Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1928)
- Date
- 1928-04-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 17 Der New Yorker Bankier und Philanthrop Felix M. Warburg, mit dem Präsident Weizmann jetzt über die Erweiterung der Jewish Agency verhandelt. (Nach einer Radierung von Hermann Struck, aus der gegenwärtig in New York stattfindenden Struck-Ausstellung.) zu den ».wesentlichen Reiseeindrücken" durchgearbeitet (den Ausdruck „wesentlich", obzwar auch hier sprachlich nicht genau, wollen wir diesmal passieren lassen). Nach einer Verbeugung vor den Chaluzim bejammert er deren Fanatismus und Eigensinn, sozialistische Forderungen in Palästina durchführen zu wollen. Was denkt sich Dr. W. dabei? Der Sozialismus ist den Chaluzim ein Ideal, das sie zu der von Dr. W. selbst bewunderten Haltung befähigt. Wenn sie ihn aber in der Praxis ausführen wollen, sind sie „eigensinnig und fanatisch". Gegen die Kwuzoth macht Dr. W. einige der schon zum Ueberdruß gehörten Einwendungen und sagt dann: „Es muß gleichzeitig hier die Frage angeschnitten werden, ob es wünschenswert sein kann, daß das Judentum als Religion gerade im Lande der Erzväter vollkommen beiseite gesetzt wird" (S. 51). Welche Ausdrucksgewalt in Form und Inhalt! Welche Höhe der Betrachtungsweise! Die Chaluzim setzten die Religion „beiseite", sie „schneiden" die Frage nicht „an", ob das „wünschenswert" sei! So stellt sich der strenge Kritiker die Art und Weise vor, wie Ideologien von ungeheurer Kraft entstehen und wirken, wie das Chaluzideal, das ja selbst ein in tiefstem Sinne religiöses ist. Seine Frage ist die des Oberlehrers. Wir wollen sie deshalb nicht beantworten. Geschichte wird nicht von Leuten gemacht, die vor Oberlehrern bestehen. Die Kwuzoth werden ferner aus „kapitalistischen" Geldern erhalten. Woher nimmt Dr. W. das Recht, die nationalen Fonds kapitalistische zu nennen? Und nun folgen gegen die Kwuzoth weitere Einwendungen aus den Schriften von Ruppin, Oppenheimer, Pinner usw., wozu man dringend die „kritische Reise" gebraucht hat. Wir übergehen viele unwichtige Aeußerungen des Autors, weil er uns, der selbst immer betont, kein Fachmann zu sein, nicht kompetent ist, über Siedlungsarbeit zu urteilen. Aber er nimmt auch Stellung gegen die Forderung der einheitlichen hebräischen Kultur, wobei er Einwendungen gegen das rein hebräische Schulsystem von — H. H. Cohn, Löwenstein, Bergmann, Kohn und Calvary bringt, lauter angesehene Zionisten, zitiert. Herr Wiener möge sich beruhigen: Was er in ein paar Zeilen darüber sagt, hat viel besser der Zionist Levysohn in „Israel" ausgeführt. Wir können deshalb auch hier keine Notwendigkeit der Veröffentlichung der „kritischen Reise" konstatieren, wenn er selbst dort, wo seine Tendenz einsetzt, nur innerzionistische Diskussion bringen Abschied vom römischen Ghetto Von Hirsch Tobias Die Regulierungsarbeiten im Trastevere-Viertel von Rom und gleichzeitig damit die Bloßlegung des alten Marcellus-Theater schreiten dem Ende zu. Das alte römische Ghetto, das Jahrhunderte hindurch an dieser Stelle bestanden hat, und mit seinen schmalen, schmutzigen Gäßchen und uralten Häusern bis in unsere Zeit hinein ein anachronistisches Dasein fristete, ist vom Erdboden restlos verschwunden. Das Marcellus-Theater ist wieder ans Tageslicht gebracht worden. Rom ist um eine der ereignisreichen historischen Stätten in der Weltgeschichte ärmer geworden und hat dafür die Ueberreste des Marcellus-Theaters aus derselben Epoche, in welcher das römische Ghetto entstanden und ein pulsierendes Leben geführt hat, eingetauscht. Es ist mm die Zeit gekommen, endgültig Abschied zu nehmen von dem bedeutsamsten Judenghetto unserer Geschichte. Seit dem Tage, an dem der erste Spatenstich zur Demolierung der uralten Judenstadt gemacht wurde, sind in unzähligen Aufsätzen und Monographien dem Ghetto von Rom mehr oder weniger warme sympathische und den geschichtlichen Tatsachen entsprechende Nachrufe gewidmet worden. Nicht immer und von jedem ist den Bewohnern dieses Ghettos in den verschiedenen Epochen seiner Geschichte volle Gerechtigkeit widerfahren. Und dennoch ist es gerade jetzt nicht unwichtig festzustellen, daß aus diesem Ghetto nicht nur dem Judentum, sondern auch dem Christentum einflußreiche, auch die Geschicke der Kirche stark beeinflussende Persönlichkeiten hervorgegangen sind. Der Abschied kann. Seine Tendenz — denn die „nationalen Ziele" sind es, die Df. Wiener bei der Palästina-Afbeit ein Dorn im Auge sind; er möchte das nationale Moment „ausgeschaltet" sehen, weiß aber, daß das unter zionistischer Aegide nicht möglich ist, denn er schließt mit dem Stoßseufzer: „Nur der oberflächliche Beobachter kann vermeinen, das nationale Moment sei jet2t in der zionistischen Kolonisation überhaupt ausschaltbar. Dann wäre sie nicht mehr zionistisch-national, sondern philanthropisch, und das fürchten alle wahren Zionisten am meisten." Ja, will Dr. Wiener anno 1928 auf philanthropischer Basis kolonisieren? Das sagt er wohlweislich nicht, er läßt nur durchblicken, was er eigentlich will: Jüdische Kolonisation ohne hebräische Kultur und gestützt auf arabische Arbeit. Denn seine Hauptangriffspunkte sind, wie gesagt, die nationalen Elemente des Aufbaues. Aber wie kläglich ist der Angriff selbst! Der. hebräischen, wohlgemerkt, der hebräischen Universität in Jerusalem wirft er vor, daß sie ihre Publikationen nicht n u r in europäischen Sprachen, sondern auch in Hebräisch ediert! Das tut sie, wie Dr. Wiener so schön deutsch sagt, „um den nationalen Tendenzen Vorschub zu leisten". Der Universität stellt er d^s deutsch-evangelische Institut für Alterttimskunde, jernef die ähnlichen wissenschaftlichen Institute der anderen Nationen in Jerusalem gegenüber! Wollte man das wirklich ernst nehmen, so müßte man wahrlich grob werden, aber es zeigt jedenfalls die Kläglichkeit der kritischen Position. Viel normaler, d. h. landläufiger sind Wieners Einwände gegen die nationale Arbeit, wo er nur gegen die Ausführung schwerer Arbeit durch Intellektuelle spricht u. dgl. m. Dabei schwankt er immer zwischen der Anerkennung, die ihm der Idealismus abringt, und dem fortwährenden Bestreben, das Geleistete zu bagatellisieren. Tel-Aviv ist aUs dem Boden gewachsen? Ach, bei Heliopolis und kalifornischen Goldgräberstädten war dies auch der Fall, was festzustellen natürlich von ungeheurem prinzipiellen Wert für die Frage des jüdischen Heims ist. „Wird sich diese Stadt halten?" Ist die Industrie „nicht zu einem erheblichen Teile auf rinnendem Sand gebaut"? Durch solche und ähnliche, gänzlich unbegründete Fragen will der Autor sein für Palästina besorgtes Herz zeigen. Wir übergehen auch seine völlig unmaßgeblichen Ansichten über England und die Araber — denen er rasch im Vorübergehen zugesteht, daß sie seit 637 im Lande sind, die Zionisten nur seit 50 Jahren — und wollen nur feststellen, daß dieser Jude es zustande bringt, die Unruhen 1920/21 als Echo auf die „chauvinistische Hochstimmung" im jüdi- BUcherfreunde 1 Basichttgt unsere Schaufenster! MT Verlang«! Preislisten! "Ml Bücherschwemme »VIENNA“, Wien I, Bognergasse Nr. 4 sehen Palästina zu bezeichnen! Damit hat er in unseren Augen jedes Recht verwirkt, auch nur ein Wort über das jüdische Palästina zu sagen und sich darüber zu wundern, daß er in der zionistischen Presse, wie er klagt, heftig angegriffen wurde. - Wenn wir uns trotzdem ausführlich mit ihm beschäftigten, so geschah dies, weil Dr. Wiener Syndikus des Zentralvereines ist, der neuerdings das Deutschtum der deutschen Juden vor ihrem Judentum retten will. Und deshalb gehen wir auch auf daS Schlußkapitel seines Buches ein, das den schönen Titel trägt: „Und warum sind wir jüdische Deutschen gegen den zionistischen Palästina-Auf bau?" Die Antwort läutet: Weil er nur national sein kann. Deshalb soll der jüdische Deutsche nicht dem KH steuern, sondern der — Pica. Der Pica Rothschilds! Herr Dr. Wiener weiß trotz seiner Informiertheit anscheinend nicht, daß „der Baron" selbst politischer Zionist ist, der die natiönale Arbeit wirksam unterstützt. Die lapidaren Schlußsätze des Werkes in ihrem Originaldeutsch wollen wir unverkürzt hier abdrucken: vom römischen Ghetto erweckt in dem rückblickenden Historiker die Erinnerung an den geistigen, wirtschaftlichen und früher noch auch körperlichen Frondienst der Juden für feindliche Völker und an die grausame Undankbarkeit, mit der diese Dienste belohnt wurden. Lange bevor das jüdische Stadtviertel von Rom den Ghettocharakter aufgezwungen erhielt, haben Juden schon in Rom, und zwar an derselben Stelle, gewohnt, welche im Mittelalter zum Ghetto, dem Zwangsaufenthalt der römischen Juden gestempelt wurde. Als Poinpejus die jüdischen Sklaven nach Rom brachte, wies er ihnen jenen Teil der Stadt als Wohnort zu, der heute als Trastevere-Vorstadt der Regulierung und Modernisierung unterworfen wurde. Von hier, der unmittelbaren Nachbarschaft des Vatikans, breiteten sich die Juden dann auf die Insel sowie auf das gegenüberliegende Ufer des Tiber aus. Hier errichteten die Juden auch ihre erste Synagoge, die nach zeitgenössischen Aufzeichnungen viel glanzvoller war, als die gegenwärtige römische Synagoge. Dieses erste jüdische Gotteshaus stand in der heutigen Straße Vicolo delle Palme. Zur Zeit des Kaisers Commodus wurde dieser herrliche Bau, der so oft besungen wurde, ein Raub der Flammen. Diese Synagoge wurde auch von heidnischen und neuchristlichen einflußreichen Persönlichkeiten wiederholt während des Gottesdienstes aufgesucht und als das Wunder der Architektur und der weihevollen Innendekoration überschwänglich beschrieben. Horaz und Juvenal waren wiederholt Gäste in dieser Synagoge und beschrieben den herrlichen Bau. die teuren Teppiche und sonstigen Zierat, mit denen die Wände geschmückt waren. Auch die weihevolle Stimmung, die den Besucher stets ergriff, wenn er in dieser Synagoge während einer gottesdienstlichen Zeremonie weilte, wurde gerühmt. In diesem Ju¬ Aus dem römischen Ghetto (zu unserem heutigen Feuilleton): Die Piazza Farnese, das Zentrum des jüdischen Kleinhandels. „Wer wäre so vermessen, dem national-jüdischen Palästina-Werk irgendwelche Schädigung oder einen Zusammenbruch zu wünschen! Solange aber der Zionismus sich das Ziel steckt, aus der Heimstätte den künftigen jüdischen Nationalstaat allmählich zu formen, solange er alles darauf anlegt, in die nationale Heimstätte alle Juden der Welt politisch und hebräisch-kulturell einzubeziehen, oder ~ anders gewendet — solange der Zionismus auch den deutschen Juden als im Galuth, als in der Verbannung, in der Fremde anspricht, wird der jüdische Deutsche, aus heiligem Zwang handelnd, es weit von sich weisen müssen, den nationalen Palästina-Aufbau zu fördern. Denn wir müssen vom Herzen und vom Willen aus Deutsche und Juden bleiben, weil wir nicht anders können. Reißen wir uns aus unserem deutschen Volk heraus, so geht uns unser Deutschtum und unser Judentum zugrunde." 1 Diese Sätze sind zu pathetisch, als daß wir annehmen könnten, der Autor sei sich ihrer Komik bewußt gewesen. Der Zionismus, der in die Heimstätte alle Juden „hebräisch-kulturell einbezieht"! Wie macht man das? Der jüdische Deutsche — was tut er aus heiligem Zwang? Zerschlägt er Götzen, wirft er Makler aus dem Tempel? Nein, er „weist von sich". Er bleibt „vom Willen aus" Deutscher und Jude. Er reißt sich nicht aus seinem deutschen Volk heraus! Wiederum: Wie macht man das? All das ist natürlich blanker Unsinn und will nur besagen, daß Dr. Wiener und seine Gesinnungsfreunde sich als Kulturdeutsche und nicht als Nationaljuden fühlen wollen. Wir haben nichts dagegen, aber wir möchten doch wissen, wieso das Judentum der deutschen Juden untrennbar mit ihrem N Deutschtum verknüpft ist (natürlich, solange sie nicht ins Ausland gehen, wo sie dann Engländer, Amerikaner etc. jüdischer Konfession werden), weil wir an allen jüdischen Fragen lebhaft interessiert sind. Da bei diesen Deutschjuden das Judentum „nur" Religion ist, so verstehen wir nicht, wieso die jüdische Religion just mit dem Deutschtum unlösbar verknüpft ist. Sind vielleicht Bibel, Talmud usw. in althochdeutscher Sprache denviertel wohnten erwiesenermaßen auch die Apostel Peter und Paul (von Paulus wird übrigens verzeichnet, daß er am Samstag in die Synagoge ging, um nach dem Gottesdienst die Juden abzufangen und sie zum Abfall zu überreden). Die beiden Apostel wohnten übrigens nicht freiwillig im Judenviertel; sie waren hiezu gezwungen, weil sie als Juden galten und in den anderen Teilen der Stadt nicht wohnen durften. Diese erste Synagoge im Ghetto von Rom war ganz dem Modell des Tempels von Jerusalem nachgebildet und selbst die Kunstgegenstände waren kunstvolle Kopien der heiligen Geräte des Tempels von Jerusalem. Als Jerusalem dem Ansturm der Römer erliegen und schließlich ihrem Vandalismus auch der heilige Tempel zum Opfer fallen mußte, da unternahmen die römischen Juden, unter denen es damals bereits sehr viele einflußreiche Gelehrte und Finanzmänner gab, alle Wege und wandten alle Mittel an, um die Heimkehrenden wieder zu bewegen, die erbeuteten heiligen Tempelgeräte aus Jerusalem der römischen Synagoge zu überlassen. So brachte der Statthalter Lucullus als wertvolles Beutestück den goldenep Opfertisch des Tempels von Jerusalem nach Rom mit, den die Juden von Rom zu erwerben besonders bestrebt waren. Trotz aller Bemühungen der Juden, in den Besitz dieser geheiligten Reliquie zu gelangen, mußten sie schließlich wegen des unerzwinglichen Preises, den Lucullus gefordert hatte, verzichten. Auch sonst lag es nicht im politischen Interesse der römischen Machthaber, die geraubten Tempelrequisiten als stumme Ankläger in der Synagoge fortwirken zu lassen. Nach der Zerstörung Jerusalems brachte Titus auch die übrigen Gegenstände aus Gold und Edelsteinen nach Rom. Unter der Beute befand sich auch das heilige Gesetzbuch. Die Tempelschätze widmete der Vater des Titus, Kaiser Vespasian,