatten ihn überzeugt, »daß Verträge mit Juden keinen Wert haben und daß man daher den Geist der Pogromisten verstehen müsse. Dann erwiderten die Entlastungszeugen, der greise Publizist Ernest Jaures, der chinesische Schriftsteller Tsching- Tscliing, der Politiker George Fiaque und schließlich der Angeklagte selbst. Alle Zeugen der Verteidigung dankten Torräs für seine (große Tat Aber der Fortschritt seit dem Dreyfus-Prozeß — darauf wurde hiagewiesen — sei durchaus kein so großer wie Torräs meine; damals sei die Jugend stürmischer und kampfbereiter gegen »die schwarze Reaktion gewesen. Nach Schluß des ,,BeweUver£ahrens" wurde der „Angeklagte“ mit allen gegen zwei Stimmen freigesprochen. Wir ersuchen allen Manuskripten, die uns nicht über Verlangen eingeaendet werden, Rückporto beiznlegen, da •oaat Rücksendung nicht erfolgt. England und der Zionismus Der Vortrag von Colonel Wedgwood in Wien Am 5. Mai hielt der bekannte englische Labour-Poüitiker Colonel Wedgwood, welcher jetzt kurze Zeit in Wien wellt, über Einladung des österreichischen Büros des Keren Hajessod im Saale des Volksgartens , einen Vortrag über das Thema „England; uod der Zionismus", in dem er seine politische Konzeption „Palästina als siebentes britisches Dominium" gegenüber den mißverständlichen Auffassungen von verschiedener Seite eingehend begründet ete. Der große Saal war überfüllt. Die Ausführungen des Redners, der deutsch sprach, übten durch ihre klare und eindringliche Art stärkste Wirkung. Wir geben sie nachstehend im wesentlichen wieder: Es ist behauptet worden, daß jüdische Freiheit und die Wiedererrichtung eines Judenstaates in Palästina nicht Zusammenhängen mit jener Umwandlung Palästinas in ein siebentes Dominion des britischen Commonwealth der Völker, welche ich in meinem neuen Buch über Palästina befürwortet habe; daß die Unterstellung Palästinas unter das Mandat des Völkerbundes eine größere Unabhängigkeit und einen höheren Status bedeute, als die eines Dominions des britischen Reiches. Niemand, der das britische Reich von heute kennt, wird diese Behauptung aufnehmen können. Jedes britische Dominion hat bekanntlich seine Vertretung im Völkerbund, Kanada ist sogar im Rate des Völkerbundes vertreten. Alle unsere Dominions sind unabhängige Mächte und genießen außerdem den Vorteil, daß eine Möglichkeit des Krieges zwischen ihnen ausgeschlossen ist. Furchtlosigkeit ist nach dem Kriege ein seltener und beneidenswerter Zustand geworden und dieser Zustand bietet sich einem siebenten Dominion des britischen Reiches, einem Völkerbund innerhalb des Völkerbundes. Ich muß auch bemerken, daß das England übertragene Mandat Palästinas eines Tages doch ein Ende wird finden müssen. Es ist naturgemäß, daß dieses Ende in eine Zeit fallen muß, in der der ganzen palästinensischen Bevölkerung eine Selbstregierung gegeben werden wird. Es wird dann die Entscheidung der Bevölkerung in diesem Zeitpunkte maßgebend sein, ob sie sich entschließen wird, unter britischem Schutze zu bleiben oder ob sie den Willen haben wird, ebenso unabhängig zu sein wie Griechenland. Die zukünftige Entscheidung, die die Zionisten erhoffen, müßte schon jetzt beschlossen werden. Denn nur das Ziel bestimmt die Arbeit. Und nur das Ziel wird und kann auch die Bundesgenossen, die für diese Arbeit nötig sind, bestimmen. Es fragt sich aber gegenwärtig, welche Vorteile und welche Nachteile wir zu erwarten haben, wenn wir uns schon jetzt in dieser Hinsicht entscheiden. Im realpolitischen Sinne verlieren wir eigentlich in der Tat nichts, denn das Ende muß immer das gleiche sein. Hier ist aber befürchtet worden, daß der Zionismus den Beistand and die Forderung der europäischen Juden in diesen kritischen Jahren verlieren könnte; es wird darauf aufmerksam gemacht, daß es die schlimmsten Folgen zeitigen könnte, wenn wir gerade jetzt, da wir alles brauchen, deswegen die finanzielle Unterstützung verlieren müssen. Demgegenüber will ich feststellen, daß Jabotinsky und die Revisionisten schon zu meiner Anschauung gelangt sind. Allerdings sind Zusicherungen in zwei Punkten notwendig, Erstens, ein Versprechen der britischen Regierung, daß keine Selbstregierung in Palästina und kein Araberkonzilium zugebilligt werden soll, insolange die Zionisten nicht erklären, daß dies ratsam wäre. Denn gerade jetzt wäre es die größte Gefahr, eine Selbstverwaltung in Palästina zu gewähren, insolange wir in Palästina keine große jüdische Bevölkerungsanzahl besitzen, um die Sicherheit zu erlangen, daß In Palästina eine jüdische Majorität geschaffen wird. Zweitens möchten wir auf dem Gebiete der jüdischen Ansie'dlung eine mehr übereinstimmende Zusammenarbeit zwischen der englischen Verwaltung und deren Beamten einerseits und der Zionistischen Der britische Staatsmann Lord Robert Cecil, der Präsident des englischen Pro- Palästina . Komitees. Organisation erzielen. Im Interesse des jüdischen Wiederaufbaues von Palästina liegt es, daß die englische Verwaltung beispielsweise ein Departement zur Regelung der jüdischen Ansie dl u n g e n schafft, die Gründung einer Agrarbank, das Zustandekommen einer Anleihe in Angriff nimmt, wie es denn überhaupt Pflicht und Aufgabe der englischen Verwaltung in Palästina wäre, für die jüdischen Immigranten dasselbe zu tan, was sie seinerzeit für die griechischen Emigranten in Griechenland getan hat. Wenn die englischen Beamten endlich einmal die Verantwortung für diese Arbeit überwiesen erhalten, wenn es ihnen zu verdanken sein wird, daß der Wiederaufbau des jüdischen Palästinas Fortschritte macht, und wenn sie selbst einsehen werden, daß dieser Wiederaufbau nicht nur im Interesse der Juden, sondern auch in dem Englands geschieht, dann können wir dessen sicher sein, daß die jüdische Kolonisation in Palästina sich entwickeln und gedeihen wird. Wenn wir dieses Problem weiter verfolgen, so werden wir sehen, daß eine Zusammenarbeit der Zionisten mit der Verwaltung mit der Zeit auch eine nationale and volkswirtschaftliche Zusammenarbeit herbeiführen muß. Ich persönlich möchte es schon sehen, daß England in derselben Weise die Interessen der Juden im Osten beschützt, wie Frankreich gegenwärtig die Interessen der katholischen Kirche in Schutz nimmt. Ich möchte es schon kommen sehen, daß England und mein englisches Volk die Juden als „of the Family“ (d. i. zur Familie gehörig) ansehen möchte. Dieser ideale Zustand mag vielleicht noch in weiter Ferne liegen, aber eine Zusammenarbeit für ein gemeinsames Ziel, wie es in Palästina sein wird, muß auch in dieser Richtung Früchte tragen und das englische und jüdische Volk zusammenbringen. Das ist dasjenige, was die Juden dabei gewinnen werden, und Sie können mir glauben, für England wird diese Kooperation und Familienzugehörigkeit ebenfalls ein Gewinn sein. Ein nicht minderer Gewinn wird es auch für die ganze Welt und die Menschheit sein, denn die Juden, Engländer und Amerikaner vereinigt, werden die größte Macht darstellen, der es erst gelingen wird, den Frieden in der Welt zu erhalten. Keine von den Rassen und Völkern will mit den Juden so sympathisieren, wie die Anglosachsen. Sie allein möchten das Unrecht, das den Juden in den letzten zweitausend Jahren geschehen ist, ein für allemal quittieren. Sie möchten ein Verhältnis gegenseitiger Achtung und Hochschätzung erlangen. Es ist ja nicht zu leugnen, daß wir beide, Engländer und Juden, sehr oft die Rolle von Gläubigern innehaben und deswegen auch beide unbeliebt sind. Wir Engländer sind ebenfalls, wie die Juden, Wanderer unter den Fremden. Wir beide sind auch Handelsleute, und wenn wir zuweilen jene, mit denen wir handeln, etwas verachten, so ist das nur, ähnlich wie bei den Juden, die Folge unseres Berufes. Wir beide finden auch in der Thora, dem Alten Testament für alles, was einer Rechtfertigung in unseren Beziehungen zur Menschheit bedarf, die nötige Begründung. Wir beide können uns auch über uns selbst lustig machen, weil wir eben dessen sicher sind, daß wir in Wirklichkeit das auserwählte Volk sind. Aus allen hier angeführten gemeinschaftlichen Zügen geht hervor, daß wir Engländer die Juden besser verstehen, als jene, denen das Alte Testament von Kindheit an nicht so vertraut ist, wie uns Engländern. Für einen Nichtengländer ist das Wort „Jude“ ein Schimpfwort von der Straße. Uns Engländern aber bedeutet dieses Wort etwas, was uns an Salomo und Moses und alle jene Gestalten, die uns seit unserer Kindr heit vertraut sind, erinnert. Wie oft benennen wir unsere Kinder nach den Juden, als wären sie unsere eigenen Ahnen. Als meine Vorfahren bei Nazebi und Wigan Lane die Aristokraten besiegten, waren sie mit den Namen Aron und Abner bewaffnet und als sie sich zum Angriff sammelten, riefen sie in der Sprache der Propheten den Gott Israels um Hilfe an. Unsere Beziehungen zu verschiedenen Nationen sind, wenn auch unmerklich, mit vielen Zügen ihrer Geschichte eng verwandt; so sehen wir in den Holländern die Nachkommen Vater Wilhelms, Frankreich und die französische Revolution bedeuten für uns noch immer Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Aehnlich geht es uns auch bei den Vorstellungen über die Juden. Vor vielen Jahrhunderten gingen sie uns voran, eine Wolkensäule des Tages und eine Feuersäule bei Nacht tragend. Sie waren die ersten Protestanten und Denker, als sie Moses aus Aegypten führte, um sie vom Götzendienst zu entfernen und von den Regeln der Priesterkaste zu befreien. Der Kampf, den Jude Maccahäus gegen die Herrschaft der Tyrannen führte, ist der erste nationale Aufstand, indem» er sie zum Siege 1600 Jahre vor den Kämpfen der Schweizer, Schotten und Holländer führte, um ihnen Freiheit und Unabhängigkeit zu ermöglichen. Einem solchen Volke bringt man das Gefühl der Ehrfurcht entgegen. Denn dieses Volk ist ebenso bekannt, wie alt und einzig dastehend. So sehen wir die Juden mit unserem Augen an. Diese Gedanken führten mich zu den Anschauungen,