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Die Stimme · 1928-05-10 · Heft 19 (10.5.1928) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 19 (10.5.1928)
Date
1928-05-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 19 DIE STIMME Seite 3 ist verböten worden. Sehr starken Verfolgungen ist die zionistisch-sozialistische Partei »Poale Zion« in Litauen ansgesetzt. Die Partei wurde verboten, alle Büros derselben wurden behördlich geschlossen. In der Provinz wurde die Mehrzahl der Parteimitglieder verhaftet. Das Jüdische Element in Frankreich Literatur, Kultur, Ghetto, jüdisches Leben. Von Jean Richard Bloch (Paris). (Nach einem Gespräch.) Als einen »echten Pilger der Menschlichkeit« bezeichnete sich Jean Richard Bloch, der als Gast der Deutsch-französischen Gesellschaft und des Kulturbundes über »Das zeitgenössische Theater in Frankreich« und »Der Weg unserer Kultur« vor den Wiener Intellektuellen und Vertretern auswärtiger Gesandtschaften sprach. Das offizielle Oesterreich wär den Vorträgen des jüdischen . Dichters aus Frankreich fern geblieben. Innerhalb des französischen Geistes, soweit er sich in der Literatur spiegelt, nehmen die Juden wichtige Plätze ein. Ich nenne zunächst Andre Spire, den jetzt 55 Jahre alten Dichter, der in der Affäre Dreyfus sich hervortat. Er ist mit Recht die prominenteste Persönlichkeit unter den jüdischen Dichtern Frankreichs, er hat die schönsten jüdischen Gedichte geschrieben. Daneben möchte ich Jose Jehouda erwähnen, den in der Schweiz lebenden russischen Juden, dessen Romane jüdische Themen behandeln. Auch ein flüchtiger Beobachter wird zwei Arten jüdischer Schriftsteller in Frankreich feststellen können: die einen, die, mit wunderbarer Assimilationsfähigkeit begabt, sehr rasch den Pariser Ton angenommen haben und Beherrscher der sogenannten Boulevard-Theater geworden sind. Bekannte Namen lassen sich anführen: im Schauspiel Porto Riche und Henri Bernstein, im Lustspiel Romain C o o 1 u s (Weil), Frangis de C r o i s s e t (Wiener), im Schwank der junge Andre Lang, Nozieres, Claude Roger Marx und — Tristan B e r n a r d. AH diese Autoren haben es verstanden, jüdischen Jargonwitz mit französischem Geist und englischem Humor zu mischen, derart, daß daraus der Pariser Boulevard-Lustspielton entstand, der mit Meilhac und Halevy, den Librettisten Jacques Offenbachs, den Anfang genommen hat. Auf der anderen Seite ist es eine Gruppe von Schriftstellern, welche die wichtige Rolle des gegenwärtigen Theaters erkannt hat und darum gegen die Oberflächlichkeit des Decadence-Lustspiels kämpft, um das große Universaldrama wiederaufzubauen. Es sind dies Andre Spire, Edmond F1ä g, Jdftii Richard Bloch. Eine soziale Erscheinung von sonderbarer Kraft: das plötzlich entstandene Ghetto in Paris! Ostjuden in ihrer ungebrochenen Eigenart! Bunter Handel, Geschäfte mit jiddischen Aufschriften, koschere Garküchen — und tausende jüdischer Kinder, die jetzt schon die Schulen des III. und IV. Pariser Bezirkes bevölkern, drei kleine jüdische Theater — all das wird in den Strom des Pariser Lebens hineingepreßt. Diese jüdischen Elemente mischen sich rasch, Die Kinder lernen französisch in den Schulen, sie steigen auf, fühlen sich als Bürger der französischen Republik und — werden bald eine Rolle im Wirtschafts- und Geistesleben Frankreichs spielen. Was die gegenwärtige jüdische Kultur für Frankreich bedeutet? Es ist sonderbar, daß in Frankreich die jüdische Kultur, der jüdische Geist viel eifriger von den Christen beobachtet und studiert wird, als von den Juden selbst. Es gibt eine Reihe christlicher Denker und Historiker, die sich mit dem Judentum beschäftigen: zunächst die Brüder T h a - raud, die eine Geschichte der Juden geschrieben haben; Dr. Couchoud, den Arzt und letzten Freund von Anatole France, der jüdische Fragen in der von Rieder herausgegebenen Sammlung »Judaisme« behandelt; den Universitätsprofessor und Direktor des französischen Instituts in London Denis S a u r a t, dessen Forschungen über die englischen Mystiker Milton, Blake, Spencer, den Einfluß der Juden der Renaissance zeit auf die damaligen englischen Dichter erhellt haben; Jacques Maritain, einen echten Katholiken und Philosophen, Professor an der Katholischen Universität Paris, einen echten Schüler des Thomas von Aquino. Dieser gläubige Gelehrte ist Zionist geworden, er kämpft gegen die Action frangaise und für.die Notwendigkeit eines freundschaftlichen Zusammenarbeitens zwischen Juden und Christen auf geistigem Gebiete und besonders in zionistischen Fragen. Diesbezüglich, d. h. betreffs seines Palästinastandpunkts hat seine Arbeit die Billigung des Heiligen Stuhls gefunden. Der Professor für islamitische Kultur am College de france, Massignon, ist ein gläubiger Christ und der größte Freund der jüdischen Bewegung; er war öfters in Palästina und bewundert die zionistische Aufbauarbeit. Die Literatur, als Spiegelbild des geistigen Lebens, setzt sich mit dem Judenproblem auseinander. Als Sohn jüdischer Eltern hat mich dieses Problem schon früh beschäftigt. In einem Aufsatz der Pariser Revue »Europe« — der Aufsatz heißt »Napoleon, die Juden und der moderne Mensch« — schrieb ich über den Einfluß der Juden auf den modernen Menschen. Der große Romancier Roger Martin du Gard, dessen Romane über^Üie Krise im christlichen Sozialismus und über den Kampf zwischen Protestanten und Katholiken als Marksteine der französischen Literatur gelten, hat erklärt, daß mein Artikel ihn nach vielen Richtungen aufgeklärt und zur Behandlung dieses Problems in seinen Romanen angeregt habe. Im übrigen verweise ich auf meinen Aufsatz im Sonderheft »Der Jude« (Zu Martin Bubers 50. Geburtstag), worin ich die Bedeutung des Juden in der gegenwärtigen Kultur zu umreißen versucht habe. Ein Prominenter, Marcel Proust, mütterlicherseits Jude, hat dem Judentum eine wichtige Rolle zugeteilt und viele jüdische Figuren in seinen /%rä/dmti*t/gT»anutueiss «Cetnert ttv fest-Ufjmnz/l'h?. ggggjj^ISj Jedenhew* m Jedes Jund ein sch&nes 9estfte nie bemZinkaufvcn 2m^StmmpfertodepSockGrtttqIeTcHzsitigentSchuhemkauf, wäheencLunsevep Schuh-und Stvumnf- Propaganda Bel-JKa i Romanen gezeichnet. Im ganzen läßt sich sagen, daß die jüdische Frage und die Frage der Stellung der Juden zum französischen Volk viel eifriger von den Christen erörtert wird als von den Juden, Besonders sind es die ganz gläubigen Franzosen, die sich für das Schicksal des jüdischen Volkes interessieren, während es der Art der in Frankreich lebenden Juden entspricht, sich mehr als Franzosen denn als Juden zu fühlen. Der fr anzösische Antisemitismus ist eine politische Angelegenheit, keine Rassen-, keine Blutfrage. Die Attacken der Action frangaise, für politisch Verwirrte und Halb-’ intellektuelle, beweisen es. Trotz der raschen Assimilation bleiben wir für unsere christlichen Freunde j interessante Studienobjekte, eine exotische Materie. Unsere Freunde spüren fremde Kräfte in uns, sonsind es vor allem die Fellaschas, die an ihrer jüdischen Abstammung von König Salomo festhalten, manche jüdische Bräuche bewahren und noch bis vor kurzem glaubten, der einzige Rest des Volkes Israel zu sein. Die Juden der Sahara, die Daggatans, eine kleine Gruppe von einigen tausend Seelen, die erst 1857 entdeckt wurde. Die Afghanen haben bis zum 11. Jahrhundert den Namen Ghor geführt, wodurch sie sich als Verwandte der grusinischen Juden erweisen. Schließlich wurden auch die Indianer Amerikas, in neuerer Zeit auch die Japaner, als Nachkommen der zehn Stämme bezeichnet. Absonderlicher ftist die Bezeichnung der Mormonen, Nestorianer und Johanneschristen als Nachkommen Israels; hier handelt es sich schon teilweise um theologische Gründe, die bei dieser Sagenbildung bestimmend waren. Theologisch ist auch die Begründung, daß die Engländer von den zehn Stämmen herstammen; man führte dafür, weil sie die Weltbankiers waren, den Bibelsatz an: „Du wirst vielen Völkern leihen, du wirst aber nicht auszuleihen brauchen.“ Die judenfreundliche Politik Englands unter Cromwell vor allem hat diese Abstammungstheorie, die schon früher bei jüdischen und christlichen Autoren vorkommt, stark gefestigt. Ein Judenroman Heinrich Siemer; Juda und die Anderen. (Gebrüder Paetel, Berlin.) Dieser Roman, literarisch guter, anständiger Durchschnitt von heute, ist um seines Inhaltes willen interessant. Der Autor, der im ersten Satze seiner „Vorbemerkung“ betont, daß er kein Jude sei und kein jüdisches Blut habe, behandelt hier, die landläufige Romanform an verschiedenen Stellen bewußt durchbrechend — „da sich das tatsächliche Material nicht immer künstlerisch verarbeiten ließ, ohne sich allzusehr zu verflüchtigen“ —, das Problem des zeitgenössischen Juden unter den Völkern. Die Fülle der in das Buch eingestreuten Zitate bezeugt, daß sich Siemer mit seinem Gegenstand recht gründlich beschäftigt hat. Das ungeheuer verzweigte und komplizierte Problem restlos zu bewältigen, ist ihm freilich auch nicht gelungen; aber was vorliegt, ist jedenfalls ernsthafter Beachtung würdig. Vier Altersgenossen tragen die Handlung: ein blonder Germanentypus aus altem, niederdeutschem Bauernstamm, ein zweiter deutscher Junge, „zwischen den Stämmen“ geboren, mit katholischen und protestantischen Vorfahren, ein Judenjunge aus Süddeutschland, auf dem Lande aufgewachsen als Kind jüdischer Landwirte, und Samuel Goldstein, als Kind eingewanderter Ostjuden im Judenviertel von London geboren, nach Deutschland verschlagen, aber nirgends daheim, nervös und unruhig, im eigenen Innern bohrend und wühlend nach den Geheimnissen seines jüdischen Seins, fiebernd nach einer ihm selbst noch unbekannten „Aufgabe“, (bis sich \endlich diese unheimlichen Spannungen im Pathos des Aufrührers entladen, der die Massen nach dem verlorenen Krieg wie kein zweiter zu entflammen weiß. Eine Schulbank vereinigt die von Herkunft, Blut und Rasseschicksal her so Verschiedenen, der Krieg reißt sie in seine Wirbel, dann nimmt jeder seinen Weg, der den jüdischen Revolutionär unter der „Justiz“ der Rechtsradikalen, den blonden Germanen im Selbstmord enden läßt, nachdem er unter hakenkreuzlerischem Einfluß einen bedeutenden Juden ermordet hat. Was kritisch zu dem Buche Siemers zu sagen ist, hat MaxBrodin einem klugen Vorwort zu dem Roman ausgesprochen. Es ist kein Tendenzbuch in irgend welchem Sinne, sondern sucht mutig der Wahrheitserkenntnis zu dienen. Und gerade darin, weil Siemer vom Willen zur Gerechtigkeit erfüllt ist, sich größtmöglichster Objektivität befleißigt, wird das Buch dieses Deutschen von sozusagen dokumentarischer Bedeutung. Denn was dieser aufrichtige Wahrheitssucher vornehmlich schildert, das ist die Gefühlskluft, die zwischen der nichtjüdischen Welt und dem Juden aufgetan ist, „das Gefühl der Fremdheit gegenüber der jüdischen Welt, das sich nicht selten steigert — zu einem Gefühl des Befremdetseins“, ein Gefühl, das zeitweilig auch den Erzähler übermannt und erkennen läßt, wie schwer selbst ihm bisweilen die Objektivität ankommt. Unter den vier Vordergrundsfiguren sind die beiden Extreme mit besonderer Ausführlichkeit geschildert: der schöne, hohe, helle, blonde Abkömmling der Marschen- Bauern, erdgebunden, konservativ vom Blute her, und der dunkle, etwas degenerierte, nervöse und unstete Rebell, der, physisch und seelisch heimatlos, seine Erlösung im Radikalismus der revolutionären Idee sucht und findet. Breit und ausführlich malt Siemer den Werdegang der beiden Knaben und das Milieu, in dem sie aufwachsen, und er gibt diese ihm nötig scheinende Schilderung, „weil das Erdreich, in dem der Baum wächst, entscheidend ist für die Fülle und Güte seiner Früchte“. . . . Die Verschiedenheit dieser beiden Menschen, die als Knaben dann für eine Zeitlang Kameraden werden, wird kräftig betont: „Das Blut, die Knochen und das Fleisch und auch das Gehirn, die Nerven und Gefühlszentren der beiden, alles das, was den Menschen ausmacht und ihn treibt, peitscht und jagt, das Bodenelement und das Holz und die Säfte dieser beiden jungen Bäume: alles das war völlig verschieden. . . .“ Hier ist der Urgrund der Spannung, aller Einsamkeit des Juden in anderer Umwelt, letztes Geheimnis für alle Komplexe der Judenfrage, ihr Generalnenner sozusagen, und was Siemer in Deutschland lokalisiert und auf deutsches Wesen und deutsche Bedingungen abstellt, könnte sich, mit entsprechenden Aenderungen, die nicht das Wesen treffen, irgendwo in der Welt des Galuth abspielen. Gebundenheit und Losgelöstheit, bodennahe Verwurzelung und die seelische Labilität des Erdfernen, der in die Abstraktion flüchten muß — das sind die beiden Pole, um welche die Handlung kreist. Die vier geschilderten Haupttypen sind nach einem deutlichen Schema entworfen, daneben begegnen wir einer ganzen Reihe mannigfaltiger Judengestalten, aber — Max B r o d weist richtig darauf hin — die wichtigste Judentype fehlt, der erdnahe und gleichzeitig volkgebundene Jude, den der Zionismus geschaffen hat. Trotzdem soll an Siemers Buche nicht achtlos vorübergegangen werden; es ist ein ehrlicher \£prsuch, mit literarischen Mitteln ein großes Problem aufzurollen, singulär in seinem Streben nach Objektivität, und trotz manchen Mangels geeignet, auf Nichtjuden wie auf so manchen Vogel-Strauß-Politik-Juden gute Wirkung zu tun. Arthur Freud.

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