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Die Stimme · 1928-05-03 · Heft 18 (3.5.1928) · page 11

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 18 (3.5.1928)
Date
1928-05-03
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
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Nr. 18 DIE STIMME Seite 11 überhaupt nicht bezahlt werden. Die für die ganze Menschheit geschaffenen Werte stehen unnahbar, ewig befruchtend, unsterblich da. Darum soll, um seinen Dank abzutragen, sich das Publikum den lebenden Künstlern zuwenden; Werke der Lebenden kaufen, denn diese Lebenden sind es, die durch ihre Produktion den Humus, die Sphäre, die Atmosphäre für die Gesamtkunst schaffen und das Entstehen der großen singulären Kunstwerke erst möglich machen. Zum Glück gibt es in jüdischen Kreisen wieder einzelne, die sich des Kulturwertes der Werke der bildenden Kunst bewußt werden. Die Kreise aufzuklären, daß sie, wenn sie gute Bilder kaufen, nicht allein Kunst und Künstler nützen, sondef^sich selbst bereichern, das wäre eine schöne Aufgabe'' und schon die Anregung hiezu ist begrüßenswert.« Der dem jüngeren Künstlerkreis angehörende Maler und Architekt Fritz Gross, der in letzter Zeit bedeutende Aufgaben der Wohnungskultur großartig löste, faßt seine Erfahrungen folgendermaßen zusammen: »Das Betrübende an der Situation liegt im Mangel an Interesse für jüdische Künstler überhaupt. Die wenigsten wissen etwas von den jüdischen Künstlern, kennen sie kaum dem Namen nach. Dazu kommt, daß der jüdische Mittelstand kein Verständnis für die moderne Architektur und Malerei hat. Er zieht die traditionellen Formen und die öden Stilkopien vor. Sein Hang zum Trödeltum lebt sich in Auktionen aus, wo alles auf alte Namen und Marken eingestellt ist. Er betrachtet das gekaufte Werk als Wertobjekt und hat nichts übrig für die Kunst seiner Zeit. Die Frauen beispielsweise verstehen sich auf die letzte Mode in Kleidung, Auto, Musik und Tanz, in der Kunst aber wählen sie die veraltete »Type«. Es ist bedauerlich, feststellen zu müssen, daß die Kultusgemeinde Künstler, die für sich keine Reklame machen, trotz ihrer Qualitäten nicht heranzieht. So wurden die bildhauerischen Arbeiten für die neue Zeremonienhalle auf dem Zentralfriedhof einem Plastiker übertragen, der einzelne Teile gar nicht selbst schuf, sondern sie weitergab. Es kommen auch Fälle vor, daß prominente jüdische Persönlichkeiten sich ihr Heim von irgend einem drittklassigen österreichischen Architekten bereits veralteten Stils einrichten lassen, indes erstrangige jüdische Künstler, die etwas Neues, Zeitgemäßes leisten können, leer ausgehen. Ausstellungen nützen nicht viel. Kaum zehn Prozent der durch gedruckte Zuschriften Eingeladenen kommen; und dann sind es immer dieselben. Auf keinem Gebiete geistiger Produktion ist der jüdische Bürger so konservativ und verschlossen, wie auf dem der bildenden Kunst. Zunächst muß man ihn zum Verständnis und Respekt für die lebendige Kunst erziehen, dann wird er ihr auch Herz und Börse öffnen.« Jüdische Musik Synagogale Musik in Wien Das zweite Konzert der Konzertgesellschaft für synagogale Musik. Der synagogalen Musik von heute fehlt im allgemeinen eine einheitliche Physiognomie, die Geschlossenheit einer ausgeprägten Kunstform. Was man beim Gottesdienst oft zu hören bekommt, weist zu große Unterschiedlichkeiten auf und ist in den besten Erzeugnissen nur als ein Reflex des Vergangenen zu werten, nicht frei von fremden Einflüssen und Beimischungen. Wir kennen allerdings eine ganze Reihe hochbegabter Kantoren wie David, Salzer, Gure witsch, Dunaj e w s k i und Rosumni, die höchst bedeutsam in die Entwicklung der synagogalen Musik eingegriffen und Werke von bleibendem Wert geschaffen haben, so daß das Ueberlieferte durch zahlreiche wertvolle Kompositionen bereichert wurde. Daneben gibt es aber Produktionen, die durch die Neigung vieler Kanloren zu Improvisation und ilhiren Wunsch, die Gemeinde durch freies Erfinden neuer Wendungen zu überraschen, sehr stark in ihrem künstlerischen Wert beeinträchtigt worden sind. In diesen" Erzeugnissen, in denen häufig Stüclke aus Opern-Arien, Opern-Rezitativen und Volksmelodien — eigenen und fremden — mit reinen synagogalen Motiven sich vermengen, werden die verschiedenen Stilelemente selbstgefällig und kritiklos durcheinandergeworfen. Und solche Mischprodukte wandern, dann später von Ort zu Ort als „synagogale'1 Musik, Vieles darunter ist wesentlich primitiv, anderes kunstvoll übersteigert. Das meiste jedoch mehr Gefühlsals F o r m k u n s t. Es wird Sache der wissenschaftlich geschulten Forscher sein, hier Klarheit zu schaffen, das Material zu sichten und diejenigen Werke, die einen echten jüdischen Wesenskern enthalten, zu ordnen und von minderwertigem zu sondern. Es ist erfreulich zu konstatieren, daß bereits viel ernste Musiker und Forscher sich dieser schwierigen Arbeit unterzogen haben. Neben dieser Forschungsarbeit Ist die praktische Aus- Wien I HoienfuFzti'r slvuße 3Vz*. 22 •V... \y* Die beste und billigste Ginhmifs* Wertung und Vorführung des früheren Bestandes echter synagogaler Musik von großer Wichtigkeit, In diesem Sinne ist die vor kurzem vom Oberkantor J, Müll er gegründete IKonzertgesellschaft, die sich die Aufgabe stellt, die synagogale Musik zu neuem Leben zu erwecken und zu pflegen, eine verdienstvolle Tat und eine besonders erfreuliche Errungenschaft in der Musiikstadt Wien, Durch diese Vereinigung werden wir endlich mit Werken bekannt werden, die man sonst keine Gelegenheit hat zu hören. Aus den hervorragendsten Kantoren und Tempelsängern Wiens zusammengesetzt, verfügt der Chor über sehr klangvolle, tragende, allen dynamischen Differenzierungen zugängliche Stimmen, singt sehr rein, mit rhythmischer Präzision und überzeugendem, restlosem Einflülhlen in den Stil dieser Musik. In der kurzen Zeit seit dem Bestehen der Chorvereinigung ist es ihrem Dirigenten, E. Simerofski, einem guten Kenner jüdischer Musik, dessen langjähriges Vertrautsein mit der synagogalen Musik hier besonders ins Gewicht fällt, gelungen, den Verein zu einem einheitlichen, abgerundeten Klangkörper von großer Leistungsfähigkeit heranzubilden. Auffallend ein sehr schönes pianissimo. Dagegen im Forte, besonders bei großen Steigerungen, müßte der Gesamtklang um eine Nuance weicher sein. In angenehmer Abwechslung gliederte sich 'das Programm des Konzertes im Paamiamitentempell am 19. April, das eine Reihe, im Konzertsaal nicht zu hörender Werke vermittelte. Die Werke selbst waren mehr interessant als aufschlußreich. Hervorzuheben wäre „Ejl erec’h apaijim“ von Raruch Schorr, das, von einer tiefen Inspiration getragen, für Chor, Baß- und Tenorsolo wirkungsvoll gesetzt ist; das „Meloch“ von Gurewitsch, Rezitativ für Tenorsolo mit begleitendem Chor, ein herrliches Stück alter Synagogenmusik; ferner das „Erchkol“ von Dunajewski, ein Stück eigenen Charakters von unmittelbarster Wirkung. Unter den Solokompositionen fiel das ,,'Umipnej chatejnu“ von Jud Leib Müller, dem Oberkantor der Pazmaniten-Synagoge, durch Einheit und Echtheit des Motivischen, der ornamentalen (Details und1 künstlerischer Gestaltung besonders auf. In den Modulationen stellenweise unvermittelt, ist dieses Werk voll Innigkeit und Tiefe. Ein großer Fehlgriff war die letzte Nummer des Programms, ein Psalm von Brun, eine Banalität schlimmster Sorte, im Marsohrhythimus. Will der Verein das Niveau seiner Veranstaltungen wahren, dürfen solche Irrtümer nicht unterlaufen. Im übrigen gestaltete sich der Abend zu einem starken anregenden Erlebnis. Diese jüdische Ghorveremigung verdient größte Beachtung und Unterstützung aller maßgebenden Faktoren, nicht zuletzt der jüdischen Musiker selbst. J. St. „Kaddisch“, das jüngste Werk des jüdischen Musikers Alexander Kr ein, eine symphonische Kantate für Tenor-Solo, gemischten Chor und großes Orchester, erscheint demnächst in der Universal-Edition (Wien). Der in Moskau lebende, erfolgreiche Komponist, der zu den Pionieren des nationalen jüdischen Stils in der Musik gehört, hat in der letzten Zeit eine Klaviersonate (op. 34), eine Symphonie (op. 35) und zahlreiche jüdische Lieder geschrieben. Neuerdings hat sich sein Schaffen einem besonderen Gebiete zugewandt: der Theatermusik. So hat Krein bereits für eine ganze Reihe jüdischer Bühnen zu den Stücken „Der ewige Jude“, „Sabbatai Zewi“ (1923), „Der Get“, „Die Nacht auf dem alten Markte" (1924) usw. die Bühnen- und Zwischenaktsmusik komponiert. Von Büchern Hebräische Autographen Es war ein glücklicher Gedanke unseres hervorragenden Forschers, inmitten größerer Arbeiten Zeit zu finden, um das hebräische Autogramm zum Gegenstände einer gründlichen Untersuchung zu machen. (Bernhard Wachstein: Hebräische Autographen von Gelehrten ufid Schriftstellern in Faksimile. Größtenteils nach den Originalen der Bibliothek der isrealitischen Kultusgemeinde, Wien. 1927.) In der Einleitung sagt d^r Verfasser selbst, welches Ziel er mit dieser Arbeit verfolgt: er will die Anregung geben, ein Tafelwerk aller hebräischen Autogramme anzuleigen. Neben den idealen Zwecken, nämlich einem weiteren Leserkreise Schriften bekannter Personen vorzuführen, sollte diese Arbeit auch dem praktischen Leben gute Dienste leisten. Den Gelehrten, Sammlern und Bibliotheken wird auf diese Weise Mittel an die Hand gegeben werden, Handschriften schon von formalen Gesichtspunkten aus auf ihre Urheber hin prüfen zu können. Nun stoßt man gerade auf dem Gebiete der jüdischen Autogrammsammlung auf Schwierigkeiten, die am wenigsten zu erwarten wären. Es ist merkwürdig, daß das Volk des Geistes trotz seiner geistigen Regsamkeit auf diese Art* von Schriftdenkmälern, die als Verkörperung persönlicher Aeußerunlgen zur Befestigung des Geistes beiträgt, wenig Wert legte. Der Kultus der Persönlichkeit war verboten und daher wenig gepflegt, Die Pietät gegenüber den Ueberresten der Toten äußerte sich hier nicht in Aufbewahrung von Papierresten, nicht im Sammeln von Reliquien, ohne das eine bedeutende Autogrammsammlung aus älterer Zeit kauttl zustande kommen kann. So wäre es auch unter anderem zu erklären, daß selbst in der neuesten Zeit z. B. bei den Chassidim, bei denen der Kultus der Person andere Formen ange_ nommen hat, von den Gründern des Ansidismus sehr spärlich authentisch Handschriftliches auf uns gekommen ist. Anlgesichts dieser Schwierigkeiten sind wir unserem Verfasser umsomehr zu Dank verpflichtet, daß er bereits in der vorliegenden Schrift,: die nur ein Anfang sein soll, schon eine schöne Sammlung von 100 Autogrammen in Faksimile gegeben hat. Von den dem Verfasser zu Gebote stehende Quellen, wurde eine strenge Auswahl (getroffen und nur Autogramme von namhaften Persönlichkeiten aufgenommen. Auch kulturgeschichtlich sind die Autogramme sehr wertvoll, wir erhalten einen Ueberbliok über die verschiedenen jüdischen Schriftarten (deutsch, polnisch, ungarisch, italienisch und sephardisch). Interessant ist auch die Entwicklung der Schriftformen, Geschichtlich sehr interessant ist das Autogramm Nr. 97, dieses bringt die Unterschrift der Notabein der Wiener jüdischen Gemeinde, die sich an die Gemeinde Venedig in Sachen der sie bedrohenden Vertreibung im Jahre 1670 wenden. Nr. 80 bringt uns wieder Geschichtliches aus dem Leben der Juden in Lemberg. Aus dem 18. Jahrhundert sei das Autogramm des durch seine Gelehrsamkeit und seinen Scharfsinn bekannten Rabbiners aus Frankfurt a. M. Pinchas Horowitz (Nr. 1), des Meir b. Isak (maram Asch) aus Eisenstadt (Nr. 33), des Jakob Joschua Falk (Pene Johuschua) Rabbiner in Frankfurt a. M. (Nr. 16) erwähnt. Dr. Alexander Kristianpoller. Die kulturelle Bedeutung des „Dvir“-Verlages Es unterliegt keinem Zweifel, daß der hebräische Verlag „Dvir“ in Palästina neben den Erziehungsanstalten und der Universität mit ihren Forschungsinstituten der wichtigste Kulturfaktor nicht nur in Palästina, sondern im jüdischen Leben überhaupt geworden ist. Würde die hebräische Bewegung in der Galuth intensiver betrieben, so wäre es unmöglich, daß man außerhalb Palästinas so wenig von der großen und auch vom allgemeinen kulturellen Gesichtspunkte unschätzbaren Arbeit des „Dvir“ weiß. Schon die Zusammensetzung der Verwaltung dieses hebräischen Kulturinstitutes beweist, welche Bedeutung ihm schon bei seiner Gründung beigemessen wurde. B i a 1 i k, Schemarjahu L e v i n und J. Ch. Rawnitzky, denen die Leitung des Verlages anvertraut ist, bilden an sich schon ein Programm. Dr. Schemarjahu Levin, der sich gegenwärtig in Amerika aufhält, hat in seiner scharfen, sarkastischen Art das Ziel des „Dvir" folgendermaßen formuliert: Der „Dvir" will dem jüdischen Volke den ganzen Komplex seiner alten jüdischen Lehre, seiner jüdischen Kultur in seinem zum Gemeingut auszubildenden hebräischen Worte wiedergeben. In Erez Israel selbst hat der „Dvir“ bereits das gewünschte Verständnis für seine Aufgaben erzielt. Die Juden in der Zerstreuung werden gleichfalls dazu erzogen werden müssen. Bisher hiat der „Dvir" die Werke von Dubniov, Grätz, Bacher, Scholem Alechem, Mendele, Mocher Sforim u. a. m. herausgegeben. Der Verlag gibt neben hebräischen Originalwerken auch Werke unserer Klassiker, die ursprünglich in anderen Sprachen geschrieben wurden, in hebräischen Uebersetzungen heraus. Alle 'diese fremdsprachigen jüdischen klassischen Werke sind nur aus dem Grunde nicht in hebräischer Sprache erschienen, wenn sie auch hebräisch gedacht waren, weil ihre Verfasser in der Galuth lebten oder leben. Der „Dvir“ führt also diese hervorragenden Werke gewissermaßen zu ihrem hebräischen Ursprung zurück. Daß diese Arbeit auch bei dem jüdischen Volk, selbst bei den breiten Volksmassen, großem Verständnis begegnet, beweist z. B. der Erfolg des „Sefer Haagadah“ von Bialik und Rawnitzky. In diesem Buch der jüdischen Legenden wurden zahllose verschollene hebräische Legenden dem Volke wiedergegeben, und in der Tat wurden bisher nahezu 10 0.000 Exemplare dieses Buches abgesetzt, und die Herausgeber Bialik und Rawnitzky werden demnächst eine neue, durch eine große Zahl aus der ersten Ausgabe ausgebliebenen Legenden bereicherte Ausgabe herausbringen. Es fanden sich auch jüdische Mäzen, wie Frau Sol Rosenbloom, Benjamin Wint e r, Morris Eismann u. a„ welche die Mittel beistellten, um dem „Dvir" die Herausgabe der wichtigsten Autoren bestimmter Epochen — Mrs, Rosenbloom gab die Mittel zur Herausgabe sämtlicher Werke der spanischen Epoche — zu edieren. Viel zur Verbreitung der hebräischen Sprache unter den westeuropäischen und amerikanischen Juden sowie unter den christlichen Kulturforschern wird wohl das vom „Dvir“ vorbereitete große englisch-hebräische Wörterbuch beitragen, das von den hebräischen Sprachforschern Israel E p h r o s, N. B. Silk in und Dr, Jehuda Kaufmann zusammengesteUt

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