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Die Stimme · 1928-05-03 · Heft 18 (3.5.1928) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 18 (3.5.1928)
Date
1928-05-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 18 DIE STIMME Seite 3 Russisch« Buchhandlung u. Bibliothek Jakob Perikj, Wien VII, Meeliftaristengasse Up. 4 / Telephon B-31-8-56 Bücher, Zeitungen, Noten, Ansichtskarten Vergasen Si« nicht die russische Sprache, wenn Sie ihrer kundig sind, «»lernen Sie sie, wenn Sie diese nicht beherrschen. Leset BOcher der Leihbibliothek, die mehr als 6COO Bände alter und neuer Ltteratur zählt. — Monatliches Abonnement 2 Schilling. Die Bibliotheksbücher können auch in die Provinz durch Kreuzband geschickt werden. gehen und nach Kräften am Wiederaufbau von Erez Israel mithelfen. Was die Zionistische Frauenorganisation ,,Hadassah" anlangt, welche eine so edle und konstruktive Arbeit für den Palästina-Aufbau auf derselben Linie leistet, auf der meine Hilfsarbeit im Heiligen Lande liegt, so bin ich der Meinung, daß die ausgezeichnete Organisation sich in Politik nicht einlassen soll. Das könnte nur das Prestige der „Hadassah" verringern und ihre weitere nützliche Tätigkeit in Palästina hindern." Seit dieser Erklärung scheint Nathan Straus seine Ansicht über die Neutralität der ,,Hadassah" geändert zu haben; denn in der am 24, April stattgefundenen Sitzung des Nationalen Ausschusses der .,Hadassah", in welcher über die Stellung dieser Organisation zur Leitung der zionistischen Gesamtorganisation der Vereinigten Staaten Beschluß gefaßt wurde, verlas Frau Lina Straus, die Gattin des Philanthropen, im eigenen und im Namen ihres Gatten eine Deklaration, die sich mit der oppositionellen Haltung der „Hadassah" gegen Louis L i p s k y, den Präsidenten der Zionistischen Organisation Amerikas, einverstanden erklärt und feststellt, daß die gegenwärtige zionistische Leitung in Amerika den Interessen des Zionismus nicht dienlich ist. Der Ausschuß der „Hadassah" hat eine Entschließung angenommen, in der erklärt wird, daß die „Hadassah" der Leitung der amerikanischen Organisation durch Louis Lipsky kein Vertrauen entgegenbringt. In einer besonderen Resolution wurde festgestellt, daß sich die „Hadassah" bei aller Kritik, die sie an’ der Verwaltung der Zionistischen Organisation Amerikas üben muß, nach wie vor als ein integrierender Bestandteil der amerikanischzionistischen Organisation betrachtet. Als eigenartig diplomatischer Ausdruck der Stellungnahme zu dem Konflikt ist auch der Brief anzusehen, mit dem der Präsident des American Joint Distribution Committee, Felix Warburg seine Spende von 50.000 Dollar für den 50.000-Pfund-Fonds zur Behebung der Arbeitslosigkeit in Palästina begleitet. Es heißt darin: ,,Es hat mich gefreut zu hören, daß laut Ihrer Information das ganze unselige System der Arbeitslosenunterstützung durch die Aufbringung einer Summe von 5000 Pfund abgeschafft werden kann. Indem ich a n n e h m e, daß die Summe genügt, um gewisse in Aussicht genommene Verbesserungen durchzuführen und dadurch die Lage der Arbeitslosen zu erleichtern, habe ich das Vergnügen Ihnen .... einen Scheck auf 50.000 Dollar zu übersenden. Diese Summe wird, wie ich hoffe, zusammen mit dem, was die Palästina - Regierung beitragen wird und was Sie hier durch die verschiedenen Fonds der Organisation werden sammeln können, es ermöglichen, das Programm der Lösung der Arbeitslosenfrage durchzuführen. Ich hoffe, daß Ihre Anwesenheit in Amerika Erfolg haben wird und daß Sie, wie stets bisher, neue Freunde dem gesunden Wiederaufbau Palästinas gewinnen werden." Aufmerksam gelesen, enthält dieser Brief mindestens ein halbes Dutzend Vorbehalte. Ohne Vorbehalt aber hat, wie die administrative Leitung des Joint mitteilt, wenige Tage später Felix Warburg sich mit der Summe von 1 Million Dollar für den 10 - Millionen- Dollar-Fonds für die landwirtschaftliche Kolonisation von Juden in Rußland besteuert. (Die Aufbringung dieses Fonds geht vollständig gesondert von der Joint-Kampagne für die Aufbringung von 25 Millionen Dollar zu Zwecken der Hilfsarbeit in Europa und anderen außeramerikanischen Ländern vor sich). Für diesen 10-Millionen-Dollar- Fonds hat, wie bekannt, der Chicagoer Milliardär Julius Rosenwald 5 Millionen Dollar zugesagt, sobald die übrigen 5 Millionen Dollar erreicht sind, und Louis M a r s h a 11 hat ihm 100.000 Dollar zugewendet. Die Millionenspende Warburgs für die Sowjetkolonisation erfolgte unmittelbar vor seiner Abreise nach Europa zur Sitzung der Jewish Agency-Kommission, der er angehört. gelegener erstklassigem Anfragen! PreBburg Der 100. Geburtstag von J. H. Dunant Begründer des Roten Kreuzes und Zionsfreund. Die Schweiz rüstet zur Feier des 100. Geburtstages ihres berühmten Sohnes Johannes Heinrich Dunant, des Begründers des Roten Kreuzes, der vor mehreren Jahren hochbetagt gestorben ist. Dunant, der am 8. Mai 1828 in Genf geboren wurde, hat, durch eigene Erfahrungen im Kriege von 1859 angeregt, die Gründung einer internationalen Sanitätsorganisation im Kriege vorgeschlagen, die dann auch durch die bekannte Genfer Konferenz des Jahres 1863 erfolgte und sich zu einer segensreichen allgemein menschlichen Institution entwickelte, Dunant hat für die Judenheit im besonderen Bedeutung, denn er trat bereits dreißig Jahre vor dem Entstehen des modernen Zionismus mit Plänen über eine systematische Kolonisation in Palästina auf. In der Biographie Dunants, welche das Internationale Komitee vom Roten Kreuz zum 100. Geburtstag seines Begründers erscheinen ließ, ist ein besonderes Kapitel seinen Bemühungen für eine Judenkolonisation in Palästina gewidmet. Er hat zunächst Napoleon III. für diese seine Idee zu gewinnen gesucht, später propagierte er seine Pläne in den diplomatischen Kanzleien in Berlin, London und Paris. Die Vorschläge fanden wenig Beachtung und nun wandte sich Dunant an die Juden selbst, beziehungsweise die Personen und Organisationen, die er für die Vertreter der Juden hielt. Die erwähnte Biographie berichtet interessante Einzelheiten über seine Besprechungen mit Adolphe Cremieux, Moses Montefiore, den Rothschilds, mit der »Alliance Israelite Universelle« und anderen jüdischen Vereinigungen, Die Schrift besagt dann weiters: »Im März 1866 hat Henri Dunant von Paris aus % e Große Auswahl in echten Schlangenschuhen von S 45’- aufwärts Farbige Mode Spangen schu he S ilä Detailverkauf zu Engros-Preisen djrekt in der Fabrik, VII. Bezirk, Kaiserstrasse Nr. darauf ankomme, ob die Juden im fremden Volkskörper edel oder unedel sind, ob sie gut oder schlecht sind. Entscheidend ist einzig und allein, daß sie ein Fremdkörper sind innerhalb eines fremden völkischen Organismus. Ein Fremdkörper, ob er nun ein wertloser Holzsplitter oder ein wertvoller Diamant ist, beide erregen in gleicher Weise Eiterungen. So ein Fremdkörper sind auch wir. Wir müssen aus dem Körper der fremden Nation ausscheiden, wir dürfen uns niemals aufdrängen, niemals uns selbst verleugnen, sondern stets stolz und ruhig sagen: »Ja, wir sind Juden und fordern das Recht das zu bleiben, was wir sind!« Fortan wuchs in den Herzen dieser beiden Männer, die dem Judentum schon völlig entfremdet schienen, jene neue Volksbewegung, die wir Zionismus nennen. Herzl war ein seltenes organisatorisches Talent. Seine Briefe und Tagebücher geben davon Kenntnis, wie er, als er nun einmal Träger des neuen Volksgedankens geworden war, von diesem fortgetragen und fortgerissen wurde. In ihm wohnte die dämonische, fast möchte ich sagen, schlafwandlerische Kraft des instinktiven Menschen, die ihn nur die einzige ideale Sache sehen ließ. Herzls Werk war nur darum möglich, weil Herzl unwissend war. Hätte er gewußt, was auf dem Gebiete des jüdischen Staates vor ihm Pinsker und Moses Hess gedacht hatten, niemals wäre er zu diesem seinem großen Werk gekommen. Er schritt durch sein kurzes Leben dahin, wie ein Kind, blind und stolz, daß sein Gedanke siegen müsse, auch wenn er selbst und hundert andere daran zugrunde gehen müssen. Vergessen wir ja nicht, daß die ersten, die Herzl unterstützten, keine Juden waren, daß er gerade in jüdischen Kreisen verlacht und verspottet wurde, daß er in jener Zeitung, der er diente, wegen seiner Idee, mit den größten Widerständen zu kämpfen hatte. Nicht die wohlhabenden, satten Juden des Westens, die Stellung und Ansehen zu verlieren fürchteten, waren es, die dem Zionismus zum Siege verhalten. Die leidenden Massen der Ostjuden, sie wurden von dem alten Traume des Messias erfaßt, ihnen allein verdanken wir es, daß der Zionismus heute eine längst anerkannte Tatsache ist. Herzl war ein politischer Fanatiker, er wußte noch lange nichts vom kulturellen oder religiösen Zionismus. Herzl, der in der ersten Zeit allzu sehr an die Gunst einzelner Mächtiger glaubte, mußte nur allzubald einsehen, daß auf Menschen kein Verlaß sei. Er kam zu der Einsicht, daß man eine Institution schaffen müsse, unabhängig von der Liebe und von dem Haß der Menschen. Schließlich mußte er sich sagen: Besser von einer Maschine, als von der Gunst eines Menschen abhängig sein. Hier setzt nun Karl Marx ein, der Mann des mathematisch-abstrakten Kampfes, der die Seele, ersetzen wollte durch eine mathematische Formel. Marx hatte kein so feuriges und warmfühlendes Herz wie Herzl. Marx fand die Herleitung des Sozialismus aus dem menschlichen Leid. Wir nennen Marx einen jüdischen Denker, weil sich seine Logik, Dialektik und Abstraktheit direkt aus dem talmudischen Pilpul ableitet. Wie haben wir uns nun die künftige Verbindung zwischen Theodor Herzl und Karl Marx zu denken, die Verbindung zwischen Zionismus und Sozialismus? Ich sagte schon, wir sind auf des Messers Schneide gestellt. Als einziges Volk in der Geschichte haben wir uns als eigene Volksgemeinschaft erhalten und mußten dennoch internationale Politik betreiben, mußten mitarbeiten an dem Bau des sozialen Zukunfsstaates. Wir kamen zur Zeit unserer Zerstreuung zu noch jungen, agrarischen Völkern und wurden von der Natur abgedrängt, in ein steinernes Ghetto gesteckt. Wir konnten nur Berufe ausüben als Mittler zwischen den Völkern. Das jüdische Volk wurde ein Volk von Luftmenschen, ein Volk auf Telegraphendrähten. Die Zeiten haben sich jedoch gründlich geändert. Handel, Industrie und Geldwirtschaft wurden zur Beschäftigung von nahezu zwei Dritteln der gesamten Menschheit. Die agrarischen Völker verschwanden und die proletarische Menschheit fast aller Länder kam in dieselbe Lage, in der sich die Juden befanden. Heute gibt es in London, Paris, Berlin, Wien und New York Arbeiterviertel, die gar nicht unähnlich sind dem jüdischen Ghetto, Auch hier wachsen Kinder auf, die jahrelang keine blühende Blume sehen. Alle Völker werden in wenigen Jahren in der Lage sein, in der sich ursprünglich nur die Juden befanden. Sie werden übergehen müssen zum internationalen Denken, sie werden den Nationalstaat ersetzen müssen durch den sozialen Wirtschaftsstaat, und müssen doch zugleich ihre nationalen Eigenheiten, ihre Sitten, ihre Religion vor der drohenden Schablone retten. Das jüdische Volk war das erste, das in seiner Seele diesen Ausgleich vollziehen mußte. Es mußte international denken, ohne darum seine nationalen Rechte preiszugeben, und ist dadurch vorbildlich geworden für alle Völker. Wäre das Zeitalter des Sozialismus schon hereingebrochen, wären alle Nationalstaaten aufgelöst, Paneuropa, vielleicht der Weltstaat schon verwirklicht, dann freilich hätten wir keinen Zionismus und keinen jüdischen Nationalfonds mehr nötig. Aber solange noch Volk gegen Volk gehetzt wird, solange noch die Mächtigen dieser Erde über Völkerschicksale entscheiden, solange die Fiktion noch aufrechterhalten bleibt, daß Staat identisch sei mit Volk, solange müssen auch wir, um ein Volk zu bleiben, an unserem Sonderstaat bauen. Wir müssen der ganzen Welt zeigen, daß man am Lichte und am Rechte für alle Menschen festhalten und es verbreiten kann, ohne darum seine eigenste Seele zu verleugnen, ohne sein Blut, seinen Stolz preiszugeben. So werden wir Führer werden auch für die anderen Völker, nicht etwa, weil wir intelligenter, begabter oder besser sind, als die anderen, sondern einzig und allein deshalb, weil wir die Schmerzen der Erde früher durchlitten haben, als sie, weil wir die Konflikte und Probleme des Lebens am eigenen Leibe bereits früher erfahren haben. Wenn die anderen Völker erst morgen dasselbe Schicksal zu erleben haben werden wie wir, dann wollen wir der'leidenden Menschheit helfen, weil wir für alle lebten und litten und durch eigene Kraft zu einer harmonischen Einheit wurden. Marx und Herzl, Sozialismus und Zionismus, uns sind sie keine Gegensätze mehr. Wir sind Sozialisten um der leidenden Menschheit willen, wir glauben an einen einheitlichen, alle Völker verbindenden Geist, wir lieben aber auch in demselben Maße unser Volk. Wir wollen die Mannigfaltigkeit und darum müssen wir auch die Einheit wollen. Indem wir auf die Frage: »Herzl oder Marx?« antworten: »Herzl und Marx!« bekennen wir uns als treue Söhne unseres Landes und zugleich als Weltbürger, die die Erde erobern wollen, nicht mit der Waffe in der Hand, nicht mit der Gewalt der Heere, sondern einzig und allein mit der Kraft des einen und einzigen Geistes.

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