Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1928)
- Date
- 1928-05-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 19 Mehrheit 211 schützen, müßte, folgerichtig entwickelt, der Konsolidierung der durch den Krieg vielleicht am stärksten mitgenommenen Judenheit Europas am besten dienen. Doch wir sehen in den letzten Jahren, daß die Durchführung dieses verfassungsrechtlich angenommenen Prinzips in einer Reihe von Nationalstaaten mehr als alles zu wünschen übrig läßt. In Rumänien, in Polen, zum Teile auch in Oesterreich, werden die Minoritätsklauseln, wo es sich um die Juden handelt, vielfach übergangen. Dies wäre sicher nicht der Fall, würden die Juden selbst die Wahrung der ihnen zustehenden Rechte besser in die Hand nehmen. Von der iüdischen Assimilation ist dies nicht zu erwarten; dafür bietet die Wiener jüdische Gemeinde, deren Majorität von dem Rechte aüf staatliche und Gemeindebeihilfen zum Kultusgemeindebudget mit falsch eingebrachter patriotischer Motivierung keinen Gebrauch macht, ein eklatantes Beispiel. Aber auch die bewußt jüdischen Schichten in den europäischen Nationalstaaten müßten der Durchsetzung der Minoritätenklauseln in den einzelnen Staaten eine stärker konzentrierte Arbeit widmen, als es bisher der Fall war. Dies ist auch — und das muß gewissen zionistischen Kreisen noch immer gesagt werden — im Hinblick auf den Aufbau der nationalen Heimstätte in Erez Israel von Wichtigkeit: denn mit einem Bücherfreunde 1 Besichtist unsere ■■■■■■ Schaufenster! MT Verlanget Preislisten! "Ml Böcherachwemmö „VIENNA“, Wien I, Bognergasse Nr. 4 durch wirtschaftlichen und sozialen Druck zermürbten Judentum läßt sich Palästina nicht aufbauen. Diese Gedanken waren maßgebend für die im August 1927 stattgefundene Konferenz zum Schutze der jüdischen Minderheitsrechte, welche — natürlich ohne Teilnahme der jüdischen Assimilation verschiedener Färbung — in Zürich abgehalten wurde. Diese Konferenz hat eine 12gliedrige Exekutive gewählt, der Vertreter aus allen in Betracht kommenden Ländern angehören, und die die Aufgabe hat, gewissermaßen die Zentralstelle für die Arbeit zum Schutze der jüdischen Minoritätsrechte zu bilden. Aus den Berichten, welche auf der kürzlich in Berlin abgehaltenen Sitzung dieser Exekutive (über die wir bereits berichteten, — Die Redaktion) erstattet wurden, ist zu ersehen, daß sie viel wertvolle Arbeit geleistet hat, vor allem bei der Beschaffung des Materials für die Verteidigung Schwarzbards, ferner durch die auf Grund einer Enquete durchgeführte Sammlung von Materialien über die jüngsten Studentenexzesse in Rumänien. Alle diese Arbeiten sowie die Tätigkeit der Exekutive auf dem Gebiete der Kooperation mit verschiedenen internationalen Organisationen sind nicht hoch genug einzuschätzen. Doch hier ist erst ein Anfang. Viel mehr ist noch zu leisten, gerade auf dem Gebiete der Organisation des jüdischen Existenzwillens, um die volkserhaltenden Kräfte zu festigen, die in der Sicherung der uns Juden zustehenden Minoritätenrechte liegen. Nur die richtig organisierte jüdische Selbsthilfe wird den Minoritätenschutz sichern. Spectator. Ist eine indische Politik möglich und notwendig? Der Leiter des Komitees zum Schutze der jüdischen Minderheiten und Präsident des Zionistischen Aktionskomitees Leo M o t z k i n, der vor kurzem in aller Stille seinen 60. Geburtstag gefeiert hat, hielt vor seiner soeben angetretenen Reise nach dem Baltikum in der Berliner Vereinigung der russischen Zionisten ein Referat über das Thema: „Ist eine jüdische Politik möglich und notwendig?” Er führte dabei u. a. aus: Ohne Betonung der nationalen Idee ist eine jüdische Politik überhaupt nicht zu machen. Sogar die jüdischen Sektionen der Kommunistischen Partei Rußlands machen, ohne es sich freilich zuzugestehen, jüdische Politik, wenn sie ein jüdisches autonomes Lehen in den Kolonisationszentren erstreben; es ist dies eine Art verfälschter Zionismus. Wilson kam zur Friedenskonferenz mit bestimmten national - ethnischen Forderungen, besonders mit bezug auf die Juden. Die anderen Mächte erreichten zunächst die Streichung dieser Forderungen. Erst durch die Arbeit der jüdischen Delegationen in Paris wurden die Mächte gezwungen, die national-ethnischen Forderungen der nationalen Minderheiten in die Friedensverträge aufzunehmen. Die Geschichtsschreiber werden es bestätigen, daß die jüdischen Vertreter es waren, die die Idee von Recht und Schutz der Minderheiten als erste aufwarfen und sie durchkämpften. Die führenden Politiker der anderen Nationen verstehen die jüdische Arbeit aüf internationalem Boden nicht anders denn als nationale Arbeit. Sie begreifen nicht, daß man für jüdische Rechte kämpfen könne, ohne Zionist zu sein. Unter den Juden aber ^ibt es Gruppen, bei denen die so einfache Idee, daß die Juden zum Schutze ihrer Interessen einer einheitlichen Vertretung bedürfen, stärksten Widerstand findet. Unsere Situation gegenüber dem Völkerbund ist darum ungefestigt; Aus dem jüdischen Ghetto von Paris: Links: Das Zentrum des Rechts: Schmulik, der erste jüdische Zeil mir der einzige legale Erfolg, auf den wir hinzuweisen haben, ist das Palästinamandat. Durch die Erkämpfttng und Anerkennung des Mandates haben wir Juden aber der Welt einen Wechsel ausgestellt« Ormsby- Gore, der Vertreter Etfglands im Völkerbund, hat den Aufbau des jüdischen Nationalheims auf zehn Jahre befristet. Wenn wir diesen Wechsel nicht einlösen, dann wird unser Mund verstummen, dann werden unsere Freunde zu unseren Feinden werden. Wenn wir aber wollen, werden wir das Werk glücklich zu Ende führen. Die litauische Regierung gegen die Jttden Aus Kowno wird gemeldet: Die Judenschaft Litauens ist infolge erneuerter Unterdrück ungsmaßnahmen der litauischen Behörden gegen jüdische öffentliche Institutionen und Parteien in Unruhe versetzt. Die Unterdrückungsmaßnahmen machen auch vor den religiösen Institutionen nicht halt. In den Kownoer Büros des Keren Kajemeth und des Keren Hajessod sowie in der Redaktion und Administration der nationalen jüdischen Tageszeitung »Yidische Stirne« wurden eine ganze Nacht hindurch von Geheimagenten und Polizisten Hausdurchsuchungen vorgenommen. Es wurde aber nichts Verdächtiges gefunden, was auch im Protokoll festgestellt wird. Ein arger Schlag wurde gegen die berühmte J e s c h i w a zu Slobodka geführt. Unter der absurden Annahme, daß die Jeschiwa-Bachurim Verbindungen zu Kommunisten unterhalten, wurden zahlreiche Bachurim verhaftet. Außerordentlich groß ist die Zahl der verhafteten jüdischen Arbeiter. Die jüdische Arbeitspartei »Hitachduth« Pariser Ghettos, zwischen Rue Rivoli und Rue de Rosiers. ungsjunge in Paris, bei der ,,Arbeit“. 7 j' j|, Die verlorenen zehn Stämme Israels Von S. H. Lieben, Prag. Gelegentlich der Europareise des Königs von Afghanistan madhte in der Presse die Notiz die Runde, daß die Afghanen sich für die Nachkommen der zehn Stämme Israels halten; hervorgeruien wurde diese Reminiszenz durch das prononciert jüdische — richtiger wohl orientalische — Aussehen des Königspaares. Es mag darum von Interesse sein, die Hypothesen über den Verbleib der zehn Stämme nach dem trefflichen 'Buche Weizlars ,,Der Stiaatsroonan hei den Juden“ zusanunenzustellen; Mit dem Falle Samarias, dem Untergange des Reiches Israel, ist der Großteil des hebräischen Volkes aus der Geschichte geschwunden. Wohl mag trotz aller Gegensätzlichkeit der beiden Reiche, trotz aller Feindschaft zwischen den Herrschern, trotz der dritthalb Jahrhunderte mit Eifer künstlich aufgerichteten Scheidewände ein Teil der Bevölkerung Israels in die Gemarkungen Judas abgewandert sein, aber die Wundererscheinung der mageren und fetten Kühe Pharaos hat sich wohl kaum in der Wirklichkeit wiederholt, das kleine Reich Juda konnte unmöglich die Bevölkerung des ungleich größeren Israel in sich aufgenommen haben, ohne daß dieser Zuwachs sich fühlbar ausgewirkt hätte. Wir stehen darum vor dem Rätsel, wo sind die Bewohner des Zehnstämmereiches hingekommen, wo haben wir ihre Nachkommen zu suchen, ein Rätsel, das seit zwei Jahrtausenden die Welt und vor allem die Juden beschäftigt, dessen Lösung schon im Talmud versucht wird, das vielfach Stoff zur Sagenbildung gegeben, häufig Anlaß zu ernsthaften Forschungsreisen gegeben, aber im großen und ganzen ungelöst geblieben ist. Zu den Sagen gehört nach allgemeiner Wertung auch, was Eldad hadani zu erzählen weiß. Eldad ist, wie sein Name andeutet, ein Sprosse des Stammes Dan, was er am Schlüsse seines Berichtes durch eine genealogische Tafel erweisen will. Er soll um 900 in der Gegend von Aden gelebt haben, wo die Stämme Dan, Gad, Naftali, Ascher gelebt haben sollen. Im übrigen sei darauf hingewiesen, daß sich Nachkommen Dans auch in Deutschland befinden; so wird der 1096 ermordete Vorsteher von Köln, Juda ben Abraham, als Nachkomme Dans bezeichnet. Eldad erzählt, wie er zu den Kuschiten verschlagen wird, einem Stamme von Menschenfressern und Feueranbetern, von denen ihn ein Jude aus Isachar loskauft. Mit diesem zieht er in seine Heimat, über wilde Gebirge, hinter Persien und Medien; er lernt den Stamm Reuben kennen, dem sogar der Talmud bekannt ist, auch den Stamm Efraim und Menasse in der Nähe Mekkas und sechs Monate Reise davon entfernt den größten und kriegerischesten Stamm Simon; im östlichen Chawilah leben die Stämme Rüben, Naftali, Gad, Ascher; alle diese Stämme bilden mächtige Reiche, denen die Könige der Umgebung Tribut zollen. Besonders hervorzuheben sind die Bne Mosche, die Nachkommen Moses’, sämtlich Leviten, die jenseits des Sambation auf einem großen Territorium in hohem Wohlstand auf kommunistischer Grundlage leben. Der sagenhafte Sambation, der nach anderen nicht nur die Bne Mosche, sondern die gesamten zehn Stämme abschließt, wird von Farisol in die Nähe des Ganges, von anderen nach China, von Pelhachja 40 Tagesreisen vom Grabe Ezechiels verlegt. Er wird im Talmud von Rabbi Akiba als klassischer Zeuge für die Sabbatruhe geführt, da er während der ganzen Woche wogt und rast, daß ihn niemand überschreiten kann, am Sabbat aber vollkommene Ruhe hält. Menasse ben Israel erzählt von einem Mauren in Lissabon, der Sand vom Grunde des Sambation in einer Glasflasche aufbewahrt habe, der die ganze Woche rollte und wallte und erst beim Eintritt des Sabbats sich beruhigte. Der unüberwindliche Sambation, der Schutzwall der zehn Stämme, ist ein wichtiges Symbol für die Undurchdringlichkeit des Geheimnisses um die zehn Stämme. Die Forschungsreisenden von den ältesten Zeiten bis auf unsere Tage haben auf weiten und gefährlichen Reisen an vorgeschobenen Orten nur Sagen und Berichte von angeblichen Augenzeugen sammeln können, von Benjamin von Tudela an (etwa 1160) bis zu dem verdienstvollen Erforscher Palästinas Josef Schwarz. Benjamin weiß, daß die zehn Stämme von Salmanassar im östlichen Medien angesiedelt wurden; Ibn Akrisch hat von einem jüdischen Fürsten gehört, der dem König von Abessynien mit 12.000 Kriegern zu Hilfe gekommen sein soll, und endlich David Reubeni, der viel Verlästerte, der selbst wohl nur Abgesandter eines kleinen jüdischen Staates in Indien gewesen sein dürfte und, was er über die zehn Stämme in der Wüste Habor und in der Nähe des Königreiches Saba am Nil erzählt, nur aus Berichten kannte. Auch zwei in den letzten Jahrzehnten in Jerusalem eigens zur Erforschung der zehn Stämme gegründete Vereine konnten bisher nichts Gewisses feststellen. Und so ist es begreiflich, wenn überall, wo Stämme und Menschengruppen auftauchen, die in ihrer körperlichen Konstitution oder in ihren Sitten oder gar in ihren religiösen Gebräuchen an Juden erinnern, sofort eine Spur der zehn Stämme vermutet wird. Allerdings ist stets zu beachten, daß solche Spuren, falls sie auch einwandfrei festgestellt wären, nicht unbedingt auf die zehn Stämme hinweisen, denn es dürften auch schon zu Salomos Zeiten Auswanderungen von Juden stattgefunden haben und auch von Benjamin und Juda mancher Teil abgesplittert sein. Hier seien nur einige der bekanntesten Mutmaßungen aufgezählt. Die Bewohner des Kaukasus weisen viele semitische Elemente auf, man ist daher geneigt, sie oder doch wenigstens die grusinischen oder Bergjuden für Nachkommen der zehn Stämme zu halten; desgleichen die Chazaren, deren um 700 erfolgter Massenübertritt zum Judentum psychologisch erklärt wird mit ihrer ursprünglichen Zugehörigkeit; die C h i m - jaren an der Westküste Arabiens zwischen Mekka und Medina, deren jüdische Abstammung nach den mohammedanischen Geschichtsschreibern außer Frage steht, zu denen wahrscheinlich auch die Juden Jemens gehören; die jüdischen Beduinen oder Jehud Chebr in der Nähe des Roten Meeres, auch Bene Rechab genannt, uralte freie jüdische Stämme; die chinesischen — weißen und schwarzen — Cochinjuden oder Bnei Israel, die allerdings nach Ansicht einzelner Gelehrter schon zu Salomos Zeiten eingewandert sein müssen. In Afrika