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Die Stimme · 1928-05-03 · Heft 18 (3.5.1928) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 18 (3.5.1928)
Date
1928-05-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 OIE STIMME Nr. 18 sischen Eingängen liegt, leichter zu erlangen. Falls das Land Palästina und dessen Besiedler als Basis einer Anleihe dienen würden und nicht allein die zionistischen finanziellen Institutionen, wäre eine ausgezeichnete Sicherheit gegeben und nichts würde einer solchen Anleihe internationalen Stils im Wege stehen. Die Lösung des finanziellen Problems ist der Impuls zum Weiteraufbau der jüdischen Heimstätte. * Ueber Einladung der österreichischen Zentralstelle des Keren Hajessod spricht Colonel Wedgwood Samstag, den 5. Mai um 8 Uhr abends im großen Saale des Volksgartens, I., Burgring, über das Thema »England und der Zionismus«. Der reichste Jd<tc der Welt: Julius RoseÄwaid (Chicago), der heute zu den „schwersten" Milliardären der Vereinigtes Staaten gehört und Alesensummen für jüdische WohJfahrtszwecke spendet. Er hat in letzter Zelt 5,000.000 Dollar für dir jüdische Kolonisation ln Rußland in Aussicht gestellt und 250.000 Dollar für wissenschaftliche Zwecke gespendet. Der Kampf im amerikanischen Zionismus Louis Marshall über die Jewish^Agency-Kommission — Die Erklärung Nathan Straus’ — Die Hadassah — Felix Warburgs Briefe und Spenden (Von unserem New Yorker S, E.-Korrespondenten.) lands, ein Dominion zu schaffen, für Palästina nur günstig sein. Bezüglich der Araber kann ich nur sagen, daß es für die arbeitende Bevölkerung (bäuerliches und industrielles Proletariat) viel vorteilhafter wäre, einem englischen Dominion anzugehören, als einer Regierung, in der die Vertreter der Effendis, die der Großgrundbesitzer und der reichen Bourgeoisie, vorherrschend sind. In einer jüdischen Heimstätte werden die Araber alleRechte genießen und die Möglichkeit haben, sich national und kulturell vollständig auszuleben. Palästina kommt als Heimstätte für die Araber nicht in Betracht, da sie ja ihren eigenen Mutterstaat haben, wozu noch zu bemerken ist, daß sie gemeinsam mit den Juden im Lande arbeiten können, da ja die inneren Vorbedingungen, wie Verwandtschaft der Rasse und Religion, vorhanden sind. Was die allgemeine Situation anbelangt, ist zu konstatieren, daß viele Menschen am Aufbauwerk arbeiten möchten. Aber es ist kein Geld für die Schaffung von Siedlungen da. Auch die Zionistische Organisation verfügt nicht über die nötigen Kapitalien. Um die Weiterarbeit zu ermöglichen, müßte die Regierung die Kolonisation auf eigene Rechnung übernehmen, da eine private Organisation dies nicht schaffen kann. Die englische Regierung müßte die jüdischen Arbeiter und Kolonisten mit solchem Interesse ansiedeln, als wären es Bürger des englischen Staates. Im Zusammenhang damit müßte eine erhöhte Einwanderung einsetzen und zu deren Finanzierung seitens der Regierung eine Agrarbank geschaffen werden. Wenn die englischen Beamten selbst an den Fortschritten eines jüdischen Palästina interessiert wären, so würden sie dazuschauen, daß das jüdische Aufbauwerk gefördert werde. Sie könnten auch dafür gewonnen werden, wenn sie wüßten, daß das letzte Ziel dieses Aufbauwerkes die Schaffung eines englischen Dominions wäre. Ich erinnere hier an den Fall Griechenland, wo auf englische Initiative und im Auftrag des Völkerbundes der Schotte Cambell 1,350.000 Griechen aus Kleinasien repatriiert und angesiedelt hat. Und an Palästina ist England mehr interessiert als an Griechenland. Das Problem einer internationalen Anleihe für den Palästina- Aufbau muß gelöst werden. Eine Anleihe, fußend ausschließlich auf den Eingängen der zionistischen Fonds, ist schwer zu bekommen. Dem nüchternen Kapitalisten bietet sie betreffs Amortisation und Rückzahlung zu wenig Sicherheit. Dagegen wäre eine Anleihe, deren Deckung auch in Palästina selbst, d. h. in den palästinen¬ In dem Konflikt, welcher während der Anwesenheit des Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation Prof. Weizmann in New York durch den Austritt von Dr. Stephen Wise aus der amerikanisch-zionistischen Leitung offenbar wurde, ist von Seiten des Präsidenten Weizmann bisher keine schriftliche Enunziation erfolgt. Er scheint die Taktik zu befolgen, in jenen Kreisen, die mit der zionistischen Organisation nicht unmittelbar verbunden sind, die Sympathien mit der zionistischen Arbeit zu gewinnen, die dann auch sozusagen dokumentarisch zum Ausdruck kommen. So hat Louis Marshall Weizmann auf einem Meeting, bei dem Präsident Weizmann über die Lage in Palästina sprach, eingeführt und dabei (wie bereits berichtet. — Die Red.) den baldigen Zusammentritt der Jewish-Agency-Kommission notifiziert. Marshall gab j dabei der Hoffnung Ausdruck, der Bericht der Experten über die Lage in Palästina * werde nicht nur zeigen, was bisher in Palästina geleistet wurde, sondern auch die breiten Massen über die w.^ itere Arbeit in Pa- Bücherfreunde I Besichtig! unsere wmmmmmmmmm Schaufenster! MT Verlanget Preislisten! igg BucherschwemmS „VIENNA“, Wien I, Bognergasse Nr. 4 lästina unterrichten. In diese Kategorie dokumentarischer Sympathiebeweise gehört auch die im Auszug bereits wiedergegebene Erklärung des greisen Philanthropen Nathan Straus, die jetzt im Wortlaut vorliegt. Sie lautet: ,,Ich bin sehr betroffen über die plötzlich entstandenen Streitigkeiten über den Zionismus und Palästina, welche ein Echo in der Presse gefunden haben. Ich bin entschieden gegen alle Schwierigkeiten, welche in der gegenwärtigen kritischen Zeit dem Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation Dr. Chaim Weizmann und dem Präsidenten der Zionistischen Organisation Amerikas, M. Louis Lipsky, in den Weg gelegt werden. Niemand ist so bedeutend, daß er der Bewegung für Palästina Schaden tun darf. Auch der jüngste Versuch dieser Art wird scheitern. Mein Herz ist mit Zion, mit den Führern und mit ihrer großen Arbeit. Mein Freund kann keiner sein, der gegen sie ist. Konflikte und Zwistigkeiten sind selbstverständlich gegen das Interesse Zions und Weizmanns. Alle, die für das Wohl unseres Volkes verantwortlich sind, müssen Hand in Hand mit der Zionistischen Organisation Theodor Herzl und Karl Marx Von Prof. Theodor Lessing (Hannover). Prof. LessAnig Ihielt vor kurzem, wie bereits .berichtet, in Wien einen Vortrag über Theodor Herzl und Kari Marx, den wir jetzt zum Gedenken Herzls und Marx anläßlich der Wiederkehr djirer Geburtstage, im wesentlichen Auszug wiedergeben. (Die Red. Wenn wir von »national« und »Nationalismus« sprechen, so meinen wir selbstredend die Gemeinschaft des Blutes, der Landschaft, der Sitte, Gebräuche, Lebensformen, der Sprache, des täglichen Lebens. »Sozial« und »Sozialismus« bedeutet nicht eine Gemeinschaft, sondern eine Gesellschaft. Gemeinschaft muß wachsen, Gesellschaft können wir machen. Unsere menschliche Wirtschaft, Politik, Sitte und Recht sind keine Naturtatsachen, sondern aus eigenem Willen, aus der Vernunft geschaffen. Wir können den Gegensatz zwischen Nationalismus und Sozialismus auch bezeichnen mit den Worten »Volkstum« und »Staat«. Ein Volk bildet die Natur, der Staat dagegen ist ein Werk des zielsetzenden Geistes. Völker wachsen aus der Mutter Erde, Gesetze des Staates müssen vom Himmel der Vernunft erobert werden. Ein und derselbe Staat kann viele verschiedene Völker umfassen. Wir können nicht untersuchen, ob es jemals auf Erden Nationalstaaten gegeben hat, Ich bestreite es. So viel ist sicher, daß es heute keine Nationalstaaten gibt. Volkswirtschaft, Geldwirtschaft, Industrie und Handel sind längst international. Der Staat steht im Begriffe international zu werden. Vorläufig finden wir noch beide Begriffe im Kampf miteinander, »Bist du Sozialist oder Nationalist?« werden wir gefragt und sehr fremd noch klingt die Antwort: »Ich denke sozialistisch, weil ich national fühle.« Die Not der Geschichte hat es nun gefügt, daß ein Volk unter allen Völkern gleichsam auf des Messers Schneide gestellt wurde, daß es gezwungen wurde, sich als Volk zu erhalten und doch als Staatsbürger international zu denken. Und dieses Volk, welches heute bereits das ist, was alle Völker in hundert Jahren sein werden, zugleich Volk und dennoch Träger internationaler Staatsgedanken, dieses auf die Schneide der Gegensätze gestellte Volk ist das jüdische, Sein Schicksal gestaltete sich an jenem 9. Ab, an dem Jerusalem | zerstört und 600.000 Menschen niedergemetzelt wurden. Der Rest des Volkes wurde in alle Länder zerstreut und blieb dennoch fortan eine Nation, nicht mehr durch den Boden vereinigt, sondern einzig und allein durch den Brauch, durch die Ueberlieferung, vielleicht nur durch die Erinnerung an die Volksvergangenheit oder durch die Hoffnung auf eine neue Volkszukunft, die der Messias bringen soll. Solange es Juden gibt, hat man nie einen der ihren in die Erde gelegt, ohne daß die erloschenen Augen gegen Osten gerichtet wurden, dorthin, wo das verlorene Zion zu suchen ist. Uns war kein Bleiben gegönnt, wir mußten wandern von Volk zu Volk und unsere Heimat hieß das Gesetz, der abstrakte Geist. Was soll nun aus den 14 Millionen Menschen werden, die heute noch von dem alten Volk lebendig sind, immer noch lebendig sind, trotz des zwei Jahrtausende währenden Ghettos? Ein Teil unserer Weisen sagt, Israel solle seine übervölkische, zwischenmenschliche Sendung bewahren. Seine Aufgabe sei, diejenigen Ziele und Werte zu begreifen, die über den - Völkern sind, Dennoch blieb es immer in unserem Bewußtsein, daß wir ein Volk sind ohne Land. Unsere Heimat ist unsere Geschichte. Was wird man in hundert Jahren von den Juden der Gegenwart wissen? Namen, glänzende Namen, weithin bekannte, geschätzte Namen .... Einstein, Bergsohn, Mahler, Liebermann und die vielen anderen. Aber, so tönt die bange Frage, ist das alles nicht glänzendes Feuerwerk, das schließlich doch verpulvern muß? Was ist eigentlich von allen diesen jüdischen Männern jüdisches Volksgut, was ist aus dem eigenen Blute geboren? — so wird man einst fragen und dann werden aus unserer Zeit zwei Männer ragen, die auf immer für uns zeugen werden. Sie stehen zueinander wie das jüdische Herz zum jüdischen Geist. Die von ihnen ausgehenden Bewegungen sind die wahren Volksbewegungen, nicht bloße Talentleistungen, sondern geschichtliche Bewegungen, welche die ganzen Geschicke der Menschheit verändern. Wir bezeichnen diese Volksbewegungen mit den Worten »Zionismus« und »Sozialismus«. Ich meine die Begründer dieser beiden Bewegungen, Theodor Herzl und Karl Marx. Ich wüßte nicht, was man in der Geschichte des jüdischen Volkes diesen beiden Bewegungen an die Seite stellen könnte. In den westeuropäischen Ländern gab es bis zum Auftreten Herzls infolge der immer mehr um sich .greifenden Assimilation kein jüdisches Volk mehr, sondern nur eine mosaische Konfession. Herzl und Karl Marx! Für viele Menschen bedeuten sie einander ausschließende Prinzipien. Es ist eine bedauerliche Tatsache, daß der Zionismus viele Anhänger an den Kommunismus oder an den Sozialismus verliert. Noch bedauerlicher aber ist die Tatsache, daß der Marxismus die Notwendigkeit der nationalen Selbstachtung und Selbsterhaltung so sehr verkennt, daß die österreichischen Sozialdemokraten den Zionismus von der Partei ausschließen und den ganz irrigen Glauben verbreiten, es sei widersinnig, als Kommunist zu handeln und gleichzeitig als Sohn eines bestimmten Volkes national zu fühlen. So wenig es widersprechend ist, wenn der Sohn zugleich Mutter und Vater liebt, so wenig ist es einander widersprechend, wenn man Zionist und Sozialist ist, wenn man Anhänger Herzls und Marx' ist. Hier handelt es sich um den Beweis, daß Nationalismus ohne das Ziel und ohne die Arbeit des Sozialismus völlig blind ist und daß Sozialismus ohne den konkreten Inhalt des national lebenden Volkes und des bodenständigen Volkscharakters völlig abstrakt und leer bleiben muß. Herzl und Marx gehören zusammen. Sie schließen einander nicht aus, im Gegenteil, sie ergänzen einander. Es war im Jahre 1895 während des schrecklichen Prozesses gegen den französischen Hauptmann Dreyfus, da standen zwei begabte jüdische Schriftsteller auf, die vom Judentum genau so viel wußten, wie man heute noch in vielen jüdischen Familien davon weiß, nämlich nichts. Es waren Herzl und und Nordau. Ihr Abwehrkanrpf unterschied sich damals in nichts von dem damals üblichen Abwehrkampf gegen den Antisemitismus. Man war darüber erbost, daß Juden nicht Offiziere werden konnten, daß sie keine Professuren erhielten, daß sie als Beamte nicht angestellt werden konnten. Herzl und Nordau waren gute Literaten, wie es so viele gibt, seit jenen Tagen, als man aus jedem gepreßten Juden eine Pressejuden machte. Während des ungeheuren Fanatismus gegen Dreyfus, angesichts der gewaltigen antisemitischen Propaganda, ging in diesen beiden Männern die furchtbare Wahrheit auf, daß die Judenfrage nicht wie bisher zu lösen sei. Es ging ihnen die Erkenntnis auf, daß es gar nicht

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